Das Rußland zwischen den Zeilen - Weiss, Claudia
  • Broschiertes Buch

Jetzt bewerten

Die mit der Russischen Revolution und dem Bürgerkrieg einsetzende russische Emigration ist bis in die Gegenwart hinein von Legenden und Mythen umwoben. Das so entstandene Bild erweckt den Eindruck von einer Gemeinschaft mit eigens für sie festgeschriebenen gesellschaftlichen und sozialen Reglements: von einem eigenständigen "Rußland außerhalb der Grenzen". Claudia Weiss stellt die von den russischen Emigranten herausgegebene Presse - exemplarisch im Frankreich der 1920er Jahre - in den Mittelpunkt ihrer Analyse. Sie identifiziert sie als treibende Kraft eines gemeinschaftsbildenden Prozesses,…mehr

Produktbeschreibung
Die mit der Russischen Revolution und dem Bürgerkrieg einsetzende russische Emigration ist bis in die Gegenwart hinein von Legenden und Mythen umwoben. Das so entstandene Bild erweckt den Eindruck von einer Gemeinschaft mit eigens für sie festgeschriebenen gesellschaftlichen und sozialen Reglements: von einem eigenständigen "Rußland außerhalb der Grenzen". Claudia Weiss stellt die von den russischen Emigranten herausgegebene Presse - exemplarisch im Frankreich der 1920er Jahre - in den Mittelpunkt ihrer Analyse. Sie identifiziert sie als treibende Kraft eines gemeinschaftsbildenden Prozesses, der den heimatlos gewordenen Menschen ein neues, imaginäres Zuhause schuf.
  • Produktdetails
  • Hamburger Veröffentlichungen zur Geschichte Mittel- und Osteuropas
  • Verlag: Dölling & Galitz
  • Seitenzahl: 312
  • Erscheinungstermin: März 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 233mm x 162mm x 23mm
  • Gewicht: 532g
  • ISBN-13: 9783933374592
  • ISBN-10: 3933374596
  • Artikelnr.: 27685354
Rezensionen
Besprechung von 16.11.2001
Rußland jenseits der Grenzen
Die Emigrantenpresse in Frankreich in den zwanziger Jahren

Claudia Weiss: Das Rußland zwischen den Zeilen. Die russische Emigrantenpresse im Frankreich der 1920er Jahre und ihre Bedeutung für die Genese der "Zarubeznaja Rossija". Dölling und Galitz Verlag, Hamburg/München 2000. 312 Seiten, 72,- Mark.

Seit dem Ende der Sowjetunion vor zehn Jahren trifft man in Mittel- und Westeuropa immer häufiger auf Russen, die außerhalb ihres Landes leben. Lernt man sie näher kennen, beginnt eine schwierige Unterscheidung: Sind es "richtige" Russen? Oder russische Juden? Oder russische Deutsche? Kommen sie aus Rußland, aus der Ukraine oder aus Kasachstan? Leben sie nur vorübergehend hier? Oder sind sie ausgewandert mit der Absicht, sich eine neue Heimat zu suchen und sich dort niederzulassen?

Untereinander sprechen sie Russisch, kennen dieselben Städte und Gegenden der ehemaligen Sowjetunion, kochen die gleichen Speisen. Schließlich gelten sie den Bewohnern der aufnehmenden Länder pauschal als "Russen". Von denjenigen, die die Sowjetführung der siebziger Jahre ins Exil schickte, unterscheidet sie dreierlei: Sie sind viel zahlreicher, viel weniger prominent und kommen freiwillig. Doch die Geschichte der russischen Emigration reicht weiter zurück: Das ganze 19. Jahrhundert hindurch kamen Intellektuelle, die in Opposition zur Autokratie standen, später, in großen Zahlen, kamen Juden, die vor den Pogromen auswichen, nach dem Sieg der Bolschewiki kamen Angehörige der verfolgten Klassen, zum Teil die gleichen Liberalen und Demokraten, die bereits der Verfolgung durch den Zarismus ausgesetzt gewesen waren, danach Menschen, die der Bürgerkrieg und die Hungersnot zur Flucht getrieben hatten.

Der historische Längsschnitt zeigt den Wandel in der russischen Emigration, der Querschnitt die Vielfalt ihrer jeweiligen Zusammensetzung. Claudia Weiss hat sich der in Frankreich lebenden russischen Emigranten der Zwischenkriegszeit angenommen, um mehr Licht in ihre inneren Verhältnisse zu bringen und danach zu fragen, wie sich ihr Selbstverständnis zu der kollektiven Identität zusammenformte, die sich "ZarubeCnaja Rossija", "Rußland jenseits der Grenzen", nannte. Die Verfasserin stützt sich dabei neben der Sekundärliteratur auf die in Frankreich erschienene russische Emigrantenpresse.

Schon rein äußerlich, in Format, Layout, Erscheinungsweise und Preisgestaltung, spiegelte diese Presse die Vielfalt und Gegensätzlichkeit, ja Zerrissenheit der russischen Emigranten wider. Orientierung und Inhalt der Blätter, die eingehend vorgestellt werden, differierten so kraß, daß sich die Frage aufdrängt, wo sie alle ihre gemeinsame Basis finden sollten, die Eurasier und Westler, die konservativen Orthodoxen und Agnostiker, die Christen und Juden, die Liberalen, Demokraten und nicht bolschewistischen Revolutionäre, die Angehörigen der bürgerlichen Mittelschicht, der Intelligenzija, der Arbeiterschaft, die Industriellen und Großgrundbesitzer, die Aristokraten, Generäle und einfachen Soldaten. Was sie vereinte, war zunächst ihr Status als Emigranten - gelegentlich bezeichneten sie sich als Flüchtlinge - in demselben Land, also unter prinzipiell gleichen Lebensbedingungen; dazu gehörten neben dem Entzug der Staatsbürgerschaft für alle Auslandsrussen, der mit der französischen Anerkennung des Sowjetregimes durch Paris im Oktober 1924 auch in Frankreich wirksam wurde, die Nöte eines Lebens in der Fremde - von den bürokratischen Auflagen über die Sprachprobleme bis zu der Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu sichern.

Der taxifahrende Aristokrat wurde die wohl bekannteste Figur unter den Pariser Russen, die meisten fanden in Großbetrieben wie Citroën und Renault Arbeit. Die innere Kohärenz, die kollektive Identität in Gestalt des "Rußland jenseits der Grenzen", war, so die These des Buches, das Werk der russischen Emigrantenpresse. Hinter aller Unterschiedlichkeit der Blätter erkennt die Verfasserin gemeinsame Anliegen: die von der Auseinandersetzung mit dem Sowjetregime geprägte Information über alles, was das Heimatland betraf, die damit verbundene Abgrenzung der Emigranten gegenüber den dortigen Machthabern wie auch gegenüber dem Gastgeberland Frankreich und den anderen Emigrantengruppen, Berichte über Fragen des täglichen Lebens, Informationen über Verdienstmöglichkeiten, diskursiver Meinungsaustausch.

Dieser Journalismus richtete sein Bemühen darauf, die russischen Emigranten als Gemeinschaft nach außen scharf abzugrenzen und ihren Zusammenhalt über alle Gegensätze und Streitigkeiten hinweg zu stärken. In besonderem Maße trug dazu die Konservierung der vorsowjetischen Kulturtraditionen und ihre ausdrückliche Propagierung als allein verbindliche, echte russische Kultur bei. Auf diese Weise wurde die Auflösung der russischen Emigranten in der französischen Gesellschaft vermieden und das Rußland der vorrevolutionären Zeit als das wahre - und deswegen im Exil befindliche - Rußland bewahrt.

Die Untersuchung gibt einen informativen Einblick in die Verhältnisse der russischen Emigration im Frankreich der zwanziger Jahre, soweit sie sich in ihrer Presse niederschlugen, und verweist auf offengebliebene Fragen.

HANS HECKER

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Recht interessant findet Hans Hecker diese Arbeit von Claudia Weiss über die russische Emigrantenpresse in Frankreich. Das liegt vor allem im Spannungsverhältnis, das aus Umstand erwächst, dass die russische Bevölkerung im Ausland extrem heterogen war, was sich auch in ihren Publikationen niederschlug. In diesem Zusammenhang stellt die Autorin die These auf, dass die kollektive russische Identität, die gemeinsame Bezugnahme auf ein vorsowjetisches Russland im wesentlichen "das Werk der russischen Emigrantenpresse" ist. Die versuchte nämlich "die russischem Emigranten als Gemeinschaft nach außen scharf abzugrenzen und ihren Zusammenhalt über alle Gegensätze und Streitigkeiten hinweg zu stärken", so fasst der Rezensent die wesentlichen Thesen dieses Buches zusammen.

© Perlentaucher Medien GmbH