Der innere Beruf zur Wissenschaft: Paul Ruben (1866 - 1943) - Biester, Björn

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Das Buch rekonstruiert die Biographie eines Gelehrten, den sein Schülerverhältnis zu dem Bonner Philologen und Religionshistoriker Hermann Usener und die Freundschaft zu Aby M. Warburg zu einem Kronzeugen aktueller Forschungen auf dem Gebiet der deutsch-jüdischen Geistes- und Wissenschaftsgeschichte machen. Über eine personale Biographie Paul Rubens hinaus eröffnen sich aus Spuren und Archivfunden vielfältige Aspekte deutsch-jüdischer Geschichte und Reflektionen über 'jüdische Identität' in Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Skizziert wird beispielsweise die Geschichte der…mehr

Produktbeschreibung
Das Buch rekonstruiert die Biographie eines Gelehrten, den sein Schülerverhältnis zu dem Bonner Philologen und Religionshistoriker Hermann Usener und die Freundschaft zu Aby M. Warburg zu einem Kronzeugen aktueller Forschungen auf dem Gebiet der deutsch-jüdischen Geistes- und Wissenschaftsgeschichte machen. Über eine personale Biographie Paul Rubens hinaus eröffnen sich aus Spuren und Archivfunden vielfältige Aspekte deutsch-jüdischer Geschichte und Reflektionen über 'jüdische Identität' in Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Skizziert wird beispielsweise die Geschichte der Familie Ruben, die über Jahrhunderte Anteil an den Geschicken der jüdischen Gemeinden im Hamburger Raum nahm. Weitere Stichworte sind die Hamburger Talmud-Tora-Schule, das Johanneum, die Steinthal-Loge und die 1930 als 'Lehrhaus' gegründete Franz Rosenzweig-Gedächtnisstiftung, deren letzter Vorsitzender Paul Ruben 1938 war. Paul Ruben, der in Bonn bei Hermann Usener und Franz Bücheler Klassische Philologie studierte und sich später als Privatgelehrter den Texten des Alten Testaments widmete, gehörte zu den engsten Freunden und Ratgebern des als Gründer einer Forschungsbibliothek zum Nachleben der Antike bekanntgewordenen Kunst- und Kulturhistorikers Aby M. Warburg. Ihre überlieferte Korrespondenz (1887-1929) dokumentiert auch die Konflikte, die sie miteinander austrugen. Während des Ersten Weltkriegs führten sie eine hitzige Diskussion über den vorgeblichen Gegensatz von britischem und deutschem Kultur- und Staatsverständnis, bei der sich Paul Ruben als der "kühlere Kopf" auswies. Nach der Auslagerung der Bibliothek Warburg blieb Paul Ruben, im Testament seines Freundes als Sachwalter vorgesehen, als ihr Repräsentant in Hamburg, wo er im Mai 1943 starb. In einem umfangreichen Anhang werden 57 Briefe von und an Paul Ruben erstmals publiziert. Durch seinen ausführlichen Anmerkungsapparat dient dieser Teil als Quellendokumentation für weiterführende Forschungsvorhaben. Ein Personenverzeichnis schließt den Band ab.
  • Produktdetails
  • Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte Nr.14
  • Verlag: Reimer, Dietrich / Reimer, Dietrich, Verlag GmbH
  • Seitenzahl: 330
  • Erscheinungstermin: Januar 2001
  • Deutsch
  • Abmessung: 240mm x 169mm x 27mm
  • Gewicht: 643g
  • ISBN-13: 9783496027034
  • ISBN-10: 3496027037
  • Artikelnr.: 09489067
Rezensionen
Besprechung von 27.05.2002
Im Schatten Aby Warburgs
Björn Biester ergründet deutsch-jüdische Wissenschaftsgeschichte

Ein bekannter Mann ist Paul Ruben nie gewesen. Im Register zur Edition des "Tagebuches der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg", die letztes Jahr erschien, wird er sogar mehrfach mit dem Maler Peter Paul Rubens verwechselt. Dabei stand Ruben mit Aby Warburg von Kindestagen an bis zu dessen Tod 1929 in freundschaftlicher Verbindung. Beide wurden 1866 in alteingesessene jüdische Bankiersfamilien Hamburgs hineingeboren, gingen auf die Gelehrtenschule Johanneum und studierten in Bonn bei dem Gräzisten Hermann Usener. Beide waren psychisch labil, beide wurden Privatgelehrte. Doch ihr Schicksal und ihre Nachwirkung verliefen denkbar unterschiedlich. Ruben wurde ein vergessener Eigenbrötler, Warburg zur lebenden Legende der Kulturwissenschaft. Ist Ruben unter das Glücksrad Warburgs gekommen?

Björn Biester bettet die wenigen Lebensspuren von Paul Ruben in größere Zusammenhänge ein. Er zeigt, daß dieses Leben einen Teil der deutsch-jüdischen Geschichte repräsentiert. In den ersten beiden Dritteln seines Buches referiert er viel Bekanntes, im letzten Drittel schöpft er aus eindrucksvollen neuen Quellen. Über weite Strecken ist das Buch eine Parallelbiographie: Paul Ruben ist länger als Warburg auf der Talmud-Tora-Schule gewesen, beherrschte im Gegensatz zu Warburg das Hebräische hervorragend und stand der jüdischen Orthodoxie näher. Während Warburg ein ressentimentbeladenes Verhältnis zur Religion seiner Väter hatte, war Ruben fast ein rabbinischer Ratgeber der Familie Warburg. Dem Kaiserreich, dem Militär und dem Nationalismus stand er ferner als Warburg. Gleichwohl war auch Ruben mit der klassisch-humanistischen und bildungsbürgerlichen Tradition bestens vertraut. Bei Usener promovierte er 1892 über die Exzerpte aus Texten der valentinianischen Gnosis, die Klemens von Alexandrien im zweiten Jahrhundert inmitten einer von Hellenismus, Juden- und Christentum bestimmten Welt angefertigt hatte.

Nach der Dissertation hat sich Ruben vornehmlich dem Alten Testament zugewandt. Von 1899 an hat er offenbar über dreißig Jahre lang nichts mehr publiziert, allerdings an einem Lebenswerk gearbeitet, das 1937 als Typoskript in einer Auflage von hundert Exemplaren in London vervielfältigt wurde. Unter dem Titel "Recensio und Restitutio" bietet es eine neue, kühn konstruierende Theorie zur Entstehung von Textvarianten und Interpolationen im Alten Testament. Biester referiert knapp die vernichtenden Besprechungen dazu und hält es dennoch für möglich, daß ein Nachdruck des Werkes angebracht sei. Die sehr vagen und knappen Inhaltsangaben zu Rubens Dissertation und zu dem Hauptwerk offenbaren, daß Biester weder mit der klassischen noch mit der hebräischen Philologie vertraut ist - keine ideale Voraussetzung, um einen Mann wie Ruben verstehen und gar rehabilitieren zu wollen.

Ruben war ein Kind des "Zeitalters der Nervosität" (Joachim Radkau) und litt an Schlaflosigkeit. Als Privatgelehrter lebte er zeitweise in England, eine Ehe scheiterte nach einem Jahr, und er kehrte 1907 nach Hamburg zurück. Wenig von seiner Tätigkeit ist faßbar, er war Mitglied jüdischer Vereine und der "Religionswissenschaftlichen Gesellschaft". Oft hielt er sich in der Bibliothek Warburg auf, ohne jedoch Vorträge oder Publikationen beizusteuern. Als die Bibliothek Warburg im Winter 1933/34 nach London emigrierte, blieb Ruben in Hamburg als ihr einziger Angestellter, der über die noch verbliebenen Reste wachen sollte. Aus schwer nachvollziehbaren Gründen mißlang ihm die Emigration. So blieb er bis zum bitteren Ende in Hamburg. Biester schildert in diesem besten und anrührendsten Teil seines Buches die Demütigungen, denen Ruben ausgesetzt war: Das Vermögen wurde eingezogen, die Wohnung gekündigt, Bibliotheksbesuche verboten, der alte und kranke Gelehrte wurde in immer neue und immer schäbigere Behausungen gepfercht. Anfang Mai 1943 starb er unter unklaren Umständen, als er nach Theresienstadt deportiert werden sollte. Sein Urnengrab auf dem Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof ist noch erhalten.

ROLAND KANY

Björn Biester: "Der innere Beruf zur Wissenschaft: Paul Ruben (1866-1943)". Studien zur deutsch-jüdischen Wissenschaftsgeschichte. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2001. VII, 315 S., 4 Abb., br., 45,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Paul Ruben war in vielem eine Art Zwilling Aby Warburgs: geboren im selben Jahr, zur selben Schule gegangen, beim selben Gräzisten studiert, beide später Privatgelehrte. Ruben jedoch blieb unbekannt, Warburg wurde, so Roland Kany, "zur lebenden Legende der Kulturwissenschaft". Björn Biesters Buch ist zu einem guten Teil eine "Parallelbiografie", die Ruben als typisch für einen Teil des Judentums im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts beschreibt. Neben bekannten Quellen hat Biester, wie Kany feststellt, auch bisher unbekanntes und "eindrucksvolles" Material erschlossen. Erst 1937 hat Ruben sein Haupt- und Lebenswerk, eine kühne Theorie zur "Entstehung von Textvarianten und Interpolationen im Alten Testament" veröffentlicht, die Resonanz war verheerend. Leider sei Biester weder in der klassischen noch in der hebräischen Philologie kompetent, zur Einschätzung des Werks daher nicht in der Lage, bedauert der Rezensent. Am besten und "anrührendsten" scheint ihm daher jener Teil, der die letzten Jahre Rubens schildert, der unter unwürdigen Bedingungen in Hamburg ausharrte und vor der Deportation nach Theresienstadt starb.

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