Flucht nach vorn - Neckel, Sighard

Sighard Neckel 

Flucht nach vorn

Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft

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Flucht nach vorn

In der Gesellschaft der Gegenwart hat die »Pflicht zum Erfolg« eine allgemeine Kulturbedeutung angenommen in privaten Lebenswelten, im beruflichen Alltag, in der heutigen Ökonomie. Unfähig, die gesellschaftlichen Probleme zu lösen, welche der Markt hinterlässt, tritt der kulturelle Kapitalismus unserer Zeit im Erfolgskult die Flucht nach vorn in eine Lebensform an, in der das Ökonomische mehr oder minder subtil das Handeln, die Gefühle und die Sinnwelten regiert. Doch kehren im neuen Gewand auch alte Gegensätze zurück: Erfolg und Scheitern, Arm und Reich, Gewinner und Verlierer. Und hinter der allgegenwärtigen Rede von »Leistung« verbirgt sich der Vorrang des reinen Marktprinzips. Sighard Neckel rückt der Vermarktlichung der Gesellschaft mit kultursoziologischen Studien zu Leibe, die vor allem die Selbsttäuschungen und Paradoxien der heutigen Erfolgskultur aufdecken.


Produktinformation

  • Verlag: Campus Verlag
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 210 S.
  • Seitenzahl: 210
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 143mm x 20mm
  • Gewicht: 310g
  • ISBN-13: 9783593387581
  • ISBN-10: 3593387581
  • Best.Nr.: 23865135
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 14.10.2008

Unter Erfolgszwang
Wie lernen wir, uns neu zu steuern?

Die Krise ist da, die vielen Bücher über ihre Ursachen und Auswirkungen werden erst noch kommen. So schnell wie Börsenkurse stürzen, lassen sie sich schließlich nicht auf den Markt bringen, dessen Zustand einzuschätzen ist. Aber es gibt ein Buch, das die Krise kurz vor ihrem Eintreten gleichsam vorwegnahm und als Systemkrise einer erhellenden Analyse unterzog. Erschienen im letzten Jahr, ist es nun das Buch der Stunde: Rolf Stürners "Markt und Wettbewerb über alles? Gesellschaft und Recht im Fokus neoliberaler Marktideologie". Der C. H. Beck Verlag stellt den Autor, Rechtsprofessor in Freiburg, denn auch ins Zentrum seines diesjährigen Buchmesseauftritts. Mit Gewinn wird man auch den Soziologen Sighard Neckel konsultieren, der in "Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft" (Campus) den kulturellen Kapitalismus unserer Gegenwart als ökonomisierte Lebensform unter Erfolgszwang begutachtet.

Die Paradoxien, die dabei in den Blick kommen, spielen in Friedrich Merz' "Mehr Kapitalismus wagen" (Piper) naturgemäß nicht die Hauptrolle. Zuversicht gilt es bei ihm daraus zu …

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Mit Interesse hat sich Rezensent Harry Nutt diesen Sammelband mit jüngeren Aufsätzen des Soziologen Sighard Neckel angesehen. In Auseinandersetzung mit den Paradoxien der Gegenwart entwirft Neckel eine "Ökonomie der Gefühle und symbolischen Zeichen". Die kommt zum Beispiel zum Tragen, wenn es um Erfolg und Misserfolg geht: Längst hat sich der Kapitalismus Neckel zufolge vom alten Leistungsprinzip abgespalten, und es geht nicht mehr darum, dass sich Arbeitsaufwand und -ertrag entsprechen. Statt auf Leistung basiere Erfolg heute auf emotionalen Kriterien wie Attraktivität. Das unternehmerische Selbst als neues Leitbild, das alle Verantwortung allein auf das Individuum verschiebt, verdränge dabei gesellschaftliche Solidaritäten, erläutert der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH

09.12.2008, Frankfurter Rundschau Erfolg, der zählt "Eine Soziologie des kulturellen Kapitalismus."
Sighard Neckel ist Professor für Allgemeine Soziologie und Analyse der Gegenwartsgesellschaft an der Universität Wien

Leseprobe zu "Flucht nach vorn"

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Leseprobe zu "Flucht nach vorn" von Sighard Neckel

Zumindest drei gesellschaftliche Entwicklungen dürften es sein, die uns heute das Phänomen einer "Pflicht zum Erfolg" wesentlich vertrauter gemacht haben:

Zum einen können wir von einer Ausweitung des sozialen Wettbewerbs sprechen, der sich über die Wirtschaft hinaus verallgemeinert hat. In der Folge nehmen die kooperativen Sozialbeziehungen und die Solidarnormen im Modell des europäischen Sozialstaats in ihrer Bedeutung ab, um Platz zu machen für agonale Strukturen, die heute das gesellschaftliche Alltagsleben bestimmen. Die Gewinner/Verlierer-Unterscheidung, welche die öffentliche und auch die private Wahrnehmung sozialer Beziehungen prägt, geht auf den ökonomischen Mechanismus der Vermarktlichung zurück, der mittlerweile fast überall Fuß gefasst hat. Im Zeitalter des globalen Marktkapitalismus konkurrieren Märkte immer weniger mit anderen Organisationsprinzipien der Gesellschaft wie bürgerschaftlichen Anrechten, staatlichen Regulierungen oder öffentlichen Institutionen. Vielmehr durchdringen sie zunehmend alle Sozialsysteme und richten die Leitlinien von Verkaufserfolg, Flexibilität und Gewinnkalkulation in bald jeder Lebenssphäre auf.

Der Vorrang des reinen Marktprinzips kennt, wenn es um wirtschaftliche Rentabilität und die Optimierung von Leistungen geht, keinen sozialen Ausgleich, sondern nur Starke und Schwache. Wo die "Gewinngröße als Erfolgsindex und als Siegespfosten" (Schumpeter 1987: 138) gilt, werden gemeinhin wenig Rücksichten genommen. Unter dem Druck, den die Vermarktlichung der Gesellschaft bis hinein in einzelne Biographien erzeugt, haben sich individuelle Verhaltensmuster ausgebildet, die wie kaum je zuvor unter der Ägide einer allgegenwärtigen Konkurrenz um ökonomische Chancen stehen. Die semantischen Signale dieser Entwicklung sind - mit einem Wort von Adorno (1964: 9) - "marktgängige Edelsubstantive" wie "Zielvereinbarung", "Branding", "Alleinstellungsmerkmal" oder "Selbstmanagement".

Die Marktgesellschaft heroisiert die Durchsetzung im Wettbewerb und ruft den Unternehmer zur öffentlichen Leitfigur aus. Sie heiligt die Konkurrenz und schickt der "Konsensgesellschaft" die Schmähung hinterher, der politische Statthalter wirtschaftlicher Versager zu sein. Die "Art, in der im kapitalistischen Leben ›Sieg‹ und ›Erfolg‹ gemessen werden" (Schumpeter 1987: 138), ernennt die Märkte zu Kampfrichtern bei der Vergabe von Lebenschancen. Es ist dieser Zwang zur Vermarktlichung, der dafür sorgt, dass die "Pflicht zum Erfolg" eine allgemeine Kulturbedeutung angenommen hat - in privaten Lebenswelten, im beruflichen Alltag, in Unternehmen und gesellschaftlichen Institutionen.

Wer aber "die Gesellschaft auf nichts als einen riesigen Handels- und Tauschapparat reduziert" (Durkheim 1986: 55), der schafft mindestens so viele Nöte und Schwierigkeiten, wie er meint, durch den Markt beheben zu können. Öffentliche Güter verfallen oder werden nicht mehr bereitgestellt, während Märkte ihre Folgekosten in Wirtschaft, Gesellschaft und Ökologie auf die Allgemeinheit verlagern. Einer politischen Selbstauslegung des Gemeinwesens, die als angewandte Betriebswirtschaftslehre auftritt, tut dies wenig Abbruch. Ebenfalls nicht der Inszenierung von Arbeitslust und Wettbewerbsfreude, die versucht, aus dem Zwang, sich durchsetzen zu müssen, eine selbstgewählte kulturelle Lebensform zu basteln. In ihr schicken sich Haushalte an, zu Betrieben zu werden, Personen zu Marken und Bürger zu Kunden. Unfähig, die gesellschaftlichen Probleme zu lösen, welche der Markt hinterlässt, tritt der kulturelle Kapitalismus unserer Zeit im Erfolgskult die Flucht nach vorn in eine Lebensform an, in der das Ökonomische mehr oder minder subtil das Handeln, die Gefühle und die Sinnwelten regiert.

Leseprobe zu "Flucht nach vorn" von Sighard Neckel

Die Marktgesellschaft als kultureller Kapitalismus: Zum neuen Synkretismus von Ökonomie und Lebensform (S. 21)

Verfolgt man die aktuellen Debatten über den globalen Kapitalismus der Gegenwart, so stößt der Beobachter immer wieder auf eine zentrale sozialwissenschaftliche Diagnose: Der Kapitalismus unserer Zeit sei durch eine gesellschaftliche Verallgemeinerung seines ökonomischen Prinzips des marktförmigen Tausches charakterisiert sowie durch eine Entkoppelung des Marktgeschehens von allen sozialen Bezügen und kulturellen Werten.

Der zentrale Begriff hierfür ist derjenige der »Entbettung« oder der disembeddedness, der auf die Analysen des großen Wirtschaftshistorikers Karl Polanyi (1978, 1979) zurückgeht. Polanyi zufolge bedeutet die Idee des sich selbstregulierenden Marktes, wie sie heute erneut Urstände feiert, eine sogenannte »krasse Utopie«, die in der Regel dazu führt, die »menschliche und natürliche Substanz von Gesellschaften zu vernichten« (Polanyi 1978: 19f.).

Die »Kommodifizierung«, also die Anpassung aller Produktionsfaktoren wie Boden, Arbeit und Geld an das reine Marktregime, sei – so Polanyi – ein »frivoles Experiment«, das zur sozialen Desintegration und zur Ablösung humaner Werte durch einen materialistischen Individualismus führen müsse. Seine Kritik am liberalen Wirtschaftsmodell, das »die Gesellschaft als Anhängsel des Marktes« (ebd.: 88) begreift, gewann Polanyi aus einer umfassenden Untersuchung jener einschneidenden Transformation (The Great Transformation), die die Ausbreitung der kapitalistischen Marktwirtschaft seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ausgelöst hatte.

Bis dahin sei wirtschaftliches Handeln stets auf die Prinzipien der Reziprozität, der Redistribution und der Haushaltssicherung ausgerichtet gewesen, während das Gewinnstreben keine maßgebliche Rolle spielte (ebd.: 75ff.). Brauch, Sitte, Gesetz, Magie oder Religion sorgten dafür, dass sich das wirtschaftliche Verhalten von Akteuren im Einklang mit den vorherrschenden Prinzipien des ökonomischen Subsistenzerhalts bewegte.

Die weltgeschichtliche Zäsur nun, die das wirtschaftliche laissez-faire der bürgerlichen Gesellschaft darstellt, wird demgegenüber dadurch markiert, dass die Ökonomie nicht länger mehr in übergreifende soziale Beziehungen, Normen und Institutionen eingebettet ist. Die Wirtschaft organisiert sich fortan auf der alleinigen Basis des Marktes, dem sich zunehmend alle Einkünfte und Einkommen einer Gesellschaft verdanken (ebd.: 102ff.).

Gegen die damit verbundene wirtschaftliche Unsicherheit und gegen die moralische Degradierung, welche die Allgegenwart des Gewinnstrebens zur Folge habe, hätten sich die Gesellschaften vom 18. Jahrhundert an jedoch beständig gewehrt.

Der Selbstschutz von Gesellschaften gebiete es, die Freiheit des Marktes hinsichtlich der Nutzung von Mensch und Natur zu begrenzen, und so beschreibt Polanyi denn auch die moderne Wirtschaftsgeschichte als eine Doppelbewegung zweier Organisationsprinzipien von Ökonomie, wobei das eine auf die ungebändigte Freiheit des Marktes drängt, während ein anderes daran arbeitet, die Wirkungen des selbstzerstörerischen Marktprinzips zu begrenzen (vgl. ebd.: 182ff.).

Heute nun, angesichts einer globalen Wirtschaftsordnung, die keine Alternative zum Weltmarkt mehr kennt, und im Zeichen einer allgemeinen Deregulierung der Ökonomie, scheint dieser gesellschaftliche Widerstand gegen die Allmacht des Marktes erlahmt zu sein. Tatsächlich können wir feststellen, dass sich die Unterscheidung von Markt und Gesellschaft vielfach aufzulösen beginnt.

Die Imperative ökonomischer Rentabilität durchdringen gleichmäßiger denn je die verschiedenen »Wertsphären und Lebensordnungen « (Max Weber) der Gesellschaft, so dass heute nicht ohne Berechtigung von der Wiederkehr einer modernen Marktgesellschaft zu sprechen ist. Marktgesellschaften und Kapitalismus sind dabei nicht in sich identisch. Marktgesellschaften unserer Zeit stellen vielmehr jene institutionellen Formen des modernen Kapitalismus dar, die sich aus der Regulation des wirtschaftlichen Wettbewerbs durch limitierende Sozialnormen sukzessiv herauslösen und dabei die relative Vielgestaltigkeit in den modernen Regeln der Ressourcenverteilung – Recht, Bedürftigkeit, Solidarität – auf das schließlich vorherrschende Prinzip von Angebot und Nachfrage reduzieren.

Als Folge werden bisher normativ differenzierte Lebensbereiche, die aufgrund der Sozialkompromisse des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus durchaus unterschiedliche Verteilungsmuster kannten, zunehmend durch die Einsinnigkeit zweckrationaler Erwerbskalküle regiert.

Inhaltsangabe

Inhalt

Einleitung: Fluchtpunkte von "Erfolg"

I.Vermarktlichung

Die Marktgesellschaft als kultureller Kapitalismus: Zum neuen Synkretismus von Ökonomie und Lebensform

Peanuts-Pastorale - Verheißungen einer Angebotsmoral

Kunst und Ökonomie - Probleme einer Unterscheidung

II.Die Pflicht zum Erfolg

"Leistung" und "Erfolg": Die symbolische Ordnung der Marktgesellschaft

Ehrgeiz, Reputation und Bewährung: Zur Theoriegeschichte einer Soziologie des Erfolgs

Die Verdienste und ihr Preis: Leistung in der Marktgesellschaft

Design als Lebenspraxis - Ein Abgesang

Die Tragödie des Erfolgs

III. Gefühlskapitalismus

Emotion by design: Das Selbstmanagement der Gefühle als kulturelles Programm

Deutschlands gelbe Galle - Eine kleine Wissenssoziologie des teutonischen Neides

IV.Die Wiederkehr der Gegensätze

Kampf um Zugehörigkeit: Die Macht der Klassifikation

Gewinner - Verlierer

Die gefühlte Unterschicht: Vom Wandel der sozialen Selbsteinschätzung

Nachweise

Literatur

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