20,00
versandkostenfrei*

Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

    Gebundenes Buch

1 Kundenbewertung

Die Entscheidung Großbritanniens für den Austritt aus der EU in der Volksabstimmung am 23. Juni 2016 war der größte Einschnitt in der europäischen Geschichte seit dem Fall der Berliner Mauer 1989. Mit dem Brexit verabschiedet sich eines der größten und stärksten Länder Europas aus der Gemeinschaft. Der Prozess der immer weiter fortschreitenden Integration des Kontinents ist gestoppt, und es wird sich erst weisen, ob damit in den verbleibenden EU-Staaten zentrifugale Kräfte Aufwind bekommen werden oder der Zusammenhalt gestärkt wurde. Der EU-Austritt löst kein einziges Problem Großbritanniens,…mehr

Produktbeschreibung
Die Entscheidung Großbritanniens für den Austritt aus der EU in der Volksabstimmung am 23. Juni 2016 war der größte Einschnitt in der europäischen Geschichte seit dem Fall der Berliner Mauer 1989. Mit dem Brexit verabschiedet sich eines der größten und stärksten Länder Europas aus der Gemeinschaft. Der Prozess der immer weiter fortschreitenden Integration des Kontinents ist gestoppt, und es wird sich erst weisen, ob damit in den verbleibenden EU-Staaten zentrifugale Kräfte Aufwind bekommen werden oder der Zusammenhalt gestärkt wurde. Der EU-Austritt löst kein einziges Problem Großbritanniens, sondern macht die bestehenden Herausforderungen des Landes nur noch akuter und schwieriger zu beantworten.
"Brexitannia. Die Geschichte einer Entfremdung" zeigt, dass der Brexit unerwartet kam, aber kein Zufall und keine Überraschung war. Die EU-Volksabstimmung bot jenen die Gelegenheit, ihren Ärger, ihre Sorgen, ihre Frustrationen und ihre Abneigung zu artikulieren, die sich seit Jahren vonder Politik links liegen gelassen sahen. Die sich als Betrogene fühlten, werden nun tatsächlich die Betrogenen sein. Dass sie die Mehrheit stellen würden, hatte niemand erwartet. Die Folgen werden nicht nur Großbritannien verändern und es wird nicht zum Besseren sein.
  • Produktdetails
  • Verlag: Braumüller
  • Seitenzahl: 208
  • Erscheinungstermin: 21. Oktober 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 157mm x 20mm
  • Gewicht: 400g
  • ISBN-13: 9783991001966
  • ISBN-10: 3991001969
  • Artikelnr.: 46157752
Autorenporträt
Gabriel Rath ist Korrespondent der österreichischen Tageszeitung Die Presse in London.
Rezensionen
Besprechung von 18.04.2017
Johnson’s
Hit
Die Sehnsüchte der Briten: Gabriel Rath zeigt,
wie es zum Brexit kam und erwägt seine Folgen
VON FRANZISKA AUGSTEIN
Nach der Niederlage des Rechtsaußen-Mannes Geert Wilders bei den Wahlen in den Niederlanden hat Europa aufgeatmet. Ganz Europa? Nein. Ein widerspenstiges Eiland ist mit kleiner Mehrheit der Auffassung, Europa nicht zu brauchen. Das Land ist bekannt und beliebt: Großbritannien. Beliebt sind die Briten in Europa, weil sie denn doch irgendwie dazugehören, und weil niemand sich besser über sie lustig machen kann als sie selbst. Zahllos sind die Karikaturen der vergangenen Jahrzehnte, auf denen das Vereinigte Königreich als Floß dargestellt wurde, das gen Amerika treibt. Seit dem Brexit wird gefragt, ob Großbritannien nicht vielleicht wirklich abdriften kann. Es muss ja nicht nach Amerika sein.
Einige Bücher sind schon über den Brexit erschienen. Das beste stammt von Tim Shipman: „All Out War“ (William Collins, 2016). Shipman arbeitet bei der Londoner Sunday Times und kennt alle Protagonisten seit Jahren. Er kennt sie so gut, dass sein Buch 630 Seiten lang wurde, was vielleicht ein bisschen viel ist für deutsche Leser, die einfach nur wissen wollen, wie der ehemalige Premierminister David Cameron Britanniens Ausstieg aus Europa wider seinen eigenen Wunsch zuwege brachte. Da kommt Gabriel Raths „Brexitannia“ gerade recht: Rath ist Londoner Korrespondent der österreichischen Tageszeitung Die Presse. Sein Buch erklärt, wie es zum Brexit kam; es ist viel kürzer als Shipmans Niedergangsepos, es ist konzis, gut geschrieben und erhellend.
Etliche britische Politiker finden, das ökonomische Modell Singapurs komme auch für ihr Land infrage: sehr niedrige Steuern, sehr wenig Sozialstaat. Finanzminister David Hammond, der eigentlich zu klug ist, um so etwas zu sagen, hat angekündigt: Wenn Europa Britannien nicht entgegenkomme in Sachen Freihandel bei gleichzeitiger Beschränkung des Rechts der Europäer in jedem EU-Land zu arbeiten, dann werde Britannien eben eine Steueroase. Anders als Singapur oder kleine Inseln in der Karibik ist Großbritannien freilich ein großes und volkreiches Land, es ist dichter besiedelt als die meisten Staaten Europas.
Das britische Sozialsystem wurde schon unter der Regierung Cameron und seinem Finanzminister George Osborne bis über die Schmerzgrenze hinaus mit Geldkürzungen in die Mangel genommen. Die Briten waren bekannt dafür, staatliche und andere Zumutungen stoisch hinzunehmen. Das ging lange gut. Nun ist es vorbei.
Kommentatoren konstatieren „eine Spaltung“ des Landes: hier die Polit- und Finanzelite in London und Umgebung – dort die Bevölkerung, die nicht recht weiß, wohin mit ihrem Zorn über sinkende Sozialleistungen und zunehmende Internationalisierung auf Kosten patriotischer Werte; hier England und Wales, die gegen die EU sind, dort Nordirland und Schottland, wo große Mehrheiten zur EU gehören wollen. Das Land ist in der Tat gespalten – aber das war es immer. Gabriel Rath schließt sich diesem simplen Befund denn auch nicht an. Er zitiert Benjamin Disraeli, der schon im 19. Jahrhundert Britannien als ein geteiltes Land beschrieb, geteilt zwischen Arm und Reich. Leider haben die Wähler, vor allem die etwa 50 Millionen Engländer und die etwa sechs Millionen Waliser, ausgerechnet das Referendum über die Mitgliedschaft in der EU als Gelegenheit genommen, es ihrer Regierung heimzuzahlen.
Viele Engländer wünschen sich, als englische Nation endlich gewürdigt zu werden. Vergeblich. Das wird der Brexit ihnen gewiss nicht bescheren. Der Austritt aus der EU bedeutet nur, dass London und die dort Regierenden noch wichtiger werden, als sie es schon sind. Der Brexit war ein Kabinettstückchen, das der ehemalige Premierminister Cameron dummerweise aufführte, um die britische Anti-EU-Partei Ukip sowie seine eigenen antieuropäischen Parteifreunde im Zaum zu halten. Er hatte nicht die Absicht, mehr Demokratie in Britannien einzuführen; die nationalistischen Sehnsüchte der Engländer waren ihm einerlei, sofern er sie überhaupt ernst genommen hat. Er wollte sein Amt retten. Das hat ihn sein Amt gekostet.
Cameron, das ist gewiss, wird nicht als Staatsmann in die Geschichte eingehen. Und wenn er seinen Landsleuten nicht bloß als elitärer Depp vom Eton College in Erinnerung bleibt, hat er Glück gehabt. Ziemlich genau so sieht es Gabriel Rath, nur dass er höflichere Worte findet. Er schreibt, Cameron habe sich von Anfang an der Meinung der EU-Gegner verschrieben: „Ein Muster war damit geschaffen, aus dem sich Cameron bis zum Ende seiner politischen Karriere nicht lösen konnte (oder wollte): Statt den lautstarken rechten Flügel seiner Partei in der Europa-Frage herauszufordern und in die Knie zu zwingen, machte er ein Zugeständnis nach dem anderen.“
Wie geht es nun weiter mit dem Brexit? Das Cameron-Kabinett wurde ausgetauscht. Dem neuen Finanzminister Hammond wurde die Drohung mit der „Steueroase“ wohl von seinen EU-feindlichen Parteifreunden eingegeben, vielleicht von Premierministerin Theresa May selbst. Sie wiederum, das ist bekannt, wird von ihren rechten Parteikollegen getrieben. Das bringt sie dann zu Sätzen wie denen vom vergangenen Januar: „Ich sage ganz klar: Kein Deal für Britannien ist besser als ein schlechter Deal für Britannien.“ So sprach Margaret Thatcher auch, die ihre eisig-schneidend klingenden Ansagen gern begann mit den Worten „I want to make it quite clear“ – ganz klar wollte sie dies oder das feststellen.
Anfangs dachten viele Beobachter, Theresa May sei eine Art zweite Margaret Thatcher, nur eine mit Herz. Das sogenannte Herz erklärte sich aus ihrer Position als Innenministerin: Dieses Ministerium, nicht umsonst „Home Office“ genannt, betrachtet sich traditionell, jedenfalls sofern Geldmangel und Zeitmangel es erlauben, als Vertretung der normalen Bürger. Mit derlei Finessen beschäftigt Rath sich zu Recht nicht: Er hält Theresa May für eine ehrgeizige Politikerin, die weiß, auf welcher Seite ihr Brot gebuttert ist. Er erinnert daran, dass sie als Innenministerin Lkw durch Stadtviertel fahren ließ, in denen viele Immigranten wohnen: „Illegal hier? Gehen Sie nach Hause oder ins Gefängnis.“ Für Britanniens Zugehörigkeit zur EU hat Theresa May sich erst ausgesprochen, als ihr Chef David Cameron es für dringend nötig hielt – sie hat das aber so leise gemacht, dass sie Camerons Platz einnehmen konnte, nachdem die Männer sich in Konkurrenzkämpfen verbraucht hatten.
Wie wenig Theresa May sich für konstruktive Politik und wie sehr sie sich für ihre Position interessiert, machte sie ganz und gar klar, indem sie David Davis, einen lauten EU-Gegner, zum Minister für die Abwicklung des Brexit bestimmte. Den fantasievollen, zu politischen Lügen und amüsanten Kommentaren neigenden Boris Johnson, früher Londons Bürgermeister und dann die Galionsfigur der Brexit-Kampagne, machte sie zum Außenminister. Da stehen nicht nur Deutschen die Haare zu Berge, die an den soliden Diplomaten Frank-Walter Steinmeier gewöhnt sind. Auch der Österreicher Gabriel Rath findet das durchaus seltsam.
Eingehend befasst Rath sich mit Britanniens wirtschaftlicher Lage. Er belegt, dass die heute so unerwünschten Immigranten mehr in den Staatshaushalt einzahlen, als sie zurückbekommen. Die Leute, die nach Britannien ziehen, sind in aller Regel jung, gesund und motiviert. Die britische Bevölkerung ist hingegen im Schnitt älter und kränker. Wenn Britannien die Zuwanderung beschränkt, wird sich das als Erstes für den staatlichen Gesundheitsdienst verheerend auswirken: Kaum ein Brite mag für den miserablen Lohn, der Schwestern und Pflegern gezahlt wird, in einem staatlichen Krankenhaus arbeiten.
Eine Umfrage hat neulich ergeben, dass sechs Prozent der Briten, die für den Brexit votierten, heute anderer Meinung sind. Das ist wenig. Aber das Referendum fiel knapp aus: Lediglich 52 Prozent wollten, dass ihr Land aus der EU austrete. Denkbar ist, dass die Briten heute bei einem neuerlichen Referendum anders entscheiden würden.
Viele Engländer wünschen sich,
als englische Nation
endlich gewürdigt zu werden
Anfangs dachten viele Beobachter,
Theresa May sei eine Art zweite
Margaret Thatcher, aber mit Herz
Schlagmann: Boris Johnson, ehemaliger Bürgermeister von London und einer der Köpfe der Leave-Kampagne in Erwartung eines Volltreffers auf einem Cricket-Feld vor der Abstimmung. Inzwischen ist er Außenminister.
Foto: Ian Forsyth/Getty Images
Gabriel Rath: Brexitannia.
Die Geschichte einer
Entfremdung. Warum
Großbritannien für
den Brexit stimmte.
Verlag Braumüller
Wien 2016. 208 Seiten,
20 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr