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Am Anfang ist da nur ein Kuss. Aber gibt es das überhaupt, nur ein Kuss? Franz wächst im hintersten Tirol auf. Er fotografiert Paare "am schönsten Tag ihres Lebens", bis bei einer Hochzeitsfeier die Braut ums Leben kommt. Was hat das mit ihm zu tun? Was damit, dass er nur Wochen zuvor am selben Ort ein Mädchen geküsst hat? Vor diesen Fragen flieht er bis nach Amerika. Doch dann stirbt auch dort jemand: ein Freund, in dessen Leben sich ebenfalls mögliche Gewalt und mögliche Unschuld die Waage halten. Was wissen wir von den anderen? Was von uns selbst? Hungrig nach Leben und sehnsüchtig nach…mehr

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Produktbeschreibung
Am Anfang ist da nur ein Kuss. Aber gibt es das überhaupt, nur ein Kuss? Franz wächst im hintersten Tirol auf. Er fotografiert Paare "am schönsten Tag ihres Lebens", bis bei einer Hochzeitsfeier die Braut ums Leben kommt. Was hat das mit ihm zu tun? Was damit, dass er nur Wochen zuvor am selben Ort ein Mädchen geküsst hat? Vor diesen Fragen flieht er bis nach Amerika. Doch dann stirbt auch dort jemand: ein Freund, in dessen Leben sich ebenfalls mögliche Gewalt und mögliche Unschuld die Waage halten. Was wissen wir von den anderen? Was von uns selbst? Hungrig nach Leben und sehnsüchtig nach Glück findet sich Franz in Norbert Gstreins Roman auf Wegen, bei denen alle Gewissheiten fraglich werden.

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, B, BG, CY, CZ, D, DK, EW, E, FIN, F, GB, GR, HR, H, IRL, I, LT, L, LR, M, NL, PL, P, R, S, SLO, SK ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser, Carl GmbH + Co.
  • Seitenzahl: 352
  • Erscheinungstermin: 22.07.2019
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783446265455
  • Artikelnr.: 56889117
Autorenporträt
Norbert Gstrein, 1961 in Tirol geboren, lebt in Hamburg. Er erhielt unter anderem den Alfred-Döblin-Preis und den Uwe-Johnson-Preis. Bei Hanser erschienen Die Winter im Süden (Roman, 2008), Die englischen Jahre (Roman, Neuausgabe 2008), Das Handwerk des Tötens (Roman, Neuausgabe 2010), Die ganze Wahrheit (Roman, 2010), In der Luft (Erzählungen, Neuausgabe 2011), Eine Ahnung vom Anfang (Roman, 2013), In der freien Welt (Roman, 2016) und Die kommenden Jahre (2018). Im Herbst 2019 folgt der Roman Als ich jung war.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 26.07.2019

Die Sache mit
den Bräuten
Thriller, Romanze, Österreich-Satire: Warum nichts davon
zündet in Norbert Gstreins Roman „Als ich jung war“
VON KRISTINA MAIDT-ZINKE
Als er jung war, im Jahr 1988, debütierte der Schriftsteller Norbert Gstrein mit der Erzählung „Einer“, die großes Aufsehen erregte und der Literaturkritik eine Menge zu denken gab. Das Prosastück wurde einem fortan sehr erfolgreichen Genre namens „Anti-Heimatliteratur“ zugeordnet, in dem sich besonders Österreicher und Schweizer hervortaten: Abgründe hinter Gebirgsidyllen, Außenseitertum in Dorfgemeinschaften, Verdrängtes in Scheunen und Klöstern, Enge versus Ungeborgenheit, die janusköpfigen Folgen des Fremdenverkehrs – ins Populäre gewendet, findet sich manches davon im noch viel erfolgreicheren Genre des Regionalkrimis wieder.
Davon ist Norbert Gstrein, studierter Mathematiker und seit längerer Zeit in Hamburg ansässig, allerdings weit entfernt, auch wenn in seinen Büchern immer wieder Tote und – wirkliche oder vermeintliche – Täter vorkommen. Diesem Autor geht es um komplexere Probleme. Ihn interessiert die Fragwürdigkeit des scheinbar Faktischen, zumal im Rückblick auf Vergangenes, das Täuschungspotenzial von Erinnerungen, Berichten und Bekenntnissen. Seine Prosa erkundet die Brüchigkeit aller Gewissheiten und leuchtet sie mit fiktionalen Mitteln aus.
Dazu gehört das multiperspektivische Erzählen, wie er es in „Einer“ erprobte, aber auch das Verfahren, als auktorialer Erzähler alle Figuren samt ihren Äußerungen tendenziell unglaubwürdig wirken zu lassen. Noch komplizierter wird die Konstruktion, wenn ein Ich erzählt, dessen Beobachtungen und Schlussfolgerungen dem Leser dubios erscheinen müssen, und das darüber hinaus an der Zuverlässigkeit der eigenen Wahrnehmung und des eigenen Gedächtnisses zweifelt. So funktioniert Gstreins neuer Roman „Als ich jung war“.
Anders als manche seiner Kollegen hat Norbert Gstrein die autobiografischen Anteile seines Schreibens nie verleugnet, aber dass er schon im Titel eine (natürlich wiederum irreführende) Fährte legt, die auf Selbsterlebtes schließen lässt, ist eine Premiere. Unübersehbar war stets, dass ihn, den Sohn eines Hoteliers und Skischulleiters aus einem kleinen Tiroler Bergdorf, die Eindrücke und Erfahrungen seiner frühen Jahre noch immer beschäftigen, obwohl er sich inzwischen, lebensweltlich wie literarisch, um den halben Globus bewegt hat. Spielten seine Romane seit Mitte der Neunzigerjahre überwiegend an internationalen Schauplätzen und auf politisch brisantem Terrain, ließen sich doch immer wieder Fäden knüpfen zum persönlichen Werdegang und Umfeld des Autors. Diesmal aber stellt er seinen Protagonisten in einen Kontext, der in mehrfachem Sinn einer Heimkehr gleicht, und der nicht auflösbare Rest verlockt dazu, über weitere Entsprechungen zu spekulieren. Das, immerhin, würde die Handlung um einen Erregungsfaktor bereichern, den man ansonsten vermissen mag.
Franz, Sohn eines Hotelbesitzers in einem Gebirgsdorf im hintersten Tirol, kehrt nach Hause zurück, nachdem er dreizehn Jahre lang als Skilehrer in den USA gelebt hat. Wir erinnern uns: Ein Bruder von Norbert Gstrein ist der ehemalige Skirennläufer Bernhard Gstrein, und den Tiroler Auswanderer und Skischulgründer in Jackson, Wyoming, bei dem er seinen Romanhelden unterkommen lässt, hat der Schriftsteller, wie er berichtete, erst unlängst leibhaftig kennengelernt.
Warum aber war Franz, Ex-Internatsschüler mit einschlägigen Blessuren wie sein Erfinder, damals Hals über Kopf nach Amerika geflüchtet? Sein Vater hatte sich auf die Ausrichtung von Hochzeiten im Hotel spezialisiert, und der Sohn, nach zwei Studienabbrüchen etwas „verbummelt“, arbeitete für ihn als Hochzeitsfotograf. Er ließ die Paare mit Vorliebe an einem Abhang posieren. Und eines Tages war eine der Bräute, eine auffallend kapriziöse Person, unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen.
Neben der Frage, ob er das Unglück hätte verhindern können und welche Rolle ihm dabei zufiel, trieb den sensiblen und etwas gehemmten jungen Mann aber noch ein anderes Ereignis um (und in die Ferne), das wenige Wochen zuvor stattgefunden hatte. Er hatte sich bei einer Hochzeit in die Cousine der Braut, eine blutjunge Geigerin, spontan verliebt und sie bei passender Gelegenheit sogar geküsst, zwar gegen ihren Willen, aber ohne ihr weitere Avancen zu machen. Sie hatte behauptet, demnächst siebzehn zu werden, später erfuhr er, dass sie noch keine vierzehn war. Dergleichen kommt vor, seit Menschengedenken, und ist jedenfalls kein krimineller Tatbestand. Für Franz genügte es, um ihn in einen Zustand zwischen unerfüllter Sehnsucht und Schuldkomplex zu katapultieren.
In Wyoming ging es für ihn nicht minder dramatisch weiter. Mit einem privaten Skischüler, einem aus Tschechien eingewanderten Professor für Raketenphysik, freundete er sich an, obwohl jenen ein dunkles Geheimnis umgab, das anscheinend mit seiner Vorliebe für minderjährige Mädchen und dem Verschwinden junger Frauen in der Region zusammenhing. Nach dem Suizid des Mannes wurde Franz vom Sheriff befragt, so wie er nach dem tragischen Ableben der Braut von einem Kommissar verhört worden war. Und jetzt ist er, nicht nur traumatisiert durch zwei Todesfälle, sondern durch Sportunfälle auch noch physisch schwer lädiert, wieder im Tiroler Hotel angekommen, das mittlerweile, wie im richtigen Leben der Familie Gstrein, von seinem Bruder geführt wird.
Von nun an kurvt die Handlung, beziehungsweise die Erinnerung des Erzählers Franz, in virtuoser Slalomfahrt zwischen den beiden Vergangenheiten hin und her. Die Geschehnisse bei der fatalen Hochzeit werden wieder aufgerollt: im Gespräch mit der Frau des Bruders, mit einer Nonne aus dem nahen Kloster, mit dem Kommissar, der ihn offenbar noch immer verdächtigt. Die Vorgänge in den winterlichen Rocky Mountains, mit der undurchsichtigen Figur des Professors, ein paar interessanten Frauengestalten und genuin amerikanischem Personal, gewinnen schöne Anschaulichkeit, ebenso wie die Szenen österreichischer Kleinbürgerhochzeiten im Alpendorf, wo die Brautpaare sich zwischen Fotoshooting und Feier in ein eigens eingerichtetes „Entspannungszimmer“ zurückziehen können. Und in bewährter Manier webt Norbert Gstrein sowohl um die österreichischen als auch um die amerikanischen Vorfälle ein Netz aus Mutmaßungen, Zweifeln, Ambivalenzen und Widersprüchen, in dem die Wahrheit, wenn es sie denn gibt, sich derart verfängt, dass sie kaum mehr herauszuklauben ist.
Inwieweit der Leser sich von diesem Gewebe einfangen lässt, ist eine andere Frage. Man könnte sie auch so stellen: Warum nur vermag das Ganze so wenig zu fesseln? Der Plot enthält Elemente eines Thrillers und einer Lovestory, daneben eine Prise Österreich-Satire, und fächert eine psychologisch ergiebige Bandbreite von Charakteren und Konstellationen auf, tanzt also auf mehreren Hochzeiten. Norbert Gstreins Sprache ist, wie man sie von ihm kennt: gemächlich, nüchtern, klar, von großer Ernsthaftigkeit und Sorgfalt getragen, mit ein paar winzigen Austriazismen garniert. Erwartet man zu viel, wenn man sich bei alledem so etwas wie Spannung wünscht, oder zumindest ein unwiderstehliches Hineingezogenwerden in diese kunstreich verrätselte, schneegekühlte Romanwelt mit ihrer sonderbaren Prüderie?
Für einen kurzen Augenblick stellt sich die Illusion ein, der Autor könnte jenen legendären Trick Agatha Christies angewendet haben, bei dem der Ich-Erzähler am Ende als Mörder entlarvt wird. Aber mit derart plakativen Mitteln arbeitet Norbert Gstrein selbstverständlich nicht. Stattdessen gönnt er seinem Franz noch einen missglückten Stalking-Auftritt auf den Spuren der nunmehr berühmten Geigerin, die ihm nie aus dem Kopf gegangen ist, und ein jäh endendes Autobahnabenteuer.
Immerhin hat er uns im Roman den Hinweis gegeben, dass man manche Geschichten „nur erzählt, um andere Geschichten nicht erzählen zu müssen“. Nun dürfen wir raten, was noch alles an Unerzähltem hinter dieser Geschichte steckt. Das könnte dann womöglich spannend werden.
Der Hochzeitsfotograf
ließ die Paare mit Vorliebe
an einem Abhang posieren
Könnte der Autor den legendären
Trick anwenden und den
Erzähler als Mörder entlarven?
Norbert Gstrein: Als ich jung war. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2019. 352 Seiten, 22 Euro
Norbert Gstrein interessiert die Fragwürdigkeit des Faktischen. Der Autor, geboren 1961 in Mils in Tirol, lebt heute in Hamburg.
Foto: picture alliance / Neumayr
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur WELT-Rezension

Richard Kämmerlings ist begeistert von Norbert Gstreins Fähigkeit, handwerklich routiniert das Ambivalente zu erkunden. In Gstreins neuem Roman dient dazu ein Tiroler Hobbyfotograf, der aus undurchsichtigen Gründen in die USA auswandert und sich laut Rezensent als höchst unzuverlässiger Erzähler erweist. Die analytische Krimi-Struktur des Textes funktioniert gleich auf mehreren Ebenen, erklärt Kämmerlings, allerdings ohne dass die zutage tretenden Details die Verhältnisse durchsichtiger machten. Im Gegenteil, so Kämmerlings, das Geflecht aus "Gier, Neid und Geilheit", das dem Verhalten des Erzählers zugrundeliegt, wird im Verlauf der Handlung nur noch komplexer, etwa durch das Scharfstellen auf patriarchale Gewaltformen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 16.10.2019

Des untätigen Untäters nicht erzählte Geschichte
Ein spannender Roman, brillant organisiert um eine Stilfigur: Norbert Gstreins "Als ich jung war" fragt anhand seines kalten Helden, welche Schuld in der Passivität liegt

Das Konzentrat von Norbert Gstreins Roman "Als ich jung war" besteht aus einer figura etymologica: aus der sprachlichen Nähe und doch unauflösbaren Differenz zwischen "untätig sein" und "eine Untat begehen". Gstrein schließt diese beiden Wendungen auf zwei verschiedene Weisen kurz. Im einen Fall lässt sich nicht exakt bestimmen, wo das Untätigsein nur eine Schutzbehauptung ist (ich habe nichts gemacht), um eine Untat zu verdecken. Im zweiten Fall begeht auch der Untätige eine Untat, indem er versäumt, eine solche zu verhindern. Franz, die Hauptfigur und zugleich der absolut unzuverlässige Erzähler, ist die Verkörperung beider Untätigkeiten. Er ist ein unscheinbarer Typ: abgebrochenes Medizinstudium, lustloses Philologie-Geplänkel, dann, gesponsert vom Papa, für 13 Jahre nach Wisconsin. Dort: Arbeit als Skilehrer. Nach dem Tod des Vaters durch einen Unfall zum Sportinvaliden geworden, kehrt Franz nach Österreich zurück.

Kaum erzählenswert - würde Franz nicht in seltsamer Nähe zur Untat stehen. Als Jugendlicher wird er vom Vater, dessen Restaurant sich auf Hochzeiten spezialisiert hat, als Fotograf angestellt. Franz führt die Brautpaare stets an einen steilen Abgrund. Kein Verbrechen, aber auch nicht ganz harmlos. Denn kein einziges Paar kann sich des Gedankens erwehren, dass ein kleiner Schubser oder falscher Schritt das gerade erst besiegelte Schicksal wenden könnte. Noch bedrohlicher wird es, wenn Franz sich während einer Trauung in die dreizehnjährige Geigerin Sarah Flarer verliebt. Er landet mit ihr auf dem einsamen Schlossberg. Bis zuletzt bleibt ungewiss, in welchem Sinne Franz dort untätig war. Und in engster Verwandtschaft von Untat und Untätigsein steht Franz auch, als sein treuester Wisconsiner Skischüler ihm vermittelt, seinen Selbstmord zu planen. Der gar nicht mal so lustige Tiroler ignoriert aber alle Anzeichen und versucht, die Situation auszusitzen. So dass der Atomphysik-Professor aus Seattle mit vollem Skikaracho an einem Baum zerschellt. Nur keine Verantwortung übernehmen. Besser nichts tun, nichts gesehen haben, wenig sagen, schon gar nicht gegenüber der Polizei. So wie damals, direkt vor Franzens Abreise in die Vereinigten Staaten, als eine Braut am Morgen nach ihrer Hochzeit tot am Fuße des besagten Schlossbergs aufgefunden wird. Selbstmord? Oder hatte der untätige Untäter Franz etwa seine Finger im Spiel?

Das Prinzip ist klar. Ebenso wie die öffentlichen Debatten offen zutage liegen, die sich anhand der Leitlinie formieren, die Gstrein versiert herausarbeitet. Es muss dabei nicht um sexuellen Missbrauch oder Mord gehen: Macht sich nicht etwa auch schuldig, wer nichts gegen Phänomene wie den Klimawandel tut? Sind die Europäer zu passiven Begleitern des Weltgeschehens geworden, um ihre Hände in Untätigkeit zu waschen? Und wie schnell macht man aus Untätigen Täter, obwohl man nichts Genaues weiß? Unterschiedlichste Fragen und Debatten, die von der brillant herausgearbeiteten Stilfigur organisiert werden.

Gstreins Roman lebt also von der Überlagerung von zwei Hochzeiten, zwei Todes- und zwei Kriminalfällen, deren Aufklärung die Handlung vorantreibt. Zugleich zieht er seine erzählerische Energie aus einer nuancierten Poetik des Ungewissen, die einen - als wäre die Welt eine Abfolge von Gerhard-Richter-Bildern - im Unklaren lässt, was, wann, wie, wieso geschah. Dafür bekommt man Stellvertreter-Geschichten aufgetischt, die ersetzen, was eigentlich erzählt werden könnte oder sogar müsste. Jeder Mensch habe eine Geschichte, die er lieber nicht erzähle, verkündet bereits der zwielichtige Professor. Folgerichtig liefert auch Franz im zweiten Teil seiner Geschichtsklitterung "Die nicht erzählte Geschichte", bevor er sich zuletzt noch einmal der Geigerin Sarah Flarer zuwendet. Die nicht erzählte Geschichte handelt übrigens von einer gewissen Eileen, die eines Tages spurlos verschwindet. War Franz auch gegenüber der fleißigen L'Amour-Leserin einmal mehr untätig? "A lot remained to be explained", lautet das treffende wie ironische Motto, das Gstrein seinem Roman vom großen Unterhaltungsromancier Louis L'Amour entleiht. Gstrein beherrscht alle ästhetischen Anforderungen dieses Genres: Informationsökonomie, plötzliche Wendung, einprägsame Figuren und kühl lächelnde Komik. Das alles geht ihm so betont leicht von der Hand, dass man bisweilen glaubt, er wolle sich über das Genre nur lustig machen. Zumal "Als ich jung war" mit einer perfekten Spiegelkonstellation seiner beiden erzählten Welten glänzt. Womit der Roman wiederum seinem Helden klarmacht: Jede Flucht vor dir selbst führt doch nur zu dir zurück.

Ist das alles nur leere Konstruktionshülle? Große Spannung, nichts dahinter? Nein. Gstrein entfaltet eine Verhaltenslehre der Kälte. Franz erscheint als Prototyp einer kalten Person. Er wirkt, als wäre er per Mausklick aus der Moderne um 1900 in eine Tiroler Dienstleistungsfamilie gebeamt worden. Tatsächlich fällt bei Gstrein das Schlüsselwort "Kreatur", der in der Gesellschaft um 1900 jeder Wert abgesprochen wurde, weil sie aus jeder gesellschaftlichen Funktion herausfiel. Franz indes leidet zunächst an seiner totalen Funktionalisierung. Er beobachtet diese am Beispiel seiner Mutter, die für den Vater ausschließlich als die Köchin innerhalb des Betriebs existiert. Hochzeit heißt für den Jungen demnach: Frauen mit großen Liebesversprechen locken, um sie im Familienbetrieb einzuspannen. Ob der Junge den Bräuten am Abgrund - Foto, klick - eine Alternative zu bieten sucht? Nicht zufällig liegt die väterliche Hochzeitsfabrik in direkter Nachbarschaft zu einem Nonnenkloster. Alles keine Optionen für Franz. Er entscheidet sich, seine Emotionen auf Eiseskälte herunterzufahren.

Von da an sind Gefühle ein Tabu. In seiner Erzählung müssen daher Mikroelemente genügen, um seine Gefühlslage zu rekonstruieren: So reagiert Franz auf das Angebot, sich vom Professor adoptieren zu lassen, mit "Beklommenheit", und fotografiert er nach seiner Rückkehr in die Heimat eine Trauung, die er als "eine der schönsten oder jedenfalls am wenigsten beklemmenden" in Erinnerung behält. Beklommenheit steht bereits im Grimm'schen Wörterbuch im direkten Zusammenhang mit dem sogenannten angor animi, der Vorstellung, man sei vom Tode bedroht oder im Begriff zu sterben, obwohl man eigentlich bei bester Gesundheit ist. So geht es Franz sein Leben lang. Wichtig also, dass Gstrein seinem Protagonisten zwei potentielle Auswege eröffnet: den Rückzug in die Funktionslosigkeit oder aber die sanfteste Berührung, die man sich vorstellen kann: den Kuss. Franzens Passionsweg besteht aus einem Stationenlauf des Küssens. Angefangen im Internat, über den Kuss, den er Sarah Flarer gegeben haben will, bis hin zu einer Wisconsiner Kuss-Schule und zur dauerküssenden Braut auf der "am wenigsten beklemmenden Hochzeit". Man verrät nicht zu viel, wenn man vorwegnimmt, dass ausgerechnet das Küssen Franz endgültig in die Katastrophe führt. Für diesen nicht gerade vom Schicksal geküssten Helden eines starken Romans (und damit etwa auch für uns?) muss sich eine andere Möglichkeit eröffnen, um aus seinem Leben auszubrechen. Die Gelegenheit kommt, darf aber nicht verraten werden.

CHRISTIAN METZ

Norbert Gstrein: "Als ich jung war". Roman.

Carl Hanser Verlag,

München 2019. 349 S.,

geb., 23,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Ein spannender Roman, brillant organisiert um eine Stilfigur: Norbert Gstreins 'Als ich jung war' fragt anhand seines kalten Helden, welche Schuld in der Passivität liegt." Christian Metz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.19 "Ein brillant erzählter Roman über Begehren, Schuld, Verdrängung. Und damit geht es immer auch um die Grenzen des Erzählbaren. Was kann erzählt werden, was kann nicht erzählt werden. Und welche Geschichten erzählt man nur, um andere nicht zu erzählen ... das fand ich phänomenal." Svenja Flaßpöhler, Das literarische Quartett, ZDF, 09.08.19 "Von so großer Prägnanz, Anschaulichkeit und Dringlichkeit, dass man schon nach wenigen Seiten bereit ist, Franz auf den schwankenden Boden seiner Geschichten zu folgen." Gunhild Kübler, Neue Zürcher Zeitung, 25.08.19 "Eine sehr ernsthafte Reflexion über Geschlechterverhältnisse, ein Werk des #MeToo-Zeitalters aus kritischer Männerperspektive." Richard Kämmerlings, Die Welt, 10.08.19 "Auf unheimliche Weise gelungen! Was Gstrein antreibt, ist die Frage, wie viel ein Mensch über sich, über die eigenen Abgründe wissen kann." Christoph Schröder, Die Zeit, 01.08.19 "Sprachlich klar und inhaltlich fesselnd entwickelt Norbert Gstrein das schwer entwirrbare Geflecht aus Schuld, Selbstbetrug und Versagen und zeigt in dieser psychologischen Studie, dass die Flucht vor sich selbst keine Lösung ist." Verena Auffermann, Deutschlandfunk Kultur, 12.08.19 "Ein flirrend überbelichtetes und gerade deshalb so eindrückliches Porträt unserer zur Hysterie neigenden Gegenwart." Katrin Hillgruber, Frankfurter Rundschau, 28.07.19 "Nicht zuletzt in den so ruhigen wie beänstigenden Roadmovie-Passagen zeigt Norbert Gstrein, dass er derzeit zu den bedeutendsten Schriftstellern deutscher Sprache zählt." Carsten Otte, taz, 07.08.19 "Ein Meisterwerk über Schuld und das Geschlechterverhältnis ... Dass Gstrein so vieles nicht erklärt, sondern gekonnt in der Schwebe lässt - das macht diesen Autor heute, in Zeiten der unablässigen Suche nach Gründen, Zusammenhängen und Verantwortlichen, fast schon verdächtig gut." Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung, 04.08.19 "Eine große Erzählung über das Verschwinden. Eine Parabel darüber, dass das, was wir zu sehen glauben, nicht mehr ist als ein Nebelstreifen vor unseren Augen." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 21.07.19 "Raffiniert und virtuos verwebt Gstrein die beiden Handlungsstränge, beeindruckend, wie immer wieder, mit wenigen Strichen gezeichnet, eine Figur, eine Szene plastisch werden. ... Ein packender und überzeugender Roman mit einem überraschenden Ende." Katja Gasser, ORF ZIB, 23.07.19 "Eine scheinbar unspektakuläre Geschichte entwickelt sich kaum merklich zu einer aufregenden Erzählung." Klaus Zeyringer, Der Standard, 25.07.19 "Bemerkenswert ist, wie Norbert Gstrein seinen Stoffteppich auslegt. Einerseits weiß er wie so oft in seinen früheren Romanen um die Grenzen des Erzählens. Andererseits hat Gstrein viel Gespür für seine Settings, seine Schauplätze in den österreichischen Bergen und den USA." Gerrit Bartels, Tagesspiegel, 19.07.19…mehr