EUR 16,95
Portofrei*
Alle Preise inkl. MwSt.
Sofort lieferbar

  • Gebundenes Buch

1 Kundenbewertung

Der Höhepunkt in Martin Walsers Alterswerk - ein neuer Roman als Summe und Bilanz. "Mit der Unwahrheit ein Glückskunstwerk zu schaffen, das ist die menschliche Fähigkeit überhaupt." Wer sagt das? Seine Frau nennt ihn mal Memle, mal Otto, mal Bert, er versucht zu erkennen, wie aus Erfahrungen Gedanken werden. Den Widerstreit von Interessen hat er hinter sich gelassen, Gegner und Feinde auch, sein Wesenswunsch ist, sich herauszuhalten, zu schweigen, zu verstummen. Am liebsten starrt er auf eine leere, musterlose Wand, sie bringt die Unruhe in seinem Kopf zur Ruhe. "Mir geht es ein bisschen zu…mehr

Produktbeschreibung
Der Höhepunkt in Martin Walsers Alterswerk - ein neuer Roman als Summe und Bilanz.
"Mit der Unwahrheit ein Glückskunstwerk zu schaffen, das ist die menschliche Fähigkeit überhaupt." Wer sagt das? Seine Frau nennt ihn mal Memle, mal Otto, mal Bert, er versucht zu erkennen, wie aus Erfahrungen Gedanken werden. Den Widerstreit von Interessen hat er hinter sich gelassen, Gegner und Feinde auch, sein Wesenswunsch ist, sich herauszuhalten, zu schweigen, zu verstummen. Am liebsten starrt er auf eine leere, musterlose Wand, sie bringt die Unruhe in seinem Kopf zur Ruhe. "Mir geht es ein bisschen zu gut", sagt er sich dann, "zu träumen genügt".
"Statt etwas oder Der letzte Rank" ist ein Roman, in dem es in jedem Satz ums Ganze geht - von größter Intensität und Kraft der Empfindung, unvorhersehbar und schön. Ein verwobenes Gebilde, auch wenn es seine Verwobenheit nicht zeigen will oder sogar versteckt. Ein Musikstück aus Worten, das dem Leser größtmögliche Freiheit bietet, weil es von Freiheit getragen ist: der Freiheit des Denkens, des Schreibens, des Lebens. So nah am Rand der Formlosigkeit, ja so entfesselt hat Martin Walser noch nie geschrieben. Das fulminante Porträt eines Menschen, ein Roman, wie es noch keinen gab.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 176
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 176 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 136mm x 19mm
  • Gewicht: 279g
  • ISBN-13: 9783498073923
  • ISBN-10: 3498073923
  • Best.Nr.: 46289979
Autorenporträt
Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg/Bodensee, lebt heute in Nußdorf/Bodensee. 1957 erhielt er den Hermann-Hesse-Preis, 1962 den Gerhart-Hauptmann-Preis und 1965 den Schiller-Gedächtnis-Förderpreis. 1981 wurde Martin Walser mit dem Georg-Büchner-Preis, 1996 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg und 1998, dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels und dem Corine - Internationaler Buchpreis; Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten 2008 ausgezeichnet. 2015 wurde Martin Walser der Internationale Friedrich-Nietzsche-Preis für sein Lebenswerk verliehen.
Martin Walser
Rezensionen
Besprechung von 05.01.2017
Meine Feinde
„Ich huste, also bin ich“ – Martin
Walser schreibt sein Lebensresümee
VON BURKHARD MÜLLER
Martin Walser, das ließe sich ohne allzu große Übertreibung behaupten, hat, auch wo er von etwas ganz anderem zu sprechen schien, zuletzt immer von sich selbst gesprochen. Als hierfür bevorzugtes Mittel hatte er den Roman verwendet, dessen jeweiliger Protagonist gegenüber dem vom letzten Buch ungefähr im selben Maß älter wurde, wie auch sein Autor gealtert war. So ist das nun schon sechzig Jahre lang gegangen; und Walsers Bücher haben dabei immer persönlicheren Charakter angenommen.
Sie entwickelten sich zu einer Privat-Literatur, einem widersprüchlichen Begriff, denn zur Literatur gehört ja immer die mitgedachte Öffentlichkeit. Diese bestand zwar formal fort, insofern Walser seine Werke in den Druck gab. Aber eigentlich handelte es sich bei diesen Büchern zunehmend um Selbstgespräche, die nicht mehr nahmen, was der seiner eigenen Einschätzung nach „zustimmungssüchtige“ Autor viel zu lang genommen hatte: Rücksicht auf die anderen. Die Öffentlichkeit durfte zuhören, wenn sie wollte; doch sie wurde nicht ermutigt, etwas zu erwidern. Das musste der Leser akzeptieren oder ablehnen. Literarische Kritik im landläufigen Sinn läuft hier ins Leere.
Walsers neuestes Buch geht nun einen Schritt weiter. Die äußere Form des Romans, der immerhin noch tat, als befasse er sich mit den Schicksalen eines Dritten, hat es abgestreift und sagt nun unumwunden „ich“, zuweilen auch, mit verschobenem Aspekt, „du“ oder „er“ – die schreibende Instanz tritt in drei Personen auseinander wie die göttliche Dreifaltigkeit, die dennoch ein einziges Wesen bleibt. Aber eine Autobiografie ist es auch nicht, denn das erzählende Element wird völlig zurückgedrängt; eher eine Meditation über ein langes Leben und über die Haltung, die dieses Ich an dessen Ende beziehen möchte.
Die immer wieder in Erinnerung gerufene Ausgangssituation besteht darin, dass das Ich auf eine musterlose Wand blickt. Angestrebt wird also Entleerung und dadurch Befriedung des Geistes, wie die Lehre vom Zen sie praktiziert. Doch wer lang genug ins Musterlose sieht, dem drängen sich darin Figuren auf, unwiderstehlich. So wenigstens ergeht es dem eigensinnigen Walser, dem immer wieder ein alter Groll den Weg ins lächelnde Nichts versperrt: das wohlbekannte Walsersche Ressentiment. Walser hat seinem Buch den nirwanahaften Titel „Statt etwas“ gegeben, jedoch nicht, ohne sogleich im Untertitel anzuschließen: „Oder Der letzte Rank“. Falls jemand diesen alten Singular zu „Ränke“ nicht kennen sollte, wird er aus dem Grimmschen Wörterbuch belehrt: ein Trick sei es, speziell der Haken, den der Hase schlägt, um die Hunde abzuschütteln. Gleichmut ist List im ungleichen Kampf. Wer meditiert, braucht ein Mantra, um das er die Gedanken kreisen lässt. Im Fall Walsers lautet es, gleich am Anfang: „Mir geht es ein bisschen zu gut.“ Damit ist einbekannt, dass bei diesem Exerzitium auch der Übermut seine Rolle spielt, das Gegenteil also der eigentlich erforderten Demut.
Zen ohne Demut – kann das funktionieren? Für den Leser, der aus der Ferne teilnimmt, ergibt diese eigentümliche Vermischung der Sphären jedenfalls eine anregendere Lektüre, als wenn es hier von allgemeinen Sentenzen säuselte. Das ist nicht ohne Komik, wenn sich die Brummtöne in die Versenkung mischen; aber ebenso nicht ohne Humor, in dem zuletzt Besinnung die Oberhand behält. Zum Buddha wird Walser dabei bestimmt nicht. „Ich huste, also bin ich“: Das ist ein ebenso origineller wie schlagender Existenzbeweis, überzeugender gewiss als das cartesianische „Ich denke, also bin ich“, denn nichts besitzt ja solche Daseins-Evidenz wie das lästige physische Widerfahrnis, das den ganzen Körper ergreift.
Doch gerade dies, das Beharren auf der eigenen Existenz, entfernt den Sprecher dieser Worte so weit wie denkbar vom Horizont der Mystik. Die Feinde (auch FEINDE geschrieben), nicht namentlich genannt, aber im Einzelnen durchaus erahnbar, nehmen größeren Raum ein, als bei einem solchen Projekt wohl am Platz wäre. „Wer immer sich einbildet, mein Feind sein zu müssen, er darf zur Kenntnis nehmen, dass ich nicht mehr einholbar bin.“ Das mag zutreffen; aber indem das Ich sich nach dem abgehängten Verfolger umsieht, bleibt es doch auf ihn bezogen. „Der mir bescherte Feind rasierte sich nicht mehr elektrisch. In Interviews erfuhren wir nicht, dass er sich nicht mehr elektrisch rasiert, er teilte uns mit, er rasiere sich nass. Ich glaube, jetzt sieht jeder, was ich sagen will.“
Und man sieht es tatsächlich, wie in diesem scheinbar belanglosen Detail der Selbstdarstellung ein Charakter mehr und Ungünstigeres von sich preisgibt, als er glaubt. In dieser Bemerkung oszilliert das räsonierende Ich zwischen einer Unfreiheit, die nicht vom verhassten Thema loskommt, und dem befreienden Witz, den es darüber zu machen vermag. Walser lässt auch in diesem Buch die starke Neigung erkennen, sich selber recht zu geben. Das ist verständlich und notwendig, denn sonst tut es keiner.
Man darf Walser mit Fug und Recht das Gegenteil eines Opportunisten nennen. In der Adenauerzeit erregte er Anstoß, weil er den Kommunisten nahestand; nach erfolgtem sozialdemokratischem Umbau der Gesellschaft wurde er als Reaktionär beschimpft, ja, nach seiner verunglückten Paulskirchenrede von 1998, als Antisemit – er, der in den Sechzigerjahren, als hierzulande noch niemand was davon wissen wollte, als Beobachter des Auschwitz-Prozesses seine Zeitgenossen dazu zwang, dem Holocaust ins Gesicht zu sehen.
Anders als sein Antipode Günter Grass, der sich oppositionell gerierte und dabei immer im Mainstream schwamm, fiel Walser nie auf die Füße, sondern verfing sich in teilweise selbstgestellten Fallen; schwer zu sagen, was daran Prinzipientreue war und was taktisches Ungeschick. Die schmerzlichen Reflexe auf all diese Vorgänge durchzucken das Buch dicht unter der Haut seiner behaupteten Gelassenheit. Und dann natürlich das Kapitel: Walser und die Frauen. Hier bietet sich dem Leser, obschon in anonymisierter und anekdotisierter Form, doch so etwas wie die Erinnerung an konkrete Erlebnisse dar.
Es ist nicht müßig, sich anzuhören, was Walser hier zu seiner Verteidigung zu sagen hat, denn es enthält bemerkenswerte Einsichten über Exklusivität und Teilbarkeit von Liebe, über das Verhältnis von Wahrheit und Lüge. „Ich wusste, ich kann nur denen glauben, die mich belügen. Das heißt, die mir zuliebe die Unwahrheit sagen. Durch Lüge kommt so viel Wahrheit in die Welt wie durch Wahrheit.“ Oder: „Wenn du selber nur noch die Wahrheit sagen kannst, bist du unter Menschen nicht mehr möglich.“ Das sind keine abstrakten Maximen, sie tragen in sich die unmittelbare schmerzhafte Nutzanwendung: „Wer darüber hinaus glaubte, einen Anspruch zu haben, musste lernen, unglücklich zu sein.“ Meint er damit sich selbst oder den je anderen? Das lässt sich zum Glück nicht entscheiden. Zum Schluss möchte Walser doch noch in Richtung Nirwana einbiegen. „Ich bin, was Himmel und Erde wollen. Ich bin das Innerste dieser Welt. Und ich bin das Umfassendste. Ich blühe in jeder Blume. Ich töne in jedem Vogelgesang.“
Das könnte auch manch anderer geschrieben haben. Nicht hingegen das Folgende, mag er es auch nur in der distanzierten dritten Person über die Lippen bringen: „Er kannte keine Gegenseitigkeit. Er wollte einseitig aufgenommen und bevorzugt werden. Er wollte nichts geben. Alle sollten seine Eltern sein. Alle seine Mutter. Sie sollten sich darum reißen, seine Mutter sein zu dürfen.“ Das ist in seinem geradlinigen Egoismus von einer bezwingenden Kindlichkeit. Es einzugestehen und zu formulieren, stellt hingegen die späte erwachsene Leistung dar. Ja, zwischen diesen beiden Polen hat sich wohl Walsers ganzes, nunmehr bald neunzigjähriges Leben vollzogen. Es ist, als unvollkommenes, aber höchstpersönliches Resümee, interessanter als alle Weisheit des Brahmanen. Ein rundum versöhnliches Buch ist es dann doch nicht geworden. Aber wer wünscht sich schon einen versöhnten Walser?
Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 176 Seiten, 16,95 Euro. E-Book 14,99 Euro.
Die schreibende Instanz tritt
in drei Personen auseinander
wie die göttliche Dreifaltigkeit
„Ich bin, was Himmel und
Erde wollen. Ich bin
das Innerste dieser Welt“
Blick in die Welt, Blick ins Ich: „Ich blühe in jeder Blume. Ich töne in jedem Vogelgesang.“
Foto: Regina Schmeken
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
Besprechung von 08.01.2017
Feindschaft ist nahrhaft
Martin Walser erfindet ein Ich, so groß, dass keine Welt mehr zu erkennen ist

Wenn einer "ich" sagt, meint er meistens sich selbst; wenn einer "ich" schreibt, ist das nicht so sicher - und selbst Martin Walser, der Mann, der von außen betrachtet den Eindruck macht, als reiche sein Ich, wenn es sich selbst anschaut, bis weit über den eigenen Horizont hinaus, selbst dieser Martin Walser hat, wenn er einen Text schreibt, das Recht, nicht mit dem Ich dieses Textes verwechselt zu werden.

Martin Walser hat ein neues Buch geschrieben; es hat den Titel "Statt etwas oder Der letzte Rank", und für alle, die nicht wissen, was so ein Rank sei, erläutert Walser das, bevor der Text beginnt. Der Rank sei eine Krümmung; und bei der Jagd die Wendung, die der Verfolgte nimmt: So zitiert Walser das Grimmsche Wörterbuch. Womit allerdings so wenig gewonnen ist wie bei der "Widerfahrnis", die Bodo Kirchhoff neulich in seinen Buchtitel schrieb. Es sind gesuchte Begriffe, die weder die Anschaulichkeit erhöhen noch ins Abstrakte verweisen; wenn man Wörter, bevor man sie verwendet, kaufen müsste, dann gäbe es diese hier bei Manufactum, zusammen mit dem Wärmflaschenbezug aus reiner Schurwolle vielleicht.

Immerhin, der Titel und seine Erläuterung liefern den Hinweis, dass es im Text eventuell um Jagd und Verfolgung gehen könnte; was, wenn man zu lesen angefangen hat, hilfreich ist; man käme sonst womöglich nicht über die ersten zwanzig Seiten hinaus. Da stehen nämlich, ohne dass das fiktionale Ich einen Zusammenhang stiften könnte, Sätze wie dieser hier: "Auf einmal hatte ich nichts mehr gegen Wunder." Oder: "Dass ich noch Sätze brauchte, war kein gutes Zeichen. Erstrebenswert wäre gewesen: Satzlosigkeit." Oder: "Ich weiß nicht, ob es für oder gegen mich spricht, dass ich nicht mutlos war." Oder auch: "Meinetwegen ging es anderen schlecht. Ich müsste . . . ja, was bitte? Ich müsste barfuß zum Nordpol laufen."

Ja klar, denkt man sich als Leser, wer kennt das nicht? Wenn man alleine ist mit sich selbst, beim Autofahren, beim Zähneputzen, wenn man gerade nicht Genaues zu denken hat, dann tauchen aus dem Strom des Unbewussten manchmal solche Wörter und Sätze auf und weigern sich, einen Sinn zu stiften. Und wenn es einem reicht damit, dann sagt oder schreibt man eben einen klaren Satz hin. Oder stellt das Autoradio an.

Es gibt Schriftsteller, so erzählt man sich, die so den sogenannten writer's block in Stücke hauen: indem sie einfach mal anfangen mit dem Schreiben, assoziativ und ohne Plan, und im Glücksfall formt sich etwas aus den Stücken. Bei Walser, so liest sich jedenfalls der Anfang des Buchs, ist diese Vorarbeit schon der Text - und ein wohlwollender Kritiker hat das "ein Denken in Bewegung" genannt, eine Philosophie am Anfang gewissermaßen, ein Denken, das sich danach sehnt, Poesie zu sein. Verständlich ist sie, diese Sehnsucht, aber auch vergeblich. Manchmal erinnert, was Walser da mit der Sprache macht, an den Klavierschüler, der, entnervt von den Mühen des Übens, ein paar harte Dissonanzen anschlägt, ohne Rhythmus, ohne Melodie, und sich kurz einbildet, das reiche schon, um nach Donaueschingen eingeladen zu werden.

Vermutlich ist dieser Schülervergleich eine Unverschämtheit gegen diesen Autor, dessen Neunzigjährigkeit ja nicht nur allseits beschworen wird; sie muss, beim Lesen und beim Darüberschreiben, immer mitgedacht werden. Andere können in diesem Alter kaum noch den eigenen Namen buchstabieren; aber mit dem hohen Alter des Autors dessen Prosa zu entschuldigen: Das wäre erst recht eine Kränkung.

Also stark bleiben, weiterlesen, auch wenn der Kopf, nach zu vielen Sätzen wie diesem hier, dazu tendiert, den Autopiloten einzuschalten: "Das Leben ist ein Fünf-Sterne-Hotel. Zum Glück." Dann liest man so die Seiten weg, schreckt kurz auf, weil da etwas von einem Außerirdischen steht. Und dann war es doch nur das dumme Wörtchen "Äußerlichkeiten".

Meistens ist es ein Ich, das da spricht, manchmal verfällt es ins Du, immer wieder auch in die dritte Person. Dass immer derselbe Mann gemeint sei, lässt sich nicht beweisen, liegt aber nahe. Ich, du und er haben dasselbe Problem. "Mir geht es ein bisschen zu gut." Das ist der erste Satz, auf diesen Satz kommt der Text immer wieder zurück, und es besteht keinerlei Aussicht darauf, dass das Ausdruck eines Übermuts sein könnte, Anzeichen eines Sichverschwendens, Ahnung eines Glücks. Nein, es ist das Gegenteil davon: Verzagtheit, Klage, Selbstmitleid. Es geht ihm zu gut, und das darf nicht sein.

So spricht dieses Ich vor sich hin. Es will es allen recht machen und schafft es nicht. Es hat einen Feind, der mal die ganze Welt ist, die "Draußen-Welt", wie sie hier heißt, und die, weil dieses Ich so groß und so unübersichtlich ist, mehr zu ahnen als wirklich zu erkennen ist. Es gibt Feinde, darunter einen, der "mein Feind" heißt, und auch, was die bewegt, ist widersprüchlich. "Mein Feind" scheint einer zu sein, der gar nicht Feind sein will, der so gerne wohlwollend wäre, wenn das Ich ihn nicht dauernd damit belästigte, dass es den Ansprüchen nicht genügt. Es gibt die Feinde, die, andererseits, sich von der Feindschaft zu nähren scheinen, die überhaupt nur dazu da sind, dieses Ich zu bekämpfen und dessen Versagen zu benennen. Und natürlich gibt es, wenn sonst nichts in Sicht ist, das zu beklagen wäre, immer die Moral, der dieses Ich nicht genügen kann. Und es gibt Frauen, viele Frauen, die diesem Ich aber auch keine Freude sind: Angeblich gönnt auch die ihm keiner.

Das könnte poetisch sein, ist aber nur verdruckst, was schon daran liegt, dass hinter den umständlichen Umschreibungen die Vorbilder so deutlich zu erkennen sind. Eine Familie, die im Gegensatz zu ihm, dem Ich, das nicht anders konnte, alles richtig gemacht hat: die Weizsäckers. Der Feind, der genervte: sieht Marcel Reich-Ranicki sehr ähnlich. Und dann gibt es noch einen, der "der Feuilletongewaltige" heißt und der dem Ich bescheinigt, ein "deutsches Desaster" zu sein. Eine Figur, die auch nicht allzu schwer zu identifizieren ist.

Woraus ein seltsamer Widerspruch entsteht. Der Text wirft den Feinden vor, sich von ihm, dem Ich, zu nähren - dabei sind es gerade die Passagen um den "Feuilletongewaltigen", welcher, nachdem er den Kampf gewonnen hat, zur Selbstvergrößerung so sehr neigt, dass er eine andere Konfektionsgröße braucht, während das Ich im gleichen Maße schrumpft, bis die Füße beim Sitzen nicht mehr den Boden erreichen; dabei sind es gerade diese Passagen, in denen diese Prosa eine Ahnung von Witz hat und etwas gewinnt, das, wenn es ein wenig konsequenter weitergetrieben würde, man eine Form nennen könnte.

Das Buch, so beschreibt es der Verlag, sei "nah am Rand der Formlosigkeit", wobei es sich zugleich einen Roman nennt. Wenn Literatur aber die Form verweigerte: Was wäre sie denn dann? Empfehlen Verlag und Autor wirklich, diesen Text als reine Wortwörtlichkeit zu lesen? Als absolut ernstzunehmende Selbstauskunft eines Mannes, dessen Ich ein Gefängnis ist? Der schreibt: "Ich huste, also bin ich." Der schreibt: "Ich bin ein Apfelbaum, der Birnen trägt." Der schreibt: "Dass alles, was ich tat und dachte, einer Beobachtung, sprich Beurteilung ausgesetzt ist, spürte ich bei allem, was ich tat und dachte." Ach, man möchte, ganz fertig von all diesen Behauptungen, nur noch Nietzsche zu Hilfe rufen: "Bin ich ein Wahrsager? Ein Träumender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?"

Nein, es bleibt dabei, dass diese Prosa als Fiktion zu lesen ist. Ob dieses Ich dem Autor ähnelt, ist ganz gleichgültig. Martin Walser, das muss die Hoffnung sein, ist ein Anderer.

CLAUDIUS SEIDL

Martin Walser: "Statt etwas oder Der letzte Rank". Rowohlt, 176 Seiten, 16,95 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
Das innere Selbstporträt eines Dichters schlechthin (...) Es ist die Summe von Martin Walsers Kunst. Jens Jessen, DIE ZEIT
Das innere Selbstporträt eines Dichters schlechthin (…) Es ist die Summe von Martin Walsers Kunst.