Ein Koloß auf tönernen Füßen - Eicke, Karl
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Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) war mit schließlich 25 Mio. Mitgliedern die mit Abstand mitgliederstärkste Organisation des "Dritten Reiches". Es gab kaum einen sozialpolitischen Bereich, in dem die DAF nicht tätig wurde und spätestens Ende der dreißiger Jahre eine machtvolle Position innehatte. In dem hier edierten umfangreichen Gutachten aus dem Jahre 1936 durchleuchtet der Wirtschaftsprüfer und Rationalisierungsexperte Karl Eicke das komplexe Organisationsfeld der DAF in schonungslos kritischer Weise. Die um weitere Dokumente ergänzte und durch eine umfangreiche Einleitung erläuterte Quelle…mehr

Produktbeschreibung
Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) war mit schließlich 25 Mio. Mitgliedern die mit Abstand mitgliederstärkste Organisation des "Dritten Reiches". Es gab kaum einen sozialpolitischen Bereich, in dem die DAF nicht tätig wurde und spätestens Ende der dreißiger Jahre eine machtvolle Position innehatte. In dem hier edierten umfangreichen Gutachten aus dem Jahre 1936 durchleuchtet der Wirtschaftsprüfer und Rationalisierungsexperte Karl Eicke das komplexe Organisationsfeld der DAF in schonungslos kritischer Weise. Die um weitere Dokumente ergänzte und durch eine umfangreiche Einleitung erläuterte Quelle bietet einen einzigartigen Überblick über den gesamten Tätigkeitsbereich sowie die innere Struktur der DAF. Sie läßt darüber hinaus erkennen, wie stark diese Organisation in immer weitere Bereiche der Gesellschaft hineinwucherte.
  • Produktdetails
  • Forschungen zur deutschen Sozialgeschichte Bd. 9
  • Verlag: Oldenbourg
  • Seitenzahl: 396
  • Erscheinungstermin: 16. August 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 249mm x 169mm x 30mm
  • Gewicht: 785g
  • ISBN-13: 9783486579888
  • ISBN-10: 3486579886
  • Artikelnr.: 20887953
Autorenporträt
Rüdiger Hachtmann, Professor für Geschichtswissenschaft an der Technischen Universität Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Vormärz und zur deutschen wie europäischen Revolution von 1848/49, zur Geschichte Berlins, zur preußischen Freimaurerei im 18. Jahrhundert, zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte 1925 - 1945 sowie zur Geschichte des kollektiven Arbeitsrechts in Deutschland (1933 - 1989).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 01.10.2007

Dynamische Inkompetenz
Karl Eickes Gutachten von 1936 über die Deutsche Arbeitsfront

"Meine ganz eingehenden Untersuchungen haben ergeben, dass hinsichtlich der rationellsten Gestaltung der Verwaltung der DAF noch viel getan werden muss. Ich kann den augenblicklichen Zustand teilweise nur als unhaltbar bezeichnen." Dies war die wesentliche Aussage des Gutachtens, das der Wirtschaftsprüfer Karl Eicke, langjähriges NSDAP-Mitglied und somit dem nationalsozialistischen Regime aufgeschlossen gegenüberstehend, Anfang August 1936 dem Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, übersandte. Das insgesamt 1100 Seiten starke Gutachten gibt eine Momentaufnahme dieser Massenorganisation zu einem Zeitpunkt wieder, in dem ihre erste, ungezügelte Wachstumsphase abgeschlossen war und sich die Frage nach ihrer Rolle in der Herrschaftsstruktur des "Dritten Reiches" stellte. Damit sollte Ley und seinem engeren Mitarbeiterstab ein Wegweiser an die Hand gegeben werden, wie die bisher gewonnene Stellung konsolidiert und ausgebaut werden konnte.

Das Gutachten, das hier in Auszügen ediert ist, bietet einen höchst detaillierten Einblick in die Binnenstruktur der DAF, ihrer zentralen Ämter und deren Arbeitsgebiete sowie ihrer regionalen Untergliederung samt Beitrags- und Rechnungswesen. Da die Quellenlage zur DAF generell eher dürftig ist, kann der Fund dieses Gutachtens im Nachlass Eickes nur als Glücksfall gekennzeichnet werden. Das geschulte Auge des Wirtschaftsprüfers und Unternehmensberaters erfasst und strukturiert den "Koloß" Arbeitsfront nicht nur mit klarem Blick. Eicke konstatiert ebenso präzise gravierende innerorganisatorische Defizite, fachliche Inkompetenz auf allen Ebenen, ungezügelte Ausgabenfreudigkeit und korruptive Strukturen. Kurz: das Gutachten ist ein vernichtendes Verdikt über die DAF. Deshalb verwundert es nicht, dass Ley und seine Mitstreiter Eickes Votum nicht zum Anlass nahmen, um deren Organisation zu straffen und auf ihre Kernaufgaben zurückzuführen, sondern es beiseite legten und sich darüber hinwegsetzten.

So überzeugend die Schlussfolgerungen Eickes aus seiner Analyse der DAF waren, so verkannte er, wie Rüdiger Hachtmann in seiner Einleitung ausführt, doch das Wesen der NS-Herrschaft und in ihr eingebettet der DAF. In Hachtmanns Sicht gehörten Kompetenzakkumulation, "Doppelarbeit" von Ämtern und Behörden, ein ostentativer Antibürokratismus, ja selbst Korruption und Nepotismus zu den Strukturmerkmalen des "Dritten Reiches". In Anlehnung an Max Webers Konzept der "charismatischen Herrschaft" charakterisiert er das NS-Regime als eine "charismatisch aufgeladene Polykratie" und die DAF als das Beispiel eines "charismatischen Verwaltungsstabs". Letztere sieht er dadurch bestimmt, dass sie traditionelle bürokratische Organisationsstrukturen und Handlungsmuster zurückweisen, formale Rechtsordnungen nicht anerkennen und ihre Mitglieder sich stattdessen durch persönliche Hingabe und einen unkontrollierten Voluntarismus auszeichnen. Auf diese Weise tragen sie in Hachtmanns Augen maßgeblich zur Dynamik des Regimes bei.

Mit diesem Erklärungsmuster hat er eine neue Interpretation zum nationalsozialistischen Herrschaftssystem in die Debatte geworfen, die bisherige Deutungen wie "Doppelstaat" (Fraenkel) und "Polykratie" (Neumann) aufgreift und weiterentwickelt. Zwar ist das Konzept der "charismatischen Herrschaft" als Schlüssel zur Durchführung der Grundmechanismen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems angesichts seiner Personenzentriertheit wiederholt kritisiert worden, Hachtmann sieht jedoch den heuristischen Wert dieses Begriffs in dem Verweis auf die zunehmende Auflösung des administrativen Systems wie das Hervortreten von neuen Instanzen und führerunmittelbaren Sonderverwaltungen. Hier setzt sein Bild vom "charismatischen Verwaltungsstab" an, für das die DAF in seinen Augen ein prägnantes Beispiel war. Wie aussagekräftig diese Interpretation ist, wieweit sie Charakter und Stellung der DAF kennzeichnen und in welchem Maße dies auf andere Verwaltungen übertragen werden kann, vermag erst ein vertiefter Blick auf Leys Herrschaftsbereich und dessen Rolle im "Dritten Reich" zu zeigen. Auf die Geschichte der DAF, an der Hachtmann gegenwärtig arbeitet und in der er dieses Konzept ohne Zweifel weiter ausführen wird, darf man gespannt sein.

MARIE-LUISE RECKER

Rüdiger Hachtmann (Herausgeber): Ein Koloß auf tönernen Füßen. Das Gutachten des Wirtschaftsprüfers Karl Eicke über die Deutsche Arbeitsfront vom 31. Juli 1936. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2006. 389 S., 49,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Überaus instruktiv scheint Marie-Luise Recker dieser von Rüdiger Hachtmann herausgegebene Band, der Karl Eickes umfassendes Gutachten von 1936 über die nationalsozialistische Organisation Deutsche Arbeitsfront (DAF) in Teilen ediert. Angesichts der dünnen Quellenlage zur DAF hält sie den Fund dieses Gutachtens im Nachlass des Wirtschaftsprüfers Eickes für einen echten "Glücksfall". Das Gutachten bietet ihres Erachtens nämlich einen "höchst detaillierten Einblick" in die Binnenstruktur der DAF, ihrer zentralen Ämter und deren Arbeitsgebiete sowie ihrer regionalen Untergliederung samt Beitrags- und Rechnungswesen. Dabei konstatiere Eickes organisatorische Defizite, fachliche Inkompetenz, Ausgabenfreudigkeit und Korruption und fälle ein "vernichtendes Verdikt über die DAF". Daher verwundert es Recker keineswegs, dass der Leiter der Arbeitsfront Robert Ley und seine Mitstreiter das Gutachten beiseite legten und sich darüber hinwegsetzten. Lobend äußert sie sich über Rüdiger Hachtmanns Einleitung und hebt insbesondere dessen Charakterisierung des NS-Regimes als "charismatisch aufgeladene Polykratie" und der DAF als Beispiel eines "charismatischen Verwaltungsstabs" hervor.

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