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»Ein Licht in dunklen Zeiten.« Noam Chomsky
Enthält ein Interview mit Bernie Sanders!
Seit 2010 mischt Jacobin als Sprachrohr der neuen amerikanischen Linken die intellektuelle Szene in den USA auf. In dem Magazin treten junge Autorinnen und Autoren offen für den Sozialismus ein, und das im Land des Hyperkapitalismus. Mit polemischen Artikeln entwickelte sich Jacobin schnell zu einem einflussreichen Ideengeber für Occupy Wall Street und die Bewegung um Bernie Sanders. Inzwischen erscheint die Zeitschrift in einer Auflage von 30.000 Exemplaren, online erreicht sie jeden Monat rund eine…mehr

Produktbeschreibung
»Ein Licht in dunklen Zeiten.« Noam Chomsky

Enthält ein Interview mit Bernie Sanders!

Seit 2010 mischt Jacobin als Sprachrohr der neuen amerikanischen Linken die intellektuelle Szene in den USA auf. In dem Magazin treten junge Autorinnen und Autoren offen für den Sozialismus ein, und das im Land des Hyperkapitalismus. Mit polemischen Artikeln entwickelte sich Jacobin schnell zu einem einflussreichen Ideengeber für Occupy Wall Street und die Bewegung um Bernie Sanders. Inzwischen erscheint die Zeitschrift in einer Auflage von 30.000 Exemplaren, online erreicht sie jeden Monat rund eine Million Leser.

Dieser Band versammelt erstmals eine Auswahl von Beiträgen auf Deutsch. In den Texten zur Identitätspolitik und zu Black Lives Matter, zum Stand des Kapitalismus und der Kapitalismuskritik sowie zum »Zombie-Marxismus« und dem Aufstieg Donald Trumps zeichnen sich die Konturen eines politischen Programms ab, das fraglos auch hierzulande die Diskussionen um eine strategische Neuausrichtung der Linken befruchten wird.
  • Produktdetails
  • edition suhrkamp 7391
  • Verlag: Suhrkamp
  • Originalausgabe
  • Seitenzahl: 311
  • Erscheinungstermin: 10. September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 126mm x 27mm
  • Gewicht: 353g
  • ISBN-13: 9783518073919
  • ISBN-10: 3518073915
  • Artikelnr.: 42948347
Autorenporträt
Balhorn, LorenLoren Balhorn, geboren 1987, ist Chefredakteur des Online-Magazins Ada und Redakteur bei Jacobin. Zudem arbeitet er als Lektor und Übersetzer. Er lebt in Berlin.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 26.09.2018

American Way of Sozialismus
Mit 22 gründete Bhaskar Sunkara „Jacobin“, ein Magazin für popaffinen Linksradikalismus. Nun will er es nach Europa bringen
Kommt ein amerikanischer Sozialist nach Berlin und sagt: „Die Mieten hier sind zu niedrig.“ Klingt wie ein okayer Witz, ist aber tatsächlich das, was Bhaskar Sunkara, den man wohl als einen führenden Kopf der linken Bewegung in den USA bezeichnen könnte, sagt, wenn man ihn nach der Hauptstadt fragt, von der aus er sich vergangene Woche nach München aufgemacht hatte: „In Berlin ist der Druck auf die Linken nicht hoch genug, die möchten alle ihre Freiheit nutzen um Kunst zu machen oder es sich nett einrichten. Die linke Szene in Berlin erinnert mich in ihrer Entspanntheit fatal an die amerikanische Linke in den Neunziger Jahren.“
Sunkara, dessen Eltern von der Karibikinsel Trinidad in die USA einwanderten, wurde 1989 geboren, seine Erfahrung mit der Linken der Neunziger hält sich also in Grenzen. Dafür kennt kaum jemand die amerikanische Linke der Gegenwart so gut wie er. Wenn man ihm und den Mitgliedszahlen der „Democratic Socialists of America“ (DSA), glauben will, dann ist die durchaus alive und zu allem bereit. In den letzten zehn Jahren ist diese eher marginale linke Organisation, deren prominentestes Mitglied der einstige demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders ist, von 5000 auf 60 000 Mitglieder angewachsen.
Ein großer Anteil der Mitglieder ist zwischen 25 und 30 Jahre alt. Im Land, in dem einst Kommunistenjäger marodierten und dessen Präsident die Unterstützung einer selbstbewussten harten Rechten genießt, ist „Socialism“ derzeit ein politisches Geschäft mit hohem Wachstumspotenzial. Und Bhaskar Sunkhara gehört zu den effektivsten Ideologie-Vertrieblern, die derzeit so unterwegs sind. Seit acht Jahren erscheint sein Magazin „Jacobin“ sowohl online als auch gedruckt unter dem Motto „Reason in revolt“ – Vernunft im Aufruhr: Schlankes, monochromes Design, spitze Thesen, anspruchsvolle Gedanken und journalistische Sprache.
Es geht da mal um die Frage, was Beyoncés Schwangerschafts-Hype mit der Gesundheitspolitik der USA im Bezug auf Geburtshilfe zu tun hat. Die #MeToo-Debatte wird ausgeweitet auf McDonald’s. Ein Streik-Führer erklärt, wie man außergewerkschaftlich Arbeitnehmer am besten organisiert. „Jacobin“ ist wohl das attraktivste sozialistische Magazin auf dem Markt und genau als solches wurde es von Sunkara auch ersonnen.
Mit 17 hat er Trotzki und den Klassenkampf für sich entdeckt. Als einziger Sohn seiner Familie hat er studiert und genau verstanden, dass das sein Glück war: Seinen Brüdern war dieser Weg verwehrt geblieben, was an dem bescheidenen Verhältnissen lag, aus denen die Familie stammte. Als Jugendlicher trat Sunkara in den DSA ein und engagierte sich als Organisator für Streiks und Demonstrationen und als Betriebsrat. Die Geschichte, warum er als 22-jähriger BWL-Student in der hohen Blüte des Facebook-Zeitalters und mitten in der ersten Legislatur Barack Obamas beschloss, ein Print-Produkt für junge Sozen zu gründen statt einen Twitter-Account oder wenigstens ein Blog zu starten, hat er schon oft erzählt: Als Geschäftsmann wollte er eben etwas machen, für das Menschen Geld ausgeben würden. Von Anfang an war das Geschäftsmodell so geplant, dass das Heft die Online-Arbeit finanzieren sollte. Das funktioniert: Mittlerweile wird die Print-Ausgabe von 30 000 Abonnenten bezogen, laut eigenen Angaben erreicht es online aber eher an die eine Million Leser. Auch im Ausland wächst die Fan-Gemeinde: Der Suhrkamp-Verlag hat einen Sammelband für deutsche Leserinnen und Leser herausgegeben, in der einige der wichtigsten und interessantesten Jacobin-Texte aus den letzten Jahren vereint sind. Der Klappentext von „Jacobin. Die Anthologie“ verspricht, dass der Kapitalismus auf jeden Fall enden wird und kündigt Antworten auf die Frage an, was danach geschehen soll.
Tatsächlich ist das Buch auch dann lesenswert, wenn man von dieser Prognose nicht vollends überzeugt ist. Es enthält einige der bekanntesten Artikel aus „Jacobin“, ein ausführliches Interview mit dem linken Theoretiker Mike Beggs, der identitätszentrierte, ökonomievergessene linke Theorie-Strömungen anprangert; ein Interview mit Bernie Sanders; eine schneidende Kritik des Steve-Jobs-Mantras „Tu was du liebst, dann wirst du Erfolg haben“, die nach der Vermischung der Arbeits- und Liebesbegriffe im Diskurs der Gegenwart fragt. Es geht um die „Black Lives Matter“-Bewegung im Hinblick auf ihre politische und klassenkämpferische Schlagkraft, und es gibt eine kompakte Einführung in marxistische Kritik an der Wirtschafts- und Staatenordnung.
Die Texte lesen sich gut, sie sind theoretisch anspruchsvoll und kritisch scharf. Sie sind allerdings, bis auf eine Ausnahme, alle von Männern verfasst. Themen wie Fürsorge-Arbeit oder Geschlechterpolitik kommen überhaupt nicht vor, auch Gewaltfragen oder das Thema des Antisemitismus unter Linken spielen praktisch keine Rolle. Sunkara zuckt mit den Achseln, wenn man ihn danach fragt: „Ich glaube, wir müssen all diesen Anliegen auf jeden Fall Gehör verschaffen, aber ich will sie in eine breitere linke Politik integrieren.“ Es sei nicht so, dass ihm diese Themen egal seien, aber: „Ich interessiere mich für eine politische Bewegung, in der die Spaltungen nicht sichtbar sind.“ Dass diese Politik eben das Risiko birgt, bestimmte Gruppen zu verunsichtbaren, ist ein Einwand, der zur Not mit Nebenwiderspruchslogik beiseite gewischt werden muss. Hier bleibt „Jacobin“ seinem modernen, glamourösen Erscheinungsbild zum Trotz ganz einer bestimmten linken Tradition verhaftet. Der Wille zum Erfolg, notfalls auf Kosten der Differenzierung, ist aber eben auch, der Sunkara von vielen linksradikalen Intellektuellen unterscheidet.
Er sei besessen von der Geschichte der Sozialdemokratie, gibt er zu, aber eben auch von ihrem Geschäftsmodell. Sozialisten hätten oft keinen Geschäftssinn, sagt Sukara, das sei aber in einer Markt-Gesellschaft ein Problem. Wer sich nicht damit befassen wolle, wie man seine Ideologie am besten unter die Leute bringe, sei von politischer Arbeit ziemlich weit weg. Außerdem gebe es unter Linken „eine Tendenz zu moralisieren, und einen Hang zum Anti-Intellektualismus und das hängt miteinander zusammen.“
Linke hätten oft keine Ahnung von Geschichte und seien deswegen schnell im Urteil, der linke Diskurs zur deutschen Sozialdemokratie sei da das beste Beispiel: „Alle Linken sind so angewidert von deren Entwicklung in den letzten Jahrzehnten und brandmarken sie als Heuchelei. Anstatt dass man sich vor Augen hält, das der Sozialstaat seit den Siebzigerjahren von einer Reihe von Krisen permanent unter Druck gesetzt wurde.“ Sozialdemokraten hätten „natürlich die Sache verraten“, aber sie hätten es aus rationalen Gründen getan, und immerhin mehr vom Sozialstaat in die Gegenwart gerettet als unbedingt zu erwarten war: „Was ihr hier an Sozialstaat habt, ist immer noch mehr als das, was der Kapitalismus will.“ Überhaupt: „Die europäischen Sozialdemokraten haben genau das geschafft, was wir auch wollen: Politische Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit erst massentauglich machen und dann umsetzen.“ Für einen Sozialisten, der mit seiner Ideologie noch etwas vorhat, ist der Weg der Sozialdemokratie offenbar immer noch ein attraktiver: „Wir haben Glück, dass es in Amerika eher unbequem ist, politisch links zu sein. Für uns ist es zwingend notwendig, uns mit Basis-Arbeit zu befassen.“
Diesen Aufbruchsgeist will er nun auch in Europa wecken, denn von der SPD der Gegenwart erwartet er nicht viel: „Sie muss sterben, so viel ist klar“, sagt er. In Deutschland ist in diesem Sommer der Ableger „ADA“ online gegangen, das eine Art „Jacobin“ für Deutschland sein will und von Loren Balhorn, dem Mitherausgeber des Suhrkamp-Bandes, geführt wird. Vergangene Woche verschaffte „Jacobin“ dem linken britischen Traditionsmedium „Tribune“ einen Neustart: Sunkara hatte das Magazin im Sommer gekauft, und will es nun im Bildnis von „Jacobin“ für die Gegenwart fit machen; auch ein „Jacobin Italia“ solle bald kommen, sagt er. „Linke sind immer damit beschäftigt, die Revolution zu fordern“, sagt er, und dass das ein grundlegender Irrtum sei: „Menschen wollen eigentlich nicht alles ändern, das machen sie nur, wenn sie sich dazu gezwungen sehen.“ Wichtiger sei es also, sie zum politischen Handeln zu bringen. Menschenfreundlichkeit war eigentlich mal die Kernattraktion des marxistischen Denkens: Vielleicht erlebt sie in Jacobin eine kleine Renaissance.
MEREDITH HAAF
Jacobin: Die Anthologie. Herausgegeben von Loren Balhorn und Bhaskar Sunkara. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 314 Seiten, 18 Euro.
Die „Democratic Socialists of
America“ haben
heute 60 000 Mitglieder
Menschen wollen sich nicht
verändern, sie tun es nur,
wenn sie dazu gezwungen sind
„Die SPD muss sterben, so viel ist klar“: Der linke Autor, Verleger und Unternehmer Bhaskar Sunkara.
Foto: ERIN BAIANO / The New York Times/Redux/laif
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.09.2018

Der Glamour der Radikalität
Wie das Magazin "Jacobin" Bewegung in die amerikanische Linke bringt

Der amerikanische Verleger Bhaskar Sunkara ist selbst nach Maßstäben der Verhältnisse, die er bekämpft, ein Held. Mit seinem politischen Magazin "Jacobin" hat er geschafft, was in der Medienbranche kaum noch jemand für möglich hält: eine Zeitschrift für junge Menschen erfolgreich zu verkaufen, ein Heft mit Seiten aus echtem Papier, auf dem sogar echte Texte stehen, nicht nur Kalendersprüche oder Anleitungen zum Falten von Weihnachtssternen. Das Design von "Jacobin" ist zwar so auffällig und bunt illustriert, dass es sich auch ganz gut als Geschenkpapier eignen würde, der Inhalt aber galt in den Vereinigten Staaten bisher als so verführerisch wie schimmliges Brot: "Jacobin" druckt klassenkämpferische Essays und Analysen und bemüht sich gar nicht erst, seine linke Haltung hinter unverfänglichen Attributen wie "kritisch" oder "progressiv" zu verstecken; es bezeichnet sich schamlos als "sozialistisch".

Sich zum Sozialismus zu bekennen war in den Vereinigten Staaten noch bis vor ein paar Jahren die sicherste Methode, sich ins politische Abseits zu manövrieren. Erst mit dem Erfolg von Bernie Sanders begann ein selbstbewussterer Umgang mit dem Label "demokratischer Sozialismus". Ablesbar ist das etwa an der steigenden Popularität der Democratic Socialists of America (DSA), einer Organisation, die in den 1980er Jahren aus den Grabenkämpfen der amerikanischen Sozialisten hervorging. Seit Sanders' Wahlkampf hat sich nicht nur ihre Mitgliederzahl von 5000 auf heute 50 000 verzehnfacht, auch der Einfluss der DSA innerhalb der Demokratischen Partei wächst: Immer mehr Kandidaten treten als Mitglieder der Bewegung an. Zwei von ihnen werden höchstwahrscheinlich ab November im Kongress sitzen: Rashida Tlaib aus Michigan wird dann die erste Muslimin im Repräsentantenhaus sein; und in ihrer New Yorker Genossin Alexandria Ocasio-Cortez sehen einige schon die aussichtsreichste Herausforderin des Amtsinhabers bei der nächsten Präsidentschaftswahl. Die Vorstellung jedenfalls, dass man die Wähler Donald Trumps eher durch die Vision einer gerechteren Gesellschaft zurückgewinnen kann als durch besonnene Aufrufe zur Rückkehr zur politischen Tagesordnung, wird im Richtungsstreit der Demokratischen Partei immer beliebter.

Auch an den Zahlen von "Jacobin" lässt sich die Renaissance der amerikanischen Linken ablesen: Von der Gründung im Jahr 2010 bis zu Sanders' Kampagne erreichte Sunkara mit seinem Projekt ein treues Publikum von etwa 10 000 Lesern. Heute druckt er 50 000 Exemplare, erreicht online über eine Million Leser monatlich und lässt damit inzwischen traditionsreiche linke Magazine wie "New Republic" hinter sich. "Jacobin", so lautet inzwischen die stolze Selbstbeschreibung, sei "die Stimme der amerikanischen Linken". Das gilt auch für Sunkara selbst, der mittlerweile eine Art Star der internationalen Linken ist. An diesem Wochenende stellt er beim Labour-Parteitag in Liverpool seine wiederbelebte Version der seit 1937 erscheinenden Parteizeitung "Tribune" vor.

Der publizistische Erfolg ist dabei für Sunkara vor allem Mittel zum Zweck. "Ich mag Magazine nicht um ihrer selbst willen", sagt er bei einem Gespräch in Berlin. Das hübsche Magazin ist gewissermaßen nur das Abfallprodukt seines politischen Kampfes: Gedruckt wird es vor allem, weil sich damit besser Geld verdienen lässt als mit Texten im Internet. "Unser Ziel ist es, Gewinne zu machen, um politische Arbeit machen zu können, statt politische Arbeit zu machen und sich zu fragen, wie man sie finanzieren kann."

Der heute 29-jährige Sunkara hatte auch gar nicht unbedingt vor, ein erfolgreicher Verleger zu werden, als er vor acht Jahren seinen Kampf zur Erneuerung der amerikanischen Linken begann. Sunkara ist das jüngste von fünf Kindern einer indischstämmigen Familie, die aus Trinidad in die Vereinigten Staaten einwanderte. Die Eltern arbeiteten bis spätabends, Sunkara verbrachte viel Zeit in der Schulbibliothek. Seine Politisierung begann mit der Schullektüre, vor allem mit George Orwell: Über "Animal Farm" und "1984" landete er bei Texten der spanischen Marxisten, mit 13 las er Trotzki, mit 17 schloss er sich den DSA an. Mit "Jacobin" ging es ihm darum, ein paar Stimmen zu sammeln, die unter linker Politik etwas anderes verstehen, als es jene taten, die überhaupt über ein Leben jenseits des Kapitalismus nachdachten. Die Linke, so jedenfalls nahm es der junge Politikstudent Sunkara wahr, bestand aus Anarchisten oder Revolutionsromantikern, aus "elitären Cliquen, die paramilitärischen Nihilismus betreiben", oder Zapatisten, die lieber als Touristen in Mexiko mit den Bauern kämpften, als sich zu Hause mit "dem unglamourösen Job, eine selbstbewusste Klassenbewegung zu organisieren", abgaben, eine Linke, die glaubte, die Welt eher durch Akte persönlicher Rebellion als durch die Übernahme der Macht verändern zu können.

Heute ist es womöglich gerade der Glaube an die Möglichkeit einer radikalen Veränderung, der "Jacobin" einen Glamour verleiht, der das Magazin von politisch ähnlich gesinnten Publikationen unterscheidet. Schon der Name signalisiert eine gewisse Kompromisslosigkeit, wobei er gar nicht auf die unerbittlichen Rebellen von Paris anspielt, sondern auf die "schwarzen Jakobiner", die aufständischen Sklaven, die Ende des 18. Jahrhunderts die Unabhängigkeit Haitis erkämpften. Zur Popularität des Magazins trägt, neben dem konsequenten Design, vor allem der Verzicht auf all das bei, was an den Jargon marxistischer Intellektueller erinnert. Im besten Fall kombinieren die Texte in "Jacobin" analytische Strenge mit popkulturellen Referenzen, Originalität mit Aggressivität.

Wie das im Einzelnen aussieht, davon kann man sich seit ein paar Tagen auch in Deutschland ein Bild machen: Gemeinsam mit Loren Balhorn, der das deutschen Onlinemagazin "Ada" leitet, eine Art Ableger von "Jacobin", hat Sunkara soeben eine Anthologie der wichtigsten Texte aus "Jacobin" herausgegeben. Nicht nur das Stilprinzip des Magazins wird durch die Auswahl anschaulich, sondern auch die klare Position, die die Redaktion in dem wohl zentralen Streit der zeitgenössischen Linken vertritt: der Debatte, ob man sich in der Vergangenheit auf Kosten sozialer Themen zu sehr auf Minderheitenrechte konzentriert hat. Im Buch bringt das der amerikanische Literaturtheoretiker Walter Benn Michaels auf die unmissverständliche Formel: "Dann sollen sie Diversität essen." Auch für Sunkara muss der Kampf für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit mit dem Klassenkampf beginnen: "Unser politisches Denken wurde lange von der Niederlage geprägt. Weil wir die Gewerkschaften verloren haben, weil diese nach rechts drifteten, weil das Kapital so mächtig ist, haben wir eine Tugend aus einem Engagement gemacht, das eigentlich nur eine vorübergehende Notwendigkeit sein sollte."

Um zur alten Stärke zurückzufinden, legt Sunkara Wert auf eine Eigenschaft, die so naheliegend wie im linken Diskurs selten ist: Zugänglichkeit ist eines der wichtigsten Merkmale für die Texte seines Magazins - aus journalistischen, aber vor allem auch aus politischen Gründen. Sunkara will vermeiden, dass sozialistische Positionen "auf eine Subkultur beschränkt bleiben". Seine konkreten politischen Vorstellungen dürften ihn dabei auch vor dem Fehler vieler Magazinmacher bewahren, die sich beim Versuch, die Massen zu erreichen, am Mainstream orientieren. Seiner journalistischen Maxime jedenfalls kann man jenseits aller ideologischen Fragen zustimmen: "Man sollte nicht schreiben, um ein Publikum zu erreichen. Man sollte schreiben, um das Publikum zu schaffen, das man haben möchte."

HARALD STAUN

Loren Balhorn, Bhaskar Sunkara (Hg.): "Jacobin. Die Anthologie". Suhrkamp, 311 Seiten, 18 Euro

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Perlentaucher-Notiz zur WELT-Rezension

Lucas Hermsmeier gefällt an den in dieser Anthologie des linken US-Magazins versammelten Texten vor allem das Selbstkritische. Dass die Herausgeber und die Autoren sich etwa die Identitätspolitik der Linken und allzu devote Marx-Exegese vorknöpfen, findet er sympathisch. Statt Manifest oder Bedienungsanleitung zur Überwindung des Kapitalismus also Selbstreflexion, und angenehm wenig selbstgefällige Diskussion der Binnendiskurse, meint Hermsmeier. Die bloße Existenz eines sozialistischen Magazins in Trumps Amerika erfreut den Rezensenten. Die in diesem Band enthaltenen Essays, Analysen und Interviews aus den Jahren 2011 bis 2018 zeigen ihm, was bei den US-Linken diskurstechnisch so abgeht.

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