Migration und Politik in der Weimarer Republik - Oltmer, Jochen

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Das mit dem Ende des Ersten Weltkriegs entwickelte demokratische Deutschland war keine offene Republik. Migration galt in politischer Debatte und publizistischer Diskussion als Bedrohung und Belastung. Zuwanderung wurde in der Weimarer Republik zunehmend stärker kontrolliert und reguliert, protektionistische Wanderungspolitik suchte Auswanderung und Zuwanderung einzudämmen. Jochen Oltmer erarbeitet anhand der Untersuchung zentraler Zuwanderungsbewegungen einen Überblick über die Entwicklung von Migration, Integration und Wanderungspolitik zwischen 1918 und 1933. Mit dem Rückblick auf die…mehr

Produktbeschreibung
Das mit dem Ende des Ersten Weltkriegs entwickelte demokratische Deutschland war keine offene Republik. Migration galt in politischer Debatte und publizistischer Diskussion als Bedrohung und Belastung. Zuwanderung wurde in der Weimarer Republik zunehmend stärker kontrolliert und reguliert, protektionistische Wanderungspolitik suchte Auswanderung und Zuwanderung einzudämmen.
Jochen Oltmer erarbeitet anhand der Untersuchung zentraler Zuwanderungsbewegungen einen Überblick über die Entwicklung von Migration, Integration und Wanderungspolitik zwischen 1918 und 1933. Mit dem Rückblick auf die Geschichte von Migration und Politik in der Weimarer Republik verdeutlicht die Studie historische Bestimmungsfaktoren und Entwicklungslinien in der aktuellen Debatte um die Zukunft des Einwanderungslandes Deutschland.
  • Produktdetails
  • Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Seitenzahl: 564
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 564 S. m. histor. Fotos.
  • Deutsch
  • Abmessung: 241mm x 167mm x 45mm
  • Gewicht: 1050g
  • ISBN-13: 9783525362822
  • ISBN-10: 352536282X
  • Best.Nr.: 13468510
Autorenporträt
Jochen Oltmer ist apl. Professor für Neueste Geschichte am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.
Rezensionen
Besprechung von 21.04.2017
Selbstbilder vom Identitätsmanager

Migration ist für Jochen Oltmer ausweislich des Titels seines Buchs zugleich "Geschichte und Zukunft der Gegenwart". Die Geschichte der Migration fängt bei Oltmer im sechzehnten Jahrhundert an. Der "Blick auf lange Linien des historischen Wandels" soll dazu beitragen, "Wanderungsverhältnisse der Gegenwart zu erklären und Perspektiven zu absehbaren migratorischen Zukunftsfragen zu entwickeln".

Das ist auf knappem Raum ein hehres Ziel, das der Autor denn auch verfehlt. Sei es in der Erörterung der Migrationsmotive, der historischen Darstellung von Migrationsbewegungen oder der Auseinandersetzung mit Integrationspolitik: Der Autor präsentiert oftmals elementare Einsichten, aus denen sich kaum triftige neue Erkenntnisse gewinnen lassen. So erfahren wir zum Beispiel, dass Migrationsentscheidungen "in der Regel multiplen Antrieben" unterlägen, Gewaltmigration kein Phänomen der Neuzeit sei und zahlreiche Studien belegten, dass Armut die Bewegungsfähigkeit einschränkt.

Mehr Konkretion täte da not. Statt Sätzen wie diesem: "Es bestehen je spezifische, von Akteur zu Akteur unterschiedliche, stets im Wandel befindliche Paradigmen, Konzepte und Kategorien, um Migration vor dem Hintergrund der jeweiligen Interessen zu benennen, zu beschreiben und daraus Wirklichkeitskonstruktionen und Handlungen zu formen." Worauf eine solche Diagnose zu beziehen ist, lässt auch die folgende Feststellung offen: "Migrantische Infrastrukturen und Identitätsmanager entwickeln unter anderem Selbstbilder, die Vergemeinschaftungsprozesse von Migranten identitätspolitisch steuern."

Man lernt bei Oltmer immerhin, dass Migration kein Prozess ist, der bloß geradlinig "von der Wanderungsentscheidung im Ausgangsraum über die Reise in das Zielgebiet bis zur dort vollzogenen dauerhaften Niederlassung" reicht. Flüchtlinge bewegten sich vielmehr meist in Etappen, in denen eine mehrfache Rückkehr und erneute Flucht nicht ausgeschlossen sind. Oltmer reiht hölzern Fakten aneinander - über den Bevölkerungswandel in der frühen Neuzeit, die "Massenmigration" und die Arbeitswanderungen im neunzehnten Jahrhundert, über Kolonialismus, Flucht, Vertreibung und Deportation im vorigen Jahrhundert, über Wanderungsbewegungen im Kontext des Kalten Krieges und, sehr knapp, über die globale Migration heute. Aber so etwas wie eine argumentative Struktur ist in dem Buch nicht recht zu erkennen, und es fehlt eine explizite Rückkopplung des ausgebreiteten historischen Wissens an die aktuelle Flüchtlingssituation, die doch der eigentliche Anlass für die Behandlung des Thema gewesen sein dürfte.

hbt.

Jochen Oltmer: "Migration".

Geschichte und Zukunft der Gegenwart.

Theiss Verlag, Darmstadt 2017. 288 S., geb., 24,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 02.06.2006

Angst vor Migranten
Flüchtlinge und Zuwanderer in der Weimarer Republik
Zuwanderung ist ein altes Thema: Kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren etwa 1,2 Millionen Ausländer in Deutschland beschäftigt. Polinnen und Polen aus Österreich-Ungarn und Russland arbeiteten auf den Landgütern östlich der Elbe, Italiener waren von Kiel bis Kempten im Baugewerbe tätig. Hierüber informieren die Untersuchungen von Klaus J.Bade, dem Gründungsdirektor des renommierten „Instituts für Migration und Interkulturelle Studien” (IMIS) der Universität Osnabrück. Über die „Fremdarbeiter”-Politik des NS-Regimes hat der Freiburger Historiker Ulrich Herbert das Standardwerk vorgelegt
Die facettenreiche Studie von Jochen Oltmer, der am IMIS arbeitet, schließt nun die Lücke zwischen 1919 und 1933. Die Habilitationsschrift ist gerade deshalb so anregend, weil der Autor immer wieder die Gegenwart einbezieht. Noch heute bestimmt beispielsweise der Beschäftigungsvorrang für inländische Arbeitskräfte die Vermittlungspraxis der Agenturen für Arbeit. Frei werdende Stellen sollen demnach zunächst an einheimische Arbeitslose vergeben werden. Dieses Prinzip entstand in der Weimarer Republik.
Wie die meisten anderen Länder in der Zwischenkriegszeit schottete sich die erste deutsche Demokratie Republik gegenüber Zuwanderern ab. Die Einbürgerung von Ausländern blieb eine Ausnahme. Selbst politische Flüchtlinge waren nicht vor Ausweisung geschützt.
Der Staat tat wenig, um die deutschen Zuwanderer aus den an Polen abgetretenen Gebieten zu integrieren. Er zeigte sich auch gegenüber den russischen und russlanddeutschen Flüchtlingen abweisend, die von Bürgerkrieg und Hungerkatastrophen in ihrer Heimat betroffen waren. Jüdinnen und Juden, die aus Ostmittel- und Osteuropa vor Pogromen flüchteten, wurde ein dauerhafter Aufenthalt besonders schwer gemacht. Hier beeinflusste der erstarkte Antisemitismus die deutschen Regierungsstellen.
Oltmer macht deutlich , wie erzwungene und freiwillige Migrationen in der von Vertreibungen und Nationalismus geprägten Nachkriegszeit ineinander griffen. Am Beispiel der Kriegsgefangenen aus Russland werden die Verbindungslinien zwischen dem Schicksal von Zuwanderern, den innenpolitischen und internationalen Verhältnissen sowie dem Geschehen auf dem Arbeitsmarkt sichtbar. Durch die Beschäftigung von Kriegsgefangenen in den ersten Weimarer Jahren als „billige und willige” Arbeitskräfte konnten landwirtschaftliche Arbeitgeber eine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen verhindern.
Dies war ein Grund dafür, dass danach besonders in den Hackfruchtbaugebieten mit saisonal stark schwankendem Arbeitskräftebedarf polnische Landarbeiterinnen und Landarbeiter als Arbeitskräfte besonders interessant wurden - wie bereits zur Zeit des Kaiserreiches. Damals hatten vor allem die preußischen Behörden versucht, die Zuwanderung von Polen einzuschränken und zu behindern. Und dies nicht aus Arbeitsmarktgründen, sondern aus Motiven eines antipolnischen Nationalismus. Diese Tradition setzte die Weimarer Republik fort. Er betrieb einen „ethno-national motivierten Konfrontationskurs”(Oltmer) gegen den neuen polnischen Staat. Dabei ging es um die Revision der im Versailler Vertrag festgelegten Grenzen zu Polen. Hier spielte auch die SPD eine führende Rolle, die sich zuvor im Kaiserreich mit der diskriminierten polnischen Minderheit solidarisiert hatte.
Oltmer zeichnet die widersprüchlichen Tendenzen in der Migrationspolitik des Weimarer Wohlfahrtsstaates nach: hier die scheinbar so rationale Orientierung am Arbeitsmarkt - dort das Fortleben der alten Gespenster von Nationalismus und Antisemitismus, zum Teil in radikalisierter Gestalt.
Indem er deutlich macht, wie sehr Zuwanderung in der Weimarer Republik als „Sicherheitsrisiko” galt, leistet der Autor auch einen Beitrag zur Geschichte der Angst vor dem „Normfall Migration” in Deutschland. Seine Untersuchung hilft, die Zeit zwischen dem späten 19. und dem frühen 21.Jahrhundert als eine migrationshistorische Entwicklungslinie zu verstehen. MARTIN FORBERG
JOCHEN OLTMER: Migration und Politik in der Weimarer Republik. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen, 2005. 564 Seiten. 49,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Martin Forberg hat was gelernt. Jochen Oltmer ist ein Lückenschließer. Nicht nur erhellt ihm diese Habilitationsschrift die Grauzone der Migrationsforschung über die Periode von 1919 bis 1933, ein Gewinn ist der Text für ihn vor allem durch sein beständiges Bemühen um Gegenwartsbezüge. Eine große Lücke also, die Oltmer da überbrückt. Und er macht das auf denkbar anregende Weise, wie Forberg uns wissen lässt. Gleich ob er die Zusammenhänge zwischen Innen- und Zuwandererpolitik beispielhaft herausarbeitet oder die migrationspolitischen Widersprüche der Weimarer Zeit aufdeckt. Am Ende erschließt sich dem Rezensenten nicht nur das eigentliche Thema, sondern der rote Faden in der Migrationsgeschichte zwischen damals und heute.

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