Dank einer Intervention Bucharins konnte Ossip Mandelstam
(1891-1938), Fremdkörper in der immer stärker verwalteten und
gleichgeschalteten Sowjetliteratur, 1930 eine Reise nach Georgien
und Armenien antreten.
Die Reise nach Armenien, in das Land der frühesten christlichen
Kultur, an den Ursprung, bietet uns in raschem Wechsel die
Momentaufnahmen eines gierigen Auges, das den Schock, die Anregung
zum Sehen vermitteln will. Doch man merkt rasch, daß dies ein Auge
mit historischem Gedächtnis, Auge eines humanistisch Gebildeten
ist, Auge mit dem Anspruch, "über die Akustik zu
verfügen", Urorgan zu sein, alle Sinne zu vereinigen und zu
vergeistigen.
Ossip Mandelstam wurde 1891 in Warschau geboren. Studium in Paris, Heidelberg und Petersburg. 1913 erschien sein erster Gedicht-band "Der Stein". Es folgten 1922 "Tristia" und der Sammelband "Gedichte" 1928. Eine Neuausgabe seiner Gedichte sowie der erzählen-den und essayistischen Prosa erschien 1955 im Tschechow Verlag, New York. Als Paul Celans Übertragungen der Gedichte von Ossip Mandelstam 1959 erstmals erschienen, war der Name dieses russischen Lyrikers, Erzählers und Essayisten bei uns noch weitgehend unbekannt. Inzwischen haben die beiden Erinnerungsbände seiner Frau Nadeschda Mandelstam "Das Jahrhundert der Wölfe" (1971) und "Generation ohne Tränen" (1975) viele Leser mit seiner Person und seinem Schicksal bekannt gemacht. Ossip Mandelstam wurde 1934 im Verlauf der Stalinistischen "Säuberungen" nach Sibirien deportiert, wo er 1938 in einem Lager umkam.