In dem zuerst im Jahre 1803 erschienenen Roman "Anastasia und
das Schachspiel" berichtet ein imaginärer Italienreisender in
Briefform über seine Reiseerlebnisse, die sämtlich um das
Schachspiel kreisen. Durch dieses Buch wurden die Theorien der
italienischen Schachschule, welche zu dieser Zeit eine
herausragende Stellung in Europa einnahm, im deutschsprachigen Raum
bekannt gemacht. Als Grundlage dienten hierbei ausgewählte Auszüge
aus Werken führender italienischer Schachtheoretiker (Ercole del
Rio und Giambattista Lolli), welche der Autor Wilhelm Heinse zu
diesem Zweck in die deutsche Sprache übersetzt hatte. Heinse
verknüpfte die italienische Schachlehre mit einer romantischen
Erzählung, in deren Mittelpunkt die Muse des Schachspiels Anastasia
stand. In diesem Erzählrahmen diskutierte er verschiedene
historische, philosophische bzw. kulturelle Aspekte des
Schachspiels. Diese Erörterungen verdeutlichten auch den großen
Stellenwert des Schachspiels im damaligen gesellschaftlichen Leben.
Den nachhaltigen Eindruck, welchen Heinses Anastasia in der
Schachwelt hinterlassen hat, kann man z.B. an der bis in die
heutige Zeit andauernden Bekanntheit des sogenannten "Matt der
Anastasia" ablesen.Das Buch gliedert sich in drei Blöcke. Zu
Beginn (Briefe 1-3) überwiegen die Reiseberichte und die Wiedergabe
der schachlichen Aktivitäten des Italienreisenden und seiner
Bekanntschaften. Anschließend werden längere Passagen aus einem
italienischen Lehrbuch wiedergegeben (Brief 4-6). Im abschließenden
Kapitel (Brief 7) wird eine Sammlung von Studien bzw. Mattproblemen
vorgeführt.Der Originaltext wurde in dieser Neuausgabe ungekürzt
übernommen, inklusive der traditionellen Zeichensetzung und
Rechtschreibung. Lediglich einige offensichtliche Fehler wurden
korrigiert. Gegenüber dem Original wurden aber zahlreiche
Schachdiagramme hinzugefügt. Außerdem wurde den Beschreibungen der
Zugfolgen die heute übliche figurine Partienotation angefügt. Diese
beiden Maßnahmen sollen die Lesbarkeit des Originaltextes
verbessern.
Johann Jakob Wilhelm Heinse (15. Februar 1746 - 22. Juni 1803) war im 18. Jahrhundert ein vielgelesener Schriftsteller, ist aber z.B. im Gegensatz zu seinen berühmten Zeitgenossen Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller heute leider nahezu unbekannt. Heinses damalige Popularität gründete sich insbesondere auf den Erfolg seines Hauptwerkes "Ardinghello und die glückseeligen Inseln". In diesem aufklärerisch geprägten Künstlerroman verarbeitete Heinse die Erlebnisse einer Italienreise, die er von 1780 bis 1783 unternommen hatte, und die er im Rückblick als das prägendste Erlebnis seines Lebens empfand. Heinses Werk beeinflusste nachhaltig Friedrich Hölderlin sowie zahlreiche Vertreter der Romantik.
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