Seelsorge - Morgenthaler, Christoph

Christoph Morgenthaler 

Seelsorge

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Seelsorge

"Mit seinem überzeugenden Plädoyer für eine "plurilokale" Seelsorge in einer durchgehend seelsorgerlichen Kirche ist es - wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit - den Anliegen der Seelsorgebewegung (und ihrer Kritik) verbunden, indem es sie prospektiv und kreativ fortschreibt. Unbedingt allen zu empfehlen, die mit Seelsorge zu tun haben!" -- Theologische Revue, Heribert Wahl

Grundlagen und Praxis der Seelsorge
- Grundwissen zur Seelsorge - strukturiert, übersichtlich und umfassend
Seelsorgerinnen und Seelsorger, die Menschen in Not kompetent begleiten und beraten, brauchen Sensibilität und Gesprächsfähigkeit, aber auch Orientierung und breite Sachkenntnis.
Wer in der Seelsorge arbeitet oder sich darauf vorbereitet, findet in Christoph Morgenthalers Buch fundiertes Grundwissen, Fallbeispiele und Analysen sowie viele Hinweise zur Praxis der Seelsorge. In 20 in sich geschlossenen Kapiteln führt es ein in die Geschichte, den Gehalt, die Ressourcen, die Schlüsselkompetenzen, die Orte und die Methoden der Seelsorge. Wer eine klar strukturierte, anschauliche und gut lesbare Einführung in die Arbeitsfelder der Seelsorge sucht, ist mit diesem Band bestens bedient.


Produktinformation

  • Lehrbuch Praktische Theologie
  • Bd.3
  • Verlag: Gütersloher Verlagshaus
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 413 S.
  • Seitenzahl: 416
  • Deutsch
  • Abmessung: 228mm x 154mm x 38mm
  • Gewicht: 655g
  • ISBN-13: 9783579054049
  • ISBN-10: 357905404X
  • Best.Nr.: 25586454
"Mit seinem überzeugenden Plädoyer für eine "plurilokale" Seelsorge in einer durchgehend seelsorgerlichen Kirche ist es - wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit - den Anliegen der Seelsorgebewegung (und ihrer Kritik) verbunden, indem es sie prospektiv und kreativ fortschreibt. Unbedingt allen zu empfehlen, die mit Seelsorge zu tun haben!"

"Mit seinem überzeugenden Plädoyer für eine "plurilokale" Seelsorge in einer durchgehend seelsorgerlichen Kirche ist es - wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit - den Anliegen der Seelsorgebewegung (und ihrer Kritik) verbunden, indem es sie prospektiv und kreativ fortschreibt. Unbedingt allen zu empfehlen, die mit Seelsorge zu tun haben!" Theologische Revue, Heribert Wahl
Christoph Morgenthaler, geboren 1946, Dr. theol. und phil., von 1978-1986 tätig als Pfarrer, ist seit 1990 ordentlicher Professor für Seelsorge und Pastoralpsychologie an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Leseprobe zu "Seelsorge" von Christoph Morgenthaler

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Leseprobe zu "Seelsorge" von Christoph Morgenthaler

Annäherungen und Grundlagen

Was ist eigentlich Seelsorge? Die Frage wird immer wieder gestellt: wenn das leitende Gremium eines Krankenhauses abwägt, welches triftige Gründe dafür sind, dass Seelsorge im Angebot der Klinik figurieren soll; wenn ein Mann, der wegen Pädophilie eine Strafe absitzt, während Monaten seine "Seelsorgedienste" über Internet anbietet und die Sache auffliegt - oder: wenn Studierende sich mit dem Fach auseinandersetzen, Vikare erste Erfahrungen mit Seelsorge machen oder junge Pfarrerinnen nach einigen Jahren Praxis erneut fragen, was denn nun Seelsorge wirklich sei.

Im ersten Teil des Lehrbuchs sollen Antworten auf diese Frage aus Geschichte und Gegenwart erschlossen werden. Eine Grundorientierung im Feld der Seelsorge macht den Anfang. Auf die Frage nach dem Wesen der Seelsorge wurden in einer mehr als zweitausendjährigen Geschichte immer wieder neue Antworten gefunden. Ein Blick in die Geschichte der Seelsorge zeigt deshalb als Nächstes historische Formen der seelsorglichen Praxis mit einer langen Wirkungsgeschichte. Besonders in der jüngeren Geschichte der Seelsorge wurden Konzepte und Methoden entwickelt, die seelsorgliches Arbeiten bis heute direkt inspirieren. Auf diesem Hintergrund entwickeln Seelsorgerinnen und Seelsorger heute ihr persönliches Konzept von Seelsorge, das für qualifiziertes seelsorgliches Arbeiten unverzichtbar ist. Dabei wird auch die Frage wichtig, aus welchen fachlichen, persönlichen und spirituellen Quellen sie Kraft für ihre anspruchsvolle Arbeit schöpfen.

1. Seelsorge - Geschichten, Perspektiven und Definitionen Was ist eigentlich Seelsorge? Auf diese Frage sind viele Antworten möglich. Es können Geschichten erzählt werden, die veranschaulichen, was Seelsorge ist. Die an der Seelsorge Beteiligten können danach gefragt werden, wie in ihrer Begegnung Seelsorge geschieht. Es lassen sich gesellschaftliche Erwartungen an Seelsorge sichten. Das seelsorgliche Geschehen selbst kann zudem nach unterschiedlichen Dimensionen aufgeschlüsselt und als Ganzes definitorisch gefasst werden. Das Profil der Seelsorge wird schließlich auch im Vergleich mit anderen Disziplinen deutlicher bestimmbar.

1.1 Seelsorge - Interaktion und Deutung (1) Geschichten der Seelsorge: Seelsorge ist Begegnung, Interaktion, gestaltete Zeit. Davon lässt sich am besten erzählen.

Seelsorge - praktisch / Pfarrerin A. besucht Frau K. im nahegelegenen Kreisspital, nachdem sie gehört hatte, dass diese dort längere Zeit wegen Krebs behandelt werde. Frau K. freut sich über den Besuch und erzählt ausführlich von ihrem schlechten Gesundheitszustand, von all dem, was sie noch tun möchte und nicht mehr tun kann - und dass sie sich doch irgendwie getragen fühle. Pfarrerin A. kommt dazu Psalm 23 in den Sinn. Sie fragt Frau K. gegen Ende des Gesprächs, ob sie einige Worte aus der Bibel hören möchte. Frau K. nickt. Pfarrerin A. rezitiert nun aus dem Gedächtnis Psalm 23 und deutet Frau K.s Erfahrung im Zusammenhang des Gottesvertrauens dieses Psalms: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, ich fürchte kein Unglück; denn du bist bei mir ..." (Ps 23,4).

Eine solche Geschichte öffnet einen ersten Zugang zum Verständnis von Seelsorge. Sie zeigt allerdings nicht einfach die "Wirklichkeit" der Seelsorge, sondern entwirft narrativ ein Bild von Seelsorge - sie deutet das, was sich zwischen Pfarrerin A. und Frau K. abgespielt hat, durch erzählerische Akzentuierungen. Das Besondere der Situation wird hervorgehoben, einige wesentliche Schritte der Begegnung werden erzählt, und die Rollen der Personen werden typisierend umschrieben. Aufgrund einer solchen Geschichte lassen sich erste Folgerungen darüber ableiten, was der Erzähler unter Seelsorge versteht: Seelsorge ist offenbar Gespräch. Die an Krebs erkrankte Patientin kann in diesem Gesprächsraum belastende und tröstliche Erfahrungen artikulieren. Ihr gegenüber sitzt eine ordinierte Theologin, die professionell handelt.

Sie hört aufmerksam auf die Geschichte von Frau K. und bringt dann das Evangelium eines gütigen Gottes als Deuterahmen ins Spiel. Aufgrund solcher Merkmale kann diese Situation als "Seelsorge" identifiziert werden.

(2) Die Sicht des Anderen: Seelsorge lässt sich auch aus der Perspektive derjenigen erschließen, die Seelsorge erfahren. Es kann also danach gefragt wer- den, wie Frau K. selbst die Begegnung mit der Seelsorgerin erlebt. Auf eine entsprechende Rückfrage würde sie möglicherweise antworten: "Es war schön, dass mich unsere Pfarrerin besucht hat"; "Es hat mir gut getan, dass ich das alles einmal aussprechen konnte"; "Wie treffend sie das gesagt hat, mit dem >dunklen Tal< und dem >Stecken und Stab<". Frau K.s Verständnis der Begegnung wäre an der Rolle der Seelsorgerin, an den vielen Alltagsbezügen, die der Besuch einer Person aus der Heimatgemeinde im Krankenhaus wach- ruft, an der Qualität des Gesprächs und an der Art und Weise orientiert, wie etwas Umgreifendes angesprochen wurde, das sich schwer in Worte fassen lässt. Frau K. könnte allerdings auch anders reagieren: "Ich dachte blitzartig:
Um Gottes Willen, steht es so schlecht um mich, dass jetzt auch noch eine Pfarrerin aufkreuzt?" Die Begegnung mit der Pfarrerin kann auch Ängste aus- lösen und dazu beitragen, dass die Problematik einer Situation verschärft er- fahren wird.

Seelsorge lässt sich in einem zweiten Schritt also auch "vom Anderen her" verstehen. Jene Menschen, die besucht und seelsorglich begleitet werden, deuten diese Erfahrung und entwickeln ihre je eigene Sicht, was "Seelsorge" sein kann, auch wenn sie den Begriff so selbst vielleicht nicht benutzen.

(3)Die Sicht der Seelsorgerin: Seelsorge lässt sich auch aus der Perspektive jener Personen thematisieren, die Seelsorge "anbieten". Wie würde Pfarrerin A. also draußen auf der Flur erklären, was hier gerade geschehen ist?

Vielleicht reagierte sie mit folgenden Aussagen: "Ich habe gehört, dass Frau K.

schwer erkrankt ist, und wollte sie besuchen. Ich mache regelmäßig solche Besuche und bringe damit ein Stück Heimat ins Krankenzimmer"; "Ich bin immer wieder erstaunt und gerührt, wie sich Menschen mir anvertrauen, wenn ich wirklich auf sie höre". Spräche man sie auf Psalm 23 an, antwortete sie vielleicht: "Natürlich, dieser Psalm 23. Er ist nicht nur unverwüstlich, sondern bedeutet auch mir persönlich viel. Ich habe ihn als Abendgebet beten gelernt, als meine Mutter fand, ich könne nun vor dem Einschlafen selbst beten. Seine Worte begleiten mich bis heute. Sie geben mir auch in schwierigen Situationen Halt. Ich hoffe, dass Frau K. etwas von diesem Gehaltensein, das der Text auf den Punkt bringt, auch in unserer Begegnung gespürt hat."

Und fragte man sie, ob denn dies nun Seelsorge gewesen sei, antwortete sie vielleicht: "Doch, gewiss.