Herzog Emanuel von Croÿ (1718-1784) stammte aus einer altadligen
Familie französisch-deutschen Ursprungs, war Landbesitzer,
ranghoher Militär, Beobachter und Chronist seiner Zeit und
interessierte sich insbesondere für Literatur, Architektur sowie
das Theater. Er war nicht nur ein produktiver Autor von Essays und
Pamphleten, sondern auch ein besessener Tagebuchschreiber, von dem
tausende Seiten seines Journals seit 1740 überliefert sind.
Hans Pleschinski hat das Journal zum ersten Mal in einer Auswahl
für das deutsche Publikum übersetzt und herausgegeben: Eine farbige
und anschauliche, streckenweise einzigartige Fundgrube, was das
politische und gesellschaftliche, private und höfische Leben im 18.
Jahrhundert in Frankreich und in Deutschland bis zur Französischen
Revolution anbelangt. Begegnungen mit Voltaire und Benjamin
Franklin, den Brüdern Montgolfier, Porträts von Madame de Pompadour
bis zu Marie Antoinette, die Hinrichtung eines Attentäters und das
Sterben Ludwigs XV. - ein unschätzbares und präzises Dokument einer
untergegangenen Welt.
'Ich überreichte Mr. Franklin eine Denkschrift zur Verbreitung
der französischen Sprache in den Vereinigten Staaten, worüber er
vor dem Kongreß zu sprechen zusagte. Er spielte auf seiner
Harmonika, die er noch weiter perfektioniert hatte. Er, der Vater
der Elektrizität, setzte vor unseren Augen einen starken
elektrischen Apparat in Gang. Von Boston zeigte er uns Ansichten
auf feinem Papier (...) Das war alles sehr interessant. Sein Land
ist wie ein Traum!' Aus: Das geheime Tagebuch des Herzogs von
Croÿ
Nichts haben die Memoiren des Herzogs von Croy von ihrer mitreißenden Unmittelbarkeit verloren, schwärmt ein hingerissener Walter van Rossum. Die 1737 begonnenen Aufzeichnungen, die bis zum Tod des Herzogs 1784 auf 41 Bände anschwollen, geben einen faszinierenden Einblick in das Leben am Hof Ludwigs XV. und später Ludwigs XVI., verspricht der Rezensent, der in dem Verfasser einen ebenso getreuen Chronisten wie "großartigen Erzähler" schätzt. Die Entscheidung des Verlags, es als "Geheimes Tagebuch" zu vermarkten, ist allerdings lediglich als Werbung abzutun, stellt van Rossum klar, denn geheim ist an diesen Memoiren gar nichts, auch wenn sie wahrscheinlich nicht für eine Veröffentlichung geschrieben worden sind. Diese Ausgabe mit ungefähr einem Viertel der Originalhandschrift wurde zudem vom Herausgeber, der auch noch Spezialist für Schriften des 18. Jahrhunderts ist, ganz hervorragend übersetzt, freut sich der Rezensent.
Hans Pleschinski, geboren 1956, Literatur- und Theaterwissenschaftler, lebt als freier Autor in München. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, etwa 'Brabant' (1995), 'Bildnis eines Unsichtbaren' (2002), 'Leichtes Licht' (2005) und 'Ludwigshöhe' (2008), eine Auswahl aus dem Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen, und gab die Briefe der Madame de Pompadour sowie Erzählungen von E.T.A. Hoffmann heraus. Bei C.H.Beck erschienen außerdem 1993 'Ostsucht. Eine Jugend im deutsch-deutschen Grenzland' und 2007 'Verbot der Nüchternheit. Kleines Brevier für ein besseres Leben'. Zuletzt erhielt Hans Pleschinski, der zweimal mit dem Tukan-Preis der Stadt München ausgezeichnet wurde, den Hannelore-Greve- Literaturpreis (2008) und den Nicolas-Born-Preis (2008).
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