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Die Diagnose der Sozialforscher ist eindeutig: In Deutschland wächst eine Generation heran, die vor allem pragmatisch ist. Doch wollen wir eine Gesellschaft, in der sich nicht einmal mehr die Jungen gestatten, an Utopien zu glauben und für eine bessere und gerechtere Welt einzutreten? Und wo sind die Vorbilder? Ein Jahr lang machte Julia Friedrichs sich auf die Suche nach Menschen mit Idealen. Sie traf jene, die ihnen treu blieben, und jene, die sie verrieten. Ihre Reise führte sie in die Büros von Gerhard Schröder und Peter Hartz; aber auch zu Nichtprominenten, die jenseits des Rampenlichts…mehr

Produktbeschreibung
Die Diagnose der Sozialforscher ist eindeutig: In Deutschland wächst eine Generation heran, die vor allem pragmatisch ist. Doch wollen wir eine Gesellschaft, in der sich nicht einmal mehr die Jungen gestatten, an Utopien zu glauben und für eine bessere und gerechtere Welt einzutreten? Und wo sind die Vorbilder? Ein Jahr lang machte Julia Friedrichs sich auf die Suche nach Menschen mit Idealen. Sie traf jene, die ihnen treu blieben, und jene, die sie verrieten. Ihre Reise führte sie in die Büros von Gerhard Schröder und Peter Hartz; aber auch zu Nichtprominenten, die jenseits des Rampenlichts an der Verwirklichung ihrer Ideen arbeiten. Eine persönliche Suche nach Antworten auf die Frage, was wirklich zählt im Leben.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hoffmann Und Campe
  • Seitenzahl: 270
  • Erscheinungstermin: Oktober 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 136mm x 27mm
  • Gewicht: 410g
  • ISBN-13: 9783455501872
  • ISBN-10: 3455501877
  • Artikelnr.: 48071584
Autorenporträt
Julia Friedrichs, geboren 1979, studierte Journalistik in Dortmund. Nach einem Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk arbeitet sie nun als freie Autorin von Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen, unter anderem für die WDR-Redaktionen "Monitor", "Echtzeit" und "Aktuelle Dokumentation". Für eine Sozialreportage wurde sie 2007 mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten und dem Ludwig-Erhard-Förderpreis ausgezeichnet. Julia Friedrichs lebt in Berlin und Köln.
Rezensionen
Julia Friedrichs nutze ihr "großes Talent", das Reportageschreiben, für ein, wie Christina Hucklenbroich findet,  "anregendes" Buch über Menschen, die als Idealisten durchs Leben gehen - oder, wenn sie mal in Spitzenpositionen gelandet sind, längste Zeit durchs Leben gegangen waren. Ohne weiteres könne man das als Fortsetzung von Friedrichs? vorangegangenem Buch über Menschen in Elitepositionen begreifen, doch war dieses, so die Rezensentin, doch noch etwas umfassender: Schon auch weil für "Ideale" zentrale Figuren wie Joschka Fischer und Alice Schwartzer mangels Kooperationswillen fehlten, wirke "Ideale" mitunter fragmentarisch. Außerdem hat Hucklenbroich zwei Teile ausgemacht: Der erste befasse sich mit unbesungenen Idealistinnen, wie die Rezensentin unterstreicht, die als Kindergärtnerinnen oder Chirurginnen ihre Ideale auch im Alltag umzusetzen versuchen; der zweite Teil schließlich behandelt große Namen, deren Idealismus irgendwann gehörig auf der Strecke geblieben ist.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 02.11.2011
Die Moralflatrate
Wie Julia Friedrichs Ideale zum Wohlfühlen propagiert
So ein Ich ist eine anspruchsvolle Angelegenheit. Es will regelmäßig neu kostümiert sein. Gegenwärtig kann es sich ohne bankenkritische Accessoires nirgends sehen lassen, und auch „Weltverbesserung“ wird wieder gern getragen. Von den Mühen zeitgeistkonformer Ich-Ausstattung berichtet das neue Buch der Journalistin Julia Friedrichs: „Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt“ ( Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2011. Seiten, 272 S., 19,99 Euro ). Es bietet hinreichenden Aufschluss über die jüngste Gestalt des Moralismus. Er erscheint hier ohne störende Zusätze: geschichtsblind, weltfremd, harmonistisch, dramatisierend und getragen von einer kleinen Sehnsucht nach Helden.
Julia Friedrichs veröffentlichte im Jahr 2008 mit „Gestatten: Elite“ eine Reportage über die „Welt der Mächtigen von morgen“, die viele lesen wollten. Inzwischen hat sie einen Sohn geboren, da stellen sich Fragen ein. Etwas schreibt sie, habe sich in ihrem „Hirn breitgemacht“: „Es meldet sich die Sorge, dass die Welt, die ihn da draußen erwartet, nicht in Ordnung sein könnte.“ Den Konjunktiv kann man getrost streichen. Sie ist nicht in Ordnung, war es nie. „Ja, Kind! Die Zeiten, weißt du, sind entartet“ (Kleist). Julia Friedrichs weiß, woran das liegt: „Wir“ kaufen zu viel Plastikschrott, bauen zu viele Autos und sehen zu viel Schund im Fernsehen. Damit will sie sich nicht abfinden und glaubt, dass Anstand und Ehrlichkeit allein gegen die Übel der Welt nicht helfen. Es braucht Größeres, ein Leitbild: „Ideale“, „etwas, das man anvisiert, dem man entgegenlebt“. Und wenn man dieses „Ziel vor den Augen“, wie es im FDJ-Lied hieß, gefunden hat, gibt es auch Halt, hilft gegen das Gefühl, „zu treiben und zu driften“.
Zwei Methoden der idealistischen Aufrüstung des eigenen Daseins werden angeboten: To-do-Listen und Plaudereien mit Prominenten, mit „Vorbildern“. Der Radfahrer Jan Ullrich war ein solches – er hat enttäuscht. Alice Schwarzer gehörte zu den Bewunderten, bis sie sich mit Bild einließ. Neben Friedrichs’ Bett hing einst eine Autogrammkarte Gerhard Schröders, bis sie fand, dass es auch unter Rot-Grün nichts werde mit dem „liberalen, sozialen, ökologischen und pazifistischen Deutschland“. Also wurde Schröder durch Ronaldo ersetzt.
Da der Sohn nun da und die Welt nicht in Ordnung ist, reist sie durch die Lande, spricht mit Gerhard Schröder und Günter Grass, mit Ingo Schulze, Rezzo Schlauch, Hans-Christian Ströbele, einer guten Ärztin und vielen mehr, auch einem Wirtschaftsprüfer auf Tortuga. Aber so weit sie auch reist, mit wem sie auch spricht, sie sperrt sich und ihre Leser ins Gefängnis der Gegenwart. Ihr einziger historischer Bezugspunkt ist Achtundsechzig – als „idealistische Massenbewegung“. Ihre Urteilskriterien sind die Gemeinplätze der alten Bundesrepublik; den vielen Leitartikeln und meinungsstarken Zeitungsberichten, die sie zitiert, vermag sie nichts hinzuzufügen. Ihre Porträts verraten enttäuschend wenig über die Porträtierten, das eigene Ich steht immer im Vordergrund.
Einen vermisst man schmerzlich: Maximilien Robespierre, den konsequentesten und wirkmächtigsten unter den idealistischen Politikern. Der „Unbestechliche“ verriet kein Ideal, verlangte Tugend, Treue und Engagement von allen Bürgern, damit „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ kein Wunschtraum bleiben mussten. Um den Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit zu überbrücken, waren Wohlfahrtsausschuss und Guillotine da. Er hat die Welt im Wortsinn durch Gräuel verschönert. Ein Buch über Ideale, das ihn nicht nennt, gleicht einer Schrift über den Protestantismus, in der Luther nicht erwähnt wird.
Nun gut, es sind Reportagen aus der Gegenwart, aber die Geschichtsblindheit führt zu eklatanten Fehldeutungen. Achtundsechzig gleicht nur aus großer Ferne einer idealistischen Massenbewegung, die, wenn man näher hinsieht, in eine Vielzahl unschöner Szenen zerfällt. Und sind die Achtundsechziger nicht deswegen so einflussreich geworden, weil sie sich immer wieder neu anzupassen verstanden? Der Regierung von Schröder und Fischer mag man vieles vorwerfen; der Kriegseinsatz in Kosovo und der Umbau des Sozialstaats lagen auf einer Linie mit alten Überzeugungen: bei Völkermord dürfe man nicht zuschauen; Aufstieg muss möglich sein. Aus idealistischem Überschuss wurde beides so vehement vorangetrieben und auch gegen begründete Kritik verteidigt.
Auch der vielbeschriene Pragmatismus der heutigen Jugend verdiente einen zweiten Blick. Das zwanzigste Jahrhundert ist erst vor zwanzig Jahren halbwegs glücklich zu Ende gegangen. Vom Wandervogel bis zur FDJ war es ein Jahrhundert der Jugendbewegungen mit Weltverbesserungsvisionen und moralischer Unbedingtheit. Im Pragmatismus der jetzt Heranwachsenden steckt gute Rebellion gegen den Rebellionskitsch der Eltern, verbunden mit erstaunlicher Hochachtung für Freundschaft, Familie und Ehrlichkeit, mit einem großen Sensorium für Menschenrechtsverletzungen und Ungerechtigkeiten. Sie setzen an die Stelle der Phrase Formen der Praxis.
Aber mit Wirklichkeit will sich Friedrichs nicht beflecken. Ihre Urteile sind eher ästhetizistische als politische oder moralische. Es geht darum, wie etwas aussieht oder „sich anfühlt“. Sachliche Kriterien spielen keine Rolle. Keine Ahnung, aber viel Meinung, das ergibt Bescheidwissen. Hermann Lübbe hat Moralismus bündig als „Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“ definiert. Ständig wird insinuiert: große Unternehmen sind böse, Privatfernsehen ist doof, Karriere grundsätzlich abzulehnen. Es mag für diese Überzeugungen Gründe geben, sie werden nur nicht genannt. Daher rührt der vereinnahmende Gestus des Moralismus: Er hält Halbdistanz zur Welt, will aber niemandem Distanz zum moralistischen Lebensstil gestatten.   All das würde man sich gefallen lassen, wenn etwas daraus folgte. Aber sobald es ernst wird, ist auf Moralisten kein Verlass. Julia Friedrichs wollte Schulkindern in ihrem Viertel helfen, liest mit Yasemin, die mit den Buchstaben auf Kriegsfuß steht, viele Wörter nicht kennt. Dann kommen Termine dazwischen, berufliche, private. Sie schafft es nicht einmal abzusagen, dem Mädchen ihr Fernbleiben zu erklären. Das kann passieren, aber sollte man dann über andere nicht vorsichtiger urteilen? Eine Aktivistin, die sich ins Gleisbett legt, um einen Munitionstransport aufzuhalten, genießt die Sympathie der Autorin, aber nicht deren Solidarität. Auf der Grenze zwischen Idealismus und Fanatismus schreckt Julia Friedrichs zurück. Warum? Und wo verläuft diese?
Dass verschiedene Ideale einander widersprechen können, ist in dieser Weltsicht nicht vorgesehen. Der Kampf gegen den Klimawandel dürfte Verteilungskonflikte verschärfen, könnte autoritäre Lösungen befördern. Aber daran wird kein Gedanke verschwendet. Am Ende läuft es auf kritisches Verbraucherverhalten, ein bisschen Demonstrieren und Spenden hinaus. „Schneckenhafte Weltverbesserung“ nennt das die Autorin, durch „Rollen von Kieselsteinen“ will sie kämpfen. Warum aber der ganze Aufwand, wenn das Fazit in zwei Schlagerzeilen passt („Ein bisschen Frieden . . . Und dass die Menschen nicht so viel weinen“)? Die emotionalen Gewinne sind, wenn man so verfährt, nicht zu unterschätzen. Jede Alltagshandlung gewinnt außeralltägliche Bedeutung.
Es gibt moralische Impulse, die man sich nicht abhandeln lassen soll: Es darf nicht gefoltert werden; kein Mensch will beleidigt, zum Mittel für andere erniedrigt werden; keiner soll hungern und frieren. Ideale taugen darüber hinaus, wenn sie helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. Sie sind Instrumente der Erkenntnis und Kritik. Das können sie aber nicht sein, wenn man sie den Zuständen anpasst. Dann werden sie, wie hier exemplarisch geschehen, Teil eines konsumistischen Verhältnisses zur Welt. So wie andere günstige Handyverträge sucht Julia Friedrichs Ideale, die zu ihr passen, eine Art Moralflatrate. Ideale übersteigen die Gegenwart notwendig, hier werden sie shoppingtauglich gemacht. Man wählt, was zu einem passt, hat keine Interessen und Bedürfnisse, sondern sucht emotionale Befriedigung. Das ist eine Entlastungsstrategie, um die Spannung zwischen Ich und Welt auszuhalten, die einander abstrakt gegenübergestellt werden. Die Indienstnahme der Ideale für das persönliche Wohlbefinden zeugt von ausgeprägtem Egoismus. Die Autorin gibt vor, im Namen ihres Sohnes zu schreiben. Der Leser spürt, dass sich alles nur um sie selber dreht.
JENS BISKY
Der konsequenteste und
wirkungsmächtigste Politiker der
Ideale war Maximilien Robespierre
Bündig definiert Hermann Lübbe
den Moralismus als „Triumph der
Gesinnung über die Urteilskraft“
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Besprechung von 26.11.2011
Abseits von bequemen Wegen

Julia Friedrichs hat mit "Ideale" ihren Bestseller "Gestatten: Elite" fortgeschrieben. Sie fragt darin: Was machen Menschen mit ihrer Macht, wenn sie sie nicht geerbt, sondern erarbeitet haben?

Von Christina Hucklenbroich

Die Spezialität der Journalistin Julia Friedrichs ist es, Lebensbereiche und Institutionen zu betreten, die üblicherweise unzugänglich sind; sich Menschen zu nähern, die meistens zugeknöpft bleiben. Diese Fähigkeit prägte schon jene Reportage in der "Zeit", die Friedrichs im Jahr 2006 bekannt machte. Gerade sechsundzwanzig Jahre alt, hatte sie sich zwecks verdeckter Recherche bei der Beraterfirma McKinsey beworben und an einem Edel-Assessment-Center samt Business-Class-Flug, Fünf-Sterne-Hotel und Segeltörn in der Ägäis teilgenommen. Weil sie gut rechnen und reden konnte, durchsetzungsstark und konfliktfähig erschien, gelang es ihr, das gesamte Verfahren zu durchlaufen bis zu jenem Moment, als man ihr ein exzellentes Gehalt und einen Dienstwagen anbot; den Vertrag unterzeichnete sie nicht.

Mit ihrer Reportage traf Friedrichs einen Nerv, schimpften doch alle vor fünf Jahren auf Berater - und noch niemand sprach über Banker. Jetzt, da sich die Welt verändert hat, liefert Julia Friedrichs ein Buch - ihr drittes schon -, mit dem sie die gesellschaftlichen Veränderungen seit der Finanzkrise reflektiert. "Ideale" hat sie das Buch genannt, und das Muster ihrer investigativen Arbeit bleibt auch diesmal gleich: Sie hat mit Menschen gesprochen, die sich nicht jedem Journalisten öffnen, hat hartnäckig nachgefragt bei Konzernen, die ungern Auskünfte geben, schildert Ungereimtheiten, nennt Gehälter und lässt leere Sprechblasen zerplatzen.

Zusammengehalten wird all das von Skizzen aus dem ersten Lebensjahr ihres Sohnes: Er ist der Grund, warum sie sich für die Ideale von Menschen interessiert oder, wie sie es einmal formuliert: warum sie Orientierung sucht. Deshalb sucht sie das Gespräch mit Menschen, die sie als praktizierende oder auch als gefallene Idealisten ansieht. Dazu gehören die Politiker Gerhard Schröder, Hans-Christian Ströbele und Rezzo Schlauch, die Schriftsteller Günter Grass und Ingo Schulze, der Manager Peter Hartz und die junge Aktivistin Hanna Poddig, die aus Mülltonnen lebt und sich an Schienen kettet, um Munitionstransporte zu verhindern.

Die meisten dieser Gesprächspartner haben sich selbst irgendwann einmal als Idealisten bezeichnet oder wurden von anderen so genannt. Friedrichs' Gespräche mit ihnen sind stimmungsvolle und unterhaltsame Porträts, vor allem aber sind sie in ihrer Exaktheit entlarvend. Ein Banker, dem sie die Schuldfrage stellt, fordert sie auf, sich einen Bergsee als Bild für die Finanzwelt vorzustellen. Gebe man einen Tropfen Öl hinein, dann bestimme der die Qualität des gesamten Wassers. "Aha", schreibt Friedrichs: "Die Generation Guttenberg werkelt rein wie ein Bergsee fleißig an ihrem Ideal, die Märkte das Geld mehren zu lassen, und sieht nicht, wie böse Kräfte mit einem kleinen Öltropfen alles zunichtemachen."

Mit Gerhard Schröder trifft sie sich, weil sie annimmt, dass er ursprünglich für ein Ideal eintreten wollte, das Friedrichs so beschreibt: "Der, der unten ist, muss es nach oben schaffen können." Doch je länger die Unterhaltung dauert, desto deutlicher wird ihr, dass es anders ist: Schröder selbst, als Person, steht dafür, dass ein solcher Weg einst, als die Gesellschaft der Bundesrepublik besonders durchlässig war, möglich gewesen ist; er ist so etwas wie die Projektionsfläche für das Ideal der Chancengleichheit. Mit ihrem Vorwurf, er habe, einmal an der Macht, doch solche Chancengleichheit für alle anstreben müssen, erreicht sie ihn nicht.

Es fehlen natürlich viele Idealisten in Friedrichs' Buch: Jene Großverdiener etwa, die das Kindergeld, das sie bekommen, in eine Stiftung fließen lassen, und jene Reichen, die für eine höhere Besteuerung eintreten. Wissenschaftler, die sich ihrer Forschung widmen, ohne an einen Achtstundentag oder an Geld einen Gedanken zu verschwenden. Ganze Gruppen lässt das Buch unberücksichtigt. Aber es fehlen auch ganz konkret zwei Protagonisten der Zeitgeschichte, die partout nicht mit Friedrichs über das Thema Ideale sprechen wollten: Alice Schwarzer und Joschka Fischer, die jedes Mal dann als schemenhafte Figuren im Buch auftauchen, wenn die Autorin die gescheiterten Versuche dokumentiert, mit ihnen Kontakt aufzunehmen.

So lässt sich nicht verhindern, dass "Ideale" unvollständig wirkt, fast wie ein Fragment, vor allem im Vergleich zu ihrem letzten Buch. In "Gestatten: Elite", das sich zweihunderttausend Mal verkaufte, hatte Friedrichs noch den letzten Winkel der deutschen Gesellschaft erkundet, um jeden abzubilden, der für sich den Begriff "Elite" in Anspruch nimmt - vom Internat Schloss Salem über das Maximilianeum bis hin zu geschlossenen Internetforen für die Kinder der Reichen. Diesmal zeigt sie nur Ausschnitte. Zwar sind die Namen und Adressen nun umso größer, aber der Titel "Ideale" wirkt dennoch griffiger als das, was sich dahinter verbirgt.

Das liegt nicht an der Schwäche des Themas und auch nicht an seiner Bearbeitung. Doch im Laufe der Lektüre entsteht der Eindruck, dass das Buch in zwei Teile zerfällt. Es gibt den einen, der dem Titel "Ideale" gerecht wird, weil Friedrichs echte Idealisten aufgespürt hat: Eine plastische Chirurgin, die lieber Verbrennungsopfer in einem berufsgenossenschaftlichen Krankenhaus operiert, statt mit einer Privatklinik reich zu werden. Hanna Poddig, die fünfundzwanzig Jahre alte Vollzeitaktivistin, die ein Leben jenseits der Norm ihrer Altersgenossen gewählt hat, um sich für die Umwelt, gegen Krieg und Ausbeutung einzusetzen.

Und eine anonym bleibende Kindergärtnerin, der es irgendwo in Ostdeutschland gelingt, die sozialen Unterschiede zwischen den von ihr betreuten Kleinkindern unsichtbar zu machen. Sie widmet allen Kindern auf dieselbe Weise ihre Aufmerksamkeit, vermittelt den Eltern Sicherheit und opfert sogar ihren Urlaub, um mit den Ärmsten ihrer Schützlinge an die Ostsee zu fahren, damit sie einmal das Meer sehen können. Alle wahren Idealisten, die Julia Friedrichs aufgetan hat, das sei auch angemerkt, sind Frauen.

Und es gibt den zweiten Teil des Buches, in dem es um etwas anderes geht, was höchstens am Rande mit Idealismus zu tun hat. Friedrichs hat in diesem Teil Gespräche mit Figuren der Zeitgeschichte geführt, mit Gestrauchelten wie Peter Hartz, Aufsteigern wie Gerhard Schröder, oder mit dem Altachtundsechziger Rezzo Schlauch, der im Berliner Café Einstein zum Thema Ideale den Spruch beisteuert: "Geschlagen ziehen sie nach Haus, die Jungen fechten's besser aus."

Eigentlich hat Julia Friedrichs wohl ihr erstes Buch konsequent fortgeschrieben. In ihm hatte sie sich mit denjenigen beschäftigt, die Macht mit dem Tag ihrer Geburt erben und nichts daraus machen, was für das Gemeinwohl nützlich wäre. In "Ideale" nimmt sie sich Menschen vor, die sich bis zur Macht erst emporarbeiten mussten, durch eigene Leistung - und dann in ihren Augen ganz oben mitspielten, ohne ihre Chance im Sinne aller zu nutzen.

Doch Friedrichs gelingt es, ein verbindendes Element zwischen den beiden Themenbereichen des Buches zu schaffen. Sie wählt dafür ein Bild, das Bild einer paradiesischen Insel, die sie zum Abschluss ihrer Recherchen bereist. Die Cayman-Inseln sind eine Steueroase, fast jeder zweite Hedgefonds der Welt ist dort registriert. Friedrichs spricht vor karibischer Kulisse mit Hedgefonds-Managern und Wirtschaftsprüfern. Hier trifft sie die vielleicht schillerndste Figur ihres Buches: Karsten Schröder, einen Ostdeutschen Anfang dreißig, der schon als Jugendlicher ins Börsengeschäft einstieg und später ein Computerprogramm entwickelte, das an den Märkten der Welt selbständig handelt. Sein Talent, das sich schon im Matheunterricht der Rostocker Grundschule zeigte, nutzte er nicht zur Weltverbesserung, sondern um ein "Kapitaljäger" zu werden. Doch irgendwann gesteht er Friedrichs, dass auch er die Gesellschaft als ungerecht empfindet, weshalb er Schulen in Kambodscha unterstützt und sich sorgt, weil die Jugend in Deutschland so wenig rebellisch ist.

Karsten Schröder ist ein Mann mit mehreren Facetten, ein Wanderer, vielleicht gar ein Vermittler zwischen den Welten, die Friedrichs in ihrem Buch schildert: die Welt derjenigen, die niemals aufgehört haben zu konkurrieren, weshalb ein kompromissloses Eintreten für höhere Ziele ihnen unmöglich ist. Und die Welt jener rar gesäten Menschen, die versuchen, die Gebote der Fairness im wirklichen Sinne zu leben. Um diesen Gegensatz greifbar zu machen, hat Julia Friedrichs ihr großes Talent genutzt: das Reportageschreiben. Sie legt ein Buch vor, das so anregend ist wie die seltenen, aber in Zeiten von "Occupy Wall Street" doch häufiger werdenden Momente, wenn in einer Runde die Gespräche über abgeschliffene Dielen und Burnout plötzlich enden und man sich größeren, lange vernachlässigten Fragen zuwendet.

Julia Friedrichs: "Ideale". Auf der Suche nach dem, was zählt.

Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2011. 271 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Julia Friedrichs nutze ihr "großes Talent", das Reportageschreiben, für ein, wie Christina Hucklenbroich findet,  "anregendes" Buch über Menschen, die als Idealisten durchs Leben gehen - oder, wenn sie mal in Spitzenpositionen gelandet sind, längste Zeit durchs Leben gegangen waren. Ohne weiteres könne man das als Fortsetzung von Friedrichs? vorangegangenem Buch über Menschen in Elitepositionen begreifen, doch war dieses, so die Rezensentin, doch noch etwas umfassender: Schon auch weil für "Ideale" zentrale Figuren wie Joschka Fischer und Alice Schwartzer mangels Kooperationswillen fehlten, wirke "Ideale" mitunter fragmentarisch. Außerdem hat Hucklenbroich zwei Teile ausgemacht: Der erste befasse sich mit unbesungenen Idealistinnen, wie die Rezensentin unterstreicht, die als Kindergärtnerinnen oder Chirurginnen ihre Ideale auch im Alltag umzusetzen versuchen; der zweite Teil schließlich behandelt große Namen, deren Idealismus irgendwann gehörig auf der Strecke geblieben ist.

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