Die Geschichte der Nacht - Toíbín, Colm
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Argentinien zur Zeit der Generäle. Richard, ein einsamer junger Mann, lebt allein mit seiner Mutter in Buenos Aires. Vor ihr wie auch vor dem Rest der Welt verbirgt er sorgfältig seine Homosexualität, während er einem schlechtbezahlten Job als Englischlehrer nachgeht. Erst mit dem Tod der Mutter un dem Ausbruch des Falklandkrieges ändert sich sein Leben. Im Haus eines reichen Schülers lernt er ein amerikanisches Diplomatenpaar kennen, Spione, wie sich herausstellen wird, die sich seiner bedienen. Doch er hat gelernt, die Augen vor dem zu verschließen, was er nicht sehen will. So stolpert e…mehr

Produktbeschreibung

Argentinien zur Zeit der Generäle. Richard, ein einsamer junger Mann, lebt allein mit seiner Mutter in Buenos Aires. Vor ihr wie auch vor dem Rest der Welt verbirgt er sorgfältig seine Homosexualität, während er einem schlechtbezahlten Job als Englischlehrer nachgeht. Erst mit dem Tod der Mutter und dem Ausbruch des Falklandkrieges ändert sich sein Leben. Im Haus eines reichen Schülers lernt er ein amerikanisches Diplomatenpaar kennen, Spione, wie sich herausstellen wird, die sich seiner bedienen. Doch er hat gelernt, die Augen vor dem zu verschließen, was er nicht sehen will. So stolpert er in eine unverhoffte Karriere. Und schließlich begegnet er Pablo: Endlich scheint eine richtige Beziehung möglich.
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.13198
  • Verlag: Dtv
  • Seitenzahl: 400
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 389 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 121mm x 25mm
  • Gewicht: 328g
  • ISBN-13: 9783423131988
  • ISBN-10: 3423131985
  • Best.Nr.: 12422060

Autorenporträt

Colm Toíbín , 1955 in Irland geboren, veröffentlichte mehrere Sachbücher. Toíbíns Bücher wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er gilt als einer der interessantesten englischsprachigen Schriftsteller der mittleren Generation.

Rezensionen

"Ein politisch brisanter Roman mit einer humanen Botschaft, der außerdem noch eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählt."
Brigitte
Besprechung von 02.11.1999
Magst du, bist du, willst du
Colm Tóibíns Geschichte der Nacht / Von Richard Kämmerlings

Reisen ist mit Risiken verbunden. Das gilt auch für den Schriftsteller, der ein fremdes Land zum Aufenthaltsort seiner Einbildungskraft und zum Schauplatz eines Romans wählt. Historische Recherche und persönlichen Augenschein vorausgesetzt, können ihm Einblicke in die kollektive Seele eines Volkes gelingen, die dem Einheimischen niemals möglich wären. Im Falle des Misslingens aber, wenn er sein Personal wie in einem Touristikprospekt landestypische Gerichte verzehren und zu Volksmusik tanzen lässt, verspielt er jede Glaubwürdigkeit. Wenn amerikanische Romane in Deutschland oder deutsche in Italien spielen, ist meist Letzteres der Fall. Der irische Schriftsteller Colm Tóibín hat schon in seinem ersten Roman "Süden" (deutsch 1994) bewiesen, dass er die große Kunst beherrscht, das Eigene im Fremden zu beiderseitigem Gewinn zu spiegeln. Als Journalist und Reiseschriftsteller hat sich der 1955 geborene Autor zuerst einen Namen gemacht.

In "Süden" floh eine lebenshungrige Irin vor der Enge der Heimat und den Zwängen ihrer Ehe in die freisinnige Künstlerszene Barcelonas zur Franco-Zeit, wo sie die Liebe und sich selbst zu finden hoffte. In Tóibíns neuem Roman begibt sich im Argentinien der achtziger Jahre Richard Garay, ein junger Mann englischer Abstammung, auf eine ähnlich langwierige Suche. Die Umbruchszeit nach dem Falklandkrieg ist die lärmende Kuliss dieser unspektakulären und stillen "Geschichte der Nacht", in der von Richards Sehnsüchten und Ängsten mehr die Rede ist als vom aufgeregten politischen Geschehen, das er erst vom Rande der Gesellschaft, später aus dem Zentrum der Macht heraus verfolgt. Seine englische Herkunft und die nur heimlich ausgelebte Neigung zum eigenen Geschlecht machen Richard, der sich mehr recht als schlecht als Englischlehrer in Buenos Aires durchschlägt, gleich doppelt zum Außenseiter. Erst die Öffnung des Landes für ausländische Ideen und Gelder lockt ihn aus seinem Schneckenhaus, das bei Richard die Gestalt einer miefigen kleinen Wohnung angenommen hat, die er wegen der starken Bindung an seine jüngst verstorbene Mutter nicht aufgeben kann. Ein im Auftrag Washingtons die Fäden des politischen Marionettentheaters ziehendes Diplomatenpärchen will sich Richards Sprachkenntnisse zunutze machen und installiert ihn an einer Schlüsselstelle zur Vorbereitung der Privatisierungsvorhaben in der Ära Menem. Als Übersetzer soll er den landesunkundigen Wirtschaftsexperten die Mentalität seiner Heimat entschlüsseln, die ihm doch selbst fremd geblieben ist.

Besser noch als Spanisch beherrscht Richard die Codes der Homosexualität, er versteht einen Blick, eine scheinbar unbeabsichtigte Berührung, ein Ansprechen zu deuten. "Entender. Verstehen. Es gibt auch andere Ausdrücke, aber dieser ist immer noch gebräuchlich. Man konnte entiendes? fragen, und das bedeutete dann: Magst du? Bist du? Willst du?" Die politische Situation erschließt sich mit dieser Hermeneutik der Lust allerdings nicht. Erst im Nachhinein wird Richard mit dem brutalen Terror der Militärdiktatur konfrontiert, den er zuvor für eine Legende gehalten hatte. Er erinnert sich daran, einmal des Nachts einen flüchtigen Liebhaber nach dem merkwürdigen Lärm von draußen gefragt zu haben: "Er führte mich ans Fenster und zeigte mir das Polizeirevier gegenüber und die Autos davor, ohne Fahrer, aber mit hochtourig laufendem Motor, von denen Kabel in den Keller des Gebäudes führten. Sie brauchen Strom, sagte er, aber ich verstand immer noch nicht." Später sind es diese schwarzen Löcher der Erinnerung, die die Lichtstrahlen aus der hellen Zukunft brechen.

Richards Homosexualität begründet einen Zwang zum permanenten Rollenspiel. "Ich fragte mich, ob es mein Leben lang so weitergehen würde, dass ich bei der Aussicht, mich der äußeren Welt stellen zu müssen, immer wieder in Panik geriet, wie ein Motor, der stottert, bevor er anspringt." Parallel zum beruflichen Reifeprozess lernt Richard aber auch mit seiner sexuellen Orientierung offener umzugehen; in einer dauerhaften Beziehung zu Pablo, dem Sohn einer angesehenen Familie, findet er das ihm lange vorenthaltene Glück. Tóibín, der hier in der Tradition irischer erotischer Erzählkunst steht, wagt eine offene Darstellung gleichgeschlechtlicher Sexualität, die trotz ihrer handfesten Körperlichkeit nie peinlich oder gar abstoßend wirkt. Die "Geschichte der Nacht" wird, fast überraschend, zu einem ergreifenden und doch wunderbar unkitschigen Liebesroman.

Doch als mit dem symbolischen Bezug einer neuen Wohnung die Selbstfindung zum Abschluss zu gelangen scheint, wechselt der Roman noch einmal seine Tonlage. In Gestalt des Aids-Virus bricht jenes Unverfügbare in Richards Existenz ein, das er zuvor in Form des politischen Terrors aus dem Gesichtsfeld verbannt hatte. In "Süden" zerbrach das Liebesglück unter den Folterhieben der Schergen Francos. Tóibín schlug schon hier zwei Themen an, die auch in seinem zweiten Buch "Flammende Heide", der elegischen Lebensbilanz eines Dubliner Richters, variiert wurden: die Spannung zwischen privater und gesellschaftlicher Existenz und der Umgang mit der Unausweichlichkeit des Todes.

Die Erkenntnis, dass die Stigmatisierung der Aids-Kranken nicht nur persönliches Schicksal, sondern auch ein gesellschaftliches Problem ersten Ranges ist, überlässt Tóibín allerdings dem Leser, da das soziale Umfeld mehr und mehr zur austauschbaren Kulisse der privaten Tragödie wird. Die Kinderkrankheiten der jungen Demokratie, die Korruption der Menem-Clique, der Einfluss der Vereinigten Staaten oder eben auch der öffentliche Umgang mit Homosexualität und Aids - das alles interessiert nicht nur Richard, sondern offensichtlich auch Tóibín immer weniger. Damit droht der Roman freilich wie das Leben seiner Hauptfigur in zwei Hälften zu zerfallen. Zweifellos liegen Tóibíns Stärken im Szenischen und in der präzisen Charakterstudie. Auch er ist im "Verstehen" von Gesten und Zeichen besser als im konsequenten Verfolgen einer großen Linie. In der Komposition liegen die Schwächen dieses im Detail so sorgfältig ausbalancierten Romans.

Über die Agonie seines ebenfalls aidskranken früheren Geliebten Pablos heißt es einmal: "Es war, als würde er gefoltert und bestraft werden, Schlag auf Schlag auf Schlag, ohne eine andere Aussicht als das völlige Verlöschen." So unangemessen eine Gleichsetzung des Krankheitsverlaufs mit dem Schicksal der unter den Generälen "Verschwundenen" erscheint, gibt sich hier der innere Antrieb von Tóibíns Erzählen zu erkennen: die tiefe Verzweiflung über die Schwäche des Geistes und der Liebe gegenüber der Tyrannei des Physischen.

Tóibín gönnt seinen Figuren kein Happyend: Zwar bricht er seine Erzählung kurz nach Bekanntwerden des "positiven" Testergebnisses ab; jedoch hatte er zuvor schon am Beispiel von kalifornischen Freunden Pablos den entsetzlichen Verlauf der Krankheit in allen Einzelheiten vor Augen gestellt. Ebenso wie der Leser kennt Richard den weiteren Fortgang der "Nacht" in völlige Verfinsterung. Dass, wenn schon die Medizin machtlos ist, wenigstens die Liebe über den Tod triumphieren möge, bleibt am Ende ein frommer Wunsch. Hier stößt nach der ärztlichen auch die erzählerische Kunst an ihre Grenzen.

Colm Tóibín: "Die Geschichte der Nacht". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini. Carl Hanser Verlag, München und Wien 1999. 390 S., geb., 39,80 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Richard Kämmerlings schreibt mit Rührung über diesen neuen Roman des irischen Autors, der als Reiseschriftsteller und Journalist anfing. Er lobt, wie Toibin die Geschichte dieses in Argentinien verlorenen Briten, der seine Homosexualität nicht offen lebt, mit der finsteren Zeit des Militärregimes in Beziehung setzt und "die Spannung zwischen privater und gesellschaftlicher Existenz" aufrecht erhält. Auch die "handfeste Körperlichkeit" der homosexuellen Sexszenen lobt Kämmerlings als niemals peinlich oder abstoßend. Toibin sei hier ein "wunderbar unkitschiger" Liebesroman gelungen. Weniger überzeugt ist Kämmerlings von der zweiten Hälfte des Romans, in der es um Aids geht. Toibins Stärke seien Charakterstudien, aber nicht die Komposition.

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"Unter den irischen Gegenwartsautoren, die sich im Ausland wachsender Beliebtheit erfreuen, zeichnen sich nur die wenigsten durch ein Gespür für die verworrenen Fäden aus, die das persönliche Leben des .... Individuums mit den Geschicken eines ganzen Landes verknüpfen. Einer der wenigen Romanciers, die ein ausgeprägtes Interesse an Machtkonstellationen und den Machinationen der Politik mitbringen, ist der vom Journalismus kommende Colm Tóibín." Hans-Christian Oeser, Neue Zürcher Zeitung, 13.1.00 "Der irische Schriftsteller Colm Tóibín hat schon in seinem ersten Roman ... bewiesen, dass er die große Kunst beherrscht, das Eigene im Fremden zu beiderseitigem Gewinn zu spiegeln. .... Die "Geschichte der Nacht" wird, fast überraschend, zu einem ergreifenden und doch wunderbar unkitschigen Liebesroman." Richard Kämmerlings, FAZ, 2.11.1999 "'Die Geschichte der Nacht' ist ein politisch brisanter Roman mit einer humanen Botschaft, der außerdem noch eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählt." Ute Stempel, Brigitte, 6.10.1999