Juden, Deutsche und andere Erinnerungslandschaften - Beck-Gernsheim, Elisabeth
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Wie deutsch sind die Deutschen? Wer ist ein Jude? Wer ist ein Schwarzer? Wie ein soziologischer Krimi handelt das Buch von Ordnungsversuchen, Chaos und Wahn, von Verwirrung, Widersprüchen und Paradoxien. Wie wird nationale bzw. ethnische Zugehörigkeit hergestellt? Was wird dazu an Mythen und Legenden gesponnen? Was an Paragraphen und Verordnungen ersonnen? Wer widersetzt sich auf welchen Auswegen, Umwegen, Fluchtwegen diesen blutbefleckten Etikettierungen?…mehr

Produktbeschreibung
Wie deutsch sind die Deutschen? Wer ist ein Jude? Wer ist ein Schwarzer? Wie ein soziologischer Krimi handelt das Buch von Ordnungsversuchen, Chaos und Wahn, von Verwirrung, Widersprüchen und Paradoxien. Wie wird nationale bzw. ethnische Zugehörigkeit hergestellt? Was wird dazu an Mythen und Legenden gesponnen? Was an Paragraphen und Verordnungen ersonnen? Wer widersetzt sich auf welchen Auswegen, Umwegen, Fluchtwegen diesen blutbefleckten Etikettierungen?
  • Produktdetails
  • Edition Zweite Moderne
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 41074
  • 1999.
  • Seitenzahl: 280
  • Erscheinungstermin: 19. Dezember 1999
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm x 123mm x 19mm
  • Gewicht: 298g
  • ISBN-13: 9783518410745
  • ISBN-10: 3518410741
  • Artikelnr.: 08199386
Autorenporträt
Beck-Gernsheim, Elisabeth
Elisabeth Beck-Gernsheim ist Professorin für Soziologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Beck, Ulrich
Ulrich Beck ist einer der weltweit anerkannten Soziologen. Sein 1986 erstmals veröffentlichtes Buch Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne brachte ein neues Zeitalter auf den Begriff. Dieses Konzept machte ihn international und weit über akademische Kreise hinaus bekannt. Zwanzig Jahre später erneuerte und erweiterte er seine Zeitdiagnostik in Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit im Zeichen von Terrorismus, Klimakatastrophen und Finanzkrisen. Er war zwischen 1997 und 2002 Herausgeber der Reihe Edition Zweite Moderne im Suhrkamp Verlag. Zwischen 1992 und 2009 war Beck Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 1999 bis 2009 fungierte Ulrich Beck als Sprecher des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Sonderforschungsbereichs Reflexive Modernisierung. Vom Europäischen Forschungsrat wurde Ulrich Beck 2012 ein Projekt zum Thema Methodologischer Kosmopolitismus am Beispiel des Klimawandels mit fünfjähriger Laufzeit bewilligt. Beim Weltkongress für Soziologie 2014 in Yokohama erhielt Ulrich Beck den Lifetime Achievement Award - For Most Distinguished Contribution to Futures Research der International Sociological Association. Ulrich Beck wurde am 15. Mai 1944 in Stolp in Hinterpommern geboren. Nach seinem Studium der Soziologie, Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft in München promovierte er dort im Jahr 1972. Sieben Jahre später wurde er im Fach Soziologie habilitiert. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse galt dem Grundlagenwandel moderner Gesellschaften. Diese grundlegenden Veränderungen faßte er, neben dem Begriff des Risikos, unter anderem mit Konzepten wie Reflexiver Modernisierung, Zweite Moderne, unbeabsichtigte Nebenfolgen und Kosmopolitismus. Ihm wurden mehrere Ehrendoktorwürden europäischer Universitäten und zahlreiche Preise verliehen. Er starb am 1. Januar 2015.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 19.02.2000

Karneval mit Kategorien
Soziologie wird global: eingebildete Juden, erfundene Schwarze
„Übrigens, haben wir heute Nigger im Saal, irgendwelche Nigger hier?” So schockierte der amerikanische Komiker Lenny Bruce vor fast vierzig Jahren sein Publikum. Wenn dann Totenstille im Club herrschte, kam Lenny erst richtig in Fahrt. „Wie wäre es, wenn Kennedy sagen würde: ,Ich möchte Ihnen die Nigger in meinem Kabinett vorstellen . . .‘”
Niggerniggerniggerniggernigger . . . bis der Saal erschöpft in Lachen ausbrach. Die Beleidigung nur in den Köpfen der Zuhörer. Wie immer waren die Zuhörer über Lenny Bruce verwirrt, empört, amüsiert. So wird es auch den Lesern von Elisabeth Beck-Gernsheims neuem Buch Juden, Deutsche und andere Erinnerungslandschaften gehen. Weiße Schwarze, schwarze Weiße, nicht-jüdische Juden, undeutsche Deutsche, deutsche Nichtdeutsche – wir werden auf eine abenteuerliche Reise genommen, auf der nichts Wirkliches mehr existiert, wo alles nur in unseren Köpfen entsteht, eben erfunden und eingebildet. Man legt das Buch zur Seite und ist sich der Kraft der Soziologie bewusst, die alles was uns lieb und teuer ist als Konstruktion entlarvt. Damit wird auch ein Ideal beschworen. Ein Ideal, das gerade in den sich globalisierenden Gesellschaften zu einer neuen „Erfindung” und „Imagination” werden kann – das Ideal des Kosmopolitismus.
Die Bewohner postnationaler und globaler Gesellschaften werden gezwungen, Kategorien neu zu formulieren und andere über den Haufen zu werfen. Man ist nicht mehr, was man ist, sondern was der Andere nicht ist. Genauso geht das auch beim Anderen – und die Mischung, die dabei herauskommt, ist kein Zeichen von Integrationsversagen oder der Schizophrenie, sie bedeutet just jene eigene Individualität, die in dieser neuen Gesellschaft Identität bestimmt. So kann Individualität durch Überschneidung und in Folge von Konflikt mit anderen Identitäten entstehen, und jeder einzelne erbringt dabei eine kreative Leistung. Dass diese Kulturleistungen auch „Imaginationen” und „Erfindungen” einschließen, zeigt die Autorin an Beispielen wie der „Erfindung von Afrika” im Karneval von Notting Hill oder dem sentimentalen, manchmal verkitschten Kulturgehabe von „Nichtjuden”, die sich genüsslich Klezmerklängen in der deutschen Provinz hingeben, um damit ein bisschen „jüdischer” werden zu können.
Anders als Edison
Aber das heißt natürlich auch, dass die Autorin Verständnis dafür aufbringt, auf welche Weise starke Traditionen sich unter komplexen Umständen ständig neu „erfinden” – nicht so natürlich, wie Edison die Glühbirne erfunden hat, aus instrumentellen Gründen. Gerade die Thesen von „erfundenen Traditionen” und von „imaginierten Gemeinschaften” laufen oft Gefahr, mit theoretischer Gewalt jene Menschen in die „richtige” Bahn zu weisen, die nicht verstehen wollen, dass ihre Identitäten einfach nur erfunden sind – noch gibt es viele, die ihre kulturellen Identitäten weiter als „echt” und „authentisch” empfinden.
Identitätspolitik ist immer auch die Politik der Schaffung von Differenz. Essenzen werden konstruiert, und damit werden auch Konstruktionen zu Essenzen gemacht – für gewisse Zeit fraglos hingenommen. In diesem Buch werden nicht karnevalistische Widerstandsformen ästhetisch abgeklärt beschrieben oder gefeiert. Dieses Buch zeigt das alltägliche Leben normaler Menschen, wie sie mit den ständigen Um-Definierungen, Konstruktionen, Erfindungen und Neuerfindungen umgehen. Das war immer schon die Stärke guter Soziologie. Beck-Gernsheim zeigt derartige Prozesse spannend auf: Wie Schwarze in den USA konstruiert wurden – Farbe allein genügte natürlich nicht. Wie man im Nationalsozialismus zum Juden wurde – der Leser wird hier viel Unerwartetes erfahren über jüdische Religion, über Tradition, über Herkunft, über einen Großvater und zwei Großmütter.
Es sind heute gerade sogenannte postkolonialistische Diskussionen, die versuchen, den Abgrund zwischen Essentialismus und Konstruktivismus zu überwinden. Diese Debatten zeigen, wie kulturelle Minoritäten essentialistische Definitionen als politische Strategien in multikulturellen Auseinandersetzungen benutzen, um Forderungen für sich zu stellen – sich aber gleichzeitig bewusst sind, dass diese kulturellen Eigendefinitionen in der Praxis doch Konstruktionen sind. Das mag auf den ersten Blick paradox klingen: Wie kann man auf der einen Seite für die Willkürlichkeit ethnischer und kultureller Zuordnungen plädieren und gleichzeitig Identität als essentiell und unverhandelbar bezeichnen? Man kann! Das wird nicht nur hier klar, sondern auch in dem neuen Buch der amerikanischen Philosophin Seyla Benhabib, Kulturelle Vielheit und demokratische Gleichheit (Fischer Taschenbuch).
Es geht also nicht um postmoderne Homogenisierung oder um moderne Heterogenisierung, sondern um beides gleichzeitig. So kann man morgens Jude sein, nachmittags deutscher Mitbürger, am Abend beides, nicht-jüdisch deutsch, deutsch-jüdisch, jüdisch-deutsch, in Israel nicht-jüdisch genug, in Russland zu jüdisch. Das kann Strategie sein, das kann Verwirrung sein, das können die Antisemiten oder die Bürokraten sein, und es kann alles gleichzeitig sein. Man denke nur an Ignatz Bubis, der all diese Identitätsformen durchlebte und damit seine Umwelt oft mehr verwirrte, als dass er es geschafft hätte, die Paradoxien jüdischer Existenz (und nicht: Essenz!) klarzustellen. Wo war seine Heimat?
Es ist noch nicht lange her, da war Kosmopolitismus ein Schimpfwort für Juden – und natürlich ist es das immer noch. Aber Kosmopolitismus wird künftig zum Schicksal vieler werden. Heimatlosigkeit und die „Erfindung” und „Konstruktion” neuer Heimaten wird zum Alltag. Vielleicht heißt das auch, dass jüdische Existenz (nicht: Essenz) die neue imaginäre Konstruktion kosmopolitisch werdender Menschen abgibt: die gelernt haben, nicht mehr der verlorenen Heimat nachzuweinen, sondern Heimatlosigkeit als eine neue, sich öffnende Perspektive zu begreifen. Nicht mehr „Wie kann man als Jude in Deutschland leben?”, sondern: „Wie können wir alle zu ortslosen ,eingebildeten‘ Juden werden?” Dies sind Perspektiven, die sich den Lesern des Buches von Elisabeth Beck-Gernsheim eröffnen.
Aber ist diese verspielte, konstruktivistische Perspektive überhaupt allen Menschen offen? Oder ist sie eine Spielform kosmopolitischer Eliten? Wie kann Konstruktivismus transparent werden? Wie kann die Perspektive des Beobachters zu jener der Teilnehmer in dem von Beck-Gernsheim so genannten „Dschungel der ethnischen Kategorien” werden? Ein kulturelles Gedächtnis, das ethnischen Gruppen ihre Konturen verleiht, kann, obwohl „erfunden” und „eingebildet”, nicht einfach vergessen werden. Das scheint klar zu sein. Was dagegen weniger klar ist: wie Gedächtnisse verdichtet werden können, um sich an anderes zu erinnern, einiges dabei vergessen, anderes hinzufügen.
Große und kleine politische Ereignisse können zu diesem Prozess beitragen. Man denke nur an den Kosovokonflikt und an Bubis’ Tod. Gedächtnisse schlugen Purzelbäume und mussten sich neu arrangieren. Aber Vorsicht: Weder Modernität noch was danach kommt setzt Religionen und kulturellen Identitäten ein absolutes Ende. Trotzdem werden sie von der Moderne so gewandelt, dass diese kulturellen Identitäten wie die Religionen sich mit anderen Religionen und Identitäten überschneiden können. Die Leser werden in diesem Buch viele Bausteine zum Neu- und Umbau ihrer kulturellen Identität finden – damit leistet es einen weiteren Beitrag zu dieser Öffnung.
NATAN SZNAIDER
ELISABETH BECK-GERNSHEIM: Juden, Deutsche und andere Erinnerungslandschaften. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1999. Edition Zweite Moderne. 340 Seiten, 30 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Thomas Krüger drückt gegenüber der Autorin in mehrfacher Hinsicht seine Hochachtung aus. So habe sie bereits bei zahlreichen Gelegenheiten unter Beweis gestellt, dass wissenschaftlich fundierte Ausführungen in verständlicher Art und Weise vermittelt werden können, ohne dass man dabei zwangsläufig ins Populistische abgleiten müsse. Dies sei auch mit dem vorliegenden Band erneut gelungen. Krüger lobt dabei vor allem, dass Beck-Gernsheim nicht der Versuchung erliegt, Begriffe wie "Nation" gegen "idealisierte Konzepte von Multikulturalität" auszuspielen. Vielmehr warne sie stets vor dem "Jahrmarkt ethnischer Eitelkeiten" und davor, ethnische Gruppen in Konkurrenz zueinander zu begreifen. Krüger hebt darüber hinaus hervor, dass sich mit den von der Autorin aufgeführten Beispielen "ein starres Kulturkonzept ebenso kritisieren läßt wie ein vermeintlich offenes".

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