Nach wie vor zählt Uncharted 2: Among Thieves zu den eindrucksvollsten PS3-Titeln überhaupt. Kann Uncharted 3: Drake´s Deception an diesen großartigen Erfolg anknüpfen, ja vielleicht den Vorgänger sogar noch übertreffen?
In die Wüste geschickt
Diesmal geht es für den Schatzsucher und Abenteurer Nathan Drake - kurz: Nate - darum, eine verschollene Stadt in der arabischen Wüste zu finden. Der berühmte Lawrence von Arabien beschrieb jenen Ort als das 'Atlantis des Sandes'. Vor dem Finale im heißen Wüstensand verschlägt es Drake jedoch erstmal an ganz andere Orte in den unterschiedlichsten Ecken der Welt. Ein Markt im kolumbischen Cartagena, Londons Untergrund und ein verrosteter Schiffsfriedhof sind nur einige der Stationen auf seiner Reiseroute. Abwechslung ist also wieder mal garantiert. Natürlich helfen Drake auch wieder die Aufzeichnungen seines angeblichen Ahnen Francis Drake weiter, aber auch eine altertümliche Dechiffrierscheibe und ein wertvoller Ring spielen bei seinen Nachforschungen eine wichtige Rolle. Dumm nur, dass auch die Schergen eines skrupellosen Geheimbundes unter der Leitung der fiesen Katherine Marlowe und ihres bösen Handlangers Talbot hinter diesen Relikten her sind.
Bud Spencer lässt grüßen - die Schlägereien
Zu Beginn werden Drake und sein alter Kumpel Sully direkt mal in eine ordentliche Kneipenschlägerei verwickelt. Häufig bieten sich beim Prügeln diesmal mehr Interaktionsmöglichkeiten mit der Umgebung, zum Beispiel kann Nate sich Flaschen, Stühle oder Tische schnappen und einem Bösewicht über den Kopf zerdeppern. Selbst eine Kloschüssel wird da schon mal zweckentfremdet. Natürlich muss man auch kontern und Würgegriffe abschütteln können, um nicht selbst einen auf die Fresse zu kriegen. Auffallend ist weiterhin, dass Nate ein paar neue Nahkampf-Moves dazugelernt hat: Zum Beispiel kann er jetzt aus einem Würgegriff heraus einen vor sich stehenden Halunken treten oder sich von einem Hausdach auf nichtsahnende Wachen herabstürzen. Auch sehr spektakulär schaut es aus, wenn Nate einen Bösewicht KO haut und sich quasi noch im selben Atemzug dessen Waffe aus der Luft schnappt. Die Schlägereien sind eine nette Abwechslung für zwischendurch, allerdings nehmen die bekannten Schießereien und Kletterpartien doch deutlich mehr Spielanteile für sich in Anspruch.
So richtig spannend wird´s erst ab der zweiten Hälfte ...
Bei den Erkundungsgängen und Verfolgungsjagden am Anfang ist man erst mal noch unbewaffnet unterwegs. Erst nach und nach werden die einzelnen Spielelemente und Waffen eingeführt, und erst in der zweiten Hälfte des Spiels geht es dann richtig zur Sache, mit Raketenwerfern und allem, was zu einem krachenden Action-Feuerwerk dazugehört. Die Schusswechsel gestalten sich weitgehend wie gehabt: Man hechtet von einer Deckung zur nächsten und feuert entweder blind oder gezielt einen Bösewicht nach dem anderen über den Haufen. Manchmal wird man auch von den agilen Feinden umzingelt. Leider kommt es vereinzelt vor, dass sich Gegner und Nates Begleiter ignorieren, aber auch das stumpfe Vorpreschen mancher Bösewichter spricht nicht gerade für cleveres KI-Verhalten. Aber was soll´s - Spaß macht´s trotzdem, und das ist ja die Hauptsache. Wie gehabt muss sich Nate auf zwei Schusswaffen und ein paar Granaten beschränken, dabei decken ausgeschaltete Kontrahenten wieder seinen Bedarf an Waffen und Munition. Die Palette an Schießeisen reicht von Pistolen, Micro-SMGs und Shotguns bis hin zu Gasflaschen, Granat- und Raketenwerfern, allerdings sind viele dieser Waffen schon aus dem Vorgänger bekannt.
Beinaheabstürze und Knobelspaß
Natürlich muss Nate auch von seinen Kletterkünsten ordentlich Gebrauch machen, um in so manches Gebäude einzudringen. Wie gehabt kraxelt er an Regenrinnen hoch, hangelt sich an schmalen Simsen entlang, springt über Häuserdächer, schwingt sich an Ketten über tödliche Abgründe und erlebt so nebenbei auch noch haarsträubende Beinaheabstürze am laufenden Band. Falls er tatsächlich mal abstürzt, ist es aber halb so schlimm - dafür sorgen schon die regelmäßig gesetzten Rücksetzpunkte. Eine der spannendsten Kletterpartien ist diesmal zweifellos die grandios inszenierte Flucht aus einem brennenden Schloss.
Rätsel haben auch bei Uncharted 3 wieder kein großes Gewicht, das macht schon allein die geringe Zahl von nicht einmal zehn reinen Knobelaufgaben deutlich. Einmal muss man zum Beispiel den Nachthimmel nach einem bestimmten Stern absuchen, dann wiederum gilt es, den richtigen Weg über ein Feld von Steinplatten zu finden oder auch mal ein paar Ritterstatuen so auszurichten, dass sich ein Geheimgang öffnet. Ähnliche geistige Herausforderungen sind jedoch auch bei anderen Action-Adventures zu finden. Erleichtert werden die Rätsel zum einen wieder durch die Aufzeichnungen in Nates Tagebuch, zum anderen auch durch Hinweise, die die Kollegen nach und nach in den Raum streuen. Natürlich sind auch wieder 100 Schätze in der gesamten Kampagne versteckt, allzu schwer zu finden sind diese angesichts der zumeist linearen Levelstruktur aber nicht.
Gute Freunde sind nie allein
Wie gehabt ist Drake selten auf sich allein gestellt, denn häufig stehen ihm wieder sein Mentor Sully, die Reporterin Elena und vereinzelt auch noch andere Charaktere mit Rat und Tat zur Seite. Die Beziehung zu Chloe und einem freundlichen Araber ist leider etwas kurz geraten, dafür sorgt aber ein von Platzangst geplagter Schläger für den ein oder anderen Lacher. Die Freunde sind natürlich wie immer dazu da, den Unterhaltungswert zu steigern, und das gelingt dank ausdrucksstarker Mimik, erstklassiger deutscher Vertonung und einem hohen Sympathiefaktor auch wieder außerordentlich gut. Es macht einfach Spaß, diesen lebendigen Charakteren dabei zuzusehen, wie sie Pläne erörtern, streiten und Schabernack miteinander treiben. Zudem gehen Gameplay, Cut Scenes und Dialoge quasi nahtlos ineinander über. Dank eines kurzen Ausflugs in Drakes Kindheit erfahrt ihr diesmal auch, wie sich Drake und Sully eigentlich kennengelernt haben ...
Die Wüste lebt
Die Grafik von Uncharted 3 ist zwar nicht wesentlich besser als beim Vorgänger, aber noch immer ziemlich bombastisch. Vor allem die Animationen und Übergänge zwischen den einzelnen Bewegungsabläufen wurden nochmal überarbeitet, ansonsten hat sich aber nicht viel getan. Aber bezüglich filmreifer Inszenierung macht Naughty Dog ja sowieso keiner was vor. Zu den Highlights gehören diesmal eine Jagd auf eine ganze LKW-Kolonne hoch zu Ross, ein unglaublicher Flugzeugabsturz und eine Bootsfahrt bei wirklich schwerem Seegang, für die man sich offenkundig bei James Cameron´s Titanic die ein oder andere Inspiration geholt hat ... Das sind wieder unglaubliche Szenen, die man nicht so schnell vergisst. Die Kameraführung ist auch wieder vorbildlich, und an den Ladezeiten gibt´s auch nichts zu meckern.
Der orchestrale Soundtrack ist ebenfalls wieder super. Immer wieder gibt es da andere Stücke zu hören, ganz so, wie es die jeweilige Spielsituation erfordert. Von orientalischer Musik bis hin zur bekannten Uncharted-Melodie reicht die Palette; auch die krachenden Soundeffekte lassen keine Wünsche offen.
Online- und Multiplayer-Spaß
Hat man dann nach etwa neun Stunden die Solo-Kampagne zum ersten Mal durch, gibt es ja auch noch den Online-Modus. Dafür benötigt man zunächst einmal einen Online-Pass. Der liegt dem Spiel zwar bei, ist aber nur einmalig nutzbar und nicht übertragbar, sodass Gebrauchtkäufer dafür erneut zur Kasse gebeten werden.
Klassische Spielmodi wie Deathmatch, Team-Deathmatch und eine Variante mit drei Teams bedürfen wohl keiner großen Erklärung, der Modus Plündern konzentriert sich auf das Erobern beziehungsweise Verteidigen von Schätzen, ähnlich wie bei Capture the Flag. Wer in den Maps verstreute Medaillen einsammelt, erhält dafür besondere Extras wie einen Raketenwerfer. Neben einem netten Koop-Abenteuer gibt es auch zwei weitere Koop-Modi, in denen es um die gemeinsame Abwehr von Feindwellen geht. Es gibt auch wieder ein Belohnungssystem: Bei allen Veranstaltungen außer im Hardcore-Mode steigt man mit steigender Kampferfahrung in der Stufe auf, und je höher die Stufe, desto mehr Waffen werden nach und nach verfügbar. Darüber hinaus verdient man auch Geld durch das Finden von Schätzen, womit man seiner Figur nette Waffen-Mods, neue Klamotten und sogenannte Booster, also Eigenschaftsverbesserungen, kaufen kann. Anfänger haben es somit zwar schwerer als Profis, aber bekanntlich fängt jeder mal klein an.
Die Online-Modi laufen alle bemerkenswert flüssig, und auch die Mitspielersuche bereitet keine Probleme. Nur den geteilten Bildschirm hätte man sicher besser gestalten können. Denn zum einen sind die ungenutzten Bildschirmecken durch hässliche Riesenherzen verdeckt, zum anderen ist das Zielfadenkreuz dort kaum zu erkennen. Na ja, vielleicht ist mein 32-Zoll-Fernseher auch einfach zu klein.
Fazit: Wie erwartet ist Uncharted 3: Drake's Deception wieder ein Actionfeuerwerk erster Güte mit bombastischer Grafik, traumhaften Kulissen und grandios inszenierten Action-Sequenzen. Dieser Flugzeugabsturz zum Beispiel - unglaublich! Oder diese Wanderung durch die Wüste - ein unvergleichliches Erlebnis!
Viel geändert hat sich gegenüber dem Vorgänger allerdings nicht. Denn mal abgesehen von den neuen Nahkampf-Moves und gesondert inszenierten Schlägereien ist der ganze Mix aus Action, Klettereinlagen und Rätseln ja schon bekannt, und auch die Grafik hat diesmal keinen nennenswerten Sprung nach vorne gemacht. Unterm Strich ist Uncharted 3 also nicht besser, aber auch nicht schlechter als sein Vorgänger. Am besten sollte man beide Titel mal gespielt haben.
Wertung: 91 von 100 Punkten (Marvin Engbers/GameCaptain.de)
Quelle/Copyright: Captain-Fantastic-Besprechung