Leseprobe zu "Ausgeliefert" von Jane Elliott
Es ist kaum vorstellbar, welche Grausamkeiten in Familien, die Schutz und Geborgenheit bieten sollen, geschehen können. Kaum jemand kann ermessen, dass einem Kind tagtäglich so schlimme Gewalttätigkeiten, so furchtbare Erniedrigungen und so grausame Verletzungen an Seele und Leib zugefügt werden. Und erst recht fällt es schwer, sich vorzustellen, wie aus einem so geschundenen Kind dennoch ein positiv denkender Mensch werden konnte.
Deshalb musste dieses Buch geschrieben werden. Jane Elliott ist dafür zu danken, weil sie ihren Lesern die Augen öffnet für das unsägliche Leid, das mehr Kinder in ihren Familien erfahren, als man im Allgemeinen vermutet.
Wie kommt es dazu, dass ein Mann ein Kind derart misshandelt?
Hinter Handlungen, die die Menschenwürde und die Persönlichkeitsrechte eines Kindes vollkommen missachten, verbirgt sich nicht selten eine schwere Persönlichkeitsstörung, d.h. der Täter ist psychisch krank. Derartige Menschen sind auf Grund ihrer völligen Gefühlskälte meist nicht therapierbar. Das kann und darf aber keine Rechtfertigung sein.
Die Erfahrung zeigt, dass gewalttätige Handlungen gegenüber Kindern durchaus auch bei so genannten normalen oder eher unauffälligen Familien vorkommen. Ursachen für die Entgleisungen Kindern gegenüber sind meist ein Bündel von unbewältigten Alltagsproblemen. Dazu zählen hohe Verschuldung und Arbeitslosigkeit, Ehe- und Alkoholprobleme. Kommen zu viele ungelöste Probleme zusammen und fehlt es an Unterstützung, reicht ein geringfügiger Anlass, um die angestauten Aggressionen an Kindern gefährlich abzureagieren. Bei entsprechender therapeutischer Behandlung bestehen aber bei den zuletzt genannten Gründen reelle Chancen, Veränderungen des Verhaltens herbeizuführen.
Welche Möglichkeiten zu helfen bestehen?
Es ist nicht leicht, schwer misshandelnde Eltern auf ihre Verhaltensweisen anzusprechen, da sie sich meist für ihre Art des Umgangs mit den eigenen Kindern schämen. Deshalb lehnen sie jedes Gespräch darüber lieber von vornherein ab. Sie behaupten etwa, die blauen Flecken ihrer Kinder rührten von Unfällen und Stürzen her, und versuchen die Angelegenheit herunterzuspielen. Nachbarn oder Freunde akzeptieren sie selten als Gesprächspartner über ihre familiären Probleme.
Die Geschichte von Jane Elliott macht deutlich, dass Kinder sich gerade unter den schlimmsten Umständen kaum äußern. Ihre berechtigte Angst vor neuerlichen Strafen hält sie davon ab, darüber zu reden. Dass sie trotz aller Leiden loyal zu ihren Eltern stehen, hat gewichtige Gründe: Kinder wollen "ihr Nest nicht beschmutzen", wollen auf ihre Familie stolz sein. Wenn sie sich überhaupt öffnen, dann in der Regel einem Menschen gegenüber, dem sie vertrauen. Lehrer, Kindergärtnerinnen, Erzieher oder andere Personen, die ständig mit dem Kind zu tun haben, können solche Vertrauenspersonen sein.
Sind Misshandlungen vermeidbar?
Jedes Mal, wenn das traurige Schicksal eines geschlagenen oder vernachlässigten Kindes mit Todesfolge bekannt wird, geht ein Aufschrei der Empörung durch die Bevölkerung. Diese schlimmen Ereignisse stellen gewiss nur die Spitze des Eisbergs dar. Wie viele Kinder ihre Kindheit tatsächlich wie in einer Hölle verbringen, ist nicht bekannt. Das Ausmaß körperlicher Gewalt gegen Kinder in der Familie belegt eine Studie aus 2002 von Prof. Dr. Kai-D. Bussmann, Universität Halle-Wittenberg. Hier geben 68,9 Prozent der befragten Kinder bis 18 Jahren an, von ihren Eltern Ohrfeigen zu erhalten, hochgerechnet machen sogar 700 000 Kinder massive Gewalterfahrungen. (Kinderzahl in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt: 15236657 laut statistischem Bundesamt). Angaben zur Vernachlässigung von Kindern wurden nicht erhoben bzw. nicht gesondert erfasst.
Die polizeiliche Kriminalstatistik (2003) weist 116000 Kinder und Jugendliche aus, die Opfer von gewalttätigen Angriffen und schweren Körperverletzungen wurden, wobei diese zu etwa 80 Prozent im Elternhaus und im Umfeld der Verwandtschaft stattgefunden haben.
Bei sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen wurden 31 941 Fälle zur Anzeige gebracht.
Von sexuellem Missbrauch und gewalttätigen Angriffen mit Todesfolge waren 295 Kinder betroffen.
Es wird nicht in jedem Fall möglich sein, Gewalt gegen Kinder zu verhindern. Diese Erkenntnis darf jedoch nicht zu Gleichgültigkeit und zum Wegsehen verleiten. Elternkurse, Krabbelgruppen, Familienzentren, Gesprächskreise und Beratungsstellen sind Einrichtungen und Initiativen, an die Eltern sich angstfrei und vertrauensvoll wenden können. Wenn Eltern vermehrt den Mut finden, sich beizeiten solchen Kreisen anzuschließen, werden sie im Gespräch erfahren, dass auch andere Schwierigkeiten haben und wie sie diese meistern. Sie werden auch erkennen, wie entspannend diese Gespräche für sie sein können. Leider suchen wirklich gefährdete Familien derartige Kontakte bisher häufig viel zu spät.
Wer kann helfen?
Der in Deutschland bundesweit vertretene Kinderschutzbund sieht seit seiner Gründung vor mehr als 50 Jahren seine wesentliche Aufgabe darin, die bestehenden Tabus bei Misshandlungen von Kindern aufzubrechen. Er bietet Beratungen und Therapien durch hoch qualifizierte Familientherapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter und Pädagogen an.
Wer in seinem Umfeld einen Fall von Kindesmisshandlung vermutet, kann sich telefonisch an den Kinderschutzbund wenden.
Weitere Ansprechpartner sind die Kinderschutz-Zentren, zum Beispiel in München mit der Tel.-Nr. 0 89-55 53 56, oder die Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren in Köln.
Das Elterntelefon mit der bundesweit gebührenfreien Tel.-Nr. 0800-1 11 05 50 bietet ebenfalls Rat und Hilfe an.
Allgemeine Fragen zum Thema beantworten die Geschäftsstelle des Münchner Kinderschutz-Bundes unter der Tel. 0 89-55 53 59 oder die vermittelnde Bundesgeschäftsstelle in Hannover.
Grundsätzlich kann man bei allen genannten Stellen jede Beobachtung vertrauensvoll schildern. Erfahrene Mitarbeiter beraten und entscheiden, was zu tun ist, oder ob der Kinderschutz-Bund selbst tätig wird.
In besonders schwierigen Fällen von Misshandlungen und Vernachlässigungen können Kinder aus München zur Klärung der familiären Situation in unserem Kinderschutz-Haus untergebracht werden. Zur Nachbehandlung und weiteren therapeutischen Begleitung, sobald das Kind wieder in die Familie integriert ist, sind das Kinderschutz-Zentrum und auch die Familienhilfe gute Partner.
Das Kinder-Tageszentrum (KITZ) spielt als innovative Einrichtung in diesem Zusammenhang eine wichtige, die Arbeit der anderen ergänzende Rolle. Dort verbringen 30 Kinder nicht nur ihren Tag, sondern es wird großer Wert auf guten Kontakt zu den Eltern gelegt. Die Mitarbeiterinnen des Kinder-Tageszentrums erkennen Anzeichen von Vernachlässigung und Misshandlung sofort und suchen rasch das Gespräch mit den Eltern, um helfend zu intervenieren.
Heidrun Kaspar
Vorsitzende des KinderschutzBundes München e.V.
München, im Dezember 2005
Die Geschichte einer Überlebenden
Wenn vom Bösen die Rede ist, fallen uns als Erstes Massenmörder wie die Romanfigur Hannibal Lecter oder Diktatoren wie Adolf Hitler ein. Doch unsere tatsächlichen Begegnungen mit dem Bösen sind meist wesentlich banaler: Da sind es brutale Klassenkameraden oder sadistische Lehrer, die ihren Opfern das Leben zur Hölle machen, unfreundliche Pfleger in Altenheimen oder skrupellose Diebe, die sich an Alten und Schwachen vergreifen. Wenn wir mit dem Bösen in Berührung kommen, dann eher flüchtig oder indirekt, was es nicht weniger schrecklich macht.
Dies ist jedoch die wahre Geschichte eines vierjährigen Mädchens, das einem gnadenlosen Sadisten in die Hände fiel. Siebzehn Jahre befand es sich in dessen Gewalt, bis es ihm schließlich gelang zu fliehen und den Spieß umzudrehen. Es ist eine Geschichte über Angst und unvorstellbare Misshandlungen, aber auch über ungeheuer mutiges Handeln, das zur Verhaftung, Verurteilung und Sicherheitsverwahrung des Peinigers führte.
Meist erfahren wir erst von Kindern wie Jane, wenn wir von ihrem Tod in der Zeitung lesen. Dann fragen wir uns, wie es so weit kommen konnte, ohne dass die Allgemeinheit oder zuständige Behörden auch nur das Geringste bemerkt haben. Wir versuchen uns vorzustellen, was da wohl schief gelaufen ist, vergessen jedoch, dass diese Kinder in einer Welt leben, die für jeden normalen Menschen unvorstellbar ist. Dies ist die Geschichte einer Überlebenden, die uns hellhörig machen sollte.
Die Geschichte von Jane Elliott ist streckenweise fast unerträglich. Trotzdem muss sie erzählt werden, weil sich die Täter meist auf das Schweigen ihrer Opfer verlassen.
Würde offen über das geredet, was sich hinter verschlossenen Türen so alles abspielt, wären Qualen, wie Jane sie erleiden musste, wesentlich seltener. Die Täter haben nämlich nur dann Erfolg, wenn andere zu verängstigt sind oder sich zu sehr schämen, um über das zu reden, was ihnen angetan wurde. Dadurch, dass Jane ihre Geschichte erzählt hat, macht sie es zukünftigen Peinigern ein wenig schwerer.
Um die wahre Identität von Jane und ihren Verbündeten im Kampf um Gerechtigkeit zu schützen, sind die Namen sämtlicher Akteure in diesem Buch geändert.
1. Kapitel
Ich wurde von der Opferschutzbeauftragten, einer älteren Dame, zurück in den Gerichtssaal gebracht. Bisher hatte man strikt darauf geachtet, mich durch eine andere Tür rein- und rauszuführen als meinen Stiefvater Richard. Irgendwie war stets dafür gesorgt worden, dass wir uns nicht begegneten, was mir eine gewisse Sicherheit gab. Hinter meinen langen Haaren versteckt, hatte ich ihn bisher noch nicht ansehen und mich an sein Gesicht erinnern müssen. Doch als ich jetzt mit gesenktem Kopf erneut den Saal betrat, stand direkt vor mir ein Paar Schuhe, das mir den Weg versperrte. Ich blickte auf und in ein Gesicht, bei dessen Anblick mir vor Angst ganz schlecht wurde. Die hellen Augen, die mich an eine Schlange erinnerten, und die roten Haare waren genau wie früher, auch wenn er etwas stämmiger wirkte, als ich ihn in Erinnerung hatte.
"Bringen Sie mich hier raus", zischte ich, während ich spürte, wie mich sein Bände sprechender Blick durchbohrte. "Bringen Sie mich hier raus, bringen Sie mich hier raus."
"So beruhigen Sie sich doch, um Himmels willen", sagte die Dame, die mein Gefühlsausbruch sichtlich irritierte. "Hier entlang!"
Sie führte mich in einen angrenzenden Raum mit Glastür. Er folgte uns, trat aber nicht ein. Stattdessen blieb er vor der Glastür stehen und starrte mich einfach nur ausdruckslos an.
"Rufen Sie die Polizei!", schrie ich. "Rufen Sie die Polizei!"
"Machen Sie sich nicht lächerlich." So langsam verlor sie die Geduld. "Vor wem haben Sie denn solche Angst? Vor dem da?" Sie zeigte auf die unbewegliche Gestalt hinter der Scheibe mit den toten, starrenden Augen.
"Holen Sie Hilfe!", schrie ich, und sie begriff, dass ich mich nicht beruhigen würde. Sie lief zur Tür. "Gehen Sie nicht weg!", schrie ich und sah mich schon allein mit ihm in einem Raum. Die Frau geriet in Panik, weil ihr die Situation immer mehr entglitt.
In diesem Moment trafen Marie und eine andere Polizeibeamtin ein. Als sie sahen, dass ich mich in eine Ecke geflüchtet hatte und mit dem Gesicht zur Wand stand wie ein kleines Kind, kamen sie mir sofort zu Hilfe. Sie waren außer sich vor Wut und brachten mich in Sicherheit.
"Er wird mich umbringen", stöhnte ich, als Marie ihren Arm um mich legte. "Ich bin so gut wie tot."
"Nein, das wird er nicht, Jane", beruhigte sie mich. "Er kann Ihnen nichts mehr tun. Sie machen das großartig. Jetzt haben wir es bald geschafft."
2. Kapitel
Frühe Kindheitserinnerungen lassen sich nur schwer in eine chronologische Reihenfolge bringen und auch nicht auf Kommando abrufen. Stattdessen verkriechen sie sich im hintersten Winkel meines Gedächtnisses. Manchmal sehe ich mich wieder als Drei- oder Vierjährige, weiß jedoch nicht, warum ich an jenem Ort war oder was anschließend geschah. Doch ab und zu kommen die verlorenen Erinnerungen überraschend zurück - und wären oft besser verschüttet geblieben. Ich fürchte, dass es immer noch Schubladen gibt, zu denen mein Unterbewusstsein absichtlich den Schlüssel verloren hat: Aus Angst, dass ich ihren Inhalt nicht ertragen könnte. Doch eines Tages werden sich auch diese Schubladen aufzwingen lassen. Noch scheinen sie zu warten, bis ich das, was sie enthalten, verkraften kann. Ich freue mich nicht darauf, einen Blick hineinzuwerfen.
Es fällt mir schwer, die genaue Reihenfolge der einzelnen Ereignisse zusammenzubringen. Ich weiß vielleicht noch, wie groß ich bei einer bestimmten Begebenheit ungefähr gewesen bin, kann aber unmöglich sagen, ob ich damals vier oder sechs Jahre alt war. Ich kann mich zum Beispiel noch an Sachen erinnern, die regelmäßig geschahen, aber nicht daran, ob das ein Jahr oder drei Jahre so ging, ob sie wöchentlich oder nur einmal im Monat passierten. Auch wenn das sicherlich keine große Rolle spielt, fällt es mir doch schwer, dieses Chaos zu ordnen und meine ersten Lebensjahre so sachlich und wahrheitsgemäß wie möglich zu schildern. Denn alle anderen, die sich auch noch daran erinnern können, haben gute Gründe, nicht die Wahrheit zu sagen oder sie zumindest so zu verdrehen, dass sich ihr eigenes Verhalten rechtfertigen lässt.
Ich weiß noch, dass ich mit meinem Bruder im Kinderheim gelebt habe. Ich muss ungefähr drei Jahre alt gewesen sein, als man uns von zu Hause wegholte. Er war anderthalb Jahre jünger als ich, also eigentlich noch ein Baby. Ich liebte Jimmy über alles. Wenn unser Vater kam, um uns für ein gemeinsames Mittagessen aus dem Kinderheim zu holen, soll ich mich um Jimmy gekümmert und ihn gefüttert haben wie eine Mutter. Ich selbst kann mich an diese Ausflüge nicht mehr erinnern, weiß aber noch, wie sehr ich Jimmy vergötterte.
Was das Kinderheim betrifft, erinnere ich mich hauptsächlich an die braunen Vitamintabletten, die man uns jeden Morgen in kleinen lila Bechern austeilte. Und daran, dass man uns zwang, Rosenkohl zu essen. Ich hasste jeden Bissen davon, während der Kohl auf meinem Teller von Minute zu Minute kälter und immer ungenießbarer wurde.
Im Kinderheim arbeitete eine Frau, die mich nach unserem allabendlichen Glas Milch öfter irgendwohin mitnahm, wo wir allein waren. Sie legte dann immer ihren Zeigefinger auf die Lippen, so als wäre das ein großes Geheimnis, ließ mich Platz nehmen und kämmte mein langes Haar. Sie verbrachte Stunden damit, es auf Lockenwickler zu drehen, und gab mir für ein paar Minuten am Tag das Gefühl, wunderschön und etwas Besonderes zu sein. (Meine Haare waren so dunkel und fein, dass ich stets gefragt wurde, ob ich Inderin oder Pakistanerin sei.) Wenn sie fertig war, gab mir die Frau einen Handspiegel, in dem ich mich betrachten und ihr Werk bewundern konnte. Für mich war es so etwas wie ein Zauberspiegel.
Das meiste, was ich über meine frühe Kindheit und den Grund für unseren Heimaufenthalt weiß, habe ich von meiner Mutter. Die redete nur zu gern mit anderen Leuten über mich, so als wäre ich gar nicht da. Während sie mit den Nachbarn plauderte, saß ich brav in einer Ecke und wartete, was sie mir wohl als Nächstes auftragen würde. Mittendrin fiel ihr dann wieder ein, dass es mich auch noch gab, woraufhin sie mich ermahnte: "Erzähl ihm bloß nicht, dass ich dir das gesagt habe." Mein Stiefvater mochte es gar nicht, wenn über die Vergangenheit geredet wurde.
Als ich Mitte zwanzig war, machte ich Dad ausfindig. Er hat mir von sich aus das eine oder andere erzählt, aber ich bedränge ihn nur ungern mit meinen Fragen. Anscheinend hatte Dad damals ein kleines Alkoholproblem, das Mum noch verschlimmerte, indem sie sich mit anderen Kerlen herumtrieb und ihm auch sonst das Leben zur Hölle machte. Er hatte uns bereits verlassen, bevor wir ins Kinderheim gekommen waren. Damals hatte Mum begonnen, sich mit Richard, dem Widerling, wie ich ihn nenne, zu treffen. Vielleicht wohnte er auch schon bei uns, obwohl er damals noch sehr jung gewesen sein muss - gerade mal sechzehn oder siebzehn. Er ist nämlich nur vierzehn Jahre älter als ich.
Jimmy und ich kamen von einer Pflegefamilie zur nächsten. Die erste muss wirklich nett gewesen sein, auch wenn ich mich kaum noch an sie erinnern kann. Die zweite war weniger sympathisch. Auf mich wirkte sie irgendwie böse. Doch vielleicht war sie auch nur auf eine Art streng, die wir nicht gewohnt waren. Wir durften niemals miteinander tuscheln und nur sprechen, wenn wir dazu aufgefordert wurden. Als sie mich einmal dabei erwischten, wie ich Jimmy etwas zuflüsterte, klebten sie mir den Mund mit einem Klebeband zu, das vorher ein Paar neue Socken zusammengehalten hatte. Ich musste die ganze Nacht mit zugeklebtem Mund oben auf der Treppe sitzen, während alle anderen zu Bett gingen.
Obwohl es mir in dieser Pflegefamilie nicht gerade gut ging, wollte ich auf keinen Fall zurück nach Hause, ohne dass ich hätte sagen können, warum.
"Ich freu mich schon drauf, wieder nach Hause zu kommen", sagte ich Mum bei jedem Treffen, ohne es jedoch wirklich zu meinen.Wenn wir auf Besuch nach Hause durften, herrschte dort immer so eine beängstigende Atmosphäre, auch wenn in den paar Stunden nie irgendetwas Unangenehmes passierte. Ich verhielt mich so unauffällig wie möglich, um den neuen Mann im Haus nicht zu verärgern. Doch Jimmy kannte keine derartigen Hemmungen. Sobald man uns zu Hause abgesetzt hatte, schrie er wie am Spieß, so verängstigt war er. Ich spürte, dass das Richard wütend machte, was mich nur noch mehr einschüchterte. Aber egal, was ich tat - ich konnte Jimmy nicht beruhigen, bis uns die Sozialarbeiter wieder abholten. Wir saßen während der gesamten Besuchszeit einfach nur auf dem Sofa, während er schrie und ich versuchte, ihn zu trösten. Richards Wut und die Verzweiflung meiner Mutter nahmen immer bedrohlichere Formen an, während alle darauf warteten, dass die qualvolle Besuchszeit endlich vorüber wäre.
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