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Der Star der polnischen Literatur rappt Nach ihrem Debut Schneeweiß und Russenrot, das von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeiert worden ist, landete Dorota Maslowska mit_ Die Reiherkönigin_ ihren nächsten großen Coup. Ein schonungsloser Rap über den Existenzkampf in der Medien- und Konsumwelt, der mit dem renommierten_ NIKE-_Preis ausgezeichnet wurde.
Der Popsänger Stanislaw Retro ist auf dem absteigenden Ast: Seine Freundin verlässt ihn, die Presse setzt ihm mit verleumderischen Meldungen über sein Sexualleben zu, und der verzweifelte Versuch seines Managers, ihn als Schwulenstar zu
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Produktbeschreibung
Der Star der polnischen Literatur rappt Nach ihrem Debut Schneeweiß und Russenrot, das von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeiert worden ist, landete Dorota Maslowska mit_ Die Reiherkönigin_ ihren nächsten großen Coup. Ein schonungsloser Rap über den Existenzkampf in der Medien- und Konsumwelt, der mit dem renommierten_ NIKE-_Preis ausgezeichnet wurde.

Der Popsänger Stanislaw Retro ist auf dem absteigenden Ast: Seine Freundin verlässt ihn, die Presse setzt ihm mit verleumderischen Meldungen über sein Sexualleben zu, und der verzweifelte Versuch seines Managers, ihn als Schwulenstar zu verkaufen, misslingt. Der nächste große Hype, der ihn von der Bühne fegen wird, steht bereits in den Startlöchern.

Maslowska sampelt Literatur, Popmusik und Kinderlieder, knöpft sich den Medienjargon vor und entlarvt seine Phrasen. Sie bedient sich der Zitate und Verweise als Material, formt es zu einer neuen Art von Poesie und gießt das alles lässig in den Rhythmus des Rap. Ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann, und das überdrehte und farbige Bild einer beschleunigten Gesellschaft.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 15.06.2007

Polens finsteres Fräuleinwunder
„Die Menschen wollen beleidigt werden”: Eine Begegnung mit der Bestsellerautorin Dorota Maslowska
Polens finsterstes Fräuleinwunder hat ein Gesicht wie ein Kind und einen Stil wie ein verstopfter Abfluss. „Yo Mann, Vater hat Mutter umgebracht, Sohnemann hat nur laut gelacht, im Hauseingang brüllen Gespenster, der Tod geht wandern, ein Arsch fickt den anderen.” So gehts zu in Dorota Maslowskas Buch „Die Reiherkönigin”. Oder so: Zwei Polizisten sollen eine Schlägerei unter Betrunkenen schlichten (Kirschfusel-Anhänger gegen Brennspiritus-Fans) und reimen: „Lass uns warten, bis sie ausgeblutet sind, und wenn das penisdick geronnen, haben wir schon viel gewonnen.” Coole Klamotten müsste man haben, aber die sind ein „tittenteurer Spaß”, überhaupt, das Leben, „Penis und Vagina, verdammt!”
Damit nämlich wäre das Schlimmste über Dorota Maslowska auch schon gesagt – Polens brutalstmöglicher Gegenentwurf zum sterilen, apfelblank polierten Kaczynski-Land. Dorota Maslowska – ausgezeichnet mit dem höchsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis. Andrej Stasiuk sagte über sie: „So ein Talent erscheint nur einmal in einer Generation.” Die polnische Regierung ist da zurückhaltender.
Und dann sieht man sie, unter dem Stuckhimmel des Hamburger Literaturhauses, und ist so überrumpelt, wie alle anderen überrumpelt waren: ein offenes Mädchengesicht unter schrägem Pony, Jeanskleid mit Rüschen, bunte Kugeln im Ohr. Selbst Fruchtzwerge sehen abgründiger aus. Lesungen sind nicht ihre Lieblingsbeschäftigung, sie verschleißen sie, und heute Abend sind Schüler hergeordert, die nur ein paar Jahre jünger sind als sie, aber rascheln und tuscheln und bei jedem schlimmen Wort entrüstet kichern. Maslowskas Argot ist keine Jugendsprache, sondern ein sperriges Kunstprodukt, das war in ihrem ersten Buch „Schneeweiß und Russenrot” schon so, einer Art polnischem „Trainspotting” aus Drogen, Frauen, Flüchen, und jetzt, in der „Reiherkönigin” (Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 193 Seiten, 9,95 Euro), einem Rap, gilt das noch mehr.
Früher war ich nicht so zickig
Also macht sie kurzen Prozess, jagt durch eine Seite auf Polnisch, dann folgen vierzig Minuten deutsche Lesung, ein paar Fragen, und die Jugendlichen strömen erleichtert zur Tür. „Das ist das quälendste Publikum”, sagt sie danach: „Aber vielleicht liegt’s auch an mir. Früher war ich nicht so zickig. Heute rede ich nur darüber, dass mir das alles nicht gefällt.” Das wiederum klingt nun nicht sehr zickig, sondern eher entwaffnend, wie sich die ganze Person überhaupt ununterbrochen in Frage stellt. Etwa ihr Verhältnis zur eigenen Sprache. Sie hat das Buch vor zwei Jahren geschrieben, heute zuckt sie bei jedem Fluch zusammen. „Mit diesem Schockeffekt habe ich es mir ja ziemlich leicht gemacht”, sagt sie: „Und die Provokation verbraucht sich schnell. Die Menschen werden gern beleidigt, sie konsumieren Beleidigungen, sie reiben sich Scheiße ins Gesicht wie Kosmetik.”
Die „Die Reiherkönigin” ist vor zwei Jahren in Polen erschienen, noch vor dem Regierungsantritt der Kaczynskis, vielleicht, kichert sie, „sind sie ja nur an die Macht gekommen, um gegen das anzukämpfen, was ich schreibe”. Polens Intellektuelle lachen gern mal über die Witzfiguren an der Regierung. „Wie soll man die auch ernst nehmen?”, sagt sie: „Wie soll man sich mit Menschen auseinandersetzen, die allen Ernstes durch die Kinderbeauftragte der Regierung prüfen lassen, ob die Teletubbies schwul sind?” Je reaktionärer der Zeitgeist, desto mehr polarisiert Maslowska, wird verehrt von den einen, gehasst von den anderen. Morddrohungen blieben aus, „dafür hat mein Buch zu viel Humor”. Inzwischen ahnt sie, dass diese noble Zurückhaltung ihren Preis haben könnte, dass sie als bekannteste Schriftstellerin ihres Landes vielleicht sogar eine Verantwortung hat, die Stimme zu erheben. „Das Schweigen ist gefährlich”, sagt sie.
Als sie mit 18 ihren ersten Roman schrieb – neben dem Abitur, wie die Legende geht, in einem Monat – , da war sie einer glücklichen Kindheit erst ein paar Jahre entronnen. Behüteter, wenn man so will: bürgerlicher nämlich ist eine Jugend in Polen kaum denkbar: Ein kleines Dorf an der Küste, der Vater Seemann, die Mutter Ärztin. Mit 15 fährt Dorota zum ersten Mal ins große Danzig. Ist es ein Wunder, dass sie in Warschau nach Praga zieht, in die Bronx der Hauptstadt, zu Pennern, Drogen, Dreck? „Ohne Schmerz spürt man sich nicht, ohne Schmerz ist kein künstlerischer Ausdruck möglich”, sagt sie, und merkt nicht, wie rührend naiv das klingt. Dorota Maslowska ist nicht die Erste, die sich nach dem Vakuum einer Kindheitsidylle lebensgierig in die Gosse stürzt. Aber in der sauber geharkten Zwangsidylle des Zwillingsreiches finden ihre Milieustudien mit Tourettesyndrom einen Resonanzraum, der sie subversiv und eminent politisch erscheinen lässt. Kein Zweifel: Polen braucht Dorota Maslowska, aber Dorota Maslowska braucht Polen mindestens ebenso sehr.
Die Story der „Reiherkönigin” ist dünn wie eine Gitarrensaite. Sie erzählt vom Absturz des Rocksängers Stan Retro. Seine Freundin hat ihn verlassen, seine Platten verkaufen sich schlecht, die Konkurrenz überholt ihn mit grenzwertigen PR-Ideen – eine Band simuliert epileptische Anfälle, eine zweite Inkontinenz – , und irgendjemand hat im Internet das Gerücht gestreut, Stan sei ein Freimaurer und schwul, was sein Manager in einem demütigenden Fernsehauftritt ausschlachten will. Rettung bringt ausgerechnet Patricia Pitz, eine reiche, aber überwältigend hässliche Laien-Gitarristin, an deren Seite Stan die Szene mit einem neuen Marketingkonzept zurückerobern soll: Werte, Wahrheit und ein Herz für Loser. Das Ganze zielt auf eine „anspruchsvoll christliche” Zielgruppe, Typ „alternative Pilgerin, die sich den fünfzehnten Tag in Jesuslatschen von Danzig nach Tschenstochau quält”.
Gelegentlich schiebt Maslowska kurze Zusammenfassungen ein: „Dieses Lied entstand aus Mitteln der EU, des Ministeriums für Kultur und Kunst und der Stiftung Barrierefreie Verständigung von Jolanta Kwasniewska”, der Frau des Expräsidenten. Überhaupt schreibt sie sich mit dem Buch die Zumutungen einer bulimischen Mediengesellschaft von der Seele, die damals über die 18-Jährige hergefallen ist und noch die völlige Verweigerung als neuen Trick begrüßt. „Die Menschen heutzutage kennen keine Grenzen mehr. Wer Sex mit allen haben kann, hat keinen Spaß mehr. Wer immer gut isst, dem schmeckt es nicht”, sagt Maslowska. Sie ringe um ihre „Reinheit”, ihre Authentizität, jenseits von Medien und Konsum. Dorota Maslowska – eine heimliche Konservative? „Ja, mit den Jahren werde ich das wohl”, sagt sie. Und gläubig, wenn auch nicht praktizierend, ist sie auch. Aber da müsste sie sich doch mit den Saubermännern gut verstehen? „Die Kaczynskis zwingen den Menschen die Regeln auf, aber diese sollen sich aus freien Stücken dafür entscheiden.” Also auch eine Romantikerin.
Die Frau in mir wächst
Frauen sind, wie schon in „Schneeweiß und Russenrot”, winselige Abziehbilder. Kaputt, aber lebendig wirken nur die Männer. Sie könne keine Frauenfiguren schaffen, die kraftvoll und ausdrucksstark zugleich sind, hat Dorota Maslowska gesagt. Dass dies auch die Reaktion auf die Begrenztheit eines polnischen Frauenlebens ist, liest man einer Heldin sogar am Hintern ab. Da hat sie sich ein Tattoo namens „patriarchale Kultur” eingravieren lassen, mit Rosen, Schlangen und der KP am Galgen. „Aber reden wir nicht darüber”, sagt Maslowska, „die Frau in mir wächst gerade.”
„Schneeweiß und Russenrot” war auch in Deutschland ein Bestseller. „Die Reiherkönigin” dürfte es schwerer haben. Es dauert ziemlich lange, bis man in diesem Stakkato, diesem Rap, den der Übersetzer Olaf Kühl in einer titanischen Anstrengung bis zur letzten Seite durchgehalten hat, narrative Gassen findet. Der Text wimmelt von polnischen Begriffen, die niemand erklärt, aber der Verlag hat sich ohnehin für eine Sparausgabe entschieden, die jedes Buch zum brüchigen Einweg-Exemplar macht.
Am liebsten wäre ihr, ihre Literatur würde wie ein Virus wirken, sich einnisten und andere anstecken, hat Dorota Maslowska gesagt. Sie ist klug genug, um zu ahnen, dass sich zwischen dem inspirierenden Outcast-Leben und der Schriftstellerkarriere bald eine ziemliche Kluft auftun wird. Inzwischen lebt sie in einer alten Villa mit Garten. Ihre Tochter sollte mehr vom Leben mitkriegen als Ballonseide. Sie schreibt ein neues Werk, ein Theaterstück, in einer „erlesenen Sprache”. Bis jetzt enthält es nur zwei Flüche.SONJA ZEKRI
Kopfüber in die Gosse – und wieder raus: Dorota Maslowska Foto: eastway
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 16.06.2007

Der Reiche frisst, der Arme hat es satt

Dorota Maslowska, der junge Star der polnischen Literatur, hat einen virtuosen Rap-Roman geschrieben, der die Medienwelt Warschaus grell ausleuchtet. Olaf Kühl hat das Großstadtepos frei nachgedichtet.

Von Stefanie Peter

Ginge es nach Polens Erziehungsminister Roman Giertych, so würde auch dieser Titel wohl nie seinen Weg in den Kanon der Pflichtlektüre polnischer Schüler finden. Erst neulich hatte der Scharfmacher von der rechtsklerikalen "Liga Polnischer Familien" verkündet, welche Dichter er von dieser Liste gestrichen und durch nationalistische Literatur oder Papstbiographien ersetzt wissen möchte: Kafka, Goethe, Conrad und Dostojewski gehören dazu, aber auch Gombrowicz und Witkacy, polnische Klassiker der Moderne. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Proteste zwangen den Bildungspolitiker zum Rückzug. Und es sind zugleich die Dichter selbst, die sich an der nationalkatholischen Stimmungsmache der letzten Jahre gerieben und ihr eine starke, eine kompromisslose Literatur entgegengesetzt haben.

"Gern würde sie vergessen" heißt es in Dorota Maslowskas jüngstem Buch, "in welch einem schrecklichen Land sie lebt mit dem seltsamen Namen ,Polen', wo sich aus Versehen vergessene Kriege ständig wiederholen." Und auch ein anderer Protagonist des Textes "Die Reiherkönigin", für den in der deutschen Übersetzung die Gattungsbezeichnung "Ein Rap" angegeben wird, wünscht sich aus seiner Existenz. Sein Name sagt schon alles: Stanislaw Retro. Als Rockmusiker hatte er mal gute Zeiten, ist aber nun bereits lange auf einem Abstieg ins Bodenlose. Längst spielt er nicht mehr auf der Gitarre, sondern nur noch am Rechner, wo es "schieß oder stirb" heißt.

Geld- und Potenzprobleme, die offensichtlichen Spuren des Alters - an Stan Retro ist so ganz und gar nichts chic, auch wenn sein Name mit einem neuerdings geschätzten Modeattribut identisch ist. Für ihn bedeutet "retro" ganz einfach eine Rückwärtsbewegung: weg vom Erfolg und weg vom Glück. Zu Retros größter Schmach geraten Vorwürfe, die einige Weblogger plötzlich gegen ihn erheben: Ein "schwuler Freimaurer" soll er sein, und damit sind auch schon die schlimmsten Eigenschaften miteinander vereint, die einem Mann in Polen angedichtet werden können.

Schließlich fasst Retro einen Plan. Er will seinen Manager Szymon Rybaczko ermorden, der ihn hat fallenlassen und damit für alles erlittene Elend verantwortlich scheint. Und es versteht sich fast von selbst, dass die Abenteuer der Silvesternacht, auf die der Mordplan datiert ist, schließlich anders als geplant verlaufen. Retro bringt die Tat nicht über sich, während gleichzeitig unerkannte Diebe in seine Wohnung einbrechen und alle seine Haushaltsgeräte mitgehen lassen. Dabei wohnt der Exmusiker doch schon in einer gated community. In diesen Tagen ist nichts sicher. Ein schwacher Trost, dass auch der Manager in dieser Nacht als begossener Pudel dasteht. Man hatte einen Eimer mit schwarzer Farbe über seinem Kopf entleert. Szymon hat es ebenfalls nicht leicht. Als der Papst stirbt, fällt er aus allen Wolken, weil er merkt, dass er, an dessen Medienwirkung gemessen, ein ganz ganz kleiner Fisch ist. Eine neue Strategie muss her: Werte und Moral in den Mittelpunkt, fort mit den Plastikfrauen, kein Wort mehr von Sex und Konsum.

Hatte Dorota Maslowska in ihrem 2004 auf Deutsch erschienenen Erstling "Schneeweiß und Russenrot" noch die eigene Herkunft aus der Kleinstadt zum Thema gemacht und die Auswirkungen von Marktwirtschaft und Systemwechsel anhand des Milieus der Männer in Trainingshosen beschrieben, so entwirft sie in "Die Reiherkönigin" ein nicht weniger präzises Bild der heutigen Warschauer Verhältnisse: Die Provinzler sind nun im Zentrum angekommen. Manche erobern die Stadt, andere gehen baden. Maslowska hat ein Großstadtbuch mit gleißendem Licht und harten Schatten geschrieben. Und zeigt darin die Brutalität und Schnelligkeit, die das Gesicht einer globalisierten Metropole prägen.

Im Warschauer Kosmos des dritten Jahrtausends trifft man sich in Shoppingmalls, die Namen wie "Arkadia" tragen, zum Kaffee und stößt allerorten auf die Effekte des noch jungen Medienbetriebs. Produzenten, Stars und Sternchen, Castingshows, während auf der anderen Seite eine ebenso unerträgliche Lobby geschmiedet wird, die dem täglichen Konsumalltag mit Moral und Religion in die Parade fahren will. "Das ist die Alchemie der Stadt: der Reiche frisst, der Arme hat es satt."

Dorota Maslowska kennt all das von innen, und sie beherrscht die Sprache der Milieus, die sie beschreibt. Sie trifft den Slang der Agenturen, den Sound der Werbetexter und weiß, dass manch ein wichtigtuerischer Manager von heute noch gestern Punk oder Anarcho war. Ihr Buch zitiert den Bildungsroman und transportiert ihn in die Narration einer Castingshow. Wie steil Karrieren auf diesem Feld nach oben oder unten laufen, hat Maslowska nach ihrem ersten Roman, der in den Himmel gelobt wurde, am eigenen Leib erfahren. Denn bald schon erhob sich ein Raunen und Gegrummel, die Frage nach dem lange ausgebliebenen zweiten Buch wurde immer lauter. Die literarische Konkurrenz vor der Nase, wurde der jungen Autorin bald unterstellt, nur eine Eintagsfliege gewesen zu sein: "Wojciech Kuczok hat Lesung im Schlesischen Haus. Alles flüstert. Du bist raus."

Sprachakrobatik für den Übersetzer.

Maslowskas neues Buch ist kein Roman, sondern ein Rap, und verdient sich dieses Prädikat durch eine Sprachakrobatik, die Olaf Kühl mehr nachgedichtet als einfach übersetzt hat. Mal fließt die Prosa gleichmäßig dahin, mal nimmt sie Fahrt auf, wird dicht, wo es sich reimt, das Ganze bekommt einen Rhythmus, einen Beat. Laut gelesen, schreit dieser Text geradezu nach starken Temposchwankungen. Und ein Vorleser wäre gut beraten, Markierungen für dramatisches Accelerando und beruhigendes Ritardando einzutragen.

Müßig ist hingegen die Frage, ob durch Kühls Übertragung ins Deutsche originärer Sprachwitz verlorengegangen ist. Das musste nämlich schon deshalb so sein, weil sich der Übersetzer erst gar nicht an der Kopie des Originals versucht hat. Kühl bringt den Resonanzraum der deutschen Sprache und Assoziationsgeschichte zum Klingen. So kann man sich beim Lesen des Satzes "Und im Falle eines Falles können Sie mir eine kleben" an eine uralte Werbung für UHU-Alleskleber erinnert fühlen. Und wenn es heißt "Steh auf jetzt Verdammter, wasch die Erde dir aus dem Gesicht" grüßt die Internationale.

Im Vergleich mit dem polnischen Original lässt sich studieren, wie viel Wortwörtlichkeit verlorenging und wie viel Sprachwitz gewonnen wurde und dass die literarische Leistung, die Kühl mit seiner Übersetzung erbracht hat, nicht hoch genug bewertet werden kann. Zudem ist es gerade der Rückgriff auf teils veraltet anmutende Redensarten und aus der Mode gekommene Wörter, die der Text mit den poetischen Verfahren einer rappenden Jugendkultur gemein hat. "Langer Rede kurze PIN": Man sollte Dorota Maslowska vielleicht einmal gemeinsam mit dem Hamburger Hip-Hopper Jan Delay auftreten lassen. Der textete kürzlich über die Kartoffel und hatte dabei deutsche Spießer im Sinn.

- Dorota Maslowska: "Die Reiherkönigin". Ein Rap. Autorisierte Übersetzung aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Illustrationen von Maciej Sienczyk. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2007. 188 S., br. 9,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"So ein Talent erscheint nur einmal in einer Generation." - Andrzej Stasiuk

"Dieses Buch ist ein Glücksfall, ein Drogentrip als Sprach- und Gedankenrausch: Billiger war solch hochkonzentrierter Stoff selten zu haben." - Richard Kämmerlings, FAZ

"Diesen Debütroman soll eine Abiturientin geschrieben haben?" - Volker Hage, Spiegel

"Autoscooterfahren zwischen Buchdeckeln." - Süddeutsche Zeitung

"Schnell wie die Kugeln eines Flipperautomaten." Frankfurter Rundschau

"Ein Ausnahmetalent." - Johanna Adorján, FAS

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Das Warten auf Dorota Maslowskas zweiten Roman hat sich offenbar gelohnt: Stefanie Peter weiß gar nicht, wen sie zuerst loben soll. Die souveräne polnische Jungautorin Maslowska oder ihren kongenialen Übersetzer Olaf Kühl, der dem als Rap titulierten Roman in der deutschen Version sogar zu mehr Wortwitz verhelfe als dem Original. So erinnert die Prosa Rezensentin Peter mal an eine UHU-Werbung und mal an sozialistische Parolen, und die Sprache besitzt einen "Beat", der geradezu nach einem Vorleser schreie. Herausgekommen ist ein genaues Bild der jungen Hippen im Warschau des neuen Jahrtausends, ein "Großstadtbuch mir gleißendem Licht und harten Schatten".

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»Ein gereiftes Wunderkind« 3sat