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Im August 1944 schien das Ende des Zweiten Weltkrieges nah. An Ost- und Westfront trieben die Alliierten die Wehrmacht vor sich her, das Attentat vom 20. Juli schien ein Signal nach innen zu sein. Doch Hitler und seine getreuen Generäle verweigerten sich dieser Realität, auch in den alliierten Führungsstäben zeigten sich Unstimmigkeiten. Zunächst jedoch wurde die Westfront in atemberaubendem Tempo nach Osten verschoben, Belgien wurde befreit; Schrecken erfüllte insbesondere die deutschsprachigen Ostkantone der Ardennen, Vergeltungsmaßnahmen von Fliehenden und Verfolgern waren an der…mehr

Produktbeschreibung
Im August 1944 schien das Ende des Zweiten Weltkrieges nah. An Ost- und Westfront trieben die Alliierten die Wehrmacht vor sich her, das Attentat vom 20. Juli schien ein Signal nach innen zu sein. Doch Hitler und seine getreuen Generäle verweigerten sich dieser Realität, auch in den alliierten Führungsstäben zeigten sich Unstimmigkeiten. Zunächst jedoch wurde die Westfront in atemberaubendem Tempo nach Osten verschoben, Belgien wurde befreit; Schrecken erfüllte insbesondere die deutschsprachigen Ostkantone der Ardennen, Vergeltungsmaßnahmen von Fliehenden und Verfolgern waren an der Tagesordnung. Vor diesem Hintergrund schufen verzweifelte Entschlossenheit auf deutscher und euphorische Fehleinschätzungen auf alliierter Seite die Ausgangslage für die wohl brutalste Schlacht des Krieges, in den Ardennen im Winter 1944/1945. In nur sechs Wochen verloren allein 150 000 Soldaten ihr Leben; für die USA war es die blutigste Schlacht des gesamten Krieges.
  • Produktdetails
  • Verlag: C. Bertelsmann
  • Seitenzahl: 477
  • Erscheinungstermin: 31. Oktober 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 233mm x 165mm x 40mm
  • Gewicht: 834g
  • ISBN-13: 9783570102206
  • ISBN-10: 3570102203
  • Artikelnr.: 45654242
Autorenporträt
Beevor, Antony
Antony Beevor, Jahrgang 1946, hat sich mit mehrfach ausgezeichneten und in zahlreiche Sprachen übersetzten Büchern zur Geschichte einen Namen gemacht. Auf Deutsch sind von ihm erschienen: »Stalingrad« (1999), »Berlin 1945 - Das Ende« (2002), »Die Akte Olga Tschechowa« (2004), »Der Spanische Bürgerkrieg« (2006), »Ein Schriftsteller im Krieg« (2007), »D-Day« (2010) und »Der Zweite Weltkrieg« (2014).
Rezensionen
Besprechung von 14.11.2016
Schnee, Blut und Eis
Die Ardennen-Schlacht 1944 spielt in der Erinnerung der Deutschen nur eine bescheidene Rolle.
Anthony Beevor erinnert zur richtigen Zeit daran, wie hart und opferreich die freie Welt erstritten wurde
VON JOACHIM KÄPPNER
Am frühen Morgen des 16. Dezember 1944, noch acht Tage bis Weihnachten. Ein fürchterlicher Artillerieschlag überrascht die amerikanischen Linien in den Ardennen. Ihm folgte das stärkste Aufgebot, das Hitlers Armeen noch zu bieten hatten: Tiger-Panzer stoßen durch den Nebel vor, SS-Divisionen überrennen Stellungen der US Army und massakrieren Gefangene, in einer Apokalypse aus Blut, Eis und Feuer kollabiert der Widerstand an vielen Stellen. Die deutsche Gegenoffensive in den bergigen, tief bewaldeten und schwach verteidigten belgischen Ardennen zielt auf Antwerpen, den Nachschubhafen der Westalliierten. Und einige Tage lang, bis Weihnachten, sieht es beinahe so aus, als könne sie Erfolg haben.
  In der deutschen Erinnerung spielt die mörderische Schlacht um die Ardennen eine vergleichsweise geringe Rolle. Sie wird überschattet von dem, was zuvor geschah, der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie und der fast vollständigen Befreiung Frankreichs und Belgiens bis kurz vor Weihnachten; und dann des Kollapses des Reiches 1945. In der amerikanischen Literatur ist The Battle of the Bulge“(benannt nach der Ausbuchtung der Front nach Westen durch den tiefen deutschen Einbruch) neben dem D-Day das historische Symbol des Kampfes um die Befreiung Europas. Es war die größte Landschlacht, welche die USA in Europa austragen mussten, sie ist eine Heldensage von Tragödie und Triumph und vielfach eingegangen in die Populärkultur. Auf seiner „Born in the USA“-Platte von 1984 griff Bruce Springsteen die Ardennen-Metapher in dem Song „No Surrender“ auf: „Like soldiers in the winter’s night / with a vow to defend / No retreat, baby, no surrender.“
  Genau das war die Perspektive vieler US-Einheiten und der völlig überraschten Alliierten. Der britische Militärhistoriker Anthony Beevor hat daraus ein Buch von hoher angelsächsischer Erzählkunst gemacht: scharf in der Analyse, lebendig und anschaulich geschrieben, verbindet er in gewohnter Meisterschaft die Linien der Erzählung mit der Perspektive jener, welche die Schlacht in den verschneiten Schluchten, Wäldern und Dörfern erlebten und erlitten. Ein Soldat „fand seinen Freund tot mit dem Gesicht auf der eisigen Straße liegend. Auf seinem Rücken saß eine Katze und versuchte, die letzte Wärme des Körpers zu bekommen.“
  Beevor wurde weltbekannt mit seinen Büchern „Stalingrad“ und „Berlin 1945“. Sie waren im englischen Sprachraum auch deshalb so erfolgreich, weil man dort erstaunlich wenig wusste über den Krieg im Osten – obwohl doch die Rote Armee 1941 bis zur Invasion in der Normandie 1944 die Hauptlast des Kampfes gegen die Deutschen getragen hatte. Mit Beevors Ardennen-Buch ist es umgekehrt: Für Briten und Amerikaner ist es nur eines, wenn auch ein besonders gutes, von vielen „Battle of the Bulge“-Büchern; für die meisten deutschen Leser dürfte vieles neu sein.
  Dazu gehört wohl auch das Leitthema des Buchs: Die Schlacht um die Ardennen erreichte ein Ausmaß an Brutalität, das man zuvor an der Westfront nicht gesehen hatte; oft unterschied sie sich nicht mehr von jener im Osten. Wie dort hatten die Deutschen damit begonnen. Bei Malmedy nahmen Angehörige der SS-„Kampftruppe Peiper“ einige Dutzend Amerikaner gefangen, trieb sie auf ein Feld, nahm ihnen Handschuhe, Uhren, Zigaretten ab und eröffnete dann mit Maschinengewehren das Feuer auf die Wehrlosen. 84 US-Soldaten wurden ermordet, einige wenige entkamen in den nahen Wald. Das Ereignis – gefolgt von weiteren Kriegsverbrechen an belgischen Zivilisten und amerikanischen Gefangenen – löste Schockwellen bei den Alliierten aus und zahlreiche Racheakte, die Beevor nicht verschweigt.
  Den Deutschen gelang der Durchbruch nicht. Sie bleiben weit vor Antwerpen stecken, nicht einmal ihr Etappenziel, die Maas, erreichten sie, dann waren die Kräfte erschöpft. Bald klarte der Himmel auf, und die volle Macht der alliierten Luftwaffen fiel über die deutschen Kolonnen her; diese Schlacht konnten sie nicht mehr gewinnen. Im Bombenhagel starben auch belgische Zivilisten. Das wallonische Marktstädtchen Houffalize bestand nicht mehr, nachdem 1000 Tonnen britischer Bomben es getroffen hatten. Selbst ein zynischer Mann wie US-General George Patton kritzelte bedrückt eine Art Gedicht nieder:
Little town of Houffalize,
here you sit on bended knees,
God bless your people and keep them safe,
especially from the RAF.
(Kleine Stadt Houffalize, hier sitzt du auf gebeugten Knien. Gott segne deine Menschen und bewahre sie in Sicherheit, besonders vor der Royal Air Force).
  Wieso überhaupt hat das sterbende Reich des Zivilisationsbruchs seine letzten Reserven in den Ardennen vergeudet? Der große Publizist Sebastian Haffner hat die Offensive in seinen „Anmerkungen zu Hitler“ als Rache des Diktators am eigenen Volk interpretiert. Hitler habe gespürt, dass die meisten Deutschen kriegsmüde waren: „Die Masse der deutschen Bevölkerung dachte nicht mehr, wie Hitler dachte und fühlte. Gut, dann sollte sie dafür bestraft werden – mit dem Tode.“ Denn nach der Ardennen-Schlacht besaß das Deutsche Reich keine militärischen Optionen mehr, der rasche sowjetische Vorstoß von der Oder nach Berlin 1945 war auch eine Folge der deutschen Verluste im Westen. Der Untergang war unabwendbar.
  Beevors Auslegung ist weniger wagnerianisch: Hitler hatte geglaubt – und die wie stets devote Wehrmachtführung war ihm grummelnd gefolgt –, dass eine gewonnene Schlacht im Westen den Krieg politisch noch wenden, zum Zerwürfnis zwischen Briten und Amerikanern und vielleicht zu einem Sonderfrieden führen könnte. Der Widerstand der Verteidiger „with a vow to defend“ machte diese Illusion zunichte.
  Kurz vor Weihnachten hatte die Wehrmacht die Stadt Bastogne eingeschlossen und forderte die amerikanischen Verteidiger zur Kapitulation auf. Der amtierende Kommandeur der 101. Luftlandedivision, Anthony McAuliffe, antworte mit einem legendären einzigen Wort: „Nuts“ (Blödsinn). Bastogne fiel nicht. Solche Episoden, nein Beevors gesamtes Buch erinnert zur richtigen Zeit daran, wie hart und opferreich jene freie Welt erstritten wurde, deren Werte und Errungenschaften heute so vielen Menschen so wenig bedeuten.
Dieses Ausmaß an Brutalität
hatte man zuvor an der Westfront
nicht gesehen
  
Antony Beevor:
Die Ardennen-Offensive 1944. Hitlers letzte Schlacht im Westen. Aus dem Englischen von Helmut Ettinger. Verlag C. Bertelsmann München 2016, 480 Seiten. 26 Euro. E-Book: 20,99 Euro.
Alliierte Fahrzeuge in den belgischen Ardennen.
Foto: William Vandivert/LIFE
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 05.02.2017
Droge Neun für die letzte Schlacht
Wie der britische Historiker Antony Beevor "Die Ardennen-Offensive 1944" neu analysiert

Antony Beevors "Die Ardennen-Offensive 1944" ist ein grimmiges Buch. Vom Umschlag blickt uns ein verfrorener blutjunger Soldat entgegen, der ein Gewehr in den Händen hält, das zu groß für ihn wirkt. Hinter ihm liegt tief verschneiter Wald, vor ihm der unsichtbare Feind. Sein Blick ist voller Angst.

In der englischsprachigen Welt ist die "Battle of the Bulge" genannte letzte große Schlacht des Zweiten Weltkrieges zwischen den Alliierten und den ausgebluteten Truppen von Wehrmacht und Waffen-SS im kollektiven Bewusstsein fest verankert. Zahllose Bücher sind darüber erschienen, Hollywood hat im Jahr 1965 die "Die letzte Schlacht" mit Henry Fonda in der Hauptrolle ikonisiert. In der deutschen Öffentlichkeit sind die Zusammenhänge um Hitlers verzweifelten finalen Versuch auf den "Endsieg" hingegen noch relativ wenig bekannt.

Das könnte Beevors Buch ändern, wenngleich die Geschichte düster und beklemmend ist. Aber überraschend. Denn meist assoziieren wir nicht die West-, sondern die Ostfront mit bestialischer Gewalt und schrecklichen Massakern. Hier wird nun erzählt, wie auch im Westen ein Gemetzel infernalischen Ausmaßes stattfand - in einprägsamen Bildern, die einem Albtraum entsprungen scheinen. Aus den verschneiten Wäldern und Tälern, den zerstörten Dörfern der Ardennen blicken uns zu Eis gefrorene Leichen aus ihren von Krähen leergehackten, schneegefüllten Augenhöhlen an. Panzer fahren mit rasselnden Ketten über Schützenlöcher, bis deren Seitenwände einknicken und die Soldaten, die sich darin verbergen, bei lebendigem Leib begraben. Einheimische Zivilisten werden an die Wand gestellt, eine 16-Jährige verschwindet "auf Nimmerwiedersehen, bis ihre Leiche fünf Monate später in einem Schützenloch gefunden wurde. Sie war von Kugeln durchsiebt, nachdem man sie sicher vergewaltigt hatte." Hier wurde der Krieg auch im Westen zum Gemetzel: Die Deutschen erschießen 84 amerikanische Kriegsgefangene in Malmedy, im Gegenzug ermordet die 11th Armored Division in dem Ort Chenogne 64 deutsche Gefangene. Als sich am 25. Dezember 1944 die Wolken verziehen und der Himmel blau über den kahlen, im gleißenden Schneeweiß stehenden Wäldern strahlt, gibt US-General Bradley bekannt: "A good day to kill Germans."

Wie kam es zu dieser wahnwitzigen militärischen Operation, bei der im Winter 1944 das an allen Ecken den Krieg verlierende, überall zurückgedrängte "Dritte Reich" einen letzten, verzweifelten Befreiungsschlag zu führen versuchte? Wie konnte diese größte Schlacht zwischen Waffen-SS, Wehrmacht und den westlichen Alliierten zur für die Vereinigten Staaten blutigsten des gesamten Krieges werden? Welche Konsequenz hatte sie für den Verlauf der Endphase des Zweiten Weltkriegs?

Alles hatte am 16. September 1944 angefangen, als Hitler in seinem Hauptquartier Wolfsschanze über Kopfdruck klagte und von Dr. Giesing, seinem HNO-Arzt, eine Nasenpinselung mit zehnprozentiger Kokainlösung erhielt, um kurz darauf seinen entsetzten Generälen einen seiner gefürchteten pseudo-genialischen Einfälle zu präsentieren. Trotz haushoher Unterlegenheit an Männern und Material wolle er nämlich an der Westfront erneut in die Offensive gehen. Hitlers realitätsfernes, drogeninduziertes Kalkül war Folgendes: Da er den Krieg im Osten gegen die Rote Armee für ohnehin verloren ansah, beschloss er, an die dreißig Divisionen von dort abzuziehen und im Westen gegen die Engländer und Amerikaner einzusetzen. Die an der Ostfront verrohten deutschen Soldaten sollten den West-Alliierten - vor allem den Amerikanern -, die Hitler für verweichlicht hielt, eine schmerzhafte Niederlage beibringen. Ziel des desaströsen Planes war es, den Feind, der im Sommer in der Normandie gelandet war, wieder vom europäischen Kontinent zu vertreiben, einen Separatfrieden abzuschließen und dann mit vereinten Kräften Stalin zu stoppen.

Doch Hitler unterschätzte die Kampfkraft des Westens fatal. Briten und Amerikaner stellten sich den Deutschen entschlossen entgegen - und standen ihnen häufig in Brutalität nicht nach. Unerschrocken schildert Beevor, wie sich die US-Generäle auf Hitlers Taktik des shock and awe einstellten. Der Autor, dessen Bücher "Stalingrad" und "Berlin - 1944" zu internationalen Bestsellern geworden sind, scheut sich nicht, die Greuel in krassen Worten zu schildern. Zum ersten Mal wird hier das Kriegsverbrechen des Tötens Kriegsgefangener auch durch die alliierten Truppen erzählt - ein Thema, vor dem Militärhistoriker aus Gründen der political correctness bislang zurückschreckten. Gerade diese Neutralität, unbestechlich die Geschehnisse auf beiden Seiten zu schildern, verleiht Beevors Bericht Glaubwürdigkeit und macht sein Buch auch analytisch überzeugend.

Dabei hält er stilsicher die Balance und lässt bei aller Detailversessenheit nie das große Bild außer Acht und ist auch auf operativer Ebene genau. Mittels Kartenausschnitten werden die Bewegungen auf den Schlachtfeldern ebenso begreifbar gemacht, wie mittels Anekdoten das menschliche Gesicht dieser letzten großen Auseinandersetzung im Westen gezeigt wird. Knorzige US-Generäle streiten sich bis aufs Blut mit dem arroganten britischen Feldherrn Montgomery, während der Schriftsteller Ernest Hemingway väterlich mit Marlene Dietrich flirtet, die vor amerikanischen Truppen in Frankreich auftritt.

Beevors Versessenheit auf den singulären Moment und das Erratische, das über sich hinauswächst und das Ganze erzählt, ist sein Markenzeichen, und er lebt beides, was die unerbittliche Auseinandersetzung in den verschneiten Wäldern und Schluchten der Ardennen betrifft, voll aus. Hier reiht er sich in die Tradition von Edward Gibbons Meisterwerk "Verfall und Untergang des römischen Imperiums" ein, einer Matrize für jene anglosächsische Spielart der historischen Literatur, die aufgrund ihrer Aufmerksamkeit auch für das scheinbar Unbedeutende so lesbar ist. Beevors Kunst besteht also genau darin: Geschichtsschreiber zu bleiben, ohne die Freiheiten des Geschichtenerzählers zu verlieren.

Der Londoner Autor (der selbst einmal als Soldat in der Bundesrepublik stationiert war) recherchierte für sein neues Buch vor allem in den National Archives der Vereinigten Staaten und wertete zahllose Kampferfahrungsberichte aus. Größere Zusammenhänge werden stets mit den Einzelstimmen Betroffener verzahnt, ob es Soldaten sind oder Zivilisten, deren Leid er den angemessenen Raum gibt. Dadurch wird diese zweite Ardennenoffensive lebendiger als in allen bisher darüber erschienenen Werken: Beevor lässt uns den "endlosen Regen spüren, der die Mosel über ihre Überflutungsflächen hinaus anschwellen ließ und den Übergang südlich von Metz zu einem nassen Albtraum machte". Mit ihm sind wir nah dabei, wenn eine Pionierkompanie zwei Tage lang verzweifelt kämpft, um eine Pontonbrücke über den reißenden Fluss zu legen: "Eines der ersten Fahrzeuge, das hinüber fuhr, ein Panzerjäger, blieb an einem Kabel hängen, das dabei zerriss. Ihrer Verankerung beraubt, wurde die Brücke den Fluss hinabgespült. ,Die ganze verdammte Kompanie ließ sich in den Schlamm fallen', schilderte (General) Patton das Bild, das seine Männer ihm boten. ,Alle heulten wie die Babys.'"

Ein eigenes Kapitel reserviert das Buch einem der unrühmlichsten Beispiele deutscher Kriegsführung, dem Sonderverband des für seine Skrupellosigkeit berüchtigten SS-Obersturmbannführers Otto Skorzeny, der die SS-Geheimoperationen leitete und von den westlichen Diensten (in Überschätzung seiner tatsächlichen Fähigkeiten) zeitweilig als "gefährlichster Mann Europas" bezeichnet wurde. Seit er im September 1943 bei der Entführung des festgesetzten Mussolini vom Gran Sasso beteiligt gewesen war sowie in der Nacht des 20. Juli 1944 in Berlin bei der Niederschlagung der Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg seine Finger im Spiel hatte, unterstützten ihn Hitler wie Himmler bei all seinen klandestinen Vorhaben.

Für die Ardennen-Offensive erhielt Skorzeny einen speziellen Auftrag, für den er sich mit einer vermeintlichen neuen Wunderdroge ausstattete, die D-IX hieß: Droge Neun, eine Mixtur aus fünf Milligramm des Opiods Eukodal, fünf Milligramm Kokain und drei Milligramm Methamphetamin. Von der Kriegsmarine, die diese Droge für ihre Klein-U-Boote entwickelt hatte, ließ sich der Mann mit der auffälligen Narbe im Gesicht 10 000 Stück aushändigen, für "besonderen Einsatz". Dieser bestand darin, mit eintausend englischsprechenden deutschen Kämpfern in erbeuteten amerikanischen Uniformen hinter die feindlichen Linien vorzudringen, um dort Verwirrung zu stiften. Die Skorzeny-Leute "trugen Fläschchen mit Schwefelsäure bei sich, die sie Wachtposten ins Gesicht schütten sollten . . . einige zerschnitten Leitungen und drehten Wegweiser um", schreibt Beevor. Ihr größter Erfolg lag letztlich darin, bei den Amerikanern durch das Streuen des Gerüchts Verwirrung zu stiften, US-General Eisenhower entführen oder ermorden zu wollen. Mehrere Tage lang waren die amerikanischen Verbände aufgrund zusätzlich zu treffender Sicherheitsmaßnahmen tatsächlich abgelenkt.

Doch bereits an Weihnachten 1944 wurden Wehrmacht und Waffen-SS unter großen Verlusten zurückgeschlagen. Die Offensive im Westen war gescheitert - während im Osten das Tor für die Rote Armee nun offen war. Binnen nur zwei Wochen konnten die Sowjettruppen von der Weichsel bis zur Oder durchmarschieren und das Rennen um Berlin gegen den Westen für sich entscheiden. Aufgrund des finalen strategischen Fehlers des deutschen Diktators war das "Dritte Reich" endgültig verloren und Stalin in der Lage, derart weit in den Westen vorzudringen. Hitlers Wahnwitz und Vabanque-Spiel hat auch in dieser Hinsicht den Kalten Krieg und die deutsche Nachkriegsrealität mitgeprägt.

Insgesamt starben bei der Ardennenschlacht auf deutscher wie alliierter Seite beinahe gleich viele Menschen. Deutschland beklagte etwa 80 000 Tote, Verwundete und Vermisste, die Amerikaner mehr als 75 000 Mann, davon über 8000 Tote. Zudem wurden schätzungsweise 30 000 Zivilisten getötet oder verwundet. Beevors Buch schafft es, ein ebenso umfassendes wie lebendiges Bild jener letzten vergeblichen Offensive der Deutschen zu zeichnen - des letzten Schnaufers eines sterbenden Regimes. Die eindrückliche Schilderung, wie sich die US-amerikanischen Truppen auf die Eskalation der Gewalt einstellten, lässt vor dem Hintergrund des aus dem Ruder laufenden Krieges gegen den Terror das Buch von Antony Beevor umso aktueller erscheinen.

NORMAN OHLER

Antony Beevor: "Die Ardennen-Offensive 1944. Hitlers letzte Schlacht im Westen". Aus dem Englischen von Helmut Ettinger. C. Bertelsmann, 481 Seiten, 26 Euro

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»Beevors Buch schafft es, ein ebenso umfassendes wie lebendiges Bild jener letzten vergeblichen Offensive der Deutschen zu zeichnen - des letzten Schnaufers eines sterbenden Regimes.«