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Der Höhepunkt in Martin Walsers Alterswerk - ein neuer Roman als Summe und Bilanz. "Mit der Unwahrheit ein Glückskunstwerk zu schaffen, das ist die menschliche Fähigkeit überhaupt." Wer sagt das? Seine Frau nennt ihn mal Memle, mal Otto, mal Bert, er versucht zu erkennen, wie aus Erfahrungen Gedanken werden. Den Widerstreit von Interessen hat er hinter sich gelassen, Gegner und Feinde auch, sein Wesenswunsch ist, sich herauszuhalten, zu schweigen, zu verstummen. Am liebsten starrt er auf eine leere, musterlose Wand, sie bringt die Unruhe in seinem Kopf zur Ruhe. "Mir geht es ein bisschen zu…mehr

Produktbeschreibung
Der Höhepunkt in Martin Walsers Alterswerk - ein neuer Roman als Summe und Bilanz.
"Mit der Unwahrheit ein Glückskunstwerk zu schaffen, das ist die menschliche Fähigkeit überhaupt." Wer sagt das? Seine Frau nennt ihn mal Memle, mal Otto, mal Bert, er versucht zu erkennen, wie aus Erfahrungen Gedanken werden. Den Widerstreit von Interessen hat er hinter sich gelassen, Gegner und Feinde auch, sein Wesenswunsch ist, sich herauszuhalten, zu schweigen, zu verstummen. Am liebsten starrt er auf eine leere, musterlose Wand, sie bringt die Unruhe in seinem Kopf zur Ruhe. "Mir geht es ein bisschen zu gut", sagt er sich dann, "zu träumen genügt".
"Statt etwas oder Der letzte Rank" ist ein Roman, in dem es in jedem Satz ums Ganze geht - von größter Intensität und Kraft der Empfindung, unvorhersehbar und schön. Ein verwobenes Gebilde, auch wenn es seine Verwobenheit nicht zeigen will oder sogar versteckt. Ein Musikstück aus Worten, das dem Leser größtmögliche Freiheit bietet, weil es von Freiheit getragen ist: der Freiheit des Denkens, des Schreibens, des Lebens. So nah am Rand der Formlosigkeit, ja so entfesselt hat Martin Walser noch nie geschrieben. Das fulminante Porträt eines Menschen, ein Roman, wie es noch keinen gab.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 176
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 176 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 136mm x 19mm
  • Gewicht: 279g
  • ISBN-13: 9783498073923
  • ISBN-10: 3498073923
  • Best.Nr.: 46289979
Autorenporträt
Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg/Bodensee, lebt heute in Nußdorf/Bodensee. 1957 erhielt er den Hermann-Hesse-Preis, 1962 den Gerhart-Hauptmann-Preis und 1965 den Schiller-Gedächtnis-Förderpreis. 1981 wurde Martin Walser mit dem Georg-Büchner-Preis, 1996 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg und 1998, dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels und dem Corine - Internationaler Buchpreis; Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten 2008 ausgezeichnet. 2015 wurde Martin Walser der Internationale Friedrich-Nietzsche-Preis für sein Lebenswerk verliehen.
Martin Walser
Rezensionen
Besprechung von 05.01.2017
Meine Feinde
„Ich huste, also bin ich“ – Martin
Walser schreibt sein Lebensresümee
VON BURKHARD MÜLLER
Martin Walser, das ließe sich ohne allzu große Übertreibung behaupten, hat, auch wo er von etwas ganz anderem zu sprechen schien, zuletzt immer von sich selbst gesprochen. Als hierfür bevorzugtes Mittel hatte er den Roman verwendet, dessen jeweiliger Protagonist gegenüber dem vom letzten Buch ungefähr im selben Maß älter wurde, wie auch sein Autor gealtert war. So ist das nun schon sechzig Jahre lang gegangen; und Walsers Bücher haben dabei immer persönlicheren Charakter angenommen.
Sie entwickelten sich zu einer Privat-Literatur, einem widersprüchlichen Begriff, denn zur Literatur gehört ja immer die mitgedachte Öffentlichkeit. Diese bestand zwar formal fort, insofern Walser seine Werke in den Druck gab. Aber eigentlich handelte es sich bei diesen Büchern zunehmend um Selbstgespräche, die nicht mehr nahmen, was der seiner eigenen Einschätzung nach „zustimmungssüchtige“ Autor viel zu lang genommen hatte: Rücksicht auf die anderen. Die Öffentlichkeit durfte zuhören, wenn sie wollte; doch sie wurde nicht ermutigt, etwas zu erwidern. Das musste der Leser akzeptieren oder ablehnen. Literarische Kritik im landläufigen Sinn läuft hier ins Leere.
Walsers neuestes Buch geht nun einen Schritt weiter. Die äußere Form des Romans, der immerhin noch tat, als befasse er sich mit den Schicksalen eines Dritten, hat es abgestreift und sagt nun unumwunden „ich“, zuweilen auch, mit verschobenem Aspekt, „du“ oder „er“ – die schreibende Instanz tritt in drei Personen auseinander wie die göttliche Dreifaltigkeit, die dennoch ein einziges Wesen bleibt. Aber eine Autobiografie ist es auch nicht, denn das erzählende Element wird völlig zurückgedrängt; eher eine Meditation über ein langes Leben und über die Haltung, die dieses Ich an dessen Ende beziehen möchte.
Die immer wieder in Erinnerung gerufene Ausgangssituation besteht darin, dass das Ich auf eine musterlose Wand blickt. Angestrebt wird also Entleerung und dadurch Befriedung des Geistes, wie die Lehre vom Zen sie praktiziert. Doch wer lang genug ins Musterlose sieht, dem drängen sich darin Figuren auf, unwiderstehlich. So wenigstens ergeht es dem eigensinnigen Walser, dem immer wieder ein alter Groll den Weg ins lächelnde Nichts versperrt: das wohlbekannte Walsersche Ressentiment. Walser hat seinem Buch den nirwanahaften Titel „Statt etwas“ gegeben, jedoch nicht, ohne sogleich im Untertitel anzuschließen: „Oder Der letzte Rank“. Falls jemand diesen alten Singular zu „Ränke“ nicht kennen sollte, wird er aus dem Grimmschen Wörterbuch belehrt: ein Trick sei es, speziell der Haken, den der Hase schlägt, um die Hunde abzuschütteln. Gleichmut ist List im ungleichen Kampf. Wer meditiert, braucht ein Mantra, um das er die Gedanken kreisen lässt. Im Fall Walsers lautet es, gleich am Anfang: „Mir geht es ein bisschen zu gut.“ Damit ist einbekannt, dass bei diesem Exerzitium auch der Übermut seine Rolle spielt, das Gegenteil also der eigentlich erforderten Demut.
Zen ohne Demut – kann das funktionieren? Für den Leser, der aus der Ferne teilnimmt, ergibt diese eigentümliche Vermischung der Sphären jedenfalls eine anregendere Lektüre, als wenn es hier von allgemeinen Sentenzen säuselte. Das ist nicht ohne Komik, wenn sich die Brummtöne in die Versenkung mischen; aber ebenso nicht ohne Humor, in dem zuletzt Besinnung die Oberhand behält. Zum Buddha wird Walser dabei bestimmt nicht. „Ich huste, also bin ich“: Das ist ein ebenso origineller wie schlagender Existenzbeweis, überzeugender gewiss als das cartesianische „Ich denke, also bin ich“, denn nichts besitzt ja solche Daseins-Evidenz wie das lästige physische Widerfahrnis, das den ganzen Körper ergreift.
Doch gerade dies, das Beharren auf der eigenen Existenz, entfernt den Sprecher dieser Worte so weit wie denkbar vom Horizont der Mystik. Die Feinde (auch FEINDE geschrieben), nicht namentlich genannt, aber im Einzelnen durchaus erahnbar, nehmen größeren Raum ein, als bei einem solchen Projekt wohl am Platz wäre. „Wer immer sich einbildet, mein Feind sein zu müssen, er darf zur Kenntnis nehmen, dass ich nicht mehr einholbar bin.“ Das mag zutreffen; aber indem das Ich sich nach dem abgehängten Verfolger umsieht, bleibt es doch auf ihn bezogen. „Der mir bescherte Feind rasierte sich nicht mehr elektrisch. In Interviews erfuhren wir nicht, dass er sich nicht mehr elektrisch rasiert, er teilte uns mit, er rasiere sich nass. Ich glaube, jetzt sieht jeder, was ich sagen will.“
Und man sieht es tatsächlich, wie in diesem scheinbar belanglosen Detail der Selbstdarstellung ein Charakter mehr und Ungünstigeres von sich preisgibt, als er glaubt. In dieser Bemerkung oszilliert das räsonierende Ich zwischen einer Unfreiheit, die nicht vom verhassten Thema loskommt, und dem befreienden Witz, den es darüber zu machen vermag. Walser lässt auch in diesem Buch die starke Neigung erkennen, sich selber recht zu geben. Das ist verständlich und notwendig, denn sonst tut es keiner.
Man darf Walser mit Fug und Recht das Gegenteil eines Opportunisten nennen. In der Adenauerzeit erregte er Anstoß, weil er den Kommunisten nahestand; nach erfolgtem sozialdemokratischem Umbau der Gesellschaft wurde er als Reaktionär beschimpft, ja, nach seiner verunglückten Paulskirchenrede von 1998, als Antisemit – er, der in den Sechzigerjahren, als hierzulande noch niemand was davon wissen wollte, als Beobachter des Auschwitz-Prozesses seine Zeitgenossen dazu zwang, dem Holocaust ins Gesicht zu sehen.
Anders als sein Antipode Günter Grass, der sich oppositionell gerierte und dabei immer im Mainstream schwamm, fiel Walser nie auf die Füße, sondern verfing sich in teilweise selbstgestellten Fallen; schwer zu sagen, was daran Prinzipientreue war und was taktisches Ungeschick. Die schmerzlichen Reflexe auf all diese Vorgänge durchzucken das Buch dicht unter der Haut seiner behaupteten Gelassenheit. Und dann natürlich das Kapitel: Walser und die Frauen. Hier bietet sich dem Leser, obschon in anonymisierter und anekdotisierter Form, doch so etwas wie die Erinnerung an konkrete Erlebnisse dar.
Es ist nicht müßig, sich anzuhören, was Walser hier zu seiner Verteidigung zu sagen hat, denn es enthält bemerkenswerte Einsichten über Exklusivität und Teilbarkeit von Liebe, über das Verhältnis von Wahrheit und Lüge. „Ich wusste, ich kann nur denen glauben, die mich belügen. Das heißt, die mir zuliebe die Unwahrheit sagen. Durch Lüge kommt so viel Wahrheit in die Welt wie durch Wahrheit.“ Oder: „Wenn du selber nur noch die Wahrheit sagen kannst, bist du unter Menschen nicht mehr möglich.“ Das sind keine abstrakten Maximen, sie tragen in sich die unmittelbare schmerzhafte Nutzanwendung: „Wer darüber hinaus glaubte, einen Anspruch zu haben, musste lernen, unglücklich zu sein.“ Meint er damit sich selbst oder den je anderen? Das lässt sich zum Glück nicht entscheiden. Zum Schluss möchte Walser doch noch in Richtung Nirwana einbiegen. „Ich bin, was Himmel und Erde wollen. Ich bin das Innerste dieser Welt. Und ich bin das Umfassendste. Ich blühe in jeder Blume. Ich töne in jedem Vogelgesang.“
Das könnte auch manch anderer geschrieben haben. Nicht hingegen das Folgende, mag er es auch nur in der distanzierten dritten Person über die Lippen bringen: „Er kannte keine Gegenseitigkeit. Er wollte einseitig aufgenommen und bevorzugt werden. Er wollte nichts geben. Alle sollten seine Eltern sein. Alle seine Mutter. Sie sollten sich darum reißen, seine Mutter sein zu dürfen.“ Das ist in seinem geradlinigen Egoismus von einer bezwingenden Kindlichkeit. Es einzugestehen und zu formulieren, stellt hingegen die späte erwachsene Leistung dar. Ja, zwischen diesen beiden Polen hat sich wohl Walsers ganzes, nunmehr bald neunzigjähriges Leben vollzogen. Es ist, als unvollkommenes, aber höchstpersönliches Resümee, interessanter als alle Weisheit des Brahmanen. Ein rundum versöhnliches Buch ist es dann doch nicht geworden. Aber wer wünscht sich schon einen versöhnten Walser?
Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 176 Seiten, 16,95 Euro. E-Book 14,99 Euro.
Die schreibende Instanz tritt
in drei Personen auseinander
wie die göttliche Dreifaltigkeit
„Ich bin, was Himmel und
Erde wollen. Ich bin
das Innerste dieser Welt“
Blick in die Welt, Blick ins Ich: „Ich blühe in jeder Blume. Ich töne in jedem Vogelgesang.“
Foto: Regina Schmeken
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Besprechung von 08.03.2017
Das kann ja jeder behaupten
Martin Walser liest im Frankfurter Literaturhaus aus seinem neuen Roman. Doch halt: Roman?

Vor der Lesung unterhält sich das Publikum. "Ich hätte allmählich ja auch so große Augenbrauen wie Martin Walser, wenn ich sie mir nicht regelmäßig abschneiden würde", sagt ein Herr in der letzten Reihe. Prompt tritt der Schriftsteller auf, der nicht nur buschige Brauen besitzt, sondern auch viele Bücher hinter sich hat. Neue Titel stellt er regelmäßig in Frankfurt vor, zuletzt vor zwei Jahren im Holzhausenschlösschen "Ein sterbender Mann", Monate vor dem Erscheinen des Buches, nun im Literaturhaus "Statt etwas oder Der letzte Rank", ein paar Wochen nach der Veröffentlichung des Bandes, wie stets vor ausverkauftem Saal.

Walser, der am 24. März 90 Jahre alt wird, tritt ans Pult und liest sich im Stehen knapp eine Stunde lang einmal quer durch das schlanke Buch. "Nicht mehr sprechen", heißt es gleich in einem der ersten Kapitel, trotzdem wirkt es recht wortreich. Ein alter Mann schaut zurück auf sein Leben, denkt an Gegner, Feinde, Freunde und Begegnungen, löst sich von Bindungen diverser Art, lässt Ärgernisse hinter sich, unter ihnen politische und ästhetische Theorien, äußert sich mal prägnant, mal widersprüchlich, mal schwatzhaft. Und hat selbstverständlich nicht das Geringste mit Walser selbst zu tun, auch wenn diverse Passagen zu Irrungen und Wirrungen politischer und amouröser Art es für Augenblicke kokett nahelegen und es im weiteren Verlauf des Abends noch mehrfach um des Autors Abkehr von der Theoriegläubigkeit geht.

Ein "Sprachspiel" sei das Buch geworden, sagt Walser nach dem Ende seines Vortrags im Gespräch mit dem Literaturkritiker Christoph Schröder. Für gewöhnlich hebe ein Roman bei ihm mit Figuren und Handlung an: "Man lernt ihn kennen, indem man ihn schreibt." Beim neuen Buch sei es anders gewesen: "Diesmal war es eine Stimmung, die immer neue Variationen produzierte." Sie habe er aufgeschrieben: "Es geht nur noch um die Sachen selbst." Er stehe allerdings dazu, sagt Walser, dass es sich um die Geschichte einer versuchten Selbstbefreiung handele. "Ich bin ein Apfelbaum, der Birnen trägt", sagt in diesem Zusammenhang der zur Eigenartigkeit entschlossene Ich-Erzähler des Buches. Deswegen, fügt Walser hinzu, habe er den Band trotz allerlei Bedenken germanistischer Art schließlich Roman genannt. Ein Entwicklungsroman, sagt Schröder. "Ja, das denke ich auch", erwidert der Autor.

Und worum geht es nun wirklich? Um dieses und jenes, zum Beispiel um das Ungenügen der Ironie, ganz sicher aber um die Lossagung von Theorien aller Art. Natürlich nur beim Mann im Roman, nicht bei dem auf dem Podium: "Als Erstes befreit er sich von den Theorien." Was bleibe denn von einem Menschen übrig, der sich von allen Utopien befreit habe, fragt Schröder. "Er", antwortet Walser, der nahtlos bei sich selbst weitermacht. Wenn er daran denke, was er alles geschluckt habe: "Du bist nicht du selbst, du bist andauernd im Dienst von etwas anderem." Dann unterläuft ihm ein kleiner Versprecher, der unfreiwillig das Marktschreierische der folgenden Behauptung offenbart: "Ich bin jetzt schlagwortartig übergelaufen von der Erklärung zur Verklärung." Die Literatur solle es ruhig so halten wie die Religion: "Die Wirklichkeit muss verklärt werden, sonst ist sie unerträglich." Zwischenapplaus und hingerissene kleine Zustimmungslaute mehrerer Groupies. Und das friedvolle Ende des Buches? Auch wenn es nicht vom Autor handele - sei Walser selbst immer friedlich gewesen, der in zahlreiche Kontroversen Verstrickte, gerne auch in Frankfurt? "Ich glaube schon, dass ich immer friedlich war, aber ich habe es nicht sagen mögen. Ich musste immer was behaupten." Das hört sich dann endlich nicht mehr nach Spiel und Verklärung an.

FLORIAN BALKE

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Das innere Selbstporträt eines Dichters schlechthin (…) Es ist die Summe von Martin Walsers Kunst.