Schon früh erkennt sie den gewalttätigen Charakter ihres Verlobten.
Bereits kurz nach der Heirat wird sie von ihm geschlagen und zur
Aufgabe ihres Berufes gezwungen. Die Familie bedrängt sie, sich zu
beugen. Und ihr selbst scheint es unmöglich, die vorgeschriebene
Rolle der Ehefrau zu verlassen und die Familienehre zu verletzen -
zu tief ist sie verwurzelt in den gesellschaftlichen Vorstellungen
ihrer muslimischen Kultur. Dabei ist Mári für afghanische
Verhältnisse als Frau privilegiert aufgewachsen: Sie konnte gute
Schulen besuchen, in Moskau studieren, selbst ihren Ehemann
auswählen, in der Lehrerausbildung arbeiten, weite Reisen
unternehmen. Innerlich zerrissen lehnt die moderne Muslima zwar die
Freizügigkeiten westlicher Frauen ab, wird aber vom Verhalten ihrer
Landsmänner immer stärker abgeschreckt. Denn die wachen über die
Moral der weiblichen Bevölkerung, sehen Frauen ausschließlich als
ihren Besitz an und kämpfen in den Straßen von Kabul um die Macht -
und dies nicht erst seit die Mudschaheddin die Frauen in die Häuser
verbannten und die Taliban ihnen die Burka aufzwangen und den
Besuch von Schulen verboten. Als sich die politischen Verhältnisse
im Land mal wieder ändern, flüchtet sie allein mit ihrer kleinen
Tochter. Ihren verschleppten Mann findet sie erst in Deutschland
wieder. Noch verschlossener will der nur noch eins: einen Sohn
zeugen und seine Frau völlig kontrollieren. Nun ist sie erneut auf
der Flucht: vor seinen Morddrohungen. Aufenthalte in Frauenhäusern
wechseln mit "Versöhnungen" ab. Doch tapfer findet sie
schließlich in Deutschland ihren Weg und kümmert sich dabei auch um
andere Migrantinnen. Was ihr dabei sehr hilft, ist das Aufschreiben
ihrer Lebensgeschichte. Und es zieht sie immer wieder zurück nach
Afghanistan. Dort besucht sie die Frauengefängnisse, lässt sich von
den auch heute noch in ihren Familien unterdrückten Frauen
erzählen. Sie möchte sie ermutigen, für ihre Menschenrechte zu
kämpfen ...
Mári Saeed floh aus Afghanistan vor der drohenden Verhaftung durch die Mudschaheddin, die in den 80er Jahren die sowjetischen Truppen aus dem Land vertrieben. Sie schreibt unter Pseudonym, denn auch nach der Scheidung wird sie noch immer von ihrem gewalttätigen Ex-Mann bedroht. Trotzdem reiste sie mehrmals in ihre alte Heimat und berichtet bei uns, unterstützt von der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes, von der Notlage der afghanischen Frauen. Sie wirbt um Unterstützung für ein Frauenhaus in Kabul. In Deutschland war die in Moskau ausgebildete und in Kabul für das Erziehungsministerium arbeitende Muslima einige Zeit als Kindergärtnerin tätig. Hier wurden ihre Abschlüsse nicht anerkannt. Heute arbeitet sie im therapeutisch-medizinischen Bereich und versucht, anderen muslimischen Migrantinnen ein Gefühl für das eigene körperliche Wohlbefinden zu vermitteln. Auch das ist Teil ihrer politischen Arbeit zur Veränderung einer patriarchalen islamischen Gesellschaftsstruktur, die Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt und in der Frauen kaum Selbstwertgefühl entwickeln können.
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