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Escribiente
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Lübeck

Bewertungen


Insgesamt 5 Bewertungen
Cobert, Harold Ein Winter mit Baudelaire EUR 17,95
  • Bewertung vom 15.07.2010
  • *****
    ausgezeichnet
  • Man kann dieses Buch selbstverständlich auch dann genießen, wenn man zuvor nicht „Les fleurs du mal“ von Baudelaire gelesen hat, doch die Kenntnis darüber macht das Vergnügen aber auch den emotionalen Eindruck, den das Buch beabsichtigt, ungleich größer.
    Kurze Sätze, klare Gedanken. Hintergedanken. Dem Stile treu bleiben.
    Eine Friedhofsmauer ist der einzig greifbare, wenn auch paradoxe Beweis dafür, dass es Leben gibt. Ein Hund huscht verstohlen durchs Bild. „Nimm mich zu dir“, sagt Charles Baudelaire, „und aus dem Elend von uns beiden machen wir dann vielleicht so etwas wie Glück.“ Nur dafür ist es noch zu früh. Der Hund heißt Baudelaire. Doch das weiß Philippe, der Protagonist zu dieser Zeit noch nicht.
    Philippe ist schon früh morgens auf der Straße, er war es die ganze Nacht. Es ist Mai. Er liest die Zeitung, erfährt, dass die meisten Obdachlosenheime nur von November bis Mai geöffnet sind.
    Damit beginnt für ihn, ohne dass er es weiß, ein neuer Abschnitt in seinem Leben. Viel zu früh kommt er in seine Firma, um sich in der Toilette zu waschen. Zielvorgaben. Noch funktioniert er. Alle funktionieren. Tag für Tag. Woche für Woche.
    Philippe schwänzt – mehr zufällig – den Nachmittag. Sucht ein Hotel. Schaltet den Fernseher im dürftig möblierten Zimmer ein, und erfährt, dass die gesunkene Kaufkraft auf die schwindelerregenden Profite einiger, weniger Unternehmen trifft. Er erfährt, dass mit Beginn der warmen Jahreszeit und dem Eintreffen der ersten Badegäste an der Côte d‘Azur die Obdachlosenheime geschlossen werden.
    Philippe erlebt Menschen, die eine poröse Selbstsicherheit zur Schau tragen, die von feinen Rissen der Lebensunlust und existenzieller Verunsicherung durchzogen ist.
    Doch noch ist alles kein Problem für ihn. Er hat seinen Führerschein abgeben müssen. Es ist ein schöner Abend. Er fährt Metro. Findet Platz. Die Gesichter der Menschen, auf die er trifft, sind nicht mehr so verkrampft und angespannt, nur noch glatt und verschlossen wie Wachsmasken.
    Märchenhaftes beginnt. Die Realität holt die ans Gemüt gehende Geschichte ein. Und die Wirklichkeit öffnet ihre automatische Schiebetür und schiebt ihn, der abzugleiten droht, hinaus auf die Straße, hinein in eine Welt, in der sogar die Kultur auf Pump zu haben ist. Philippe stellt fest, dass er keine Schuhe mehr hat. Auch seine Socken sind weg. Er ist angekommen. Obdachlos. Er ist stimmlos. Und er erfährt, dass das Zeitgefühl das Erste ist, was man auf diesem Wege verliert. Dabei ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass es einst ein anderes Leben gab – und dass auch ein anderes, besseres kommen kann. Aber, zunächst ist gestern so wie heute und morgen so wie gestern. Ein Teufelskreis. Ein Schatten an der Wand.
    Er sinkt tiefer. Gibt das auf, was ihn zum Menschen macht. Alkohol. Selbst der Schatten wendet sich von ihm ab. Die Menschen haben das schon längst vollzogen. Nur ein Hund hält zu ihm. Ein braver Hund. Und dieser Hund rettet ihm wahrscheinlich das Leben. Ein Kreis beginnt sich zu schließen. Ein Märchen? Aber beginnen Märchen nicht stets mit dem Satz: „Es war einmal…“?
    Ein Buch, das Spuren hinterlässt.
    Und um mit Baudelaire zu schließen:
    „Weit hinter dir lass Kummer, Schuld und Streit,
    Die dumpf und lastend dich zur Erde zwingen,
    Beglückt, wer sich erhebt auf leichten Schwingen
    Zu leuchtender Gefilde Heiterkeit!“ (Strophe aus „Erhebung“)
Efinger, Marianne Gottes leere Hand EUR 6,99
  • Bewertung vom 29.06.2010
  • *****
    ausgezeichnet
  • „Ich werde sterben“, stellt Manuel Jäger fest. Er hat, so sagt er, noch fünfundvierzig Sekunden. Er hat Atemnot. Die Lunge macht Probleme und das liegt an seinen Glasknochen, die brechen, wenn er kräftig husten würde.
    Soweit die eine Ebene der Erzählung, es ist die emotionale. Sie berührt den Leser auf besondere Art. Die andere, die sachlich ausgerichtete, berichtet in einem sarkastischen Zynismus über den Alltag im Krankenhaus, das so organisiert ist, „dass es am besten funktioniert, wenn keine Patienten darin liegen.“
    Obwohl es im Krankenhaus nur so vor Personal wimmelt, gibt es für Patienten erschreckend leere Flure. Und es passiert, dass man allein ist, vergessen von allen.
    Doch was ist Zeit? Manuel hat Zeit, Zeit über sich und die Zeit nachzudenken, darüber nachzudenken, dass die Zeit abläuft. Und er beginnt über das Leben an sich nachzudenken, aber auch über anderes. Zum Beispiel, dass es der Lärm sein könnte, der den Menschen erst eigentlich zum Menschen macht. Daraus ergibt sich für ihn fast zwangsläufig die Frage nach dem Leben, oder das, was einen Menschen sonst noch ausmacht, das Denken. Aber da gibt es noch etwas, das Gefühl. Manuel ist voller Gefühl, Lebensgefühl, Lebensbejahung, aber auch die Erkenntnis, nichts davon halten zu können.
    So weit in groben Zügen die Beschreibung dessen, was dem Leser erwartet.
    Einfühlsames wechselt mit vordergründig erscheinendem Profanem ab – Krankenhausalltag. Aber ohne ihn wäre auch das andere nichts, oder nur Gefühlsduselei.
    „Medizin dient dem Leben“, sagt Manuel. Fast schon philosophisch fügt ein anderer hinzu: „Hast du denn lange genug gelegt? ... Willst du noch mehr? Oder ist es genug?“ Und so bekommt der Titel des Romans einen Sinn, als der demenzkranke Wendelin Weihrauch fragt, ob er, Manuel Jäger, vorbereitet ist, den Weg anzutreten. „Gott“, so sagt er, „stellt keine Bedingungen. Seine Hand ist leer. Er hält sie jedem hin, der sie ergreifen will.“
    Die Autorin gewährt uns einen (erschreckenden) Blick hinter die Kulissen eines Krankenhauses. Der ganz normale Ablauf. Hektische Betriebsamkeit, gestresste, teilweise übermüdete Mitarbeiter, egal ob Krankenschwester oder Arzt. Von daher wird verständlich, warum der Protagonist nur ungern hinein möchte. Trotzdem findet er genau hier seine Erfüllung.
    Ein wunderbares Buch, das auf die Vielzahl der Fachausdrücke ohne weiteres hätte verzichten können.
  • 2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
  • Bewertung vom 13.06.2010
  • *****
    ausgezeichnet
  • Der Roman ist aufgemacht wie ein Bericht: Tag für Tag ist niedergeschrieben worden, was sich ereignet hat. Doch dies stets aus einer anderen Sicht heraus. Szenen werden kurz beleuchtet. Zu kurz, um sich ein exaktes Bild machen zu können. Es bleibt schemenhaft. Sachverhalte und Personen wechseln. Die miteinander verwobenen Geschichten müssen vom Leser schrittweise entwirrt werden. Dennoch ist das keine Last beim Lesen.
    Nach und nach kommen aus dem Knäuel, zu dem die Autorin die Geschichte verquickt hat, einzelne Stränge zum Vorschein. Namen werden genannt, die sich aber auch verändern. Mögliche Verdächtige werden angedeutet. Die Fäden, die man entnehmen kann, werden länger. Die anfangs verworrene Geschichte nimmt aber immer wieder ungeahnte Wendungen. Es gibt einen „neuen“ Mordanschlag! Oder ist es nur ein Unglück, dass die Mutter des zweifachen Mörders von einer Brücke stürzt?
    Diese Frage bleibt zunächst unbeantwortet. Der Faden bleibt im Knäuel. Trotzdem, die Geschichte nimmt Konturen an. Aber dennoch bleibt immer noch Einiges nebulös. Wie die Rolle von Thies, der autistische Sohn von Claudius Terlinden, der sein Anwesen auf dem Millionenhügel oberhalb des Dorfes Altenhain hat. Aber Thies spricht kaum. Scheint aber etwas zu wissen. Vertrauen hat er nur zu Amelie. Sie nennt Thies ihren Freund. Amelie ist siebzehn, ein wenig ausgeflippt. Um Geld zu verdienen arbeitet sie in der Dorfgaststätte „Schwarzes Ross“.
    Weitere Namen tauchen wie aus dem Nichts auf. Weitere Tatmotive zum längst abgegoltenen Doppelmord werden angeführt.
    Pia Kirchhoff, Kriminaloberkommissarin, recherchiert, wenngleich zunächst in einer anderen Sache, weil auf einem stillgelegten Militärflugplatz in der Nähe von Frankfurt eine weibliche, skelettierte Leiche gefunden wird. Oliver Bodenstein, ihr Chef, selbst voller persönlicher Probleme, steht ihr zur Seite.
    Dann verschwindet Amelie. Alles deutet wieder auf Tobias. Er war bereits des Mordes an zwei Mädchen bezichtigt, hat dafür zehn Jahre abgesessen. Sein Vater betrieb die Gaststätte „Goldener Hahn“, die nun brach liegt und vernachlässig wirkt.
    Brillant versteht es die Autorin überraschend immer neue Fäden aus dem Knäuel zu ziehen.
    So nimmt der Zwillingsbruder von Thies, Lars, erfolgreicher Bankmanager, sich auf einem Waldparkplatz das Leben.
    Der nächste Faden: Nadja, die Frau, zu der sich Tobias geflüchtet hat, und die er vertraut, lässt Beweismaterial verschwinden.
    Claudius Terlinden sitzt derweil in Untersuchungshaft, genauso wie Manfred Wagner, der Vater eines der ermordeten Mädchen, deren sterblichen Überreste man gefunden hat, und die nun beigesetzt werden. Beide werden verdächtigt, mit dem Verschwinden von Amelie zu tun zu haben.
    Welcher Faden wird als nächster aus dem Knäuel gezogen? Und wird es der sein, der zum Kern der Geschichte führt?
    Überraschend dann, dass Lars in einem Abschiedsbrief schreibt, dass er Laura getötet habe – es wäre ein Unfall gewesen, teilt er Tobias mit. Doch gleichzeitig gestehen die ehemaligen Freunde von Lars, an dieser Sache beteiligt gewesen zu sein, sie berichten, das Mädchen vergewaltigt zu haben.
    Das Knäuel ist fast abgewickelt. Es bleiben nur noch ein paar wenige Fäden übrig. Aber auch sie miteinander verwoben.
    Die Ärztin, ebenfalls im Dorf wohnend, die sich bisher um Lars gekümmert hat, versucht ihren Mann, der der Unzucht mit Abhängigen bezichtigt wird, gar nicht erst zu decken.
    Ein Testament taucht auf. Ist das des Rätsels Lösung?
    Ein wunderbar verwobenen Krimi, der es wert ist, gelesen zu werden.
  • Bewertung vom 11.01.2010
  • *****
    ausgezeichnet
  • Ziemlich harmlos beginnt die Geschichte. Mit einem Prolog wird sie eingeleitet. Die Bedeutung erschließt sich dem Leser erst ziemlich spät. Sie stellt gleichzeitig die Lösung dar, das Motiv. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg.
    Zu Anfang könnte der Leser glauben, in einem falschen Film gelandet zu sein. Eine harmlose Familiengeschichte. Hochzeitstag. Gelöste Stimmung.
    Doch dann schlägt das Schicksal zu – in diesem Fall die Autorin. Ein Toter wird entdeckt. In einem Wochenendhaus in der Nähe von München. Der Mann, ein pensionierter Kinderarzt, Dr. Heckeroth, wird mit Gürteln an einen Heizkörper gefesselt gefunden. Der Mann ist verdurstet. Raubmord, denkt die Polizei. Es fehlt allerdings ein Schlüssel zu diesem Wochenendhaus. Der Schlüssel, besitzt er eine Symbolkraft? Und der ermittelnde Kommissar, ein gewisser Dühnfort, fragt sich, warum dieser Mann so qualvoll und entsetzlich langsam sterben musste.
    Die erwachsenen Kinder des Toten – zwei Söhne und eine Tochter – sind bestürzt über den Mord an ihrem Vaters, der seiner Frau ein paar Wochen nach ihrem Tod nun folgt.
    Sehr detailliert beschreibt die Autorin die Romanfiguren, die vor den Augen des Lesers in ihrer gesamten Tiefe lebendig werden.
    Da ist zum einen Sohn Albert, der wie sein Vater Kinderarzt wurde. Er ist der ganze Stolz des sehr gebieterisch herrschenden Vaters, der seinen zweiten Sohn, Bertram, nicht besonders anerkannte. Bertram, ein verhinderte Architekt, ist vorbestraft – Steuerhinterziehung. Seine Firma ging pleite.
    Caroline, die Tochter, strebt einen Sitz im Vorstand ihrer Firma an. Doch auch sie wird von ihrem Vater nicht so anerkannt wie Sohn Albert, der Liebling des Vaters. Dafür kommt sie jedoch dem letzten Wunsch ihrer verstorbenen Mutter nach, das von der Mutter geschriebene Tagebuch zu vernichten – das heißt, es zumindest erst einmal zu finden. Abgründe tun sich auf, als sie beginnt, darin zu lesen. Sie erfährt Dinge, die sie besser nicht hätte erfahren sollen. Die Familie erscheint plötzlich in einem ganz anderen Licht. Auch der Vater steht nicht mehr so strahlend dar.
    Immer mehr seltsame Dinge kommen ans Tageslicht. Sie geben aber gleichzeitig Rätsel auf. Auch, wer der Mörder des Vaters sein könnte. Bertram gerät ins Visier der Ermittlung, die Kommissar Dühnfort leitet.
    Doch dann ist auch er tot. Erschossen. Was zunächst nach Selbstmord aussieht, stellt sich alsdann als Mord heraus. Allerdings fehlen Motiv und Täter. Doch Dühnfort glaubt, dass etwas an die Oberfläche drängt. Doch dieses Etwas bleibt schemenhaft.
    Die Spannung bleibt lange erhalten, auch wenn der Leser (schon lange) glaubt, den Täter zu kennen. Die Autorin schafft es, stets neue Zweifel aufkommen zu lassen. Und sie kann glaubhaft darstellen, dass der Triumph der Macht, die der tote Heckeroth für sich reklamieren konnte, sich ins Gegenteil verkehrte.

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