Bedrohliche Nähe - Lübken, Uwe
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Mit der scheinbar unaufhaltsamen räumlichen Expansion des NS-Staates in Europa wurde in den USA die Frage immer lauter diskutiert, welche Konsequenzen dieser Prozess für die westliche Hemisphäre haben werde. Dabei richtete sich der Blick besonders auf Lateinamerika. Militärisch allem Anschein nach über die Meerenge zwischen Westafrika und Brasilien leicht verwundbar, intern vermeintlich geschwächt durch die Wühlarbeiten der deutschen "Fünften Kolonne" und zudem anfällig für ökonomische und politische Avancen der Achsenmächte, erschienen die Staaten südlich des Rio Grande vielen US-Amerikanern…mehr

Produktbeschreibung
Mit der scheinbar unaufhaltsamen räumlichen Expansion des NS-Staates in Europa wurde in den USA die Frage immer lauter diskutiert, welche Konsequenzen dieser Prozess für die westliche Hemisphäre haben werde. Dabei richtete sich der Blick besonders auf Lateinamerika. Militärisch allem Anschein nach über die Meerenge zwischen Westafrika und Brasilien leicht verwundbar, intern vermeintlich geschwächt durch die Wühlarbeiten der deutschen "Fünften Kolonne" und zudem anfällig für ökonomische und politische Avancen der Achsenmächte, erschienen die Staaten südlich des Rio Grande vielen US-Amerikanern als Achillesferse des Doppelkontinents. Die mit dem Imelmann-Preis der Universität zu Köln ausgezeichnete Arbeit untersucht auf breiter Quellenbasis den Realitätsgehalt dieser Bedrohungswahrnehmung, erläutert deren Funktion und Bedeutung für die interventionistische Globalstrategie Roosevelts und unterzieht die dabei verwendeten räumlichen und ideologischen Konstruktionen einer kritischen Analyse.
Darüber hinaus werden die US-amerikanischen Gegenmaßnahmen dargestellt - insbesondere im Bereich der Kulturpolitik in Lateinamerika. Gedruckt mit Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung
  • Produktdetails
  • Transatlantische Historische Studien Bd.18
  • Verlag: Franz Steiner Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 400008509
  • Seitenzahl: 438
  • Erscheinungstermin: 9. Juni 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 236mm x 167mm x 32mm
  • Gewicht: 729g
  • ISBN-13: 9783515085090
  • ISBN-10: 3515085092
  • Artikelnr.: 13912161
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.11.2005

Roosevelts Karte
Washingtons Sicht einer "braunen Gefahr" in Lateinamerika

Uwe Lübken: Bedrohliche Nähe. Die USA und die nationalsozialistische Herausforderung in Lateinamerika, 1937-1945. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2004. 438 Seiten, 50.- [Euro].

Am 27. Oktober 1941, auf dem Höhepunkt der Schlacht auf dem Atlantik und einen guten Monat vor dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor, schockierte Präsident Roosevelt seine Landsleute mit einer Enthüllung: Er habe eine geheime Karte erhalten, so erklärte er in einer Rede, aus der nichts weniger hervorgehe als Hitlers Programm für eine neue Weltordnung. Danach sollten die südamerikanischen Republiken in fünf Nazi-Satellitenstaaten und die vorhandenen Religionen in einen Nazikult verwandelt werden. Diese Karte, so weiß man heute, war eine Fälschung des britischen Geheimdienstes - eine Tatsache, die die Vermutung nahelegt, daß der amerikanische Präsident die Gefahr, die Hitlerdeutschland für Lateinamerika darstellte, bewußt maßlos übertrieb, um seine isolationistischen Gegner zum Schweigen zu bringen und für ein amerikanisches Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg Stimmung zu machen. Roosevelts Kritiker haben dies immer wieder behauptet und damit die Schuld der Achsenmächte für die Verwicklung Amerikas in den europäischen Konflikt relativiert. Umstritten wie der Charakter und die Tragweite von Roosevelts Bedrohungsvorstellungen geblieben ist, haben sie eine gesonderte Untersuchung zweifellos verdient.

Die zahllosen regierungsinternen Zeugnisse, die Uwe Lübken heranzieht, beseitigen in dem entscheidenden Punkte jeden Zweifel: Die Warnungen Roosevelts vor einer nationalsozialistischen Gefahr in Südamerika waren keine Mache, sondern entsprangen bei ihm und seinen Beratern schon seit der Münchener Konferenz von 1938 einer ehrlichen Überzeugung. Die relative Nähe Brasiliens zur westafrikanischen Küste und Fortschritte in der Luftfahrttechnik nährten derartige Befürchtungen ebenso wie die militärische Schwäche der lateinamerikanischen Staaten, die Wirkung der deutschen Auslandspropaganda, faschistische oder falangistische Neigungen südamerikanischer Militärs und die Wühlarbeit einer deutschen "fünften Kolonne".

Die Ernsthaftigkeit derartiger Vorstellungen, so betont der Verfasser, schloß deren innenpolitische Instrumentalisierung und verfälschende Wiedergabe freilich nicht aus. Tatsächlich konnte Roosevelt seine isolationistischen Gegner am wirkungsvollsten widerlegen, wenn er nachweisen konnte, daß die Hilfe, die Amerika den Feinden Hitlers in Europa gewährte, das beste Mittel war, um einem Übergreifen der faschistischen Gefahr auf die westliche Hemisphäre zuvorzukommen. Der Verfasser spricht hier von einer regelrechten "Roosevelt-Doktrin", die aus den drei Elementen einer Aufrüstung der Vereinigten Staaten, der Offenhaltung der transatlantischen Nachschubwege und der Verhinderung des Aufbaus von Stützpunkten der Achsenmächte in der westlichen Hemisphäre bestanden habe.

Als Verteidiger der Unabhängigkeit Lateinamerikas konnte Roosevelt natürlich nur dann glaubwürdig bleiben, wenn er dort von der bisher immer wieder praktizierten amerikanischen Politik, gegen politisch und wirtschaftlich korrupte, despotische oder sonst einfach inkompetente Regime zu intervenieren, Abstand nahm. Dies war der Zweck der von ihm bald nach seiner Amtsübernahme lancierten Politik einer guten Nachbarschaft mit den Nachbarn. Daß die lateinamerikanischen Diktatoren die neue Zurückhaltung Washingtons für ihre innenpolitischen Zwecke ausnutzten, nahm er in Kauf, wenn die betreffenden Regime nur untereinander friedlich blieben und mit den Achsenmächten nicht anbändelten. Auch in ihrem "Kulturkampf" gegen die Indoktrinierungsbemühungen des "Dritten Reiches" in Lateinamerika mußten die zuständigen amerikanischen Stellen - wie das John D. Rockefeller unterstellte "Office for Coordination of Commercial and Cultural Relations between the American Republics" - vorsichtig operieren und sahen sich damit vor dem Dilemma, daß nicht wie Propaganda aussehen durfte, was seiner Absicht nach natürlich doch Propaganda für die Sache der Alliierten gewesen ist.

Lübkens Buch hat sein Hauptthema, die amerikanische Sicht der deutschen Gefahr in Iberoamerika, vor allem für die Zeit des Zweiten Weltkrieges schlüssig und erschöpfend behandelt. Trotzdem enttäuscht es den Leser in zweierlei Hinsicht: Zum einen behauptet es, daß der in Lateinamerika während des Zweiten Weltkrieges betriebene amerikanische Werbefeldzug kontinuierlich zur Kalter-Krieg-Propaganda der Vereinigten Staaten übergeleitet habe. Mit dem Hinweis auf die Tatsache, daß die amerikanische Regierung nach Kriegsende die verschiedenen gegen Hitler-Deutschland eingeleiteten Propagandaoffensiven abbrach, widerspricht der Verfasser dieser These selbst.

Gewichtiger ist ein zweiter Einwand: Der Verfasser teilt die Ansicht mancher Historiker, daß, vom "Dritten Reich" her gesehen, von einer tatsächlichen unmittelbaren Bedrohung Lateinamerikas schon aus militärtechnischen Gründen nicht die Rede sein konnte. Um dies zu belegen, stützt er sich auf eine einzige Monographie und begnügt sich im übrigen mit dem Hinweis auf die zu diesem Thema schon vor Jahren ausgetragene Historikerkontroverse, die ja nicht nur die unmittelbaren, sondern auch die langfristigen weltpolitischen Ziele Hitlers ins Visier nahm. Auf der anderen Seite spricht er aber doch mehrfach von einer offenbar objektiv gegebenen "nationalsozialistischen Bedrohung Lateinamerikas" und geht zum Beispiel auch den Aktivitäten von Ortsgruppen der NSDAP in Südamerika nach. Gegenüber der Frage, ob es nun tatsächlich eine "braune Gefahr" südlich des Rio Grande gegeben hat oder nicht, bleibt der Leser deshalb etwas ratlos.

KLAUS SCHWABE

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Der Autor untersuche in seiner Studie eine bisher ungeklärte Frage der Geschichtsschreibung, erläutert Rezensent Klaus Schwabe, inwiefern nämlich die Bedrohung Lateinamerikas durch Nazi-Deutschland eine "ehrliche Überzeugung" des amerikanischen Präsident Franklin D. Roosevelt gewesen sei. Uwe Lübken untersuche die amerikanische Perspektive während des Zweiten Weltkrieges "schlüssig und erschöpfend", befindet Schwabe. Roosevelt habe tatsächlich an eine solche Bedrohung geglaubt, gleichwohl habe er dieses Szenario "instrumentalisiert" und "verfälscht". Zwei Kritikpunkte an Lübkens Studie meldet der Rezensent dennoch an und verweist auf zwei Widersprüche in der Argumentation. Die antinationalsozialistische Propaganda der Amerikaner könne sich nicht gleichzeitig "kontinuierlich" in Kalte-Kriegs-Propaganda verwandelt haben, wenn die amerikanische Regierung nach Kriegsende ihre Propaganda in Lateinamerika abbrach, wie vom Autor behauptet werde. Und zweitens hielten für den Leser zwei sich widersprechende Aussagen die zentrale Frage offen, ob man aus heutiger Sicht denn nun eine "braune Gefahr" für Südamerika annehmen müsse oder nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Sicher in der Literatur abgestützt und, unter Einbeziehung einer Fülle von Geheimdienstmaterial, umfänglich quellengestützt , liegt mit dieser Monographie ein Lehrstück zu Entstehung, Auswirkung, Lenkung und Lenkbarkeit von Bedrohungswahrnehmung vor." Holger M. Meding http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-223