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Um ihr Gehalt aufzubessern, schmuggelt die Stewardeß Jackie Brown regelmäßig Schwarzgeld für einen Waffenhändler von Mexiko nach Los Angeles. Eines Tages wird sie dabei von einem FBI-Agenten ertappt. Um der angedrohten Haftstrafe zu entgehen, willigt sie in einen Deal mit den Beamten ein un verspricht, ihren Auftraggeber bei der nächsten Geldübergabe der Polizei zu verraten. Doch ihre Kooperationsbereitschaft ist nur vorgetäuscht. In Wirklichkeit heckt Jackie einen Plan aus, um das Geld in die eigene Tasche wandern zu lassen... Mit "Pulp Fiction" avancierte Quentin Tarantino, nachdem e…mehr

Produktbeschreibung

Um ihr Gehalt aufzubessern, schmuggelt die Stewardeß Jackie Brown regelmäßig Schwarzgeld für einen Waffenhändler von Mexiko nach Los Angeles. Eines Tages wird sie dabei von einem FBI-Agenten ertappt. Um der angedrohten Haftstrafe zu entgehen, willigt sie in einen Deal mit den Beamten ein und verspricht, ihren Auftraggeber bei der nächsten Geldübergabe der Polizei zu verraten. Doch ihre Kooperationsbereitschaft ist nur vorgetäuscht. In Wirklichkeit heckt Jackie einen Plan aus, um das Geld in die eigene Tasche wandern zu lassen...

Mit "Pulp Fiction" avancierte Quentin Tarantino, nachdem er bereits mit "Reservoir Dogs" für Furore gesorgt hatte, zur Regiesensation. Sein Kultstatus hat duch seine weniger überzeugenden Schauspielexperimente ("From Dusk Til Dawn") und Drehbuchspielereien ("Four Rooms") kleine Kratzer abbekommen, so daß man mit um so größerer Spannung seine Folgeinszenierung, den atmosphärisch-amüsanten Genremix "Jackie Brown" um eine vielschichtige Crime Story, erwarten durfte. Die Titelheldin wird von Blaxploitation-Queen Pam Grier ("Foxy Brown") gespielt, der von Tarantino sichtbar ehrfuchtsvolle Verehrung entgegengebracht wird.

Tarantino orientiert sich bei seinem cleveren Drechbuch an Elmore Leonards Romen "Rum Punch", verlegte aber die Action von Miami in die South-Bay-Gegend von Los Angeles und transformierte die Protagonistin von einer Weißen in eine Afroamerikanerin. Bereits in der Opening-Sequenz, in der die Kamera der Heroine in einer langen Fahrt durch den Flughafen von Los Angeles folgt, macht sich die Faszination des Filmemachers von seiner Hauptdarstellerin bemerkbar. Im Laufe des 160minütigen Films folgen zahllose Einstellungen von ihrem Gesicht, um die markanten Züge der fabelhaft gealterten Grier auszuleuchten. Jackie Brown ist eine Stewardeß um die Vierzig, die für den Waffenhändler Ordell (Samuel L. Jackson) schmutziges Geld über die mexikanische Grenze transportiert. Als sie von zwei Sicherheitsagenten (Michael Keaton und Michael Bowen) ertappt wird, ist das der Ausgang für ein dicht gewobenes Intrigennetz, in dem die vor dem Existenzruin stehende Jackie alle Fäden in der Hand hält.

Die zentralen Themen sind langjährige Loyalität, schleichendes Mißtrauen und gebrochenes Vertrauen. Jackie verspricht, den beiden zu helfen und Ordell zu überführen, gleichzeitig macht sie ihren Boß glauben, daß sie die Cops lediglich an der Nase herumführt, immer noch auf seiner Seite ist und ihm seine halbe Million Dollar zuschanzen wird. Zum erweiterten Kreis der markanten Mitspieler gehören Robert Forster (ein weiterer in Vergessenheit geratener B-Movie-Held) als Kautionsmakler Max Cherry und Jackies Love Interest, Robert De Niro als Ordells Knastkumpel Louis mit einer niedrigen Toleranzgrenze, und Bridget Fonda als dauerzugedröhnte Surfer-Mieze. Der Höhepunkt des Geldaustauschs in einem riesigen Shopping Center wird mit einer strukturellen Spielerei dreimal hintereinander aus der Sicht verschiedener Beteiligter erzählt. Allerdings schließt sich der Zeitkreis nicht so rund wie in "Pulp Fiction", vielmehr trägt der Kunstgriff hier mehr zum unweigerlichen Eindruck der auffälligen Gesamtüberlange bei. Der Regisseur legt im Gegensatz zu seinem Klassiker von 1994 sehr viel Wert auf griffige Charakterskizzierungen und realistisches Ambiente. Die wenigen Gewalteruptionen sind vergleichsweise zahm ausgefallen. Das Action-Element scheint Tarantino hier ohnehin nicht weiter wichtig. Umso mehr konzentriert er sich auf die aufkeimenden, zarten Bande zwischen Jackie und Max, um mit der Romanze zwischen den Protagonisten mittleren Alters und unterschiedlicher Hautfarbe lässig und en passant ein gängiges Kinoklischee zu ignorieren. Zudem bringt der Filmemacher erneut sein Gespür für die passende musikalische Untermalung ein. Der Score setzt sich aus diversen Soul- unf Funksongs der siebziger Jahre zusammen, die er ebenso als ergänzendes Erzählelement benutzt und teilweise als Hommage an die Blaxploitation-Ära einsetzt. Obwohl Jackie Brown auf charmant-ironische Weise unterhält, wirkt die Fixierung des Regisseurs auf seine Protagonisten ein wenig eingleisig. Ein Massenpublikum, das Extremunterhaltung à la "Pulp Fiction" erwartet, könte nicht ganz auf seine Kosten kommen.
Quelle/Copyright: Entertainment Media Verlag

Bonusmaterial

Postkarten, Featurettes, Interview, Bildergalerien, Entfallene und alternative Szenen, Trivia Track, Wendecover
  • Produktdetails
  • EAN: 4006680061351
  • Best.Nr.: 34687040
  • Artikeltyp: Film
  • Anzahl: 1
  • Datenträger: BLRAY
  • Erscheinungstermin: 02.02.2012
  • Hersteller: Studiocanal
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren gemäß §14 JuSchG
  • Sprachen: Deutsch, Englisch
  • Untertitel: Deutsch, Englisch
  • Regionalcode: B
  • Bildformat: 1:1, 85/1080p
  • Tonformat: dts HD 5.1 MA
  • Gesamtlaufzeit: 154 Min.

Autorenporträt

Über die genaue Anzahl von Elmore Leonards Romanen gibt es uneinheitliche Angaben. Es sind etwa so viele wie Lebensjahre: 75. Einigkeit herrscht allerdings über die Qualität. Leonard war einer der erfolgreichsten amerikanischen Autoren, und die "New York Times" nannte ihn schlicht den "größten lebenden Kriminalautor". Etliche seiner Romane wurden mit Publikums- und Kritikererfolg verfilmt, darunter "Schnappt Shorty (mit John Travolta, Gene Hackman und Danny De Vito), "Zuckerschnute" ("Out of Sight") mit George Clooney und Jennifer Lopez. Quentin Tarantinos "Jackie Brown" basiert auf "Rum Punch". Elmore Leonard war fünffacher Vater und neunfacher Großvater und lebte mit seiner zweiten Frau in Birmingham, Michigan. Im Jahr 2012 wurde er mit der National Book Foundation's Medal for Distinguished Contribution to American Letters ausgezeichnet. Elmore Leonard verstarb 2013 im Alter von 87 Jahren.

Rezensionen

Obwohl sich "Pulp Fiction"-Macher Quentin Tarantino in seiner neuesten crime story von knallharten Action- und Gewalt-Szenen verabschiedet hat, besticht seine Verfilmung von Elmore Leonards "Rum Punch" durch die für ihn typische Bildsprache und die stimmigen Dialoge. Neben namhaften Darstellern wie Robert De Niro und Samuel Jackson feiert der blaxploitation-Star Pam Grier ("Foxy Brown") in der Rolle der gewieften Titelheldin ein beeindruckendes Comeback. Nicht zuletzt wegen des kultverdächtigen 70er Jahre-Soundtracks wird dieser Thriller-Komödien-Mix auf den vordersten Chartplätzen zu finden sein.
Quelle/Copyright: Entertainment Media Verlag
Quelle/Copyright: Entertainment Media Verlag
Besprechung von 19.02.1998
Laßt dumme Männer um mich sein
Billiger machst du's wohl nicht: Tarantinos "Jackie Brown" und die Banalität des Banalen

Quentin Tarantino war noch keine dreißig, vom Kino besoffen und mit Jobs in Videotheken und als Telefonverkäufer, Schauspieler und Drehbuchautor künstlerisch nicht sonderlich aufgefallen, als man ihm nach seinem Regiedebüt "Reservoir Dogs" (1991) einen Ruf andichtete wie einst Orson Welles nach "Citizen Kane". Nie zuvor war Gewalt im Film so beiläufig und sinnlos inszeniert worden, nie zuvor waren Kriminelle so gelangweilt und geschwätzig zu Werke gegangen wie die von Harvey Keitel angeführten "Wilden Hunde". Hollywood hatte endlich seinen Bill Gates und sprach ihn heilig.

St. Quentin Tarantino, längst von seinem Genie überzeugt, war auf den Ruhm vorbereitet. Mit "Pulp Fiction" (1994), das zwei bezahlte Killer als Witzfiguren vorführte, Samuel L. Jackson zum Star machte und dem vergessenen John Travolta eine Wandlung vom Discojungen zum angefetteten Charakterdarsteller verschaffte, erhielt der Regisseur endgültig die höchsten Weihen. Er konnte sich nicht nur einer Handschrift und 250 Millionen Dollar Umsatzes rühmen, sondern der Erfindung eines neuen Genres: Tarantino dekonstruierte den klassischen Gangsterfilm, indem er die Helden und ihre zufällige Gefährlichkeit lächerlich machte. Tarantinos Täter sind bedrohlicher als Mafia-Paten und die üblichen Massenmörder, weil sie miese Fernsehshows lieben, von Fast food leben den lieben langen Tag in einem rohen Kinderjargon, der keine zwei Worte ohne dreimal "fuck" herausbringt, Mist erzählen und sich ihre Opfer dann so engagiert vornehmen wie Drückerkolonnen ihren nächsten Kunden.

Nicht ohne Koketterie beklagt Tarantino, daß heute "jedes dritte Drehbuch als tarantinoesk beschrieben wird" und daß man "Jackie Brown", seinen neuen, eher stillen und kleineren Film, mit "verrückten Hundert-Millionen-Dollar-Erwartungen" belaste. Er denke überhaupt nicht daran, fortan jedes Jahr einen Aufguß von "Pulp Fiction" abzuliefern. Schließlich sei er nicht für zwei Filme in diesem Geschäft, sondern für den Rest seines Lebens.

Es konnte also niemanden überraschen, daß sich Tarantino in "Jackie Brown" dem Erfolgsdiktat seiner eigenen Schule verweigern würde. Staunen, das nach 154 Minuten in dünnen Applaus mündete, erregte jedoch die Mutwilligkeit, der Trotz, die Arroganz - Ahnungslosigkeit kann es nicht sein -, mit der Tarantino die erste dramaturgische Grundregel des Erzählens im Kino und anderswo verletzt: Schaffe Interesse an den Figuren, erwarte es nicht. Der Regisseur setzt seinen Film erst einmal unter Valium. Es ist unvorstellbar, daß ein Meister des Tempowechsels und der Andeutung nicht bemerkt, wie quälend zäh die ersten Minuten mit der Beobachtung einer Titelheldin verstreichen, die den Zuschauer noch nichts angeht und auch noch eine Stunde später weniger berührt als jeder Nebendarsteller. Pam Grier spielt die heruntergekommene Stewardeß, die ihre Einkünfte bei einer mexikanischen Billiglinie mit Geldwäsche für den Waffenschieber Ordell Robbie (Samuel L. Jackson) aufbessert. Als ein Handlanger Ordells sie gegen Straffreiheit bei den Behörden verpfeift, ersinnt Jackie ein kompliziertes Gegengeschäft, das ihr das Gefängnis erspart, Ordells Geld in die Hände spielt und ihn selbst ans Messer liefert.

Was Tarantino an der drallen Pam Grier, nach amerikanischen Quellen eine Ikone der "Blaxploitation" - offenbar ein Protestfilmgenre gegen die Ausbeutung von Schwarzen in den siebziger Jahren -, so sehr berauscht, daß die Zuschauer bald jede ihrer Wimpern kennen, bleibt rätselhaft. Anders als Robert De Niro, der den stumpfsinnig brutalen Gefängniskumpel Ordells, Louis Gara, mit knappen Gesten, Blicken, einem Verziehen der Mundwinkel großartige Präsenz verleiht, fehlt Pam Grier jede Aura. Warum diese Stewardeß, die nach einigen Millionen Flugmeilen in der niedrigsten Klasse des Gewerbes gelandet ist, mühelos sämtliche Gegenspieler mit eindrucksvolleren (kriminellen) Karrieren für dumm verkauft, bleibt ihr einziges Geheimnis.

Ausrechnen ließe sich, wenn man wollte, wie viele Kilometer Tarantino die Kamera vor, neben und hinter seinen Figuren durch Einkaufszentren und Flughäfen gleiten läßt, ohne je den Blick von ihren Gesichtern abzuwenden. Und wenn er sie nicht laufen läßt, setzt er sie ins Auto, schaltet das Radio mit Jackies Lieblingssongs von der Motown-Gruppe "Delphonics" ein und schickt sie durch die Straßen von South Bay in Los Angeles, Tarantinos Kindheitsbezirk. Dieses Zeitspiel wird weiter gedehnt durch langatmiges "tarantinoeskes" Gewäsch über Gewichtszunahme, Haarverpflanzungen, erschlaffende Haut und was sonst noch so anliegt. Der Unterhaltungswert des stilisiert obszönen street talk, der, weit etwa von Cockney-Poesie entfernt, für Männer nur "nigger" oder "black ass" kennt und für Frauen "motherfucking bitch", dürfte sich in der deutschen Synchronisation noch rascher erschöpfen als im Original.

Schließlich hilft gegen die vorherrschende Witzlosigkeit der Dialoge auch nicht Tarantinos Entschlossenheit, die Männer in seinem Film - mit Ausnahme eines netten, müden Kautionsmaklers - abwechselnd von Jackie Brown und dem Gangsterliebchen Melanie (Bridget Fonda) als präpotente Hohlköpfe verhöhnen zu lassen. Inmitten dieser Karikaturen, die nichts im Hirn, aber immer die Hand im Schritt haben, die blöde die Lippen beim Lesen bewegen und ihre Autos nach der Tat nicht wiederfinden, die töten, wenn ihnen keine Erwiderung einfällt, schaffen es nur De Niro und Jackson in einzelnen Szenen, eine gute Figur zu machen.

Ihre Kunst und das große Talent Tarantinos scheint etwa auf, als die beiden sich einen grotesken Werbefilm für Ordells Waffenkundschaft anschauen. "Chicks who love Guns", vom Meister selbst gedreht, zeigt Bikinimädchen, die in der Wüste mit AK-47 herumballern, "die beliebteste Waffe in Amerikas Verbrechenswelt" anpreisen und sich angesichts von 45er Revolvern geil die Lippen lecken. Wie Jackson dem müde Interesse heuchelnden De Niro erklärt, daß die aktuellen Waffen-Charts für Gangster durch die Killer im Film entschieden werden, ist hinreißend, aber ein Einzelfall. Der mit nadelspitz geflochtenem Ziegenbärtchen und Pferdeschwanz prächtig zurechtgemachte Jackson hat viel zu selten einen gleichwertigen Dialogpartner wie hier De Niro oder Travolta in "Pulp Fiction". Jackson allein kann die überlangen mimischen Studien Tarantinos gestalten und auch ohne Waffe lauernden Schrecken verbreiten.

"Hätte ich nicht Filme machen wollen", so Quentin Tarantino in einem Interview, "wäre ein Ordell aus mir geworden." Mit dieser Figur habe er sich während der einjährigen Arbeit am Drehbuch ganz und gar identifiziert. So sehr, daß er Mühe hatte, sie Samuel Jackson zu überlassen. "Sam war Ordell für zehn Wochen, ich war Ordell für 52 Wochen." Vielleicht ist das Tarantinos Problem. Niemand, dem seine Haut teuer ist, wagte zu widersprechen, als der Meister die Banalität des Banalen entdeckte, nur um sich nicht zu wiederholen. UWE SCHMITT

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