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Im Mittelpunkt dieses Buches stehen die Soldaten der 253. rheinisch-westfälischen Infanteriedivision, die, Ende 1939 aufgestellt, von 1941 bis 1945 ununterbrochen im Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzt war. Doch ist dies keine "gewöhnliche" Divisionsgeschichte, wie man sie zu Dutzenden kennt. Es ist vielmehr der erste erfolgreiche Versuch, die sozialen Strukturen, die Führungs-, Sozialisations- und Handlungsmuster und die Bedingungen von Leben, Töten und Sterben im Alltag einer typischen Infanteriedivision der Ostfront zu analysieren. In bisher unerreichter Quellendichte vermittelt die…mehr

Produktbeschreibung
Im Mittelpunkt dieses Buches stehen die Soldaten der 253. rheinisch-westfälischen Infanteriedivision, die, Ende 1939 aufgestellt, von 1941 bis 1945 ununterbrochen im Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzt war. Doch ist dies keine "gewöhnliche" Divisionsgeschichte, wie man sie zu Dutzenden kennt. Es ist vielmehr der erste erfolgreiche Versuch, die sozialen Strukturen, die Führungs-, Sozialisations- und Handlungsmuster und die Bedingungen von Leben, Töten und Sterben im Alltag einer typischen Infanteriedivision der Ostfront zu analysieren. In bisher unerreichter Quellendichte vermittelt die Pionierstudie neue, repräsentative Erkenntnisse über die Motivation und das Verhalten deutscher Soldaten während des Krieges, über ihre Einbindung in die Kriegsmaschinerie und über die Spannungen zwischen dem institutionellen Zwang des Militärapparates und der individuellen Verantwortung des Soldaten. Differenziert und sachlich gibt der Autor Antworten auf die vieldiskutierte Frage, wie und unter welchen Umständen aus ganz normalen Soldaten Täter des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges werden konnten. Von ihren 47 Monaten im Osten verbrachte die 253. Inf.Div. 45 im Fronteinsatz, hauptsächlich im Rahmen der Heeresgruppe Mitte. Ihr Weg führte sie bis vor die Tore Moskaus, dann bis 1943 in den aufs härteste umkämpften Frontbogen von Rshew und schließlich 1944/45 über Kowel, die Beskiden und Oberschlesien bis nach Mähren. Im März 1944 war sie in Weißrußland an den berüchtigten Massendeportationen von Osaritschi beteiligt, die Tausenden "arbeitsunfähiger Zivilisten" von Kindern bis zu Greisen den Tod brachten. Der Autor beschreibt präzise und anschaulich die vielfältigen Faktoren, die das Innenleben der Division bestimmten, wie z.B. regionale und soziale Herkunft der Soldaten, das Verhältnis ihrer mitgebrachten Wertanschauungen zu den neuen, im Krieg gewonnenen Erfahrungen, die Lebensbedingungen, Führung und "Haltung der Truppe", die Rolle der "Kameradschaft", das ineinander verwobene System von Belohnung (Orden oder Fürsorge z.B.), Bestrafung (Kriegsgerichtsbarkeit) und politischer Indoktrination und vor allem die verschiedenen Gesichter des Ostkrieges zwischen Eroberung und Rückzug, Besatzung und Ausbeutung. Ein wichtiges neues Buch zur Debatte über die deutsche Wehrmacht und das Verhalten ihrer Soldaten im Kriege.
  • Produktdetails
  • Krieg in der Geschichte (KRiG) Bd.17
  • Verlag: Schöningh
  • Seitenzahl: 486
  • 2003
  • Ausstattung/Bilder: 2003. 486 S. m. 21 Abb., 2 Ktn.-Skizzen.
  • Deutsch
  • Abmessung: 243mm x 167mm x 42mm
  • Gewicht: 930g
  • ISBN-13: 9783506744869
  • ISBN-10: 3506744860
  • Best.Nr.: 11303893
Autorenporträt
Christoph Rass, Dr. phil., geb. 1969, Promotion 2001 aufgrund vorliegender Arbeit, z. Z. Wiss. Assistent an der RWTH Aachen.
Rezensionen
Besprechung von 08.08.2003
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Eine deutsche Infanteriedivision im Spiegel von Karteikarten

Christoph Rass: "Menschenmaterial": Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939-1945. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2003. 486 Seiten, 39,90 [Euro].

Wie war der Krieg? Nach 1945 schien in Deutschland diese Frage schon fast bis zum Überdruß beantwortet. Erst die Diskussion um die "Wehrmachtsausstellung" hat vor Augen geführt, daß die militärgeschichtliche Empirie in der Bundesrepublik noch in den Anfängen steckt. Unvollkommen ist nicht nur der Blick vom Feldherrnhügel, wie ihn die klassische Operationsgeschichte bietet. Auch die Grabenperspektive des Landsers, den die Alltagsgeschichte favorisiert, reicht meist nicht weit. Wie war er also, der Krieg? Christoph Rass wählt einen höchst ungewöhnlichen Weg zur Beantwortung jener Frage. Mit Hilfe von Tausenden von Personal-, Kranken- und Gerichtsakten rekonstruiert er die Geschichte einer ganz durchschnittlichen Formation der Wehrmacht, der 253. (rheinisch-westfälischen) Infanteriedivision. Ihre Geschichte steht für viele. Überstürzt formiert im Herbst 1939, wurde sie ab Sommer 1941 ausschließlich an der Ostfront eingesetzt. Divisionen dieser Art trugen hier die Hauptlast der Kämpfe. Etwa 17 000 Mann gehörten zu einem solchen Verband, doch sorgten seine exorbitanten Verluste dafür, daß ihn insgesamt über 27 000 Soldaten durchliefen.

Aufs Ganze gesehen bliebe dieses "Menschenmaterial" nicht mehr als eine amorphe Gruppe, in der sich der einzelne bestenfalls über seinen Dienstrang oder seine Dienststellung erfassen ließe. Mit Hilfe der Sozialstatistik gewinnt diese Gruppe dagegen erstmals an Profil. Deutlich werden nun nicht nur Herkunft und Sozialisation dieser Soldaten; auch ihr Weg durch die verschiedenen Einheiten eines solchen Kampfverbands, ihr systemkonformes oder auch systemwidriges Verhalten, kurz: ihr Leben und Sterben in einer typischen Division der deutschen Wehrmacht läßt sich nun sehr genau verfolgen.

Dabei bietet die systematische Auswertung der Karteikarten mitunter völlig neue Einsichten, so etwa im Fall der Militärjustiz. Von den über 2100 Verfahren, die vor dem Feldgericht dieser Division verhandelt wurden, endeten 17 mit einem Todesurteil, von denen dann sieben (während der Jahre 1944/45) vollstreckt wurden. So etwas hebt die schreckliche Gesamtbilanz der deutschen Militärrichter nicht auf, zeigt aber auch, daß es einzelnen in der Truppe zumindest bis 1943 gelang, die Gesetze noch möglichst maßvoll auszulegen. Auch sonst stimmt es nachdenklich, wenn dasselbe Gericht auch im Osten gegen Plünderer und Vergewaltiger vorgehen konnte. Damit wurden vermutlich längst nicht alle Vergehen erfaßt, doch dürften schon die wenigen Fälle Zeichen gesetzt haben.

Bietet das Buch selbst Grundlagenforschung im besten Sinne, so tut sich der Verfasser ganz offensichtlich schwer, diese adäquat einzuordnen. Dem sozialgeschichtlichen Teil von 330 Seiten folgen weitere 70, welche die Überschrift "Krieg" tragen. Ebendieser bleibt aber weitgehend ausgespart. Statt dessen wird die Geschichte dieser Division reduziert auf die ihrer Kriegsverbrechen. Die hat es zweifelsohne gegeben. Ein wirklich vollständiges Bild würde aber erst der Kontext der militärischen Ereignisse bieten - und auch die Bestimmungen des damals herrschenden Kriegsrechts. Einige Beispiele: Nachdem einzelne Divisionsangehörige nach ihrer Gefangennahme im Sommer 1941 ermordet worden waren, wurden ähnliche Verbrechen auch von dieser Division verübt. Die Bemerkung von Rass, "es soll hier nicht argumentiert werden, die Ermordung von [deutschen] Kriegsgefangenen habe die Brutalisierung der Wehrmachtssoldaten ausgelöst", ist nicht nur sprachlich unbeholfen. Recht einseitig erscheint es auch, wenn er einen Bericht vom Dezember 1941, die Division habe seit Feldzugsbeginn 230 Partisanen erschossen, unter deren Verbrechen subsumiert, an anderer Stelle jedoch einräumt, eben diese Partisanen hätten sich seit Oktober zu einer "durchaus realen Bedrohung" dieses Verbands entwickelt.

Beim Thema Ausbeutung wäre der Hinweis angebracht, daß Artikel 52 der Haager Landkriegsordnung einer Besatzungsmacht durchaus erlaubte, Naturalund Dienstleistungen eines besetzten Landes in Anspruch zu nehmen. Freilich mußte dies in einem adäquaten Verhältnis zu den Möglichkeiten dieses Landes stehen. Hier liegt ohne jeden Zweifel das eigentliche Vergehen der Wehrmacht, doch wäre eine Abwägung zwischen ihren Interessen und denen der Landeseinwohner ein Akt der historischen Gerechtigkeit.

Im Grunde hätte diese Pionierstudie etwas Besseres verdient als das, was der Autor schließlich aus ihr macht. Mit seinen Konzessionen erweckt er manchmal den Anschein, als wolle er sich für sein Thema entschuldigen. Im Kern kann das seine Leistungen nicht schmälern. Doch wird an dieser Untersuchung sichtbar, daß auch der Sozialgeschichte bei der Beschreibung des Phänomens Krieg Grenzen gesetzt sind.

CHRISTIAN HARTMANN

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 23.06.2003
Hochdekorierte Täter
Soldaten der Wehrmacht wurden auch durch Geld und Auszeichnungen gefügig gemacht
CHRISTOPH RASS: Menschenmaterial. Deutsche Soldaten an der Ostfront. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2003. 300 S., 39,90 Euro.
Die Wehrmacht sei an allen Verbrechen des NS-Regimes aktiv und als Gesamtorganisation beteiligt gewesen – so lautete die Grundthese der ersten „Wehrmachtsausstellung” von 1995. Von einem „Vernichtungsprogramm der Wehrmacht” war damals die Rede gewesen. Es entstand der unerträgliche Eindruck, die Wehrmacht sei eine Bande von Mördern gewesen. Waren alle Wehrmachtssoldaten Täter? Wurden sie allein dadurch Täter, dass sie im Raub- und Vernichtungskrieg des „Dritten Reiches” mitmachten? Die damals vorliegenden empirischen Beweise konnten im medienpolitischen Geschichtsstreit nicht bestehen.
Inzwischen hat das Münchener Institut für Zeitgeschichte Zwischenergebnisse seines Forschungsprojekts über die Wehrmacht im Vernichtungskrieg vorgelegt, die in der Tendenz die Ausagen der ersten „Wehrmachtsausstellung” relativieren. Andererseits ist der Berliner Historiker Christian Gerlach in seiner bedeutenden Forschungsarbeit „Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik 1941 bis 1944” zu dem Ergebnis gelangt, dass die Wehrmacht im Herbst 1941 in Weißrussland den Tod vieler tausend Juden auf dem Land direkt zu verantworten hatte.
Mehr als Befehle
Die soeben publizierte, komprimierte Fassung der Dissertation von Christoph Rass hat am Fall der 253. Infanteriedivision die Frage beantwortet, was die Soldaten der Wehrmacht – ganz normale Männer, wie er schreibt – zu Kriegsverbrechern werden ließ. Um seinen erschütternden Befund vorweg zu nehmen: Die Tötung von Kriegsgefangenen, die Versklavung, Vertreibung und Ermordung von Zivilisten sei von den Soldaten „tagtäglich” ausgeführt worden. Das Erschütternde sei gewesen, dass viele der Soldaten nicht nur als „Vollstrecker institutioneller Anweisungen” fungierten, sondern sich „gerade dann, wenn sie ihr Verhalten selbst bestimmen konnten, zu menschenverachtendem und verbrecherischem Tun (entschieden), um ihre persönlichen Ziele zu verfolgen.”
Die 253. Infanteriedivision wurde Anfang September 1939 bei Düsseldorf im Wehrkreis VI als eine Division der vierten Welle aufgestellt. Als am 22. Juni 1941 die Division das Unternehmen „Barbarossa” als Reserve der 16. Armee hinter dem rechten Flügel der Heeresgruppe Nord Richtung Kaunas begann, hatte sie eine Personalausstattung von 16194 Soldaten. In den letzten Monaten des Krieges war sie auf drei- bis viertausend Soldaten dezimiert. Altersstruktur, regionale und soziale Herkunft waren in hohem Maße homogen. Das kann als Grundlage angesehen werden für Zusammenhalt und Leistungsfähigkeit der Truppe.
Insgesamt repräsentierte die Division in ihrer Zusammensetzung den Querschnitt der Gesellschaft. 98,5 Prozent haben den Kriegsalltag durch systemkonformes Verhalten bewältigt. Die Analyse von Rass hat ergeben, dass die Bereitschaft der Soldaten zur Mitgestaltung der Kriegsführung weder ausschließlich auf Zwang, noch auf militärische Disziplin oder auf ideologische Zielkonformität reduziert werden kann. Sie zeichnete sich durch viele Faktoren aus: Belohnung der Wehrmacht, monetäre Anreize, Orden und Auszeichnungen ließen eine Statushierarchie entstehen. Die Macht, die der Sieger über den Besiegten ausübte, kompensierte die Unterworfenheit der Soldaten. Aus all dem habe sich eine Übereinstimmung im Ziel ergeben, wofür die Annäherung von Wehrmacht und NS-System zwischen 1933 und 1939 unabdingbar notwendig gewesen war.
Deportationen, Selektionen, Vertreibungen und Morde gehörten bereits seit Beginn des Krieges zum Tagesgeschäft der Division. Die Soldaten der 253. Infanteriedivision hatten am Vernichtungskrieg ihren Anteil. Dabei musste nicht jeder selbst gemordet haben, um zum Täter zu werden. Nicht jeder musste am systematischen Mord an der jüdischen Bevölkerung unmittelbar beteiligt sein. Allein die fortwährende Zusammenarbeit der 253. Infanteriedivision mit Einsatzgruppen und SS gegen den Besitz oder das Leben von Juden ließ die Soldaten zu Mittätern werden. Damit ist die Frage für diese Division beantwortet, dass soziale, ideologische und gruppenspezifische Voraussetzungen sowie Wollen und Handeln der Soldaten zielführend gewesen waren.
JOHANNES
KLOTZ
Soldaten der deutschen Infanterie beim Sturmangriff an der Ostfront.
Foto: Scherl
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Johannes Klotz sieht zumindest für die253. Infanteriedivision die Frage nach der Mittäterschaft von Wehrmachtsoldaten an Mord und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg mit dieser Studie beantwortet. Habe das Münchner Institut für Zeitgeschichte auch die Aussagen der ersten Wehrmachtsausstellung, die die Soldaten als Täter brandmarkte, "relativieren" müssen, so zeige der Autor in seiner Dissertation sehr deutlich, dass nicht nur militärische Zwänge, sondern auch Orden, Geld und Belobigungen die Wehrmachtsoldaten aktiv am "Vernichtungskrieg" mitarbeiten ließen. Damit, so der Rezensent überzeugt, ist diese viel diskutierte Frage zumindest für die 253. Infanteriedivision zweifelsfrei "beantwortet".

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