Historische Anthropologie zur Einführung - Tanner, Jakob
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Wie wandeln sich Menschenbilder? Durch welche sozialen Praktiken organisieren Menschen ihr Zusammenleben? Und hat die menschliche Natur eine Geschichte? Entlang dieser Fragen gibt Jakob Tanner eine problemorientierte Übersicht über die Historische Anthropologie und argumentiert gegen ein Arbeitsteilung, welche die Natur zum Forschungsgegenstand der Anthropologen und die Kultur zu jenem der Historiker erklärt. Das Buch diskutiert, wie die Geschichtlichkeit des Menschen theoretisch und im Hinblick auf neue Forschungsansätze konzipiert werden kann. In der JUNIUS-Reihe "Zur Einführung" gib…mehr

Produktbeschreibung

Wie wandeln sich Menschenbilder? Durch welche sozialen Praktiken organisieren Menschen ihr Zusammenleben? Und hat die menschliche Natur eine Geschichte? Entlang dieser Fragen gibt Jakob Tanner eine problemorientierte Übersicht über die Historische Anthropologie und argumentiert gegen eine Arbeitsteilung, welche die Natur zum Forschungsgegenstand der Anthropologen und die Kultur zu jenem der Historiker erklärt. Das Buch diskutiert, wie die Geschichtlichkeit des Menschen theoretisch und im Hinblick auf neue Forschungsansätze konzipiert werden kann.

In der JUNIUS-Reihe "Zur Einführung" gibt Jakob Tanner einen pointierten Überblick über die Historische Anthropologie.

Langtext:
Historische Anthropologie ist ein paradoxer Ausdruck, denn lange galten die Untersuchung geschichtlichen Wandels und die Erforschung der menschlichen Natur als Gegensätze. In der Nachkriegszeit bewegten sie sich im Zeichen einer neuen Vorstellung der Geschichtlichkeit des Menschen aufeinander zu; die französischen Annales-Historiker und die angelsächsische Sozial- und Kulturanthropologie förderten diese Konvergenz. Heute legen Neurowissenschaft und Soziobiologie wiederum eine "Enthistorisierung der Anthropologie" nahe. Diese Herausforderung nimmt die Einführung auf und argumentiert gegen die Natur-Kultur-Dichotomie. Im Zentrum steht die Frage, wie die Historizität des Menschen philosophisch, methodologisch und im Hinblick auf neue Forschungsstrategien konzipiert werden kann.

Tanner, Jakob: Historische Anthropologie zur Einführung (= Zur Einführung). Hamburg: Junius Verlag 2004. ISBN 3-88506-601-7; 235 S.; EUR 14,50.

Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-u-Kult von:
Armin Owzar, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail:

Die vom Junius Verlag herausgegebene Taschenbuchreihe Zur Einführung ist ihren Herausgebern zufolge „für Leute geschrieben, denen daran gelegen ist, sich über bekannte und manchmal weniger bekannte Autor(inn)en und Themen zu orientieren“ (S. 7). Die Bände sollen Wissen vermitteln, es allgemein zugänglich machen, und das jeweils aus einer eigenen, vom Verfasser offenzulegenden Perspektive. Angesichts der gegenwärtigen Konjunktur, die vor allem den ahistorischen Entwürfen von Anthropologie beschieden ist, ist der in diese Reihe aufgenommene Diskussionsbeitrag von Jakob Tanner nur zu begrüßen. Denn der Züricher Historiker bezieht darin dezidiert Stellung, und das auf einem durchweg hohen Reflexionsniveau. Allerdings wird er dabei den Ansprüchen, die man gemeinhin an eine Einführung stellt, nicht immer gerecht.

Das liegt nicht an der Gliederung des Buches, diese ist systematisch und dem komplexen Gegenstand angemessen. In zwei Kapiteln gibt Tanner einen Überblick über die wissenschafts- und theoriegeschichtlichen Traditionen Historischer Anthropologie. Er skizziert die Entwicklung anthropologischen Denkens seit dem 18. Jahrhundert (S. 36–63) und geht auf die mit der Anthropologie korrespondierenden Schulen und Disziplinen der Geschichtswissenschaft ein (S. 64–96), insbesondere auf die Historiker aus dem Umfeld der Annales und die angelsächsischen Sozial- und Kulturanthropologen. In dem daran anschließenden Kapitel widmet Tanner sich aktuellen Problemen und Fragestellungen der Historischen Anthropologie (S. 97–135). In einem weiteren Kapitel setzt er sich kritisch mit den konkurrierenden Vorstellungen naturwissenschaftlich orientierter Anthropologien auseinander (S. 136–163): mit soziobiologischen, evolutionstheoretischen, neurowissenschaftlichen und ökonomischen Ansätzen, die eine Enthistorisierung der Anthropologie implizieren. Schließlich entwirft er ein Konzept symmetrischer Anthropologie, in dem die bereits in der Einleitung (S. 9–35) formulierten Thesen noch einmal aufgegriffen werden (S. 164–189). Sein besonderes Augenmerk gilt dabei einer Kybernetik, die ebenso wie die Historische Anthropologie das Ziel habe, „die Natur-Kultur-Unterscheidung zu unterlaufen“ (177).

Tanner favorisiert also nicht einen enzyklopädischen, sondern einen problemorientierten Zugriff. Den roten Faden seiner Darstellung bilden drei Fragen. Erstens: Wie wandeln sich Menschenbilder und damit einhergehend die diskursiven und medialen Bedingungen anthropozentrischer Selbstbeschreibungen? Zweitens: Mittels welcher sozialen Praktiken und symbolischen Formen organisieren und regulieren die Menschen ihr gesellschaftliches Zusammenleben? Und drittens:
Inwiefern ist die (so genannte) menschliche Natur historischem Wandel unterworfen? Insbesondere an der Be¬antwortung der letzten Frage ist Tanner gelegen. Pointiert vertritt er die These, dass sich eine Trennung zwischen Natur und Kultur nicht aufrecht erhalten lasse. Vielmehr stehe der menschliche Körper in einer Wechselwirkung mit den jeweiligen Kulturtechniken und Mediensystemen. Auch die Natur des Menschen sei historischem Wandel unterworfen.

Durch die Einnahme einer solchen subjektiven Perspektive auf den Gegenstand anthropologischer Forschungen unterscheidet sich Tanners Buch deutlich von anderen als Einführung konzipierten Darstellungen zur Historischen Anthropologie. Ein Vorgehen, das gleichermaßen Vorteile wie Nachteile in sich birgt. So bietet der problemorientierte Zugang dem Leser/der Leserin Gelegenheit, sich mit den Kernfragen anthropologischer Forschung auseinander zu setzen. Wer sich freilich für die Debatten um das Wesen „des Menschen“ von Tanner Munition erhofft, der wird über weite Strecken des Textes enttäuscht sein. Denn zumeist verzichtet Tanner auf die Argumente und kommt gleich zur These. Dadurch aber begibt er sich der Chance, diejenigen zu überzeugen, die mit anderen anthropologischen Ansätzen sympathisieren. Gleichzeitig verprellt er so diejenigen Adressaten, die sich von dem Buch eine in¬struktive Einführung ins Thema versprechen. Denn Tanners Schreibweise setzt beim Leser bereits eine gewisse Vertrautheit mit dem Gesamtkomplex voraus.
Wer etwa die Werke Jacques Lacans studiert hat, wer mit der Theorie Claude Lévi-Strauss’ vertraut ist, wer die Thesen Marshall McLuhans kennt, der wird Tanners gelegentlich eigenwilliger, aber nachvollziehbarer Prosa folgen können. Wer aber die Studien dieser und vieler anderer (darunter auch dem Rezensenten nicht geläufiger) Autoren nicht kennt, der wird bei der Lektüre entweder seine Schwierigkeiten bekommen oder dem Verfasser sehr viel Vertrauen ob der stimmigen Wiedergabe der von ihm referierten Standpunkte entgegenbringen müssen.

Tanners Abhandlung ist derart kompakt, dass er darüber mehrfach den Leser, vor allem den studentischen, aus dem Auge verliert. Sein Buch ist mithin weniger eine Einführung als ein Plädoyer. Ein gelungenes Plädoyer, zugegebenermaßen – ich stimme vielen der hier vorgetragenen Thesen zu –, aber kein Text für neugierige, aber unkundige Leser. Und genau diesen Kreis sollte doch eine Einführung zuallererst ansprechen, oder?

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Beate Binder

URL zur Zitation dieses Beitrages


Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle
Betreuung: Dr. Beate Binder / Dr. Stefan Beck / Dr. Michi Knecht) http://www2.hu-berlin.de/ethno
  • Produktdetails
  • Zur Einführung
  • Verlag: Junius Verlag
  • 2., unveränderte Auflage.
  • Seitenzahl: 235
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 235 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 169mm x 121mm x 20mm
  • Gewicht: 256g
  • ISBN-13: 9783885066019
  • ISBN-10: 3885066017
  • Best.Nr.: 12912006

Autorenporträt

Jakob Tanner, geb. 1950, ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Er ist Mitherausgeber zahlreicher Zeitschriften, u.a. der Historischen Anthropologie.Veröffentlichungen u.a.
(Hg. mit Philipp Sarasin), Physiologie und industrielle Gesellschaft. Studien zur Verwissenschaftlichung des Körpers im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/Main 1998.
Fabrikmahlzeit. Ernährungswissenschaft. Industriearbeit und Volksernährung in der Schweiz 1850-1950, Zürich 1999.
(Hg. mit Sigrid Weigel) Gedächtnis, Geld und Gesetz, Zürich 2002.

Inhaltsangabe

Aus dem Inhalt:
1. Einleitung: Anthropologisches Tohuwabohu - 2. Vom Staunen in der Aufklärung zum Krisenbewusstsein um 1900 - 3. Geschichtswissenschaft und Anthropologie im 20. Jahrhundert - 4.Probleme und Perspektiven der Historischen Anthropologie - 5. Der Anthropos im Lichte naturwissenschaftlicher Forschung - 6. Geschichte und symmetrische Anthropologie - 7. Epilog: Der "rationale Mensch"

Rezensionen

Besprechung von 19.01.2005
Ran an den Menschen
Zwei neue Einführungen zur Historischen Anthropologie
Der Begriff „Historische Anthropologie” hat im letzten Jahrzehnt ungemein an Strahlkraft gewonnen. Spätestens seit der Gründung der gleichnamigen Zeitschrift im Jahr 1993 durch Vertreter der Alltagsgeschichte und der Historischen Kulturforschung wie Alf Lüdtke und Richard van Dülmen besitzt er seinen festen Platz in der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft. Gegenwärtig illuminiert er diese in einem besonderem Maße. Messbar ist die neue Wattstärke an der Fülle von Einführungen und Überblicksartikeln, die seit der Jahrtausendwende zur Historischen Anthropologie publiziert wurden. Jüngst sind zwei neue Einführungen hinzugekommen. Die eine stammt aus der Feder des in Zürich lehrenden Historikers Jakob Tanner, die andere aus der des Berliner Erziehungswissenschaftlers Christoph Wulf.
Das Etikett täuscht. Es gaukelt eine Einheitlichkeit in Wissenschaft und Lehre vor, die in Wahrheit nicht gegeben ist. Historische Anthropologie ist keine einzelne Fachrichtung, kein geschlossenes Forschungsfeld. Sie bündelt eine Vielzahl von Ansätzen, deren Gemeinsamkeiten im Untersuchungsgegenstand liegen: dem Menschen in seinem Denken und Handeln, Fühlen und Leiden. Die Bücher von Tanner und Wulf drücken diese Vielstimmigkeit in den Herangehensweisen aus. Nähert sich Tanner dem anthropos von der Geschichtswissenschaft, wählt Wulf als Mitglied des Berliner „Interdisziplinären Zentrums für Historisch Anthropologie” einen philosophisch orientierten Zugang.
Die Fähigkeit der Historischen Anthropologie, die Errungenschaften verschiedener Disziplinen zu integrieren, stellt jede Einführung vor ein Darstellungsproblem. Sie muss die französischen Historiker der Annales-Schule über drei Generationen (Febvre, Braudel, Chartier) ebenso behandeln wie die Sozial- und Kulturanthropologie im angelsächsischen Raum von Bronislaw Malinowski bis Clifford Geertz; sie muss die Mikrohistorie italienischer Provenienz (Ginzburg, Levi) ebenso erklären wie die Entwicklung der bundesrepublikanischen Alltagsgeschichte in ihrer wortgewaltigen Auseinandersetzung mit der historischen Sozialwissenschaft.
Jakob Tanner ist an der Schwierigkeit, diese Fülle übersichtlich darzustellen, gescheitert. Ihm genügen die großen Einflusslinien für seine Einführung nicht. Er verfolgt darüber hinaus jeden Seitenstrang, zitiert hier noch eine Theorie, fügt da noch einen Namen an. An einer Stelle wird der Leser auf einer einzigen Seite mit den Namen Adorno, Lacan, Althusser, Derrida, Luhmann und Kittler konfrontiert, was den Rat und Orientierung Suchenden ebenso überfordern wie frustrieren dürfte. Wollte Tanner Werbung machen für all die anderen Einführungsbände in der Reihe des Junius Verlags? Weniger wäre mehr gewesen, das lehrt die auch nach Jahren immer noch mehr als lesenswerte Einführung Richard van Dülmens zum Thema.
So aber gelangt man ermattet zu den lohnenden Kapiteln im hinteren Teil des Buches. In „Der Anthropos im Lichte naturwissenschaftlicher Forschung” wird am Beispiel von Evolutionstheorie und Neurowissenschaft die Frage diskutiert, ob es so etwas wie anthropologische Konstanten gibt und wenn ja, wie diese aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive zu bewerten sind.
Auch bei Wulf ist das Anregendste, weil von diesem Autor Neuartigste, sein Kapitel über „Evolution - Hominisation - Anthropologie”. Die Auseinandersetzung mit der Evolutionsforschung verleiht nicht nur dem Titel des Buches „Anthropologie. Geschichte, Kultur, Philosophie” seine Berechtigung - ansonsten benutzt Wulf zumeist den Terminus Historische Anthropologie - sondern sie führt auch wieder zum heiklen Thema der Gewichtung von biologischen und kulturellen Faktoren in der Entwicklung und im Leben des Menschen. Wulf postuliert das „Ende einer verbindlichen anthropologischen Norm” und schlussfolgert, die Menschwerdung werde „als ein mehrdimensionaler Prozess aus den Wechselwirkungen ökologischer, genetischer, zerebraler, sozialer und kultureller Faktoren begriffen”.
Der Rest des Bandes führt klar strukturiert in die Forschung Wulfs und seiner Berliner Kollegen der letzten zwanzig Jahre ein. Die Themen, zu denen allesamt Einzelbände existieren, sind „Körper”, „Mimesis” und „Performativität”. Wer sich bislang noch nicht eingehend mit der Arbeit von Wulf beschäftigt hat, findet jetzt einen ersten, griffigen Zugang.
FLORIAN WELLE
JAKOB TANNER: Historische Anthropologie zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2004. 235 Seiten, 14,50 Euro.
CHRISTOPH WULF: Anthropologie. Geschichte, Kultur, Philosophie. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2004. 336 Seiten, 12,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Durchaus erfolgreich hat sich in den Augen von Carlo Caduff die historische Anthropologie als neuer interdisziplinärer Forschungsbereich etablieren können, auch wenn noch nicht abschließend geklärt sei, ob er sich der Tradition der klassischen angelsächsischen Sozial- und Kulturanthropologie anschließt oder eher der Geschichtsschreibung. Auch Jakob Tanner enthält sich in seiner Einführung eines abschließenden Urteils, was der Rezensent aber nicht weiter schlimm zu finden scheint. Als kundig lobt er Tanners durchaus programmatisch angelegte Schrift, die Marc Bloch und Lucien Febvre zu den Pionieren der historischen Anthropologie erklärt.

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