Die wunderbaren Wege - Sadlon, Magdalena

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In Magdalena Sadlons erstem Roman begegnen wir einem Enkel der Monarchie, einem Sohn des Dritten Reiches - einem Kind Österreichs. Wie die meisten Wiener stammt auch Jakob aus der Provinz. Seit seiner erzwungenen Pensionierung als Lehrer gibt er sich den Passionen des Alltags hin: Kaffeehaus, Pfeife, Billard, Zeitungen und unregelmäßige Besuche in zwielichtigen Spelunken. Zwischen den Verlockungen des Ausbrechens aus dem Alltag und der Macht der Bequemlichkeit, zwischen Courage und Lächerlichkeit, Gier nach Leben und Verweigerung aller menschlichen Regungen verläuft dieses Psychogramm, das…mehr

Produktbeschreibung
In Magdalena Sadlons erstem Roman begegnen wir einem Enkel der Monarchie, einem Sohn des Dritten Reiches - einem Kind Österreichs. Wie die meisten Wiener stammt auch Jakob aus der Provinz. Seit seiner erzwungenen Pensionierung als Lehrer gibt er sich den Passionen des Alltags hin: Kaffeehaus, Pfeife, Billard, Zeitungen und unregelmäßige Besuche in zwielichtigen Spelunken. Zwischen den Verlockungen des Ausbrechens aus dem Alltag und der Macht der Bequemlichkeit, zwischen Courage und Lächerlichkeit, Gier nach Leben und Verweigerung aller menschlichen Regungen verläuft dieses Psychogramm, das Magdalena Sadlon zu einem hintergründigen, ironischen Roman verdichtet hat.
  • Produktdetails
  • Verlag: Zsolnay
  • Best.Nr. des Verlages: 551/04923
  • Seitenzahl: 191
  • 1999
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 136mm x 26mm
  • Gewicht: 328g
  • ISBN-13: 9783552049239
  • ISBN-10: 3446049231
  • Best.Nr.: 24816834
Autorenporträt
Magdalena Sadlon wurde 1956 in Zlate Moravec in der Slowakei geboren und emigrierte 1968 mit ihrer Familie nach Österreich. Nach einer Schauspielausbildung arbeitete sie am Theater und als Übersetzerin. Sie lebt heute abwechselnd in Wien und in der Slowakei.
Rezensionen
Besprechung von 30.11.1999
Angst essen Schnitzel auf
Im Würgegriff des ganz normalen Alltags - Magdalena Sadlons erster Roman / Von Martin Ebel

Mein Leben sind Tage, von Nächten zusammengehalten", lautet der erste Satz im Tagebuch des pensionierten Lehrers Jakob Sagmeister. Es folgt kein weiterer, es bleibt bei dieser einen, sprachlich ungelenken und inhaltlich bedenklichen Bemerkung. Sie fasst das Wesentliche an dieser Figur zusammen: Das große Ganze zerfällt in kleine Einheiten, das Leben ist eine Vorstellung, der keine greifbare Realität anhaftet; greifbar dagegen sind die Tage, die aufeinander folgen, unentwegt und immergleich.

Jakob Sagmeister hätte fortsetzen können: Meine Tage sind Stunden, die gefüllt werden müssen. Er füllt sie mit Handlungen und Verrichtungen, die keine andere Bedeutung haben als die, die Zeit auszufüllen. Frühstück im Café, Einkaufen im Supermarkt, Mittagessen im Restaurant (jeden Wochentag nach Plan; der Kellner ist über Jahrzehnte derselbe und der mit ihm geführte Dialog auch). Spaziergänge durch die Stadt (es ist Wien, könnte aber auch Zürich, Frankfurt oder Stuttgart sein), Besuche beim Friseur, im Billardclub, auf dem Friedhof. Programmpunkte, die abzuhaken sind. Erfüllend ist das nicht, kann das nicht sein. Es ist ein Gerüst, das Jakob braucht, damit ihm nicht alles unter den Händen zerbröckelt, vor den Augen zerfließt.

Die Bedrohung könnte den Namen "Reizüberflutung" tragen. "Er muss zwar nicht mehr mit der rasend gewordenen Kommunikation mithalten, darum geht es gar nicht; aber in solchen Augenblicken fasst er auch seine eigene Geschwindigkeit nicht mehr. Seine Struktur, seine Prinzipien zerfallen in kleine Teile, liegen zusammenhanglos im Kopf herum, wie Schutt, und lassen Jakob mit dem oder jenem törichten Gedanken allein." Sie könnte auch "Orientierungsverlust" heißen. Eine Schlüsselszene ist ein Konzertbesuch des jungen Jakob, bei dem die Intensität und Vielfalt des Wahrgenommenen ihn zu überwältigen beginnt und er sich dagegen wappnen muss. "Jakob ortete und ordnete zum ersten Mal seine Eindrücke zu einem festen Sicherheitsnetz, er hörte zu und zog seine Schlüsse wie dicke Seile zu Knoten zusammen."

So eingeschnürt lebt er dahin. Man könnte ihn einen Zwangscharakter nennen, mit seinem unabänderlichen Tagesrhythmus, seinem Ordnungsdrang, seinen Macken und Schnurren. Die "zweite Verlobte", eine gewisse Margit, verließ ihn, weil er, als sie sich gerade wieder einmal "ans Verführen machte", nur noch einmal "kurz aufstand, um seine Hose, die vom Garderobenständer gerutscht war, wieder zusammenzulegen". Margit schreit "Du bist zu blöd für eine Atmosphäre", zieht sich an und verschwindet aus seinem Leben. Bis heute hat Jakob nicht begriffen, warum. Er fragt es sich auch nicht, "denn Gefühle kann man nicht erklären, und Handlungen im Affekt sind komprimierte Gefühle. Sie wird ihre Gründe gehabt haben. Frauen haben immer ihre Gründe."

Man könnte ihn also auch beziehungsgestört nennen, den Helden von Magdalena Sadlons Roman "Die wunderbaren Wege". Nach Margit kam noch eine Elisabeth, aber die redete zu viel, dann niemand mehr. "Zuerst versuchte Jakob, die Lücke zu schließen, dann begann er sich der Lücke zu verschließen." Über ein paar Bemerkungen zu Nachbarn, Kellnern und Kassiererinnen, über das Nötigste geht sein Kontakt zur Mitwelt nicht hinaus. Mehr braucht Jakob nicht, ist vollauf damit beschäftigt, das auf ihn einflutende Leben einzudeichen und zu kanalisieren. Es ist ein ständiger Kampf, denn überall drohen Veränderungen: Der gewohnte Friseur hört auf, vielleicht auch einmal der Kellner! Dagegen gilt es sich mit Gleichmütigkeit zu wappnen, notfalls auch mit Verzicht. "Die Unbeständigkeit in der Routine erfordert viel Kraftaufwand."

Für anderes ist dann keine Energie mehr übrig. Nicht für das, was so gemeinhin "das Leben" genannt wird und nach Meinung von Jakob nur in Filmen und Romanen stattfindet. Dort hat jedes Detail seinen Sinn, ist nicht bloß einfach da, und dort zieht sich die Zeit um markante Erlebnisse zusammen, kristallisiert sich eine Biographie aus, bildet sich aus Konflikt und Kompromiss ein Charakter. Aber das ist nicht seine Sache. Andere "beißen in das Leben wie in eine Semmel", er dagegen "vermeidet tunlichst, in eine Situation zu geraten".

Wie wird einer so, wie dieser ist? Darüber erfährt man wenig. Da gab es einen Vater, der Schuldirektor war und Deutsch unterrichtete; für ihn hörte die Literatur mit Thomas Mann auf, und auch von dem ließ er nur die "Buddenbrooks" gelten. Ein wenig zugänglicher Mann, der keine Realität akzeptierte, "außer der, in der er Direktor war". Die Mutter überzieht den Jungen mit klebriger Zuneigung, der er ausweicht, wo er kann. Mehr erzählt Magdalena Sadlon nicht, weshalb man aus ihrem Jakob auch keinen "Fall" machen kann. Sie lässt nichts heraus, was Jakob nicht an sich heranlässt. Der Erzählhorizont ist verstellt mit den Scheuklappen, die Jakob angelegt hat, um nichts sehen zu müssen, was ihn verunsichern könnte.

Der Beobachter ist ein Vermeider, der Flanierer ist nicht auf Neues aus, sondern geht in der immergleichen Spur. Und gerade das macht ihn einzigartig. Jakob ist ein Sonderling, der im Allgemeinen aufgehen will. Durch den Versuch, als Subjekt zu verschwinden, bleibt er individuell - und literarisch fassbar. Es mangelt ihm durchaus nicht an eigenständigen, an originellen, fast liebenswerten Zügen. So kommt es etwa zu ausgeprägten Objektbeziehungen: Jakob liebt seine Hemden, "die meisten sind weiß, aber er kennt sie beim Namen". Er hat ausgeprägte Meinungen und Vorurteile, die er liebevoll pflegt. Er grantelt gerne und sieht sich als Teil einer gleichgesinnten Majorität. Ganz Österreich ist in seinen Augen ein Gewohnheitstier, das sonntags Schnitzel isst, gemeinsam verdaut und am Montagmorgen die Reste ausscheidet. Aber das Charakteristischste an ihm ist doch, dass er alles Charakteristische vermeidet.

Jakob ist kein Fall (außer für Psychoanalytiker, die mit Hingabe an den von ihm ausgelegten Ködern schnuppern können). Ist er ein Typus? Dann wäre er ein Fall für die Soziologie. Literatur aber macht aus dem Typus eine Figur, die über alles Allgemeine hinauswächst, indem sie es aufzehrt, so dass man, wenn man über einen Typus redet, sich sofort diese Figur vorstellt. So könnte es mit Jakob gehen, in dem Magdalena Sadlon einen geschaffen hat, der lebt, ohne zu leben.

Der aus der Slowakei stammenden, seit 1968 in Wien lebenden Autorin, die bislang nur kurze Prosastücke vorgelegt hat, ist mit ihrem ersten Roman eine bemerkenswerte Leistung gelungen. "Die wunderbaren Wege" faszinieren und verstören zugleich. Der Begriff tötet, die Erzählung belebt: So vermeidet Magdalena Sadlon all die platten und plattmachenden Kategorisierungswörter, die auf der Hand liegen. Sie spricht nicht von Reizüberflutung, Beziehungsgestörtheit und Zwangscharakter, sondern führt eine Figur vor, die mit diesen Begriffen noch lange nicht "erfasst" ist. Wieder einmal erweist sich die erlebte Rede als die reichste und produktivste Erzählperspektive, wenn man damit so virtuos umgehen kann wie die Autorin. Sie gestaltet ihren Helden von innen und außen zugleich und vermeidet dabei die erschlichene Nähe ebenso wie den therapeutischen Drauf- und Durchblick. Das Gefühlsknäuel, das Jakob darstellt, muss der Leser selbst abwickeln. Und je einfacher die Sätze sind, die er über diese Figur zu lesen bekommt, desto länger sinnt er über sie nach.

Am Ende streicht Jakob Sagmeister in seinem Tagebuch den einzigen Satz durch, der dort steht, und schreibt einen neuen darunter: "Das Leben ist nur ein Teil des Lebens." Aber nicht für ihn.

Magdalena Sadlon: "Die wunderbaren Wege". Roman. Zsolnay Verlag, Wien 1999. 192 S., geb., 27,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Das Tagebuch eines pensionierten Lehrers, dem nichts passiert, der immer nur an seiner Routine festhält und "eingeschnürt dahinlebt" - das klingt nun nicht gerade erhebend. Martin Ebel bespricht diesen Roman aber sehr positiv und bewundert vor allem, wie es Sadlon schafft, diesen Lehrer sozusagen von innen zu begreifen. "Wieder einmal erweist sich die erlebte Rede als die reichste und produktivste Erzählperspektive." Sadlon sei hier eine Virtuosin.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Der Autorin ist mit ihrem ersten Roman eine bemerkenswerte Leistung gelungen. 'Die wunderbaren Wege' faszinieren und verstören zugleich. (...) Wieder einmal erweist sich die erlebte Rede als die reichste und produktivste Erzählperspektive, wenn man damit so virtuos umgehen kann wie die Autorin. Sie gestaltet ihren Helden von innen und außen zugleich und vermeidet dabei die erschlichene Nähe ebenso wie den therapeutischen Drauf- und Durchblick. Das Gefühlsknäuel, das Jakob darstellt, muss der Leser selbst abwickeln. Und je einfacher die Sätze sind, die er über diese Figur zu lesen bekommt, desto länger sinnt er über sie nach." Martin Ebel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1999 "Von einer 'kleinen, stillen Sensation' hat der Wiener Autor Franzobel gesprochen. Ich denke, er hat recht." Monika Schattenhofer, Süddeutsche Zeitung
"Ein dichtes Spiel mit Erzählung und Reflexion." Süddeutsche Zeitung

"Der Autorin ist mit ihrem ersten Roman eine bemerkenswerte Leistung gelungen. 'Die wunderbaren Wege' faszinieren und verstören zugleich ... Wieder einmal erweist sich die erlebte Rede als die reichste und produktivste Erzählperspektive, wenn man damit so virtuos umgehen kann wie die Autorin ... Das Gefühlsknäuel, das Jakob darstellt, muß der Leser selbst abwickeln. Und je einfacher die Sätze sind, die er über diese Figur zu lesen bekommt, desto länger sinnt er über sie nach." Martin Ebel in der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung'

"Das bestechendste an Sadlons wunderbarem Romandebüt ist, daß hier nicht einfach ein 'Psychogramm' oder gar ein pathologischer Befund erstellt wird. Mit subkutaner Ironie nähert sich Sadlon ihrem Helden bis zur Mimesis an und bleibt doch auf Distanz." Klaus Nüchtern in der 'taz'

"Bei Sätzen von funkelnder Komik wird klar, daß hier nicht immer Jakob denkt, sondern ein witziges Erzählergehirn, eine gewiefte Erzählerin, die ihren Romanhelden liebevoll in der Schwebe hält, zwischen geknicktem Rebellentum und herzerweichender Lächerlichkeit ... Keine autobiographische Mitteilsamkeit beflügelt diesen Debütroman, nur die wunderbar schwatzhafte Verlassenheit eines Menschen auf seinen krausen Wegen." Franz Haas in 'Literatur und Kritik'

"Gibt es etwas, was diese Autorin nicht kann? Ihr Romanerstling zieht alle Themen und Register der jüngeren österreichischen Literatur von der Kultur des politischen Stillstands bis zum neuen Rechtsradikalismus, von der Geschlechterunordnung bis zum Körperkult ... Magdalena Sadlon, kein Zweifel, wird Furore machen." Andreas Breitenstein in der 'Neuen Zürcher Zeitung'…mehr