Lob der Kahlheit - Synesios von Kyrene
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Das "Lob der Kahlheit" des Synesios von Kyrene ist eine verborgene Perle der griechischen Literatur. Die Lektüre verspricht gepflegte Unterhaltung für alle, die es wagen, sich spätantike Dialektik einzulassen, und spendet jenen, die wie Synesios unter frühem Haarausfall zu leiden haben Trost in mehr als homöopathischer Dosis. Übersetzt mit Einführungen in Leben und Werk, ausführlichem Kommentar und aktuellem Literaturverzeichnis.…mehr

Produktbeschreibung
Das "Lob der Kahlheit" des Synesios von Kyrene ist eine verborgene Perle der griechischen Literatur. Die Lektüre verspricht gepflegte Unterhaltung für alle, die es wagen, sich spätantike Dialektik einzulassen, und spendet jenen, die wie Synesios unter frühem Haarausfall zu leiden haben Trost in mehr als homöopathischer Dosis. Übersetzt mit Einführungen in Leben und Werk, ausführlichem Kommentar und aktuellem Literaturverzeichnis.
  • Produktdetails
  • Verlag: Königshausen & Neumann
  • veränd. Neuaufl.
  • Seitenzahl: 112
  • Erscheinungstermin: 15. Oktober 2007
  • Deutsch, Altgriechisch
  • Abmessung: 241mm x 156mm x 12mm
  • Gewicht: 206g
  • ISBN-13: 9783826037771
  • ISBN-10: 3826037774
  • Artikelnr.: 23171861
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 21.08.2007

Gott hat eine Glatze
Pflichtlektüre für den Kulturbetrieb: Das „Lob der Kahlheit” des Synesios von Kyrene
Keine Haare? Das ist nicht schlimm. Gnädig schaut die moderne Medizin auf diejenigen, die an androgenetischer Alopezie leiden. Der frühe Haarausfall der Männer gilt nicht mehr als Anzeichen sonstiger Störungen der Gesundheit. Richtig inszeniert, verkörpert der glatte Kopf heute gar coole Intellektualität oder Vitalität. In der älteren Medizin aber sah das anders aus. Nach Meinung der Hippokratischen Schriften kündigt das schüttere Haar schwere Erkrankungen an, dazu auch solche des Geistes, nicht zuletzt die Melancholie.
Bei einem solchen Image der Kahlköpfigkeit war es kein Wunder, dass in der Spätantike ein gewisser Synesios betrübt war, als die Malaise bei ihm einsetzte. Synesios von Kyrene war ein neuplatonisch geprägter Dichter und Denker, ein origineller und lebensfroher Kopf, der gegen Ende seines Lebens, im Jahre 410, zum Bischof der nordafrikanischen Hafenstadt Ptolemais ernannt wurde. Synesios hat neben Hymnen und anderen Schriften einen großen, lebhaften Briefwechsel hinterlassen und wird, obwohl nicht sehr orthodox, zu den Kirchenvätern gerechnet. Früh wurde er kahl; und zu allem Überdruss hatte rund dreihundert Jahre vor ihm, wie Synesios berichtet, der als großes Vorbild bewunderte Redenschreiber Dion von Prusa, genannt „der Goldmund”, ein „Lob des Haupthaars” verfasst. „Daher fühlte ich mich”, schreibt Synesios, „gleich nachdem das Verhängnis über mich hereingebrochen war und die Haare zu schwinden begannen, wie mitten ins Herz getroffen.”
Doch ein kluger Mann verzagt nicht. Nach ein wenig Gewöhnung ans neue Aussehen brachte Synesios „die Vernunft in den Abwehrkampf ein”: „Da fiel das Entsetzen nach und nach von mir ab.” Und er sagte sich, dass es eigentlich „gar keinen Grund gibt, weshalb ein Mann sich seiner Glatze schämen sollte. Warum auch, wenn einer zwar einen kahlen Kopf hat, die Ideen aber daraus nur so hervorsprießen?” Wohlan, dachte sich also Synesios, und machte aus den sprießenden Ideen eine Schrift mit dem Titel „Lob der Kahlheit”.
Dieses kaum bekannte Kabinettstückchen ist jetzt, zum ersten Mal seit 1834, in deutscher Übersetzung erschienen, die der Arzt und Philologe Werner Golder verfertigt und mit instruktivem Nachwort und Kommentar versehen hat. Der gelehrte, in Alexandria ausgebildete Synesios bietet darin auf kleinem Raum alles an philosophischen und literaturgeschichtlichen Kenntnissen und an suggestiver Argumentationskunst auf, was ihm zugunsten der nackten Köpfe so einfällt.
Vom Glück des Haarausfalls
Da muss die Ahnengalerie der antiken Philosophen herhalten, allen voran der kahle Silen namens Sokrates – vielen Heutigen fielen wohl eher Bruce Willis oder Homer Simpson als Referenzen ein, von denen letzterer allerdings auch längst zum Philosophen erklärt wurde. Haare hingegen sprechen keinesfalls für Weisheit, das lehren den Autor Stellen beim Übervater Platon oder Beispiele aus der Tierwelt. Und er zieht aus seinen Beobachtungen rhetorische Schlüsse, solche Schlüsse also, mit denen man schon immer versucht hat, sich durch den Logik-Kurs zu mogeln: „Das Augenlicht ist von allen Sinnen der göttlichste, aber zugleich auch der kahlste. Wie also beim Individuum die kahlsten Organe die wertvollsten sind, so muss es auch im Verhältnis zwischen der Menschheit im ganzen und ihren Lichtgestalten sein . . . Wenn also von allen Lebewesen der Mensch das heiligste ist, unter den Menschen aber jene es sind, die das Glück hatten, dass ihnen die Haare ausfielen, dann dürfte der Kahlkopf das göttlichste unter den Geschöpfen hier auf Erden sein.”
Kein Zweifel also, „dass dort der Verstand einzieht, wo die Haare weichen”. Doch Synesios treibt die Argumentation noch deutlich weiter. Das Göttliche ist nicht einfach eine Analogie für menschliche Zustände – es spiegelt sich in diesen selbst. Der platonischen Kosmologie zufolge ist die Form der Kugel (die sphaira), wie in den Planeten verwirklicht, die höchste Form der Schöpfung. Ist der Kopf des Mannes rund und kahl, dann ist er „zur endgültigen Reife gelangt”. Und so ergibt sich für den Kirchenvater die unerhörte Folgerung: Gott hat eine Glatze! „Vielleicht ist auch das Göttliche selbst von dieser Art. Gnädig möge es meiner Rede sein! Nur fromme Gedanken bringen mich dazu, so etwas auszusprechen.”
Das ist doch für Kahlköpfe ein entschieden würdigerer Gedanke als der des Okkultisten Aleister Crowley, wonach der Glatzkopf die Spitze des erigierten Phallus repräsentiert . . . Synesios führt unter anderem noch die Militärgeschichte ins Feld (lange Haare sind im Nahkampf von Nachteil!), nimmt Götter mit Haaren zum Anlass einer Homer-Kritik („ein typisches Zugeständnis an die Masse des Volkes und an die Bildhauer”) und schreckt auch nicht vor einer Beweisführung zurück, dass es keinen „behaarten Stern” geben kann. Das „Lob der Kahlheit” ist eine autobiographisch beglaubigte, im klassischen griechischen Stil geschriebene Parodie der rhetorischen Schaustücke, wie sie in der Antike beliebt waren – seit dem „Lob der Helena” des Sophisten Gorgias übte man sich in Preisreden auf allerlei unbeliebte oder (scheinbar) geringfügige Gegenstände.
Manchen von uns fehlt nicht bloß das Haar. Uns fehlt auch, soweit wir wissen, eine Kulturgeschichte der Philosophenglatze Michel Foucaults und seiner vielen lookalikes im deutschen Literatur-, Medien- und Kulturbetrieb. All ihnen kann Synesios’ kleine Schrift in jedem Fall als tröstliches Vademecum und Ausweis ihrer Weisheit dienen. JOHAN SCHLOEMANN
SYNESIOS VON KYRENE: Lob der Kahlheit. Übersetzt, kommentiert und mit einem Anhang versehen von Werner Golder. Zweisprachig griechisch-deutsch. Königshausen & Neumann, Würzburg 2007. 111 Seiten, 19,80 Euro.
Rund, klug, kosmisch, licht: kein Zweifel, „dass dort der Verstand einzieht, wo die Haare weichen”. Foto: mauritius images
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Erfreut zeigt sich Rezensent Johann Schloemann über diese zweisprachige Ausgabe des "Lobs der Kahlheit" des Synesios von Kyrene. Er würdigt den Autor, einen neuplatonischen Dichter und Denker, der im Jahr 410 zum Bischof der nordafrikanischen Hafenstadt Ptolemais ernannt wurde, als "originellen und lebensfrohen Kopf", der leider unter frühem Haarausfall zu leiden hatte, was der damaligen Medizin als Zeichen diverser Erkrankungen, auch des Geistes, galt. Doch Synesios verzagte zur Freude des Rezensenten keineswegs, sondern verfasste vorliegende Schrift, die eine Fülle von suggestiv vorgetragenen philosophisch und literaturgeschichtlich fundierten Argumenten zugunsten der Kahlköpfigkeit bietet. Schloemann findet hier nicht nur Platons Diktum wieder, Haare sprächen keineswegs für Weisheit, sondern auch gewagte Beweisführungen, wonach der Glatzkopf das göttlichste Lebewesen auf der Erde und Gott selbst kahlköpfig sei und es keine "behaarten Sterne" gebe. Lobend äußert er sich auch über die Übersetzung, das aufschlussreiche Nachwort und den Kommentar von Werner Golder.

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