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Einzigartig und fesselnd erzählt der renommierte Oxford-Historiker Nicholas Stargardt in 'Der Deutsche Krieg' aus der Nahsicht, wie die Deutschen - Soldaten, Lehrer, Krankenschwestern, Nationalsozialisten, Christen und Juden - den Zweiten Weltkrieg durchlebten. Tag für Tag erleben wir mit, worauf sie hofften, was sie schockierte, worüber sie schwiegen und wie sich ihre Sicht auf den Krieg allmählich wandelte. Gestützt auf zahllose Tagebücher und Briefe, unter anderem von Heinrich Böll und Victor Klemperer, Wilm Hosenfeld und Konrad Jarausch, gelingt Nicholas Stargardt ein Blick in die Köpfe…mehr

Produktbeschreibung
Einzigartig und fesselnd erzählt der renommierte Oxford-Historiker Nicholas Stargardt in 'Der Deutsche Krieg' aus der Nahsicht, wie die Deutschen - Soldaten, Lehrer, Krankenschwestern, Nationalsozialisten, Christen und Juden - den Zweiten Weltkrieg durchlebten. Tag für Tag erleben wir mit, worauf sie hofften, was sie schockierte, worüber sie schwiegen und wie sich ihre Sicht auf den Krieg allmählich wandelte. Gestützt auf zahllose Tagebücher und Briefe, unter anderem von Heinrich Böll und Victor Klemperer, Wilm Hosenfeld und Konrad Jarausch, gelingt Nicholas Stargardt ein Blick in die Köpfe der Menschen, der deutlich macht, warum so viele Deutsche noch an die nationale Sache glaubten, als der Krieg längst verloren war und die Gewissheit wuchs, an einem Völkermord teilzuhaben. Ein verstörendes Kaleidoskop der Jahre 1939 bis 1945 im nationalsozialistischen Deutschland.

"Ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung, das die 'Vogelperspektive' nahtlos mit einer Mikrogeschichte dieser verhängnisvollen Periode des 20. Jahrhunderts verbindet."
Jan T. Gross
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Originaltitel: The German War
  • Artikelnr. des Verlages: 1013373
  • Seitenzahl: 838
  • Erscheinungstermin: 24. September 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 226mm x 155mm x 54mm
  • Gewicht: 1035g
  • ISBN-13: 9783100751409
  • ISBN-10: 310075140X
  • Artikelnr.: 42671388
Autorenporträt
Stargardt, Nicholas
Nicholas Stargardt, geboren 1962 in Melbourne, Australien, ist Professor für neuere europäische Geschichte an der Universität Oxford und Fellow am Magdalen College. Er hat zahlreiche Publikationen zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert verfasst, insbesondere zur Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus. Auf Deutsch erschien von ihm 2006 'Kinder in Hitlers Krieg'.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 29.09.2015

Mit Hitler gegen
die ganze Welt
Nicholas Stargardts beeindruckendes Buch erzählt,
wie die Deutschen den Zweiten Weltkrieg erlebten
VON NORBERT FREI
Fast schon glaubte man nicht mehr daran, dass bedeutende historische Bücher auch ohne den Anlass eines „runden“ Gedenktages erscheinen könnten. Angesichts des publizistischen und politischen Großaufgebots, mit dem im vergangenen Jahr an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren erinnert wurde, fiel der 75. Jahrestag des von Hitler-Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs jedoch so gut wie aus. Nun aber, mit zwölfmonatiger „Verspätung“ und nicht einmal mehr „pünktlich“ zur 70. Wiederkehr des Kriegsendes am 8. Mai 1945, erscheint ein Werk, das jedem die Augen öffnet, der begreifen will, warum sich die Deutschen im blutigsten aller bisherigen Kriege fünfeinhalb Jahre lang für ihren „Führer“ verzehrten.
  Nicholas Stargardt erzählt diese Geschichte aus der Perspektive der ganz normalen Deutschen. Genauer gesagt, sind es kaum mehr als ein gutes Dutzend Männer und Frauen, deren Briefe, Tagebücher und Aufzeichnungen für jene lebensnahe Anschaulichkeit sorgen, die das Buch des Oxforder Historikers so faszinierend und erhellend macht. Dramatis personae (als solche werden sie, ungewöhnlich genug für eine wissenschaftliche Studie, auch vorgestellt) sind sogenannte einfache Soldaten ebenso wie ältere Offiziere mit Weltkriegs-Erfahrung, Bauernsöhne und Akademiker, Katholiken und Protestanten, Bahnbedienstete, Hausfrauen und Journalistinnen – aber auch einige, die als Juden aus Sicht der Nationalsozialisten immer schon außerhalb der vielbeschworenen „Volksgemeinschaft“ standen.
  Manche der Protagonisten sind einem historisch interessierten Publikum gut bekannt: Der Dresdner Romanist und eifrige Tagebuchschreiber Victor Klemperer, die Berliner Zeitungsredakteurin Ursula von Kardorff, der mutig-kluge Dorfschullehrer Wilm Hosenfeld oder der verzweifelte Infanterist Willy Reese – sie alle haben eindrucksvolle Aufzeichnungen hinterlassen, die zum Teil schon seit Langem als erfolgreiche Bücher vorliegen. Dennoch gelingt es dem Autor, diese und eine Reihe gänzlich unbekannter autobiografischer Quellen auf subtile Weise neu zum Sprechen zu bringen. Wo eine ältere Sozialgeschichtsschreibung ob der schlussendlich nie zu garantierenden Repräsentativität der ausgewählten Stimmen gezögert hätte, wo eine ebenso detailverliebte wie politisch gestrenge Geschichtswerkstätten-Bewegung in den Siebziger- und Achtzigerjahren auf Eindeutigkeit gepocht hätte, da schildert Stargardt das Drama des „Deutschen Krieges“ mit einem geradezu erregenden Gespür für Ambivalenzen.
  Dass zu Beginn des Polen-Feldzugs im September 1939, von ein paar Parteifanatikern abgesehen, kaum jemand jubelte, ist bekannt. Nicholas Stargardt aber gewinnt auch schon diesem Auftakt (die ein wenig spröde Einleitung darf man überblättern) Aspekte ab, die seiner weiteren Darstellung die Richtung weisen: Der „unwillkommene Krieg“ wurde klaglos angenommen, man tat seine Pflicht, und als die ersten „Blitzsiege“ sich einstellten, zweifelte kaum einer mehr an des „Führers“ Weisheit. Alsbald schon fügten sich sogar Selbstdenker und spätere Judenretter vom Kaliber eines Wilm Hosenfeld, der seiner Frau nach wenigen Wochen im Feld klarsichtig schrieb, in diesem Krieg gehe es nicht um Vergeltung – für den Vertrag von „Versailles“ oder was auch immer –, sondern um „Verbrechen an der Menschheit“. Der gläubige Katholik und jugendbewegte Parteigenosse hatte bei diesen Worten das Wüten der SS-Einsatzgruppen gegen die polnische Intelligenz im Sinn – und war deshalb verwirrt über seine Regierung, die doch eben noch „den Bolschewismus tödlich hasste“.
  Eineinhalb Jahre später hatte sich der Hitler-Stalin-Pakt, der nicht nur die wenigen im Untergrund verbliebenen Kommunisten, sondern auch das nationalkonservative Bürgertum wie ein Schlag getroffen hatte, erledigt, und es gehört zu den großen Stärken des Buches, dass es die Virulenz der nationalsozialistischen Verbindung von Antibolschewismus und Antisemitismus nicht nur konstatiert, sondern immer wieder demonstriert: Kaum einer unter den zitierten Feldpostschreibern, der sich nicht irgendwann bemüßigt fühlte, seine zunehmenden Zweifel am Sinn des Krieges mit Bemerkungen über die „bolschewistischen Bestien“, „jüdische Drahtzieher“ oder „heimtückische“ Partisanen zu zerstreuen, die eben „ausgerottet“ werden müssten. Und offenbar kaum eine weibliche Stimme – die Antworten von der „Heimatfront“ sind seltener erhalten –, die dafür nicht Verständnis äußerte oder gar mehr Härte forderte.
  Je länger der Krieg währt, desto mehr rückt die Frage ins Zentrum, wie die Deutschen auf die „allmählich durchdringende Erkenntnis“ (Stargardt) des Judenmords reagieren und wie sich darüber ihre Wahrnehmung des Krieges verändert. Die zunehmenden Zerstörungen der deutschen Großstädte und Industriegebiete durch die Bombenangriffe der Alliierten werden mit dem vielfach beschworenen „Schicksal der Juden“ in Verbindung gebracht – und am Ende als Beweis für die „jüdische Weltverschwörung“ gedeutet, gegen die man so verzweifelt kämpft. Umso absurder natürlich die bis zuletzt zu hörende Hoffnung, die Westmächte könnten sich doch noch bereitfinden, gemeinsam mit den Deutschen und für das Abendland endlich den „richtigen Krieg“ zu führen: gegen die Sowjetunion.
  Stargardts vielleicht überraschendste Erkenntnis ergibt sich aus einem für die meisten von uns Nachgeborenen wohl kaum mehr nachzuvollziehenden, angesichts neuer, religiös aufgeladener Kriege zugleich aber besonders brisantem Faktum: Wir sehen nun, wie viel Kraft die kriegsführenden Deutschen – Soldaten wie Zivilisten – immer wieder aus der Anrufung ihres Herrgotts bezogen. Dass der so lange inbrünstig verehrte „Führer“ an die Vorsehung glaubte oder sich jedenfalls darauf berief, ist oft beschrieben worden; erstaunlich aber, in welchem Ausmaß seine Volksgenossen dieser Rhetorik folgten. Und historiografisch bisher ganz unterbelichtet geblieben ist, wie sehr sich Söhne und Eltern, Eheleute und Verlobte vermittels religiöser Formeln wechselseitig jenen „inneren Halt“ zusprachen, den die Durchhalteparolen der Regimeführung allein nicht hätten erzwingen können.
  Nicholas Stargardt gelingt es, die Dignität dieser oftmals sehr persönlichen, mitnichten aber nur privaten Selbstdeutungen – je aussichtsloser der Krieg wird, desto mehr ein schwer erträgliches Gemisch aus ideologischer Verblendung, Selbstmitleid und autoaggressiven Schuldgefühlen – zu bewahren und sie dennoch als erhellende, ja dekuvrierende Zeugnisse des politisch-moralischen Niedergangs einer Gesellschaft zu lesen.
  Vielleicht muss man nicht auf dem fünften Kontinent geboren sein – Nicholas Stargardt kam als Sohn eines deutsch-jüdischen Vaters und einer australischen Mutter in Melbourne zur Welt –, um diesen Schritt zu wagen, der das Wissen einer ganzen Forschungsbibliothek zum Zweiten Weltkrieg aufnimmt und hinter sich lässt. Aber sicher hilft es angesichts einer Erzählperspektive, die sich ungeachtet der üblichen Forderungen nach transnationaler und globaler Geschichtsschreibung auf die Wahrnehmungen und Reflexionen der nichtjüdischen und jüdischen Deutschen konzentriert.
  Wer will, mag in Stargardts Verzicht auf die Stimmen und Erfahrungen der überfallenen Nachbarn ein Manko erkennen. Doch das ist vielleicht der Preis einer Darstellung, die uns die Erfahrungsgeschichte der Deutschen im Zweiten Weltkrieg in ungekannter Eindringlichkeit nahebringt – näher, als es uns lieb sein mag.
Norbert Frei lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und leitet dort das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Dem Autor gelingt es, eine Reihe
gänzlich unbekannter Quellen
neu zum Sprechen zu bringen
Soldaten wie Zivilisten bezogen
viel Kraft aus der Anrufung
ihres „Herrgotts“ Adolf Hitler
  
  
  
Nicholas Stargardt,
Der deutsche Krieg
1939–1945. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff. S. Fischer 2015, 848 Seiten, 26,99 Euro.
Als E-Book: 24,99 Euro.
Verzückt: Nicht nur auf dem Reichsparteitag, wie hier 1938 in Nürnberg,
jubelten sehr viele Deutsche ihrem „Führer“ zu, auch in der Kriegszeit folgten Millionen willig der pseudoreligiösen Rhetorik der Nazis.
Foto: Scherl/SZ Photo
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Norbert Frei staunt nicht schlecht: Dass auch außerhalb des Gedenkzyklus ein bedeutendes historisches Buch erscheint, ist mittlerweile selten geworden. Denn auch inhaltlich hat Nicholas Stargardts Blick auf den "deutschen Krieg" den hier rezensierenden Historiker beeindruckt. Faszinierend, erhellend und "von lebensnaher Anschaulichkeit" findet Frei, wie Stargardt Tagebücher, Aufzeichnungen und Briefe unterschiedlichster Autoren (Heinrich Böll, Victor Klemperer, Wilm Hosenfeld und Konrad Jarausch) zusammenfügt, um zu zeigen, wie die Deutschen auf den Krieg und den Holocaust reagiert haben. Was Stargardt findet, ist nicht neu, der Großteil des Materials ist bereits erschienen, und Frei kennt die Mischung aus "ideologischer Verblendung, Selbstmitleid und autoaggressiven Schuldgefühlen" - doch in solcher Eindringlichkeit hat er es noch nicht gelesen. Er attestiert dem Autor ein "geradezu erregendes Gespür für Ambivalenzen". Deswegen zögert er auch, dem Autor die allein auf die Deutschen konzentrierte Darstellung als Manko anzukreiden.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 16.02.2016

Familiärer Patriotismus?
Deutscher Krieg unter Hitlers Diktatur: Wahrnehmungen in der Heimat und im Feld

Der Schwerpunkt der Erforschung des Zweiten Weltkriegs hat sich seit geraumer Zeit verlagert: weg vom Geschehen an den Fronten und den strategischen Konzeptionen, die das Handeln der Akteure bestimmten, hin zu dem, was man die Binnensicht des Krieges nennen könnte: dem Erleben und Erleiden des Kriegsalltags, den mentalitätsbildenden Strukturen und Stimmungen in der Kriegsgesellschaft, der Fortdauer des "Führermythos" und der Virulenz der ideologischen Durchformung von "Volksgemeinschaft" und Kriegsfront.

Jene Historiker, die sich seit der Pionierstudie von Marlis Steinert über "Hitlers Krieg und die Deutschen" aus dem Jahre 1970 auf diesen Weg gemacht haben, reflektierten allesamt über die sich dabei ergebenden methodischen Schwierigkeiten. Ob es um die Folgen des Bombenkriegs für die Zivilgesellschaft ging, um das Wissen der Deutschen über den Holocaust oder um den "nationalsozialistischen Geist" der Wehrmachtssoldaten, immer sah man sich mit drei zentralen Problemen konfrontiert: dem Problem einer fragmentarischen Quellenlage, die, inmitten von Kriegsdruck und totalitär eingefordertem Regimekonformismus entstanden, es nicht erlaubt, ein repräsentatives Bild der gesellschaftlichen Trends und Meinungen zu zeichnen; dem Problem der methodischen Fallstricke der sogenannten Egodokumente, die unter perspektivischer und subjektiver Verzerrung leiden, die in der Regel Inseln ohne Kontext sind und oft durch Einschüchterung, Opportunismus oder Gehörtes geprägt sind, sowie dem Problem des Referenzrahmens der Quellen, von dem ihre Binnensicht maßgeblich beeinflusst wurde.

Ohne Einbeziehung der situativen Faktoren, die die Optik der Zeitgenossen beherrschten, ohne Rückgriff auf Kriegsniederlage und Diktatfrieden, ohne den Kontrast vom Versagen der Weimarer Demokratie und der märchenhaften Aufstiegs- und Erfolgsgeschichte Hitlers und ohne die Berücksichtigung der Zwänge von sozialer und patriotischer Kohäsion im Kriegs- und Frontalltag lässt sich der Grad an ideologischer Indoktrinierung durch das Regime, lässt sich dessen Wirkungsmächtigkeit und lässt sich das Fundament für die bis 1945 ungebrochene Moral der Deutschen gar nicht zureichend erfassen.

Das Werk des in Oxford lehrenden Australiers Nicholas Stargardt über den "deutschen Krieg" ist von solchen grundsätzlichen Überlegungen und methodischen Einsichten gänzlich frei. Er will, wie er schreibt, "die subjektiven Dimensionen der Gesellschaftsgeschichte anhand zeitgenössischer Dokumente erforschen, um herauszufinden, wie Menschen Ereignisse beurteilten und verstanden, während diese geschahen und noch bevor sie deren Ausgang kannten". Dazu bedient er sich dreier Werkzeuge.

Erstens, einer strikten Chronologie, die die zentralen Etappen des Kriegserlebens abschreitet: vom "unwillkommenen Krieg des September 1939" über die "Schatten von 1812" - "dem gescheiterten Blitzkrieg im Osten"; vom Mord an den europäischen Juden ("ein offenes Geheimnis") bis hin zum Krieg in der Heimat sowie der "totalen Niederlage" von 1945. Zweitens, einer Rekonstruktion der Perspektive der Zeitgenossen, wobei "Makro-Meinungsbilder", die von Demoskopen des Regimes und Zensoren der Feldpost erstellt wurden, mit mosaikartigen, subjektiven "Mikrodokumenten", wie Briefen, Tagebüchern und privaten Nachlässen, kontrastiert werden. Und drittens, einer Einordnung dieses prismenartig gebrochenen Mikrokosmos von Stimmungslage und persönlichem Erleben in den Makrokosmos des Kriegsgeschehens, das, vor allem mit Blick auf Bombenkrieg und Russlandfeldzug, nicht immer auf der Höhe der Forschung vorgeführt wird.

Stargardts Geschichte der Wahrnehmungen und Reflexionen in der Heimat und im Feld fördert in der Summe wenig Aufregendes zutage. Die Deutschen folgten Hitler in widerwilliger Loyalität in den Krieg, weil sie sich davon Rache für das "Versailler Diktat" versprachen, ja sich nach der Kriegserklärung der Westmächte wieder als Opfer einer Einkreisung wähnten. Sie blieben im Krieg, weil sie der Schmach der Niederlage entgehen wollten, wie sie die eigenen Väter hatten erleiden müssen: "Soldaten und ihre Familien identifizierten den Krieg nicht mit dem nationalsozialistischen Regime, sondern mit ihrer Generationenverantwortung, und gerade das erwies sich als stärkste Bande ihres familiären Patriotismus." Und die Massenexekutionen, die im Osten des Kontinents an den Juden verübt wurden, waren - wenn auch hinter vorgehaltener Hand und ohne präzises Wissen um die fabrikmäßig betriebene Ausrottungspraxis - ein beständiges Thema in der Zivilgesellschaft. Es wurde durch Briefe und Fotos von Front und Etappe immer wieder angefacht und ließ inmitten des alliierten Bombenkrieges apokalyptische Vergeltungsphobien entstehen: Man müsse jetzt für das büßen, was man den Juden angetan habe.

Ungeachtet der Lebendigkeit der Darstellung, die sie aus ihren plastischen Einzelschilderungen bezieht, fallen drei Kritikpunkte ins Auge. Ein erster betrifft die Entscheidung, als Startpunkt der Studie den Kriegsbeginn zu wählen. Warum, so muss man fragen, blendet Stargardt den situativen Referenzrahmen der zeitgenössischen Perzeptionen vollkommen aus? Warum übergeht er den Deutungshorizont der Deutschen, die den Nationalsozialismus und die Aura seiner Führerfigur mehrheitlich als Erlösung von der subjektiv empfundenen Demütigung in der Weimarer Epoche empfanden; die begeistert waren von den unblutigen außenpolitischen Erfolgen des Regimes; die, nicht zuletzt durch die Scheinblüte des Wirtschaftsaufschwungs verführt, alle Zweifler zu Beckmessern abstempelten? Diese Loyalitätsbindung an das Regime wirkte weit in den Krieg hinein. Und der Krieg selbst entfesselte zusätzliche patriotische Kräfte und schuf ausweglose Situationen, für die der Autor kein Sensorium hat.

Ein zweites inhaltliches, aber auch methodisches Defizit ist die Tatsache, dass Stargardt nicht erklärt, sondern beschreibt. Das Makrogeschehen der Kriegslage und der Mikrokosmos der persönlichen Kommentare stehen oft unverzahnt nebeneinander. Ständig lässt sich der Autor von seinem beeindruckenden Material an Einzelstimmen und Einzelschicksalen einfach treiben. Und mitunter opfert er die Analyse dem billigen Effekt, wenn er halbpornographische Schilderungen ausbreitet, wie den Brief eines französischen Fremdarbeiters an seine deutsche Freundin: "Ich küsse deine Brüste tausendmal, wir werden 69 machen."

Eine Geschichte der deutschen Kriegsgesellschaft kann somit nicht entstehen. Auch weil Stargardt die alles entscheidende Frage, die er selbst stellt, in seinem voluminösen Buch nie beantwortet: Wie konnte man "der Täuschung erliegen, einen brutalen kolonialen Eroberungskrieg, der gezielt herbeigeführt wurde, für einen Verteidigungskrieg zu halten? Wie konnten sie sich als bedrängte Patrioten sehen und nicht als Krieger für Hitlers Herrenvolk?" Spätestens im Epilog hätte der Autor hierauf eine Antwort geben müssen. Aber auch dieser ist eine Ansammlung von Einzelstimmen und Zettelkästen, ohne zumindest das Erbe dieses Krieges präzise zu bestimmen, an dem die deutsche Gesellschaft bis heute schwer trägt.

RAINER F. SCHMIDT

Nicholas Stargardt: Der deutsche Krieg 1939-1945. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 839 S., 26,99 [Euro].

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'Ein herausragendes Buch', schreibt der britische Historiker Ian Kershaw über Stargardts Buch. Dem ist nichts hinzuzufügen. Klaus Hillenbrand taz 20151017