Benutzername: seschat
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Bewertungen

Insgesamt 281 Bewertungen
Bewertung vom 25.04.2017
Jetlag oder Liebe (eBook, ePUB)
Gercke, Martina

Jetlag oder Liebe (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

INHALT
Die junge Stewardess Emily Walters liebt ihre Freiheit und ihr WG-Leben mit den Portobello-Girls. Spießertum und Familienidylle sind ihr ein Gräuel. Doch ein charmanter Nachbar und eine verhängnisvolle Affäre kratzen mächtig an ihren bisherigen Prinzipien...

MEINUNG
Martina Gerckes neuester Roman um die legendäre Frauen-WG, die sog. Portobello-Girls, bot wieder einmal beste Unterhaltung.

Im Fokus stand dieses Mal die quirlige und aufgeschlossene Stewardess Emily. Sie genießt ihr Leben in vollen Zügen, reist um die ganze Welt und denkt nicht an morgen. Ein Fehler, denn verschiedene Männerbekanntschaften werden ihr Leben ordentlich durchschütteln. Vom Draufgänger bis zum perfekten Hausmann ist dabei alles vertreten. Die damit verbundenen emotionalen Achterbahnfahrten von Emily, die ein Händchen für die falschen Partner zu haben scheint, schilderte Gercke recht realistisch bis humorig. Die perfekt inszenierte Situationskomik ist unübertroffen, so dass ich an einigen Stellen des Plots laut auflachen musste.

Im Vergleich zu den Vorgängerbänden gerieten die übrigen Portobello-Girls etwas in den Hintergrund, was mich wegen der ereignisreichen Handlung aber nicht gestört hat. Denn am Ende hat sich der starke Zusammenhalt der Mitbewohnerinnen und Freundinnen wieder einmal in seiner schönsten Form gezeigt. Emilys Wandel zur verantwortungsvollen Frau wurde umfangreich dargestellt; witzige Panikattacken inklusive.

Gerckes fröhlich-leichter Erzählstil lässt die Lektüre wie im Flug vergehen. Als Leser kann man sich die unterschiedlichen Frauenzimmer der WG recht bildlich vorstellen, was u.a. an den angeführten Klischees lag.

FAZIT
Ein kurzweiliger Frauenroman, der prächtig unterhält und dabei ordentlich Emotionen transportiert - genau, was die weibliche Leserschaft erwartet :-)

Bewertung vom 23.04.2017
Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine
Raisin, Rebecca

Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine


sehr gut

INHALT
Sarah führt eine kleine Buchhandlung im verschlafenen Örtchen Ashford. Obschon sie das beschauliche Leben inmitten ihrer Freunde dort liebt, hat sie das Gefühl etwas zu verpassen. Auch die Fernbeziehung zu Ridge läuft nicht zu ihrer Zufriedenheit. Da kommt das Angebot ihrer französischen Freundin Sophie, die Buchläden einmal zu tauschen, wie gerufen. Nun geht's für Sarah in Frankreichs laute Metropole Paris - eine Erfahrung, die ihr Leben verändern wird...

MEINUNG
Rebecca Raisins Roman bietet solide fluffig-leichte Unterhaltung. Wer einmal abschalten und die Welt der Buchläden eintauchen möchte, für den ist dieses Buch die richtige Wahl. Zudem wird der Leser spielerisch ins französische Savoir-vivre eingeführt.

Hauptfigur Sarah ist eine bibliophile Tagträumerin. In Paris lernt sie das "richtige" Leben zu schätzen. Fernab von Familie und Freunden wächst sie über sich hinaus und lernt nicht nur mit Mitarbeitern umzugehen und einen großen Buchladen zu führen, sondern auch das wahre Paris jenseits touristischer Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Heimweh, geschäftliche Sorgen, aber vor allem private Probleme mit Ridge, der als vielbeschäftigter Journalist kaum Zeit für sie hat, bereiten ihr Kopfzerbrechen. Alles in allem ist Sarah eine sympathische, weil authentische Hauptprotagonistin, die in Paris regelrecht aufzublühen scheint.

Die Nebencharaktere, allen voran Sarahs neue Kollegen Ty und Oceane, sind hilfsbereite und liebenswerte Zeitgenossen. Letzteres kann man allerdings nicht von allen Angestellten des Buchladens an der Seine behaupten. Aber ganz ohne Konflikt bzw. Intrigen, wäre die Story m. E. auch etwas zu seicht ausgefallen. Meine Lieblingsnebenfigur ist der einfühlsame Schriftsteller Luiz gewesen, der in der Pariser Buchhandlung seine Romane schreibt und Sarah maßgeblich das französische Leben herangeführt hat. Einzig das Ende ist mir zu rosarot bzw. zu harmonisch und dementsprechend wenig realistisch ausgefallen, aber was tun Autoren nicht alles, um einen "guten" Wohlfühlroman zu schreiben…

Raisins unaufgeregter, leicht lesbarer Schreibstil passte perfekt zum kurzweiligen Sujet. Die eingestreuten Briefe bzw. E-Mails verliehen der Geschichte eine romantische Note.

FAZIT
Ein Roman zum Auspannen mit positiver Message, der besonders die weibliche, bibliophile Leserschaft ansprechen wird.

Bewertung vom 22.04.2017
Wer weiß schon, wie man Liebe schreibt
Günak, Kristina

Wer weiß schon, wie man Liebe schreibt


ausgezeichnet

INHALT
Bea Weidemann ist Anfang 30 und Pressereferentin beim kleinen und kurz vor der Pleite stehenden LOVE-Books-Verlag in Braunschweig. Um den Verlag zu retten, muss der Bestsellerautor Tim Bergmann unbedingt den angesehenen Roderich-Buchpreis gewinnen. Doch der Weg dorthin ist alles andere als leicht. Denn Bea Weidemann soll den kapriziösen bis polarisierenden Autor dazu bringen, eine Lesereise und damit Werbung für sein Buch zu machen. Aber Tim Bergmann ist davon nur wenig begeistert, weil die Arbeit am zweiten Buch ihn alles abverlangt und er nicht gern vor Hunderten Zuhörern liest...

MEINUNG
Seit dem Buch "Verliebt noch mal" bin ich ein Fan von Kristina Günaks humorvollen wie spritzig-frechen Frauengeschichten.

Auch in ihr neuestes Werk "Wer weiß schon, wie man Liebe schreibt?" hat die Autorin wieder einmal ihr ganzes Können investiert. Die unkonventionelle Liebeskomödie um Marketingexpertin Bea und Erfolgsautor Tim ist spaßige und leicht verdauliche Lesekost. Obschon sich beide Hauptprotagonisten nach dem ersten Aufeinandertreffen nicht ausstehen können, müssen sie zusammenarbeiten. Hierbei zeigt sich besonders Tim von seiner uncharmanten wie eigenbrötlerischen Seite. Doch Arbeitsbiene Bea, die sich neben der stressigen Arbeit auch noch um die Pflegekinder von ihrer Mutter kümmern muss, gibt nicht auf, was Tim mit der Zeit imponiert. Bald darauf stellt sich zudem heraus, das beide eine ähnlich unschöne Kindheit hatten. Kurzum, man nähert sich an, für Bea eindeutig zu viel oder etwa doch nicht?

Mit der quirligen wie aufopferungsvollen Ich-Erzählerin Bea hat Günak eine durch und durch sympathische Figur geschaffen, mit der man sich schnell identifizieren und mitfühlen kann. Auch das literarische Enfant terrible Tim ist eine Schau, weil dieses manches Mal sehr kapriziös auftritt. Vor allem die charakterlichen Unterschiede zwischen den Protagonisten machen diese Geschichte so lesenswert und herrlich amüsant. Denn beide nehmen sich gern gegenseitig aufs Korn und treffen damit nicht nur einmal das persönliche Schutzschild des jeweils Anderen. Die folgenden, meist tiefsinnigen Gespräche übers eigene Leben sind ein großes Plus des Buchs, das gleichermaßen mit heiteren und ernsten Tönen zu überzeugen weiß. Kurz gesagt, Günak hat ein formidables Gespür für die menschliche Emotionalität. Darüber hinaus fand ich ihren Einblick ins hart umkämpfte Verlagsbusiness sehr realitätsnah und damit spannend sowie aufschlussreich. Während es dem überzeugten Künstler allein um eine gute und überzeugende Geschichte geht, geht's dem Verlag um Verkaufszahlen und mediale Präsenz; hohes Konfliktpotenzial inklusive.

FAZIT
Eine kurzweilige Liebesgeschichte, die den Alltag einmal wunderbar Alltag sein lässt und dabei für den ein oder anderen Lachflash sorgt.

Bewertung vom 22.04.2017
Fitnessbitch (Chick-Lit, Humorvoller Roman, Humor) (eBook, ePUB)
Simon, Emma

Fitnessbitch (Chick-Lit, Humorvoller Roman, Humor) (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

INHALT
Die 24-jährige Kunststudentin Louisa ist unglücklich mit ihrer Figur. Als sie nicht einmal mehr in die Kleidergröße 44 passt, ist Schluss und schnell ein Plan gefasst. Louisa will abnehmen und damit das Herz von Zufallsbekanntschaft Johannes erobern. Blöd nur, dass der Auserwählte auf ein paar Pfunde mehr steht...

MEINUNG
Emma Simons locker-leichter Frauenroman bietet beste kurzweilige Unterhaltung. In witziger sowie realitätsnaher Weise schildert sie den Versuch einer jungen Frau, mithilfe einer Gewichtsreduktion zum besseren Menschen zu werden. Louisas steiniger wie schweißtreibender Weg zum neuen, sportiven Ich ist mit ungenießbaren Diätdrinks, Low-Carb-Ernährung und einem straffen Krafttraining verbunden. Nach 6 Wochen hat sie Traumfigur und passt ausschließlich in Kindergrößen - was für ein Trumph. Doch nimmt die neue Louisa vor lauter Kalorienzählerei und zeitintensiven Krafttraining überhaupt noch am normalen Leben teil? Und was sagt Herzbube Johannes zu Louisas Verwandlung?

Simons Geschichte lebt von den lebendigen und selbstironischen Schilderungen der Ich-Erzählerin Louisa, die wie Katrin Bauerfeind kein Blatt vor den Mund nimmt und die vielfältigen Herausforderungen des Frauseins im 21. Jahrhundert gern schonungslos offen darbietet. Social-Media und die Stars machen es vor, die Losungen schlank, gesund und erfolgreich bilden eine Einheit. Und wer nicht der Norm entspricht, gilt schnell als aussätzig. Im Laufe der Handlung springt Louisa genau auf diesen Fitness-/Schönheitswahn-Zug auf und begreift viel zu spät, dass weniger auch hier mehr sein kann :-) Aber diese Erfahrung lässt sie reifen und am Ende richtig entscheiden. Alles in allem fand ich die Entwicklung der Hauptfigur sehr gut nachvollziehbar dargestellt. Zudem wurde der Fokus auf eine starke Frauenfigur gelegt, was vor allem die weibliche Leserschaft freuen wird. Einzig mit den verschnörkelten und dadurch kaum lesbaren Kapitelüberschriften hatte ich so meine Probleme.

FAZIT
Ein humorvoller Frauenroman mit einem versöhnlichen, weil realistischen Schluss.

Bewertung vom 20.04.2017
Der Gentleman
Leo, Forrest

Der Gentleman


ausgezeichnet

Dieses Buch ist einfach nur genial.

Forrest Leos Erzählung, in der der ewige Junggeselle und Schriftsteller Lionel Savage (22) um 1850 aus finanziellen Gründen heiratet und danach an einer Schreibblockade leidet, ist eine brillante, weil nicht enden wollende Parodie auf das viktorianische Zeitalter und den damals gelebten britischen Snobismus.

Der Hauptprotagonist und Ich-Erzähler Lionel Savage ist eine kauzige und herrlich antiquierte Persönlichkeit, die allein im Verse schmieden Erfüllung zu finden scheint. Alles Weltliche außerhalb seines literarischen Mikrokosmos ist ihm fremd und oftmals zuwider. Seine Ehe mit der begüterten Vivien Lancaster eine Farce. Trotz Heirat wechselt er kein Wort zu viel mit seiner Ehefrau und hasst sie gar, weil er in ihr den Grund für seine literarische Krise sieht. Infolge sieht er im Suizid seinen einzigen Ausweg. Doch er hat seine Rechnung ohne einen mysteriösen "Gentleman" (s. Buchtitel) gemacht, der sich im Nachhinein als der Teufel himself herausstellt. Das Gespräch mit ihm am Rande eines Kostümfestes gibt Lionel wieder Lebensmut und Inspiration zum Schreiben. Auf einmal kann er zwar wieder dichten, aber seine Frau Vivien ist verschwunden und Lionel überzeugt, sie wurde vom Teufel geholt. Nach einer kurzen Phase der Freude über seine zurückgewonnene Freiheit stellt sich bei ihm allerdings das schlechte Gewissen ein und er begibt sich auf eine abenteuerliche Suche nach seiner Angetrauten; Scotland Yard und Pistolenduellen inklusive. Hierbei stehen ihm Schwager Ashley, ein überzeugter Weltenbummler, die 16-jährige Schwester Lizzie, ein intelligenter Wildfang, und Butler Simmons, Lionels gutes Gewissen und bester Ratgeber, zur Seite. Diese Ansammlung von verschiedenartigen Nebenfiguren macht die so schon verrückte bis skurrile Story noch bunter und unterhaltsamer. Kurzum, Cover und Inhalt wurden prima aufeinander abgestimmt.

Forrest Leos Roman hat hohen Unterhaltungswert. In wohl überlegten, oft poetisch durchsetzten Worten schießt er gegen allerlei britische Konventionen des 19. Jahrhunderts. Im Fokus steht dabei Antiheld Savage, der den Ernst der Lage immer erst als Letzter zu erfassen scheint und mit einer Menge Scheuklappen durch die Gegend stolziert.

FAZIT
Eine ungemein witzige Zeitreise, die so herrlich andersartig und verschroben ist, dass man sich wünscht, sie möge niemals enden.

Bewertung vom 18.04.2017
Heimaterde
Vogelsang, Lucas

Heimaterde


ausgezeichnet

Lucas Vogelsang ist Jahrgang 1985 und in Berlin-Spandau aufgewachsen. Für sein Buch „Heimaterde“ ist er einmal quer durch die deutsche Republik gereist und hat Bundesbürger mit Migrationshintergrund nach deren Heimatbegriff befragt.

Vogelsangs „Heimatstudie“ besticht durch dessen Vielschichtigkeit und Objektivität. Der Autor lässt seine Interviewpartner sein, wie sie sind, und taucht dabei in verschiedene soziale wie religiöse Milieus ein. Das alles verbindende Moment stellt Deutschland dar, das Land, in dem die Befragten leben und eine neue Heimat gefunden haben.

Doch welche Bedeutung hat Heimat, wenn die eigenen Eltern aus dem Ausland (Türkei, Afrika, Vietnam etc.) kommen oder am selbst das Heimatland wegen Krieg oder Verfolgung verlassen musste?

Die Antworten, die Vogelsang während seiner Studienreise erhält, könnten unterschiedlicher nicht sein. So gibt es einerseits Musterbeispiele für gelungene Integration, wie die Fußballbrüder Boateng oder den SPD-Angeordneten Raed Saleh, die Deutschland trotz Migrationshintergrund als Heimat bezeichnen und stolz darauf sind. Andererseits hadern vor allem die Älteren mit der Bundesrepublik und erklären das Heimatland ihrer Mütter und Väter zur Heimat bzw. zum Ort der letzten Ruhe. Kurzum, einen einheitlichen Heimatbegriff kann es gar nicht geben, denn das heutige Deutschland ist bunt und lebt von seiner Vielfalt.

Wie bereits angedeutet, empfinde ich das neutrale Nebeneinander von Sicht- und Denkweisen als großes Plus von Vogelsangs Studie. Dabei macht es keinen Unterschied, ob ein AfDler, ein SPDler, ein Ex-Profikicker oder ein Sprachdozent mit Migrationshintergrund interviewt wird, denn Vogelsang verzichtet zugunsten seiner bildreichen wie unverstellten und historisch reizvollen Studie auf den obligatorischen Zeigefinger. Zudem hält der Autor mit seiner eigenen Auffassung von Heimat nicht hinter dem Berg und setzt damit Berlin-Spandau ein Denkmal.

FAZIT
Der Heimatbegriff lässt sich nicht in ein Korsett pressen und das ist auch gut so. Vogelsangs Buch ist eine lesenswerte wie Horizont erweiternde Lektüre, die ich jeden deutschen Bundesbürger ans Herz lege, der einmal über den eigenen Tellerrand hinausschauen und dabei den heutigen, bunten deutschen Staat kennenlernen möchte.

Bewertung vom 16.04.2017
Hyänengesang / Martin Nettelbeck Bd.5
Wittkamp, Rainer

Hyänengesang / Martin Nettelbeck Bd.5


ausgezeichnet

INHALT
Der Berliner Kommissar Martin Nettelbeck freut sich auf seinen fünfwöchigen Familienurlaub in Ghana, der Heimat seiner Frau Philomena. Doch zwei überraschende Mordfälle bringen seine Reisepläne gehörig durcheinander. Erst stirbt ein junges Escort-Girl in einem Berliner Nobelhotel und dann wird ein Vermögensberater Opfer eines gezielten Anschlags. Welche Rolle ein abgehalfterter Schlagersänger und ein kaltblütiger omanischer Militärattaché dabei spielen, muss noch ergründet werden...

MEINUNG
Rainer Wittkamps nunmehr fünfter Fall für Kommissar Nettelbeck bietet beste Kriminalunterhaltung. Es ist schon erstaunlich, dass dem Autor der Stoff für neue und spannende Fälle nie auszugehen scheint. Doch als Film-Dramaturg und -Producer kann er sicherlich aus dem Vollem schöpfen und beherrscht sein Handwerk meisterlich.

Mit Hauptkommissar Nettelbeck hat Wittkamp eine sympathische sowie charismatische Figur geschaffen, die sich in jedem neuen Roman stetig weiterentwickelt. Privat ist der passionierte Jazzliebhaber ein Genießer und im Beruf ein knallharter, sarkastischer und bisweilen erschreckend ehrlicher Typ. Kurzum, diesen kantigen Ermittler kann man als Leser nur mögen. Auch Nettelbecks junger Kollege Täubner, der frischen Wind in die Ermittlungen bringt, überzeugt in seiner Rolle als loyaler Freund und Mitarbeiter. Die anderen Nebenfiguren, egal ob Mörder oder Opfer, wurden ebenso spannend ausgearbeitet und überzeugen durch ihre Diversität. Schlagermetier, Botschaftswelt oder Escortgewerbe, Wittkamps Erzählstoff ist alles andere als gewöhnlich bzw. langweilig. Hinzu kommt, dass der temporeiche Plot mit wechselnden Erzählern aufwartet und Informationen nur tröpfchenweise durchsickern, was den Spannungsbogen ordentlich in die Höhe treibt und die Lektüre dementsprechend befeuert. Unbestritten ist Wittkamps Krimi ein Pageturner erster Klasse. Der furiose Schlusspart setzt der überzeugenden Story dann noch die Krone auf - besser geht's m.E. nicht.

FAZIT
Ein hochspannend, auf den Punkt erzählter Kriminalroman, dessen Lektüre ich nur jedem ans Herz legen kann und der zeigt, dass gut durchdachte Romanserien nie an Spannung einbüßen. Ich freue mich schon auf den nächsten Fall :-)

Bewertung vom 16.04.2017
Der weiteste Weg. Mit dem Campingbus bis Australien
Blum, Bruno

Der weiteste Weg. Mit dem Campingbus bis Australien


ausgezeichnet

Ich habe schon einige Bücher vom Delius-Klasing-Verlag zum Thema Individualreisen mit Genuss und Freude gelesen. Daher konnte ich mich für das wunderbar illustrierte Buch "Der weiteste Weg" auch sofort wieder begeistern. Und ich liebe es einfach, mit "Weltenbummlern" auf Entdeckungsreise zu gehen, vor allem, wenn man selbst noch nicht in den genannten Regionen - Indien und Australien - gewesen ist.

Der Schweizer Bruno Blum ist viele Jahre allein mit dem Motorrad durch die Welt gereist und hat dabei allerhand Spannendes erlebt. Doch dieses Mal begibt er sich mit seiner Freundin Yvonne in einem Mitsubishi-Campingbus auf Entdeckungstour. Vom Heimatort Wolhusen geht's nach Down Under. Dabei passiert das Pärchen einige Länder, so z.B. Estland, Samarkand, Indien, Pakistan, Nepal oder Malaysia. Eine Strecke von 90.000 km liegt vor den beiden, die insgesamt 2,5 Jahre in Anspruch nehmen wird.

Ich-Erzähler und Abenteuer Bruno Blum hat sich mit dem Australientrip einen Traum erfüllt und nimmt dafür korrupte Grenzpolizisten, unebene Straßen als auch hygienisch wenig vertrauenswürdige Zustände in Kauf. Kurzum, man ist leidensfähig und genügsam. Der sympathische Autor liebt diese Art des Reisens sehr, wovon seine grundehrlichen und bildreichen Aufzeichnungen untrüglich Zeugnis ablegen. Er lebt den Augenblick und lässt sich nicht von Autopannen oder Bürokratiehemmnissen beeindrucken. Denn auf dieser Reise begegnet er interessanten und vor allem gastfreundlichen Menschen, lernt unbekannte Kulturen wie Religionen kennen und erfährt, dass auch ein Leben in Armut lebenswert sein kann.

Mich haben vor allem die unverstellten Einblicke in die asiatischen Kulturen wie Völkerschaften angesprochen, weil man hierbei einiges an Wissen mitnehmen konnte. Auch die Seiten über die Aborigines und deren Glauben fand ich aufschlussreich. Darüber hinaus hat mir die lockere Einstellung von Bruno Blum gegenüber Rückschlägen bzw. Pannen imponiert. Denn dem Campingbus wird auf diesem Trip einiges abverlangt, aber die Rastplätze inmitten unberührter Natur sind m. E. unbezahlbar und entschädigen für erlebte Strapazen.

FAZIT
Ein authentischer sowie kurzweiliger Reisebericht, der den Leser mitreißt und Fernweh auslöst.

Bewertung vom 14.04.2017
Überall bist du
Stoltenberg, Gerhild

Überall bist du


weniger gut

INHALT
Martha hat bisher fast alles, ob nun Hobbys, Studiengang oder Freunde, in ihrem Leben ererbt bzw. von Geschwistern/Eltern übernommen. Nur ihre große Liebe Tom bildet dabei eine Ausnahme. Als dieser Martha eines Tages sang- und klanglos verlässt, bricht für diese eine Welt zusammen. Denn ihr bisheriges, wohlgeordnetes Leben ist nun in Schieflage geraten. Ein Zustand mit dem sie sich keinesfalls anfreunden kann. Daher versucht sie Tom zurückzuerobern, doch sie sucht sie nicht etwas ganz Anderes?Der Jobwechsel zur Kindererzieherin ist schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung.

MEINUNG
Gerhild Stoltenbergs Debüt "Überall bist du" konnte mich leider nicht von sich überzeugen. Dies lag vor allem an der weinerlichen und inaktiven Hauptfigur Martha. Zudem fand ich den nüchternen bis belanglosen Erzählstil alles andere als passend. Hatte ich im Vorhinein noch auf eine emotionale Story mit einer Protagonistin, die erstarkt aus ihrem Beziehungsdebakel hervorgehen würde, gehofft, so wurde ich leider Seite um Seite enttäuscht. Der Plot wurde langatmig und recht eindimensional dargeboten. Vor allem die Gefühlsebene geriet wenig nachvollziehbar. Mein Lichtblick ist hingegen Marthas Zeit als Kindermädchen der Geschwister Oscar, Nippon und Beppi gewesen. Hier blühte sie förmlich auf und wirkte lebendiger. Einzig der altkluge 5-Jährige Oscar wollte nicht so recht ins Bild passen, was besonders an seinem erwachsenen Handeln und Denken lag. Sich in diesem Alter bereits mit psychologischen Theorien auszukennen und so geschliffen gutes Deutsch zu sprechen, empfand ich als wenig glaubhaft. Zumal Oscar mehr und mehr Martha dirigierte und sich als Familienboss aufspielte. Darüber hinaus konnte ich mich nicht damit abfinden, dass Martha ihrem erimitischen Ex Tom so lange Zeit nachtrauerte, währenddessen dieser sich kein einziges Mal bei ihr meldete. Nein, eine Mut machende Geschichte ist Stoltenberg hiermit eindeutig nicht gelungen. Zu viel Pessimismus und Fatalismus beherrschten die Handlung. Daran konnte auch das positive Ende nichts ändern, weil diesem eine unglaubwürdige Flucht nach Belgrad samt Drogenparty mit Zufallsbekanntschaft vorausging. Ein wirklicher Neufang sieht m. E. anderes aus...

FAZIT
Ein Buch, dessen Cover und Titel mich irregeführt hat und mit dem ich inhaltlich sowie sprachlich leider nichts anfangen konnte.

Bewertung vom 13.04.2017
Lost Boy
Groschupf, Johannes

Lost Boy


sehr gut

INHALT
Abiturient Lennart wacht eines Tages im Hauptbahnhof Hamburg auf und kann sich an rein gar nichts erinnern. Auch seine Wertsachen (Papiere, Handy etc.) sind verschwunden. Was ist nur passiert? Mithilfe seiner herben Hamburgbekanntschaft Jule begibt er sich auf die Suche nach seinem Ich. Eine emotionsgeladene Reise, die beide in die Berliner Clubszene führen wird...

MEINUNG
Der freie Journalist und Autor Johannes Groschupf ist ein versierter Erzähler. In seinem Jugendroman "Lost Boy" taucht er verblüffend realistisch in den Berliner Untergrund ein. Die dortige Clubszene, inklusive stillgelegte U-Bahnhöfe, ist ein gefährliches sowie umkämpftes Pflaster. Hier inmitten der fetten und düsteren Technobeats vom ehemaligen Best Buddy Bulgur, genannt DJ Evil, beginnt sich Lennarts temporäre Amnesie aufzulösen. Und die Erinnerungen bzw. Gespräche mit Freunden bringen Unglaubliches ans Licht. Es geht um die Urgewalt von Musik...

Groschupf hat seine Charaktere, allen voran Hauptprotagonist und Ich-Erzähler Lennart, spannend und verletzlich gezeichnet. Für seine Musikleidenschaft zahlt Lennart einen hohen Preis. Die hanseatisch-herbe Schönheit Jule steht ihm bei seiner Reise zurück ins Leben vorbehaltlos zur Seite. Dies kann man von seinen Berliner Freunden allerdings nicht behaupten. Ihre Ausführungen zur ominösen Clubnacht, an die Lennart nur sporadische Erinnerungen hat, könnten unterschiedlicher nicht sein. Aber gerade von diesen undurchsichtigen Verhältnissen lebt Groschupfs Roman, wird dadurch erst so richtig spannend. Denn die wahren Hintergründe und die Geschichte hinter dem Buchtitel klären sich erst am Schluss. Letzterer ist mir allerdings etwas zu undramatisch bzw. zu harmonisch ausgefallen. Hier hätte ich mir eindeutig mehr Action bzw. zwischenmenschliches Drama gewünscht.

Groschupfs dichte wie stark beschreibende Sprache las sich nicht immer leicht. So gab es durchaus langatmige Passagen, an denen der Plot auf der Stelle trat. Nichtsdestotrotz hat es mir ausgesprochen gut gefallen, wie sich der Autor in die Technowelt eingearbeitet hat und dabei onomatopoetisch überzeugen konnte.

FAZIT
Ein solider Jugendroman, der den Leser in die dunkle Clubszene der deutschen Hauptstadt entführt und dabei recht gut unterhält.