Wittgenstein und die Metapher
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Produktdetails
  • Verlag: Parerga Verlag
  • Seitenzahl: 422
  • Erscheinungstermin: Oktober 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm x 134mm x 32mm
  • Gewicht: 542g
  • ISBN-13: 9783937262147
  • ISBN-10: 3937262148
  • Artikelnr.: 13014276
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.02.2005

Sackhüpfen, Gänsehautfüßchen
Etwas dünn? Ein Band über Wittgenstein und die Metapher
„Lebensform” ist ein schönes Wort, besonders für eine Sub-Spezies von Philosophen, die Spätwittgensteinianer. In der Annahme, man könne mit diesem Zauberwort vielerlei erklären, wird es häufig wie eine Beschwörung eingesetzt. So auch in einem Sammelband, der Bedeutung und Funktion der Metapher im Werk von Ludwig Wittgenstein (1889-1951) erkunden will. Nach einigen durchaus informativen Hinweisen auf Wittgensteins konstruktionstechnische und architektonische Metaphern („Logischer Raum des Satzes”, „Satz als Modell der Wirklichkeit”, „Gerüst der Welt”, „Sprachen bauen”) kommt etwa Matthias Kroß zum Ergebnis, dass „die Fähigkeit der Menschen, Metaphern zu kreieren, schlicht zu den Bestimmungen menschlicher Lebensformen” gehöre. Metaphern erweiterten den Horizont der „Sprachspielgemeinschaft”.
Weiter geht Jens Kertscher. Er plädiert für eine Aufhebung der für das klassische Metaphernkonzept bindenden Differenz zwischen wörtlicher und übertragener Bedeutung und findet dies in Wittgensteins „Verflechtung von Sprache, Handlung, Praxis und Lebensform” exemplifiziert. Ist also alles Metapher? Erhebt sich da keine Gegenstimme? Doch - es gibt ein paar Unbeugsame, die den wichtigsten und populärsten metaphorischen Ausdrücken Wittgensteins mit gebührender analytischer Distanz und Nüchternheit begegnen.
Verblümte Rede, alter Hut
Glück hat deshalb, wer die Lektüre dieses Aufsatzbandes auf Seite 335 beginnt. Denn Hans-Peter Schütt thematisiert hier nicht nur einen der schillerndsten Ausdrücke Wittgensteins - die Spiel-Metapher in dessen „Sprachspiel” und die damit zusammenhängende „Familienähnlichkeit”; sondern der Autor enthält sich jeglicher vorauseilenden Begeisterung für das Sprachspiel-Unternehmen. Eigens weist er darauf hin, dass Anführungszeichen bezüglich des Wortes „Sprachspiel” nicht nur die Erwähnung des Wortes von dessen Gebrauch unterscheiden sollen, sondern dass die Gänsefüßchen gleichsam Gänsehautfüßchen seien (diesen Ausdruck borgt er von Andreas Kemmerling).
Diese Distanznahme ist durch eine klassische Metaphern-Auffassung motiviert: „Ausdrücke bedeuten, was sie buchstäblich bedeuten, punctum.” Daher sind „Sätze, die Metaphern enthalten, falsch, und das sollen sie auch sein.” Schütt führt dann etwas durch, das er selbstironisch als ein „Sackhüpfen durch die Geschichte der Philosophie” apostrophiert. Zunächst werden verschiedene Ähnlichkeitsbegriffe durchgenommen, um dann einen als tauglich für die Charakterisierung von Metaphern auszuzeichnen: die zugleich abhängige und strukturerhaltende Eigenschaft eines Modells. So wie etwa Wilhelmshavener Schiffsmodelle oder Wiking-Autos echte Schiffe und Autos en miniature nachbilden, die sich jedoch für das Spiel auch durch Streichholzschachteln und Radiergummis ersetzen lassen, sind Metaphern abhängig von buchstäblichen Bedeutungen.
Wichtig sei dabei, sagt Schütt, die analoge Konfiguration. Mit Rekurs auf Euklid, Aristoteles und Thomas von Aquin werden die Begriffe der Analogie, Proportion und Mehrdeutigkeit erläutert. Zwischenergebnis: Das moderne Studium von Metaphern und Modellen habe dieser Tradition außer einigen terminologischen Verfeinerungen nichts hinzuzufügen vermocht. Auch die positive Analogie zwischen Spielregeln und Rechenregeln in Wittgensteins Spiel-Metapher sei „ein alter Hut”. Dies zeige sich, wenn man über den von den Römern geerbten Gebrauch des Wortes „Kalkül” nachdenke, der besagt, dass man zuweilen besser nicht im Kopf rechnet, sondern kleine Steine,„calculi”, zu Hilfe nimmt.
Zunächst, so Schütt, scheint die Spiel-Metapher für Wittgenstein „nicht mehr als die verblümte Rede von einem (uninterpretierten) Kalkül gewesen zu sein”, also einer abstrakten Struktur, die man durchaus in vielen Spielen und Sprachen findet. Dann aber habe sich der interaktive Charakter der Spiel- beziehungsweise Sprachpraxis in den Vordergrund geschoben, denn die Pointe vieler Beispiele für Sprachspiele scheine darin zu bestehen, dass auf eine Äußerung hin nicht bloß geredet, sondern etwas getan wird. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der oben erwähnten Aufhebung der Differenz zwischen metaphorischer und wörtlicher Rede: Alles Reden wird irgendwie Praxis - eben Lebensform. Als aufklärende Einsicht erscheint dies Hans-Peter Schütt mit Recht „etwas zu dünn”.
KÄTHE TRETTIN
ULRICH ARNSWALD, JENS KERTSCHER, MATTHIAS KROSS (Hrsg.): Wittgenstein und die Metapher. Parerga Verlag, Berlin 2004. 422 Seiten, 29,80 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Alles andere als eine Wittgenstein-Gläubige ist offenbar die Rezensentin Käthe Trettin. Mit den nur exegetischen Texten des Bandes macht sie durch weitgehende Nichterwähnung folglich kurzen Prozess. Ausführlich wird dagegen der eher skeptische Text von Hans-Peter Schütt referiert, der sich mit Wittgensteins Begriff oder Metapher des "Spiels" und des "Sprachspiels" befasst. Nach einem "Sackhüpfen durch die Geschichte der Philosophie" gelangt Schütt zu der These, dass erstens nur unmetaphorisches Sprechen wahrheitsbezogenes Sprechen ist und zweitens den Erkenntnissen von Euklid, Aristoteles und Thomas von Aquin in der späteren Zeit wenig hinzugefügt worden ist, auch nicht von Wittgenstein. Die Rezensentin schließt sich diesem Befund offenkundig ohne weiteres an und ist so wenigstens mit einem der Texte des Bandes glücklich geworden.

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