Benutzername: seschat
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Bewertungen

Insgesamt 263 Bewertungen
Bewertung vom 19.03.2017
Gipfelglück
Holst, Evelyn; Grudzinski, Uschi von

Gipfelglück


ausgezeichnet

INHALT
Im Gradonna Mountain Resort im Bergdorf Kals (Osttirol) treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander und erleben jeder für sich einen unvergesslichen Urlaub. Hier inmitten der Berge scheint die Welt noch in Ordnung zu sein, aber ist sie das wirklich?

Denn das Ehepaar Landmann hat unterschiedliche Urlaubsvorstellungen, auch die alternde Millionärswitwe mit ihrem Gigolo bekommt Zweifel, vom perfekten Arzt Dr. Gundermann, der im Resort auf Ehefrau und Geliebte trifft, ganz zu schweigen.

MEINUNG
Das Romanprojekt der Autorinnen Evelyn Holst und Uschi von Grudzinski bietet leichte wie ungemein humorvolle Unterhaltung.

Die Gäste des Bilderbuchresorts sind wahrlich eine Schau. Ihre unterschiedlichen Beziehungsmodelle und -probleme unterhalten prächtig. Ob alternde Millionärin mit Toyboy, eingeschlafenes Langzeitehepaar oder in die Jahre gekommener Schlagersänger mit Walkürenmanagerin, hier ist für jeden Leser etwas Interessantes dabei. Dagegen wirken die beiden alleinerziehenden Erwachsenen mit ihren Teenagerkindern, die während des Urlaubs zueinander finden, noch recht normal bis spießig.

Das turbulente Beziehungskarussell, welches manches Mal an eine Daily Soap erinnert, macht den Reiz dieses Romans aus. Da gerät die traumhafte Berglandschaft rund um den Großglockner schon mal in den Hintergrund. Letzteres stört aber nicht, denn diese kleine, aber exquisit inszenierte Hotelwelt hat Charme und ist spannend bis zum Schluss. Ich habe es genossen, den verschiedenen Figuren von Holst und Grudzinski dabei zusehen zu dürfen, wie diese ihr "Gipfelglück" (s. Titel) finden. Mein Liebling war hierbei der beleibte Frührentner Hans-Peter, der während seines Aufenthalts einen fiktiven und dann realen Kriminalroman verfasste.

Der humorige wie liebenswert kurzweilige Sprachstil passt bestens zur Alpengeschichte. Landschaft wie handelnde Figuren wurden zudem lebensecht eingefangen. Und wer sich als Leser einmal selbst ein Bild vom reizvollen Setting machen will, der sollte sich die letzten Buchseiten mit einigen Schwarz-Weiß-Fotos ansehen.

FAZIT
Eine lustige wie leichte Lektüre, die sich prima für zwischendurch oder den nächsten Bergurlaub eignet.

Bewertung vom 18.03.2017
Benutz es!
Burkhard, Alex

Benutz es!


ausgezeichnet

Der Slampoet und Kabarettist Alex Burkhard hat in seinem 160-seitigen Erzählbändchen "Benutz es!" allerlei höchst amüsante Geschichten gesammelt, die nicht nur gut unterhalten, sondern bisweilen auch zum Nachdenken anregen.

Als Bühnenkünstler weiß Burkhard, was seine jungen Zuhörer bzw. Leser umtreibt und unterhält. Demzufolge konnte dieses Buchprojekt nur glücken.

Die vielschichtigen Geschichten werden von einem 28-jährigen Münchner Skandinavisten Alex erzählt, der sehr emotional veranlagt ist und sich im Alltag oftmals etwas unbeholfen anstellt, wenn es beispielsweise darum geht, das Herz der Angebeteten zu erobern oder als Einsiedler klar zu kommen. Inwiefern die Erfahrungen des Ich-Erzählers sich mit denen des Autors decken, dass kann Alex Burkhard nur selbst beurteilen. Doch die Lektüre wäre ohne reale Erlebnisse gar nicht möglich und so witzig, wie sie nun einmal ist. Mich haben besonders die selbstironischen Zeilen über den Friseurbesuch und das Gespräch über Thomas Müller zum Lachen gebracht. Auch der beste Kumpel des Erzählers namens Pierre hat so seine Eigenheiten. Hier hat mich dessen spezielles Verhältnis zu Büchern, das sich darin zeigt, dass Pierre immer zwei Bücher, nämlich eines zum Lesen und eines zum Hinstellen, kauft, erheitert.

Die Sprache ist das beherrschende Element des Buchs und wird auf verschiedene Weise eingesetzt. Burkhard schafft es, gleichermaßen intelligent, anrührend, aber auch humorvoll zu argumentieren. Wer immer schon einmal wissen wollte, wie abwechslungsreich die eigene Sprache sein kann, der sollte zu diesem kurzweiligen Büchlein greifen und sich prächtig unterhalten lassen. Als besonderes Bonbon des Verlags gibt es noch zu jeder Geschichte noch eine Hörversion.

Lieblingszitate:
"An der Wand hängen gephotoshopte Bilder mit der Unterschrift "Heimliche Zwillinge", die mich neben Jürgen Vogel, Meister Proper, Gollum und diversen Neugeborenen zeigen." (S. 9)

"Beim Pubquiz hätte ich die Chance, der ganzen Welt zu zeigen, wie viel ich auf dem Kasten habe. Leider vergesse ich oft, wie wenig das ist. Und je mehr ich nicht weiß, desto mehr vergesse ich zusätzlich [...]." (S. 15)

FAZIT
Eine durch und durch witzige Normalogeschichte, die jeder humorvoll veranlagte Leser einmal gelesen haben sollte. Denn Alex beansprucht nicht nur einmal die Rolle des Antihelden für sich, der nach dem Credo "Humor ist, wenn man trotzdem lacht" zu handeln scheint.

Bewertung vom 17.03.2017
I don't like Mondays
Behrendt, Michael

I don't like Mondays


gut

In seinem Sachbuch "I don't like Mondays" widmet sich der Autor Michael Behrendt 66 sog. Songmissverständnissen.
Hierbei handelt es sich um Verständnisprobleme, die sich einerseits auf fehlende Fremdsprachen- und Dialektkenntnisse und andererseits auf selektives, meist auf den Refrain beschränktes Hören zurückführen lassen. Behrendts subjektive Sammlung von bekannten und weniger bekannten Liedern aus den Vierzigern bis heute (Madonna, Beatles, Toten Hosen, The Police etc.) hat für den Kenner leider wenig Neues zu bieten. Der kurzweilige Erzählstil macht dies teilweise aber wieder wett. So erfährt der Leser auf den insgesamt 224 Seiten u.a. von Songs, die für Werbung oder politische Wahlkämpfe zweckentfremdet wurden (z.B. die Lieder "Angie" oder "An Tagen wie diesen" für Angela Merkel). Ebenso wird Skandal umwittertes Liedgut wie Falcos "Jeanny" aufgegriffen, dessen Deutung beim Hörer bis heute umstritten ist. Doch macht nicht gerade diese Ambivalenz bzw. Undurchsichtigkeit mancher Songs, deren besonderen Reiz aus?
Berendts Schilderungen fehlte irgendwie der letzte Schliff, so dass sich der Leser nicht nur einmal fragte, warum dieses und nicht jenes Lied eigentlich in die Missverständnis-Sammlung aufgenommen wurde... Davon, dass in diesem Buch die "66 größten Songmissverständnisse" enthalten sind, wie der Untertitel vollmundig ankündigt, kann also nicht die Rede sein. Es ist und bleibt eine subjektive Geschichte, die sich am einfachen Leser orientiert. Im Vorhinein auf dieses Buch hatte ich auf eine Lektüre im Stile von Axel Hackes erfolgreicher "Der-weiße-Neger-Wumbaba"-Reihe spekuliert. Doch leider beliefen sich die Ausführungen zur Thematik "Songverhörer" einzig auf zwei Seiten, was ich schade fand. Insgesamt hat der Autor ein solides Buch veröffentlicht, das mehr eine beschreibende als unterhaltende Lektüre darstellt. Das Cover im Stile einer Schülerzeichnung fand ich darüber hinaus sehr dilettantisch ausgeführt und damit wenig Leseraugen anziehend.

FAZIT
Ein Musik-Sachbuch, von dem ich mir im Voraus mehr versprochen hatte und das mich deshalb und aufgrund der oftmals bereits bekannten Songgeschichten nicht wirklich mitreißen konnte.

Bewertung vom 15.03.2017
Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung
Auersperg, Felicitas

Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung


ausgezeichnet

Die junge Psychologin Felicitas Auersperg, Jahrgang 1989, nimmt in ihrem Sachbuch 16 sozialpsychologische Experimente unter die Lupe. Darin klärt sie den Laien überblicksartig und allgemeinverständlich über bekannte und weniger bekannte Experimente und deren Nutzen fürs eigene Leben auf. Pointiert berichtet sie beispielsweise über das merkwürdige Verhalten in Gefahrensituationen, die negativen Folgen blinden Gehorsams oder die Wirkung von negativen wie positiven Mantras auf unsere Selbstwahrnehmung.
Insgesamt hat die Lektüre der 16 kurzen Kapitel Laune gemacht und darüber hinaus einiges an alltagstauglichen Psychologiewissen vermittelt.

FAZIT
192 prall gefüllte Seiten mit Tier- und Menschenexperimenten, die sehr gut unterhalten und mit Tipps fürs Alltagsleben aufwarten.

Bewertung vom 15.03.2017
Das Brombeerzimmer
Töpfer, Anne

Das Brombeerzimmer


ausgezeichnet

INHALT
Die 28-jährige Nora Kluge ist Witwe. Noch immer trauert sie um ihren Mann Julian, der vor einem Jahr beim Joggen plötzlich an einem Herzinfarkt verstarb. Auch ihre Arbeit als Produktentwicklerin für Fertiggerichte bietet nur temporäre Ablenkung.
Als sie eines Tages Julians letztes Geschenk an sie - ein Glas Brombeermarmelade von Großtante Klara - entdeckt, beschließt sie eine Auszeit zu nehmen und die bisher unbekannte Verwandte spontan zu besuchen. Ihre Reise führt sie nicht nur in die Vorpommerische Boddenlandschaft, sondern auch wieder zu sich selbst...

MEINUNG
Mit "Das Brombeerzimmer" ist Anne Töpfer ein leichtfüßiges wie kulinarisch reizvolles Romandebüt gelungen.

Die einfühlsame Geschichte um Nora und ihre Trauerbewältigung reißt den Leser ab der ersten Seite mit. Das liegt vor allem an der authentischen Hauptfigur und Ich-Erzählerin Nora, die sich mithilfe von Marmelade und neuen Freundschaften zurück ins "normale Leben" kämpft. Die junge Witwe blüht in Mecklenburg regelrecht auf, was auch an der rüstigen Großtante Klara (70), die ebenfalls Marmeladen produziert, und der quirligen Dorfschönheit Mandy (28) liegen mag. Eine Dame dieses herrlich amüsanten Frauengespanns unterschiedlichen Alters und Temperaments hätte ich fast vergessen, nämlich Nora beste Freundin Katharina, die eine Schwäche für falsche Männer hat. Zusammen verleben sie eine heitere Zeit und kommen einem Familiengeheimnis auf die Spur. Darüber hinaus spielen auch zwei verständnisvolle "Bilderbuch-Männer" eine Rolle. Kurzum, der Plot bietet abwechslungsreiche Unterhaltung. Einzig das allzu offene Ende fand ich etwas schade und ich hoffe daher auf eine Fortsetzung der Geschichte, die die noch unbeantwortet gebliebenen Fragen klären wird :-)

Abgesehen von den menschlichen Protagonisten haben sich auch die tierischen Figuren, wie Labrador Watson und Klaras Katzen, in mein Herz gespielt. Durch ihre Eigenwilligkeit wie durch ihre Vermenschlichung fand ich die Tiere des Romans einfach nur knuffig und liebreizend.

Anne Töpfers Sprachstil ist kurzweilig und herrlich unaufgeregt. Sie lässt ihre Figuren lebensecht agieren und setzt auf wahre Emotionen - egal ob heiter oder traurig. Besonders ihre Leidenschaft für Süßes und Liköre verleiht der leisen Geschichte das gewisse Etwas. Denn die eingestreuten, ländlichen Delikatessen werden einfach zu köstlich dargeboten, Rezepte inklusive (u.a. Brombeermarmelade, Holunderlikör etc.). Auch mein Lieblingszitat spielt darauf an: "In den süßesten Früchten steckt ein Geheimnis."

FAZIT
Ein Feel-Good-Frauenroman, der den Alltag einmal Alltag sein lässt und wunderbar entspannt. Tipp: Das Buch liest sich am besten in Kombination mit einem Marmeladenbrötchen.

Bewertung vom 12.03.2017
Anfang 40 - Ende offen
Bloom, Franka

Anfang 40 - Ende offen


sehr gut

INHALT
Vera Odermann ist Mitte 40 und eine erfolgreiche Projektmanagerin. Nachdem sie von ihrem Mann Sven nach 25 Ehejahren durch eine Jüngere ersetzt worden und die gemeinsame Tochter Greta ausgezogen ist, will Vera noch einmal etwas erleben und sich lang gehegte Träume, wie eine Reise nach Feuerland, verwirkliche n. Doch die persönliche Unabhängigkeitsfeier ist nicht von Dauer, denn der 31-jährige Referendar Paul flirtet mit Vera und ein wahres Gefühlschaos bricht sich Bahn...

MEINUNG
Die Autorin Franka Bloom, die bereits Drehbücher für TV-Formate wie "Tatort" oder "Ein Fall für zwei" geschrieben hat, ist eine versierte Erzählerin. In ihrem Roman "Anfang 40, Ende offen" setzt sie sich in schonungslos ehrlicher Weise mit dem Thema Älterwerden auseinander. Vera, die liebenswert chaotische Hauptfigur und Ich-Erzählerin, steht mit ihren 46 Lenzen am persönlichen Scheideweg. Nachdem sie die Tochter großgezogen hat und vom Ehemann verlassen wurde, stehen alle Zeichen auf Neuanfang. Doch will Vera diesen Cut überhaupt? Ist es nicht die Gesellschaft, die den 40- bis 50-jährigen Frauen einen Stempel bzw. bestimmte Rollen aufdrückt, von wegen Hausfrau und alles, nur keine Freiheiten und Selbstbestimmung mehr, von den Wechseljahren ganz zu schweigen? Im Laufe der Handlung zeigt sich, dass zwischen Wunsch und Wirklichkeit oft Welten liegen und der Zufall gehörig mitspielt. So erlebt Vera in der Mitte ihres Lebens noch einmal eine rasante Achterbahnfahrt der Gefühle und kann mit den damit verbundenen temporeichen Entwicklungen nicht immer Schritt halten. Denn auch im fortgeschrittenen Alter verläuft das Leben alles andere als geradlinig...

Blooms kurzweiliger Frauenroman bietet nicht nur beste Unterhaltung, sondern auch selbstkritische Töne. Besonders wenn Protagonistin Vera in sich hineinhorcht bzw. ihr Handeln hinterfragt, gewinnt das Sujet an Tiefgang und regt zum Nachdenken an. Hierbei hat mir vor allem Blooms unverstellte wie selbstironische Sprache imponiert. So werden beispielsweise Wahrheiten übers Altern nicht verschwiegen, sondern offen und unverblümt thematisiert, was zu einigen Lachanfällen führte. Auch der Generationenkonflikt zwischen Mutter und Tochter wurde amüsant aufgearbeitet, Einzig gegen Ende des Plots übertreibt es die Autorin mit den zwischenmenschlichen Dramen bzw. Versöhnungen etwas, so dass es irreal wirkt und zu konstruiert.

Hier Veras charmante Selbsteinschätzung am Buchende (S. 412):
"[...] Vera Odermann, 47,4 Jahre alt, mit Krähenfüßen im Gesicht, Kniespeck am Bein, Bauchspeck am Bauch, grauem Haaransatz, auf Sehhilfe angewiesen und zum Glück endlich geschieden. Aber noch lange nicht alt."

FAZIT
Ein launiger Frauenroman übers Älterwerden, der dem Motto folgt: "Don't worry, be forty!" Denn alles kann, nichts muss...

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Bewertung vom 11.03.2017
Verloren zwischen den Welten / Welten-Trilogie Bd.2
Oliver, Sara

Verloren zwischen den Welten / Welten-Trilogie Bd.2


ausgezeichnet

INHALT
Der zweite Band von Sara Olivers Welten-Trilogie knüpft nahtlos an die erste Erzählung an. Obschon man den Teleporter und damit den Zutritt zur Parallelwelt ausgeschaltet hatte, macht die schwere Erkrankung von Ves Mutter eine Öffnung des Portals unumgänglich. Denn letztere braucht eine neue Niere, die sie nur von ihrer Doppelgängerin Karla erhalten kann, die wiederum gerade eine Entziehungskur macht. Und wären das nicht schon der Komplikationen genug, bleibt Ves Vater, ein renommierter Physiker, weiterhin verschwunden, kann Ve den Doppelgänger von Rockmusiker Finn nicht vergessen und wird zudem engmaschig von dem TRADE-Konzern überwacht.

MEINUNG
Sara Olivers zweite Geschichte über Ve und das Paralleluniversum las sich spannend und flüssig zugleich. So waren die 413 Buchseiten im Nu durchgelesen. Besonders als die echten Figuren auf ihre Doppelgänger im Paralleluniversum trafen, entwickelte sich das Jugendbuch zum wahren Pageturner. Denn die Doppelgänger haben oftmals einen anderen Charakter und andere Fähigkeiten als ihre Pendants aus der „normalen“ Welt. Infolge standen Hauptfigur Ve zwei zwar optisch gleiche Personen gegenüber, die aber nicht immer gute Absichten hatten. Dieses Spiel zwischen Gut und Böse macht den Reiz der Geschichte aus, die zudem noch durch die Liaison von Ve und Finn ausgeschmückt wird. Das Interessante an dieser Beziehungskiste ist die Tatsache, dass Ve mit beiden Finns etwas hat. Nun, im zweiten Teil der Weltentrilogie, entscheidet sich Ve aber nur für einen von beiden, was sich für die Jugendlichen zu einem Vabangue-Spiel entwickelt. Ves Doppelgängerin Nicky als auch Ben stehen Ve zur Seite. Besonders Nerd Ben nahm hierbei die Rolle des sympathischen Außenseiters und Unterstützers ein. Die beiden Marcellas hingegen entpuppten sich als tickende Zeitbomben und auch Nickys Mutter spielte eine starke Rolle. Kurzum, die Fortsetzung der Weltensaga ging genauso rasant weiter wie dies der Leser bereits vom Auftaktsband kannte und zu schätzen gelernt hat. Olivers leicht verständliche und jugendlich-frische Sprache beflügelte die Lektüre. Hier und im Falle der emotionalen Zerrissenheit von Ve beweist die Autorin ein weiteres Mal ein gutes Gespür für ihre jugendliche Zielgruppe (ab 14 Jahren). Authentisch und modern kann sich Oliver in ihre Figuren einfühlen.

Das Cover ist abermals ein Augenschmaus sondergleichen. Obschon es dieses Mal in Grün gehalten ist, wurde an den menschlichen Schattenbildern bzw. der gespiegelten, mystischen Schlosskulisse festgehalten. Die silbernen Sterne und die filigrane Rahmung tragen ihr Übriges zum kostbaren wie fantasiereichen Erscheinungsbilds des Buchs bei - wirklich eine gelungenes Gesamtkunstwerk.

FAZIT
Eine überzeugende Fortsetzung aus dem Genre Jugendfantasy, welche das Warten auf den letzten Reihenband anheizt und den Leser einmal aus dem normalen Alltag entfliehen lässt.

Bewertung vom 09.03.2017
Retour / Luc Verlain Bd.1
Oetker, Alexander

Retour / Luc Verlain Bd.1


ausgezeichnet

INHALT
Luc Verlain ist ein erfolgreicher Nachwuchskommissar in Paris. Ihm stehen sprichwörtlich alle Türen offen, nicht nur beruflich.
Doch die Gesundheit seines Vaters zwingt ihn dazu, die Metropole gegen die heimatliche Provinz einzutauschen und nach Bordeaux zurückzukehren. Kaum angekommen, findet sich an der verschlafenen Atlantikküste auch schon die erste Leiche. Wenn das kein effektvoller Einstand für le Commissaire Verlain ist?!

MEINUNG
Alexander Oetkers Krimidebüt "Retour" ist dem Aquitaine und der französischen Lebensart gewidmet. Seine Landschafts- und Stimmungsbeschreibungen zeugen von einer tiefen Verehrung für diese Gegend und seine Bewohner. Mehr noch, Oetker vermag es, auch seine Leserschaft mit seiner Frankreichliebe anzustecken und einfach in seinen Bann zu ziehen. Ob die raue See, die Meeresfrüchte oder die kleinen Lokale, von alledem geht ein eigener Zauber aus, der auch viel mit Entschleunigung und Lebensgenuss zu tun hat. Betrachtet man zudem das Strandcover und die Umschlagseiten des Buchs, so stellt sich ganz von allein Urlaubsfeeling ein.

Luc Verlain als Hauptfigur der Handlung verkörpert das leichte französische Leben in Perfektion. Obschon der sympathische, junge Mann als Polizist mit Kriminalfällen aller Art zu kämpfen hat, so liebt er doch die französische Küche, die Atlantikküste und vor allem die Frauen. Er kann und will sich auf nichts und niemanden festlegen und genießt den Augenblick. Ob er damit auch das Herz seiner neuen, geheimnisvollen Kollegin Anouk erobern kann?

Die Nebencharaktere, allen voran Verlains Kollegen und Freunde, hat Oetker liebenswert, weil mackenreich konstruiert. Darunter finden sich überambitionierte Ehrgeizlinge wie auch wahre Kameraden. Die Verbrecher hingegen besitzen anfangs ein menschliches, nahezu unschuldiges Gesicht und offenbaren erst gegen Ende ihren wahren Charakter. So verhält es sich auch mit dem Plot. Dieser beginnt nämlich recht leise und geschmächlich und nimmt im zweiten Drittel so richtig an Fahrt auf. Denn was man anfangs an Spannung vermisste, wurde gegen Ende in geballter Form geboten. Hierbei konnte Oetker zudem mit der ein oder anderen Überraschung in Bezug auf die Aufklärung des Kriminalfalls aufwarten. Mir hat diese Cosy-Crime-Variante mit verstärktem Fokus auf Südfrankreich sehr zugesagt.

Die 287 Seiten lasen sich leicht und kurzweilig. Eingestreute französische Anredeformeln bzw. Redewendungen verpassten der Story das nötige Lokalkolorit. Oetkers atmosphärisch stimmigen Beschreibungen von Land und Leuten verdienen ein besonderes Lob. Denn diese erzeugten während des Lesens eine Kurzurlaubsatmosphäre. Mein Tipp: Am besten man liest diesen Roman an einem lauen Sommerabend mit einem Glas Wein in der Hand :-)

FAZIT
Ein beschaulicher Kriminalroman, der das französische Savoir-vivre feiert und mit einem sympathischen Ermittler aufwartet. Bleibt nur zu wünschen, dass Luc Verlain weiter ermitteln darf.

Bewertung vom 08.03.2017
So, und jetzt kommst du
Frank, Arno

So, und jetzt kommst du


sehr gut

Der Autor Arno Frank ist in Deutschland ein angesehener Journalist. Seine Artikel erschienen u.a. in der Taz, im Spiegel und im Musikexpress. Dass er nun, im Jahre 2017, seine abenteuerliche Familiengeschichte mit uns Lesern teilt, überrascht und hat meine Neugier entfacht.

Arno Franks Erzählung lebt von seinem ungewöhnlich poetischen wie analytisch treffsicheren Sprachstil, der häufig ins Ironisch-Sarkastische abdriftet. Das ist nur allzu verständlich, wenn man den Inhalt der Geschichte kennt. Denn was der Autor in den 80ern erlebt hat, könnte sich kein versierter Romancier besser ausdenken. Sein Vater Jürgen war ein Hochstapler. Anfangs verdiente dieser sein Geld noch als Autoverkäufer in Kaiserslautern, doch bald darauf prellte er die Firma. Mit den gestohlenen finanziellen Mitteln setzte man sich dann samt Familie – Frau und 3 Kinder – ins Ausland, genauer nach Nizza, ab. An der Côte d’Azur lässt man es sich gut gehen. D.h., dem Luxus sind keine Grenzen gesetzt und Sohn Frank besucht eine internationale Schule. Doch mit der Zeit wird auch dies zum Alltag und Mutter Jutta depressiv. Denn Vater Jürgen ist kaum zu Hause, weil er unlautere Geschäfte tätigt und spielsüchtig ist. Als dann das Geld aufgebraucht ist und die Polizei auf der Matte steht, entscheidet sich die Familie erneut zur Flucht und ein spannendes wie entbehrungsreiches Roadmovie setzt ein. Erst findet man in Portugal Unterschlupf. Die Familie lebt von der Hand in den Mund und vor allem Mutter Jutta hat darunter zu leiden. Infolge traut sie sich nicht mehr nach draußen, weil sie überall Gefahr wittert. Denn Hunger und Polizei setzen der gesamten Familie zu. Aber auch in Portugal kann man nicht bleiben, da das Geld fehlt. Ob und inwiefern die Familie nach Deutschland zurückkehrt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Insgesamt schildert der Autor diese/seine Odyssee sehr treffsicher und tragikomisch, was wohl seine persönliche Art ist, mit diesem Kapitel seines Lebens umzugehen. Nach der Lektüre der 352 Seiten war ich ehrlich bass erstaunt über die Tatsache, dass es sich um eine echte und keine fiktive Geschichte handelt. Dadurch haben manche etwas lahme bzw. zu detailliert beschreibende Abschnitte eindeutig an Farbe gewonnen. Obschon mich das apathische und phlegmatische Verhalten der Mutter, die sich so gar nicht um das Wohl ihrer Kinder zu scheren scheint, wütend gemacht hat. Aber der habgierige wie geltungssüchtige Vater ist auch nicht anders. Im Gegenteil, er schlägt seine Kinder und Geborgenheit kennt er nicht. Diese verkorkste Familiensituation macht zugleich betroffen und neugierig, denn als Leser vertraut man auf die späte Einsicht der Erwachsenen. Das Schlimme an dieser Fluchgeschichte ist der Schicksal der Kinder, die alles bewusst miterleben und in der Person des Autors auch kritisch bewerten. An der Erzählperspektive ist auch mein einziger Kritikpunkt angesiedelt. Mich hat es z.T. gestört, dass der Autor, wenn er sich schon in eine kindlichen Erzählperspektive hineinversetzt, dies nicht stringent durchzieht, sondern oftmals altklug bis geistig erwachsen argumentiert. Positiv haben mich hingegen die häufigen Reminiszenzen an die 80er-Jahre (Walkman etc.) gestimmt.

Lieblingszitat, S. 21:
"Und Telekolleg-Sendungen im Dritten, wo blasse Mathematiker in schlammfarbenen Pullovern schleierhafte Grafiken und Vektoren benäselten."

FAZIT
Ein gelungenes Romandebüt, das sich durch die besondere Erzählkunst des Autors von der Masse abhebt.

Bewertung vom 08.03.2017
Ein Einhorn für alle Fälle (eBook, ePUB)
Brinkmann, Caroline

Ein Einhorn für alle Fälle (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

INHALT
BWL-Studentin Rabbit fühlt sich einsam und verlassen. Nach zwei Jahren Beziehung ist sie von ihrem Freund Paul via Facebook abserviert und durch eine Tinder-Bekannte mit Modelmaßen ersetzt worden. Aber Rabbit kann und will ihn einfach nicht vergessen und bietet daher alles an Social Media (u. a. Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat) auf, um ihn zurückzuerobern; was nicht nur einmal ordentlich nach hinten losgeht. Kann ihr vielleicht Dirk, ein adipöser IT-Nerd und Rabbits neuer WG-Mitbewohner, beim "Herzensprojekt" Paul helfen?

MEINUNG
Die Medizinerin und Autorin Caroline Brinkmann hat mit ihrem neuesten Werk "Ein Einhorn für alle Fälle" eine durch und durch skurrile und damit verdammt witzige Geschichte verfasst.

Die Hauptperson Rabbit ist eine sympathische Figur, die leider dazu neigt, häufig in Fettnäpfchen zu treten. Um ihren Ex Paul zurückzubekommen, lässt sich Rabbit so einiges einfallen, angefangen vom Internetdate mit einem attraktiven, aber leider mehr als unterbelichteten Kerl bis hin zu Feierbiesteskapaden, die in unschönen Videos wie Fotos auf Facebook & Co enden. Spätestens an dieser Stelle fragt sich der Leser: Warum tut sich eine erwachsene und intelligente Frau nur so etwas an? Dafür gibt es im Fall von Rabbit zwei Gründe: ihre Verzweiflung und ihre hippen Social Media infizierten Freunde. Rabbits Clique bzw. ehemalige Freundeschar quillt über vor Bloggern und Facebooknarzissten. Wer da nicht mit macht und offline ist, ist einfach nur bemitleidenswert - so das inoffizielle Credo. Und was tut Rabbit daraufhin? Genau, sie spielt dieses perfide Aufmerksamkeitsspiel mit und findet erst viel zu spät heraus, was eigentlich (im Leben) zählt. Sicherlich ist Rabbit diesbezüglich genauso unreif und verblendet wie ihre Freunde, doch ist das nicht ein zugegebenermaßen etwas überzeichnetes Bild der heutigen Jugend bzw. jungen Erwachsenengeneration, die sekundlich nach neuen Reizen sowie Skandalen Ausschau hält und dabei sich selbst verliert...

Besonders dieser unverstellte Blick auf die heutige Social-Media-Sucht macht dieses Buch so lesenswert. Brinkmann zeigt die Abgründe dieser oberflächlichen Entwicklung spaßig auf, obschon beim Leser nach dem Lachflash das Nachdenken einsetzen sollte. Wo kommen wir denn hin, wenn Menschen einzig nach ihren Onlineparametern und Selfies bewertet werden? So wirkt es auch mehr als sarkastisch, wenn Rabbit einzig von Mitbewohner Dirk Ehrlichkeit und Hilfe erfährt.

Brinkmanns Sprachstil unterhält bestens. Er ist kurzweilig, immer am Puls der Zeit und einfach ungemein heiter; klammert man Rabbits Depriphasen einmal aus. Ein Beispiel für Brinkmanns besonderen Humor sin Rabbits Haustiere: Kater Rex, der sich für einen Hund hält und an der Leine Gassi geht, und das an ein Nacktmull erinnernde Kaninchen Kanibal Lektor.

FAZIT
Eine fantasievolle wie ungeheuer amüsante Geschichte, die viel Tragikomik besitzt und einfach nicht von dieser Welt ist. Mein Rat: Einfach eintauchen und Spaß haben :-)