Das System der Dinge - Baudrillard, Jean

Jean Baudrillard 

Das System der Dinge

Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen

Übersetzer: Garzuly, Joseph
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Das System der Dinge

"In der städtischen Zivilisation sieht man, wie Generationen von Gegenständen, Apparaten und Gadgets einander in immer schnellerem Tempo ablösen ..." - so beginnt Jean Baudrillards Erstlingswerk von 1968, in dem er die uns umgebenden, hergestellten Dinge als ein geschlossenes Zeichensystem deutet: als eine Scheinwelt des Konsums, in der Wunsch und Ware untrennbar miteinander verknüpft sind. Als das Werk entstand, gab es noch keine PCs, geschweige denn das Internet. Angesichts globalisierter Märkte und einer inflationären Apparatewelt lohnt es sich, dieses faszinierende Dokument postmodernen Denkens heute wieder zu lesen.


Produktinformation

  • Verlag: Campus Verlag
  • 2007
  • 3. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 260 S.
  • Seitenzahl: 264
  • Campus Bibliothek
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 140mm x 19mm
  • Gewicht: 340g
  • ISBN-13: 9783593384702
  • ISBN-10: 3593384701
  • Best.Nr.: 22808995
Das Ding als Wunschmaschine Die moderne Konsumgesellschaft liebt alles Spektakuläre. Sie sucht nach aufsehenerregenden Bildern, feiert rauschende Pseudofeste und huldigt allem, was käuflich und messbar ist. Kaltblütig blickt der französische Soziologe Jean Baudrillard dieser Scheinwelt ins Auge. Er findet einen Alltag vor, der sich in ein reines Zeichensystem verwandelt hat: Autos vermitteln Fahrspaß, Duschgels sexuelle Attraktivität, Sammlerstücke weltmännisches Prestige. Die Dinge funktionieren wie Wunschmaschinen, die Lüste wecken und befriedigen. Der Verbraucher konsumiert gierig die Traumbilder, die Design und Werbung entstehen lassen. Dumm nur, dass dieses Zeichensystem weder Fluchtwege offenlässt noch soziale Gerechtigkeit schafft. Sein einziges Interesse liegt in seiner Selbsterhaltung. Baudrillard verkörperte wie kein Zweiter das Epochengefühl der Postmoderne und dachte doch konsequent über seine Zeit hinaus. Seine scharfsinnige Analyse der Konsumgesellschaft hat über die Jahre nichts an Aktualität und Brisanz verloren.
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Jean Baudrillard, 1929 - 2007, Medientheoretiker, Philosoph und Soziologe, war bis zu seinem Tod Professor an der European Graduate School in Saas-Fee, Schweiz.

Leseprobe zu "Das System der Dinge" von Jean Baudrillard

Die Ausgestaltung des Wohnraums
Das überlieferte Milieu
In der Ausgestaltung des Wohnraums spiegeln sich die Familien- und Gesellschaftsstrukturen einer Epoche wider. Das typisch bürgerliche Interieur hat ein patriarchalisches Gepräge: Es stellt die Einheit von Speise- und Schlafzimmer dar. Die Möbel, unterschieden nach ihrer Funktion, doch streng aufeinander bezogen, kreisen um den Tisch oder um das Bett in der Mitte. Die Tendenz, den Raum anzufüllen, auszufüllen, ihn abzugrenzen, ist offensichtlich. Eindeutigkeit, Unverrückbarkeit, beeindruckende Gegenwärtigkeit und rangachtende Förmlichkeit bestimmen das Bild. Jedes Stück hat, den einzelnen Verrichtungen der familiären Zelle entsprechend, eine fest umrissene Bestimmung und verweist überdies auf eine Auffassung von der Person als eines ausgewogenen Gefüges distinkter Fähigkeiten. Die Möbel starren einander an, behindern einander und fügen sich zu einer Einheit zusammen, die weniger eine räumliche, als eine moralische ist. Sie ordnen sich entlang einer Achse, die den regelmäßigen Ablauf des Tages und die symbolische Anwesenheit der Familie versinnbildlicht. In diesem privaten Raum verinnerlicht jedes Möbelstück, jeder Gegenstand auch seine eigene Funktion und verleiht ihr eine symbolische Würde - wie das Haus selbst die Integration der persönlichen Beziehungen innerhalb der halb geschlossenen Familiengruppe zur Vollendung führt.
All dies verbindet sich zu einem Ganzen, dessen Struktur auf der patriarchalischen Tradition und Autorität beruht und in dessen Mitte jene gefühlvollen und komplexen Beziehungen Platz greifen, die alle Mitglieder untereinander verbinden. Dieses Heim bildet einen spezifischen Raum, der an einer sachlich-objektiven Einrichtung nur wenig Geschmack findet, weil hier die Möbel und Gegenstände vor allem die Funktion haben, die menschlichen Beziehungen zu personifizieren, den Raum, in den sie sich teilen, zu bevölkern und selbst eine Seele zu besitzen. Die reelle Dimension, in der sie leben, ist der moralischen unterstellt, welche sie anzuzeigen haben. In diesem Raum ist ihnen eine ebenso begrenzte Autonomie zugestanden, wie sie die verschiedenen Familienmitglieder in der Gesellschaft haben. Wesen und Dinge sind übrigens miteinander verbunden und nehmen in dieser heimlichen Übereinkunft eine Innigkeit, einen affektiven Wert an, den man überkommenerweise als ihre "Präsenz" bezeichnet. Was die Tiefe des Elternhauses auszeichnet, sein Erfülltsein mit Erinnerungen veranschaulicht, beruht offensichtlich auf dieser komplexen Struktur der Verinnerlichung, in welcher die Gegenstände vor unseren Augen eine symbolische Konfiguration annehmen, die man als das Zuhause bezeichnet. Die Zäsur zwischen Innen und Außen, ihre formelle Gegenüberstellung als Eigentum unter dem sozialen und als Familienimmanenz unter dem psychologischen Vorzeichen, macht aus diesem traditionellen Raum eine abgeschlossene Transzendenz. Hausgöttern gleich leben die Gegenstände hier, verkörpern die affektiven Bindungen in diesem Milieu, die ständige Anwesenheit der Gruppe, und umgeben sich mit einem milden Abglanz der Unsterblichkeit - bis eine neue Generation kommt und sie verbannt, in den Wind zerstreut oder sie bisweilen mit einer frischen Nostalgie nach altehrwürdigen Dingen aus der Vergessenheit zurückholt. Wie oft selbst Götter haben auch die Möbel gelegentlich die Chance eines wiederkehrenden Daseins, indem sie, ihrer alltäglichen Verpflichtungen enthoben, zu einer barocken Ausschmückung aufgewertet werden.
Die Anordnung des Speise- und des Schlafzimmers, dieser beweglichen Struktur über dem starren Grundriß des Hauses, ist noch die gleiche, welche die Werbung einem breiten Publikum anpreist. Die Großkaufhäuser bestimmen immer noch für den Massengeschmack die Normen des "dekorativen" Ensembles, obwohl die Linienführung sich "stilisiert" und die Ausschmückung bereits ihre Anziehungskraft eingebüßt hat. Diese Einrichtungen finden nic

Inhaltsangabe

- Inhalt

- Einleitung

- Die Sprache der Gegenstände
- Die Ausgestaltung des Wohnraums
- Das überlieferte Milieu
- Der moderne Gegenstand - von seiner Funktion befreit
- Das Modell-Interieur
- Vor einer Soziologie der Ausgestaltung?
- Der Raumgestalter
- Die Strukturen der Stimmung
- Stimmungswert Farbe
- Stimmungswert Material
- Persönliche Beziehungen und Stimmung
- Stimmungswerte: Gebärden und Formen
- Stilisierung - Handlichkeit - Verhüllung
- Naturalität und Funktionalität
- Nachtrag: Wohnung und Wagen

- Der subjektive Ausdruck
- Das alte Objekt - Zeit und Dauer
- "Stimmungswert" Historizität
- Symbolischer Wert: Mythos des Ursprungs
- Die "Authentizität"
- Die "Beseelung" des Hauses
- Legende und Nützlichkeit
- Kontrapunkt: das technische Objekt und die Primitiven
- Der Antiquitätenmarkt
- Der kulturelle Neo-Imperialismus
- Die Sammlung
- Gegenstand ohne Funktion
- Die Sammelleidenschaft
- Das schönste Haustier
- Das Spiel mit der Serie
- Von der Quantität zur Qualität: das Unikat
- Gegenstände und Gewohnheiten: die Uhr
- Gegenstand und Zeit: der geregelte Kreislauf
- Gegenstand im Gewahrsam: die Eifersucht
- Entstrukturiertes Objekt: die Perversion
- Freude an der Freude
- Selbstgespräch

- Gadgets und Roboter
- Technische Konnotation: Automatismus
- Der Automatismus
- Der funktionelle Rausch
- Das Trugbild des Automaten
- Der Roboter als Supergegenstand
- Metamorphose der Technik
- Technik und System des Unbewußten

- Gegenstände und Verbrauch
- Modelle und Serien
- Vorindustrieller Gegenstand und industrielles Modell
- Der "verpersönlichte" Gegenstand
- Die Idealität des Modells
- Vom Modell zur Serie
- Der Kredit
- Rechte und Pflichten des Konsumenten
- Eine neue Ethik: Verbrauch vor Erzeugung
- Der Kaufzwang
- Der wunderbare Einkauf
- Die Doppeldeutigkeit der Haushaltswaren
- Die Werbung
- Gespräch über den Gegenstand und Gesprächsgegenstand
- Befehl und Aussage im Werbegespräch
- Die Logik des Weihnachtsmanns
- Die mütterliche Instanz: das moderne Sitzmöbel
- Kaufkraftfestival
- Doppelte Instanz: Belohnung und Strafe
- Die kollektive Annahme
- Ein neuer Humanismus?
- Eine neue Sprache?
- Vor einer neuen Definition des "Verbrauchs"

- Die Rache der Dinge und der Terror des Systems

- Nachwort von Florian Rötzer (2007)
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