Adonis zeigt, daß der Orient sich durchaus für eine Moderne
aussprechen kann, ohne seine kulturelle Identität preiszugeben, wie
es die reaktionären Kräfte stets behaupten. Die alte arabische
Tradition des Wortes und des Hörens, eines Wortes, das auch der
Muezzin vom Minarett herab verkündet, will er bewahren und
verteidigen. Anstatt die Kultur des Westens zu übernehmen, gilt es,
dem Westen abzuschauen, wie man die eigene Kultur von innen heraus
kritisiert. Und so sind denn seine Verse eine poetische Kampfansage
an das religiöse Establishment, die rückwärtsgewandten Kräfte und
die Vertreter der rein äußerlichen, technischen Rezeption
westlicher Errungenschaften. Der zweite Band der groß angelegten
Werkausgabe Adonis' enthält seine frühen Gedichte, die bereits
den großen Meister zeigen. Der 1930 geborene Adonis gilt der
bedeutendste arabische Dichter unserer Zeit - ein moderner
Klassiker, der es wie kein zweiter versteht, eine Synthese zu
schaffen zwischen der großen Tradition der arabischen Dichtung und
der modernen westlichen Lyrik. Gerade diese Polyphonie ist die
Lesern verschiedener Herkunft den Zugang zu seinem Werk
ermöglicht.
Stefan Weidner, geboren 1967, studierte Islamwissenschaften, Germanistik und Philosophie in Göttingen, Damaskus, Berkeley und Bonn. Er lebt als freischaffender Autor und Journalist in Köln. Im Ammann Verlag erschien zuletzt sein von der Kritik gefeierter erzählter Essay Mohammedanische Versuchungen (2004), für welchen er den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg erhielt.
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