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Das Wörterbuch behandelt ein heikles und strittiges Thema der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es zeichnet anhand detaillierter Wort- und Diskursgeschichten den Umgang mit der NS-Vergangenheit im Sprachgebrauch der Gegenwart nach.Dabei zeigt sich, wie unterschiedlich verschiedene gesellschaftliche Gruppen diese in wörtlichem Sinne fragwürdige nationale Geschichte betrachten. Vorherrschend ist die Instrumentalisierung des belasteten Vokabulars der NS-Vergangenheit zum Zweck der jeweils aktuellen politischen Auseinandersetzung, d.h. das Streitthema Vergangenheitsbewältigung wird im politischen…mehr

Produktbeschreibung
Das Wörterbuch behandelt ein heikles und strittiges Thema der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es zeichnet anhand detaillierter Wort- und Diskursgeschichten den Umgang mit der NS-Vergangenheit im Sprachgebrauch der Gegenwart nach.Dabei zeigt sich, wie unterschiedlich verschiedene gesellschaftliche Gruppen diese in wörtlichem Sinne fragwürdige nationale Geschichte betrachten. Vorherrschend ist die Instrumentalisierung des belasteten Vokabulars der NS-Vergangenheit zum Zweck der jeweils aktuellen politischen Auseinandersetzung, d.h. das Streitthema Vergangenheitsbewältigung wird im politischen Geschäft der Bewältigung der Gegenwart ausgenutzt. Dabei werden in NS-Vergleichen genau die Geschichtsereignisse am häufigsten relativiert, die andererseits in der öffentlichen Diskussion als einzigartig deklariert werden. Hier zeigt sich zum Teil bei den gleichen Sprechergruppen das Auseinanderfallen von öffentlich vertretener Norm und tatsächlichem Sprachverhalten.So spiegelt sich in den analysierten Vokabeln dieses neuartigen Problemfeld-Wörterbuchs die Vergangenheit in der Sprache der Gegenwart wie in einem in viele Facetten zersprungenen Spiegel.Das Wörterbuch zeigt die Verwendung und Funktion von über 1000 diskursrelevanten Vokabeln innerhalb von 40 Themenbereichen. Ein Ergänzungsband mit ca. 20 weiteren Vokabeln wird 2008 erscheinen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Olms
  • Erscheinungstermin: Dezember 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 154mm x 52mm
  • Gewicht: 1008g
  • ISBN-13: 9783487133775
  • ISBN-10: 3487133776
  • Artikelnr.: 23408051
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.03.2008

Der heikle Sprachalltag
Von substantieller Bewältigung der deutschen Vergangenheit kann noch keine Rede sein
Erst kürzlich nannte der Frankfurter Germanist Horst Dieter Schlosser die Reichskristallnacht „eine Wortbildung, die an Zynismus kaum zu überbieten war”. Angesichts dessen, was damals geschah, ist das eine ehrenwerte Meinung, und doch schließt sie ein paar Aspekte aus. Erstens ist es strittig, ob der Terminus von den Nazis in die Welt gesetzt wurde oder ob da, in Anlehnung an die Reichswasserleiche, der Volksmund zuschlug. Zweitens hat es sich erwiesen, dass Surrogate wie (Reichs-)Pogromnacht oder Novemberpogrom die Sache noch weniger treffen und dass weder Gänsefüßchen noch ein vorgeschachteltes sogenannt die Treffsicherheit erhöhen. Drittens aber lehren die Bartholomäusnacht oder die Sizilianische Vesper, dass sich das Grauen auch im vermeintlich Heimeligen einzurichten weiß.
Nun ist die Reichskristallnacht, wie der Sprachalltag lehrt, kein derart kontaminiertes Wort, dass ihr Gebrauch einen als Ewiggestrigen auswiese. Gerade die letzten Jahre haben uns mit einer ganz anderen Verwendung des kritischen Vokabulars konfrontiert, mit einer Flut von Anspielungen und Winken mit dem Zaunpfahl, die ursprünglich wohl immer der Klärung der politischen Luft dienen sollten, die aber heikel waren. Gemeint sind all die Hitler-, Gestapo- und Holocaust-Vergleiche, deren polemische Wucht dafür sorgte, dass – möglicherweise diskutable – Vergleichspunkte überhaupt nicht wahrgenommen wurden.
Bücher verhindern derlei nicht. Für die aber, die auch bei schwerstem Pulverdampf den Durchblick behalten wollen, gibt es nun das „Wörterbuch der ,Vergangenheitsbewältigung‘”, das genau nachzeichnet, wie der öffentliche Sprachgebrauch mit der NS-Zeit umgegangen und nicht selten umgesprungen ist. Es stammt von den Düsseldorfer Germanisten Georg Stötzel und Thorsten Eitz und steht in der Nachfolge ähnlicher Arbeiten aus den Jahren 1995 und 2002.
Dass das 700-seitige Werk nur vierzig Stichwörter umfasst, zeigt überdeutlich, in welchem Sinne hier Wörterbucharbeit betrieben wurde. Zwar ist jedem Stichwort der entsprechende kurze Duden-Eintrag vorangestellt, doch dann weiten die Texte sich zu sprachgeschichtlichen und, bei Wörtern dieses Schlages kein Wunder, zeitgeschichtlichen Abhandlungen. Überfliegt man das vordere Inhaltsverzeichnis, hat man das Dritte Reich (selbst ein Stichwort) im Konzentrat vor sich, vom Anschluss über die Endlösung und das lebensunwerte Leben bis hin zu jener Wiedergutmachung, mit der man sich danach der Schuld zu stellen versuchte. Dass ein Lemma wie Auschwitz mehr Raum beansprucht als etwa die Gleichschaltung, versteht sich ebenso wie der Umstand, dass man bei der Arbeit auf Berge „diskursrelevanter Vokabeln” stieß, von denen rund tausend über den hinteren Index erschlossen werden.
Um mit einem Beispiel zu dienen, so ist es lehrreich und, aus sicherer Entfernung, sogar ganz amüsant nachzulesen, wie und wofür Hitler zum Vergleich herhalten musste. Die Karenzzeit war da ja kurz: Bereits im März 1947 ging der bayerische Entnazifizierungsminister Alfred Loritz als blonder Hitler durch die Presse, und für lange Zeit hatte der Hitler-Vergleich den Zweck, dem politisch rechten Spektrum eine gefährliche Nähe zum NS-Regime anzuhängen. Später kam es zu einer Inflation; noch drittklassige Diktatoren konnten ihre Nummernkonten darauf wetten, dass irgendwer sie Hitlers Wiedergänger nennen würde.
Sicher wird es eine Zeit geben, in der über die dunkelste Phase der deutschen Geschichte so kühl geredet werden kann wie über die Befreiungskriege. Dass fast gleichzeitig mit dem Buch von Stötzel/Eitz ein anderes, prima vista sehr ähnliches erscheint, könnte als Indiz dafür gewertet werden, dass diese Zeit schon angebrochen ist. Das wäre ein Irrtum. Von substantieller Bewältigung der Vergangenheit – Stichwort Schlussstrich – kann noch längst keine Rede sein, doch wer immer sich daran abrackern will, hat auch an Torben Fischers und Matthias N. Lorenz’ „Lexikon der ,Vergangenheitsbewältigung‘ in Deutschland” ein zuverlässiges und, soweit bei so einem Sujet möglich, locker lesbares Vademecum.
Fischer und Lorenz sind Kulturwissenschaftler in Lüneburg und Bielefeld, und ihr zusammen mit sechzig weiteren Autoren erarbeitetes Buch ist aus einem kulturwissenschaftlichen Schwerpunkt erwachsen, den Peter Stein in Lüneburg gesetzt hatte. Es präsentiert sich als Lexikon, ist dies jedoch so wenig, wie Eitz’ und Stötzels Wörterbuch ein solches ist. Die Herausgeber haben sich eine flexible Struktur ausgedacht: Die Geschichte von Erinnerung und Diskurs wird in sechs Zeitabschnitte aufgeteilt, deren jede eine charakteristische Zäsur reflektiert. Innerhalb dieser chronologischen Ordnung findet eine thematische Gliederung statt, unter der die jeweils passenden Einzelbeiträge versammelt sind.
In der Praxis sieht das so aus, dass etwa der erste Abschnitt, die Jahre zwischen 1945 und 1949, in drei thematische Blöcke aufgeteilt ist: Neuordnung unter alliierter Besatzung, erste Reflexionen sowie Schuld- und Unschulddebatten. Unter den acht Stichwörtern des zweiten Blocks findet sich dann auch das Adorno-Diktum, also jenes üblicherweise so kolportierte Wort Adornos, dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr möglich sei. Hier wird nun in einem winzigen, aber sehr präzisen Essay erörtert, was Adorno wirklich geschrieben und wohin er damit gezielt hatte, nämlich „auf die aporetische Existenz aller Kultur und aller Kulturkritik nach Auschwitz”. Als Verbotstafel für Dichter war die Sentenz nie gedacht gewesen. HERMANN UNTERSTÖGER
Thorsten Eitz, Georg Stötzel
Wörterbuch der „Vergangenheitsbewältigung”
Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch. Olms, Hildesheim 2007. 786 Seiten, 32 Euro (Subskriptionspreis bis 31. März: 29,80 Euro).
Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hg.)
Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung” in Deutschland.
Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Transcript, Bielefeld 2007. 395 S., 29,80 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Auf siebenhundert Seiten wird die Gebrauchsgeschichte von vierzig Begriffen nachgezeichnet, die nationalsozialistisch kontaminiert waren. Aus diesem Verhältnis lässt sich schon erkennen, meint Hermann Unterstöger, wie eingehend jeder einzelne Begriff untersucht wird. Unterstöger hat die einzelnen Essays mit Interesse gelesen. Ein Werturteil findet sich nur beim Eintrag zu den Hitler-Vergleichen, den er "lehrreich" und "sogar ganz amüsant" findet. Schon 1947 sei der bayerische Entnazifizierungsminister als "blonder Hitler" bezeichnet worden, wie in den Jahrzehnten danach jeder einzelne Diktator dieser Welt.

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