Unter Mördern - Garve, Roland

Roland Garve 

Unter Mördern

Ein Arzt erlebt den Schwerverbrecherknast

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Unter Mördern

1981 wird in der DDR ein junger Student der Zahnmedizin bei Vorbereitungen zur Republikflucht gefaßt und kurz darauf zu zwanzig Monaten Haft verurteilt. In der Strafvollzugseinrichtung Brandenburg-Görden gerät er in eine ihm völlig fremde Welt von Schwerverbrechern. Da er sein Studium bereits abgeschlossen hatte, darf er nach einiger Zeit im Haftkrankenhaus arbeiten. Dabei hat er keine Wahl: Mörder, Vergewaltiger und Kinderschänder werden zu seinen Patienten und helfen ihm als Assistenten im Behandlungszimmer. Dieser Welt, die von der Öffentlichkeit streng abgeschirmt war, nähert sich Roland Garve mit Neugier und Abscheu zugleich. Er gefällt sich nicht in der Rolle des Opfers, sondern nutzt die Gelegenheit, Umwelt und Mitgefangene zu beobachten. Seine präzise, lakonische und teilweise auch humorvolle Erzählweise zieht den Leser in den Bann der Ereignisse und zeigt neben der alltäglichen Brutalität auch die tragikomischen Seiten des Haftdaseins genau wie das Bemühen, Menschlichkeit zu bewahren.


Produktinformation

  • Verlag: Links
  • 1999
  • 3. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 256 S.
  • Seitenzahl: 256
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 125mm x 17mm
  • Gewicht: 299g
  • ISBN-13: 9783861531791
  • ISBN-10: 3861531798
  • Best.Nr.: 07909678
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 02.11.1999

Das soll mein Staat sein?
Backpflaumen sind Gift für die Zähne: Was ein Arzt unter den gestrauchelten Brüdern in der DDR erlebte / Von Gangolf Seitz

Den Zahnmediziner Roland Garve zieht es in die weite Welt. Er träumt von Expeditionen durch Neuguinea zu unbekannten Papuastämmen und in den Regenwald des Amazonas mit seinen riesigen Käfern und Schmetterlingen. Sein Pech: Er lebt in der DDR, die es sich nicht leisten kann, ihre Bürger weiter als bis Bulgarien reisen zu lassen. Garve beschließt, diesem Staat den Rücken zu kehren. Er plant die Flucht als Tauchgang durch die Elbe bei Lauenburg. Doch die Stasi bekommt Wind von Garves Fluchtplänen, und als er sich 1981 an einer explodierenden Sauerstoffflasche seines selbst gebastelten Tauchgeräts verletzt und ärztlicher Behandlung bedarf, wird er direkt aus dem Akutkrankenhaus inhaftiert.

Verurteilt wird er zu zwanzig Monaten Zuchthaus, die er im traditionsbeladenen Brandenburg-Görden absitzen muss, wo in der Nazi-Zeit schon Erich Honecker und Robert Havemann inhaftiert waren. Der DDR dient die "Strafvollzugseinrichtung" vor allem zur Verwahrung von Gewalttätern, von den 3000 Insassen sind …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ein Zahnarzt träumte von Papua-Neuguinea. Aber dummerweise lebte er in der DDR. Er versuchte zu fliehen und wurde ins Gefängnis zu Schwerverbrechern gesteckt. Gangolf Seitz schildert in seiner Rezension, wie erst hier Garves Bild von der DDR endgültig erschüttert wurde. Das System hatte es seiner Öffentlichkeit schlicht verschwiegen, dass es in ihm auch Mörder gab. Seitz nennt diesen „Bericht über einen Aspekt der untergegangenen DDR“ bewahrenswert.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Die von einem Mediziner geforderte Fähigkeit, einen Patienten genau zu untersuchen und das Gesehene, Gefühlte und Gehörte nachvollziehbar niederzuschreiben, Garve beherrscht sie. Der hier untersuchte "Patient" ist allerdings eine Haftanstalt mit mehreren tausend Insassen, ein vielfach verschachtelter Komplex, in dem sich die Schicksale der dort Lebenden zwanghaft miteinander verbinden, in dem sich skurrile und absurde Ereignisse abwechseln mit grausamen und abscheulichen." (F.A.Z.)

"Roland Garves Darstellung ist auch deshalb so authentisch, weil er die Vorgänge aus dem Blickwinkel des damals Inhaftierten darstellt und viele Begebenheiten in wörtlicher Rede im entsprechenden Knastjargon wiedergibt. Die Beschreibung seiner Leidensgenossen ist weit entfernt von politischer Idealisierung oder moralischer Empörung." (Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat)

"Garves autobiografischer Bericht läßt selbst den vermeintlich Wissenden schaudern. In der Retrospektive hat er alle Details ins Gedächtnis zurückgerufen, die er während der Haftzeit nicht festhalten konnte, hat Schicksale, Schikane, vertane Biografien wie bleierne Perlen auf eine Kette gezurrt, die jedem fröhlichen Nostalgiker schwer am Hals hängt." (Potsdamer Neueste Nachrichten)

Die von einem Mediziner geforderte Fähigkeit, einen Patienten genau zu untersuchen und das Gesehene, Gefühlte und Gehörte nachvollziehbar niederzuschreiben, Garve beherrscht sie. Der hier untersuchte "Patient" ist allerdings eine Haftanstalt mit mehreren tausend Insassen, ein vielfach verschachtelter Komplex, in dem sich die Schicksale der dort Lebenden zwanghaft miteinander verbinden, in dem sich skurrile und absurde Ereignisse abwechseln mit grausamen und abscheulichen. F.A.Z. Roland Garves Darstellung ist auch deshalb so authentisch, weil er die Vorgänge aus dem Blickwinkel des damals Inhaftierten darstellt und viele Begebenheiten in wörtlicher Rede im entsprechenden Knastjargon wiedergibt. Die Beschreibung seiner Leidensgenossen ist weit entfernt von politischer Idealisierung oder moralischer Empörung. Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat Garves autobiografischer Bericht läßt selbst den vermeintlich Wissenden schaudern. In der Retrospektive hat er alle Details ins Gedächtnis zurückgerufen, die er während der Haftzeit nicht festhalten konnte, hat Schicksale, Schikane, vertane Biografien wie bleierne Perlen auf eine Kette gezurrt, die jedem fröhlichen Nostalgiker schwer am Hals hängt. Potsdamer Neueste Nachrichten
Dr. Roland Garve wurde 1955 in Boizenburg/Elbe in Mecklenburg geboren, studierte an der Universität Greifswald Zahnmedizin und wurde 1984 nach zwanzigmonatiger Haft wegen "Vorbereitung zur Republikflucht" im Strafvollzug Brandenburg-Görden aus der DDR ausgewiesen. Bereits seit 1985 unternimmt er ausgedehnte Forschungsreisen und Expeditionen als Mediziner und Dokumentarist zu Naturvölkern in Ozeanien, Südamerika, Afrika und Südostasien. Gemeinsam mit Menschenrechtsorganisationen setzt er sich international für den Erhalt ihrer Kultur und ihres Lebensraumes ein. Sein Hauptinteresse gilt der indigenen Kulturvielfalt Amazoniens und Melanesiens. Im Laufe eines Vierteljahrhunderts konnte er auf seinen zahlreichen Expeditionen in Neuguinea und auf den melanesischen Inseln viele unterschiedliche Stammesvölker besuchen und dabei auch die besonders durch Missionierung, Industrialisierung und Umweltzerstörung rasant voranschreitenden Kulturveränderungen dokumentieren. Seit 1990 arbeitet er mit den Staatlichen Völkerkundemuseen Dresden und Leipzig zusammen, hält Fachvorträge über Ethno-Zahnmedizin und Völkerkunde. Bekannt wurde er durch seine zahlreichen Filme über Naturvölker für ARD, ZDF, ProSieben, Discovery und Geo-TV.

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