Tom Sawyer und Huckleberry Finn - Twain, Mark
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Artigsein, Stillsitzen und Tischmanieren sind ihnen einfach ein Graus: Für die beiden unzertrennlichen Titelhelden, den Waisenjungen Tom Sawyer und den Herumtreiber Huckleberry Finn, sollen die Tage und Nächte schließlich voller Freiheit, Spaß und Abenteuer sein! Und davon gibt es in diesen beiden herrlich frechen Romanen, die der große Mark Twain (1835 - 1910) seinem berühmten Lausbubenpaar widmete, nun wahrlich eine ganze Menge. Nicht zuletzt sein unverhohlen kritischer Blick und sein spielerisch gekonnter Umgang mit der Alltagssprache der Südstaaten machen Twains Romane bis heute zu weltweiten Klassikern nicht nur der Jugendliteratur.…mehr

Produktbeschreibung
Artigsein, Stillsitzen und Tischmanieren sind ihnen einfach ein Graus: Für die beiden unzertrennlichen Titelhelden, den Waisenjungen Tom Sawyer und den Herumtreiber Huckleberry Finn, sollen die Tage und Nächte schließlich voller Freiheit, Spaß und Abenteuer sein! Und davon gibt es in diesen beiden herrlich frechen Romanen, die der große Mark Twain (1835 - 1910) seinem berühmten Lausbubenpaar widmete, nun wahrlich eine ganze Menge. Nicht zuletzt sein unverhohlen kritischer Blick und sein spielerisch gekonnter Umgang mit der Alltagssprache der Südstaaten machen Twains Romane bis heute zu weltweiten Klassikern nicht nur der Jugendliteratur.
  • Produktdetails
  • Verlag: Anaconda
  • Originaltitel: The Adventure of Tom Sawyer. Adventures of Huckleberry Finn
  • Vollständige Ausgabe
  • Seitenzahl: 668
  • Erscheinungstermin: Juli 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 133mm x 42mm
  • Gewicht: 550g
  • ISBN-13: 9783866476981
  • ISBN-10: 3866476981
  • Artikelnr.: 33376124
Autorenporträt
Mark Twain, eigentlich Samuel Clemens, geb. am 30.11.1835 in Florida (Missouri). Im Alter von 12 Jahren musste er die Schule abbrechen und begann eine Lehre als Schriftsetzer. Mit 17 Jahren ging er nach New York, dann nach Philadelphia, wo er die ersten Reiseskizzen schrieb.Von 1857 bis 1860 war er Lotse auf dem Mississippi, nahm am Sezessionskrieg auf der Seite der Konföderierten teil und war 1861 Silbersucher in Nevada. 1864 lebte er in San Francisco, 1866 als Reporter auf Hawaii und 1867 als Reisender in Europa und Palästina. Er gründete einen Verlag, mußte aber 1894 Konkurs anmelden und ging auf Weltreise, um mit Vorträgen seine Schulden abzutragen.Mark Twain starb am 21.4.1910 in Redding (Conneticut).

Das meint die buecher.de-Redaktion:Mit den Abenteuern seines berühmten Helden Tom Sawyer erwies sich Mark Twain als zutiefst gerechter und mutiger Schriftsteller, der vor zeitloser Gesellschaftskritik nie zurückscheute.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.03.2010

Zärtliche Chaoten

2010 ist das Jubeljahr für Mark Twain. Es gibt aber noch viele andere gute Gründe, die Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn zu lesen

Er klingt nicht so, wegen seiner vier hellen Vokale und der zappeligen Konsonanten drum herum, aber eigentlich ist der Mississippi grau und träge. Schleppt sich so dahin, mal breiter, mal schmaler, gähnt sich an fast einem Dutzend amerikanischer Bundesstaaten vorbei Richtung Süden, wo er romantisch in den Golf von Mexiko mündet. Viel weiter oben allerdings, dort, wo Mark Twain aufgewachsen ist, damals hieß er noch Samuel Langhorne Clemens und wünschte sich, Dampfschifflotse zu werden, dort oben also, im Städtchen Hannibal, fließt er bis heute so einsam am flachen Land Missouris vorbei, dass man am Ufer steht und denkt: Von hier wäre ich auch abgehauen.

Aber so einfach ist das nicht, jedenfalls nicht nach Osten: Bis zur nächstgrößeren Stadt, das ist damals wie heute St. Louis, hundertfünfzig Meilen südlich, führt nur eine Brücke über den Fluss.

Als Samuel Langhorne Clemens aber dann nicht nur Dampfschifflotse, sondern Schriftsteller geworden war, reich geheiratet hatte und im noch reicheren Hartford lebte, schrieb er sich wieder hierher zurück. Nach Hannibal. An den Anfang, in die barfüßigen Kindertage, als das Geld knapp und die Sommernächte endlos waren.

"Tom Sawyers Abenteuer" hieß dieses Buch, 1876 ist es erschienen und war selbst ein Anfang: Denn so hatte man noch nicht über Kinder gelesen, so witzig und anarchisch und frei in der Form. Ein paar Jahre später schrieb Mark Twain dann noch eine Fortsetzung, "Huckleberry Finns Abenteuer", und mit diesem Buch, das noch witziger und anarchischer und freier in der Form war als das davor, schlug die Stunde der amerikanischen Literatur. Sagte jedenfalls Ernest Hemingway. "Davor gab es nichts. Danach ist nie wieder etwas so gut gewesen."

2010 ist ein Jubeljahr für Mark Twain. Vor 175 Jahren wurde er geboren, vor 100 Jahren ist er gestorben, vor 125 Jahren ist "Huckleberry Finn" erschienen. Einige seiner Bücher erscheinen jetzt wieder auf Deutsch, andere zum ersten Mal. Eines ragt heraus, die Neuübersetzung von "Tom Sawyer & Huckleberry Finn", die Andreas Nohl gemacht hat. Es heißt in solchen Fällen oft, wie notwendig es gewesen sei, diesen Klassiker neu zu übersetzen, als seien die alten Versionen, von denen es einige gab, jedem Leser geläufig und das englische Original natürlich auch. Bei Tom Sawyer und Huckleberry Finn ist es aber so, dass die meisten die beiden Jungs wohl nur aus Adaptionen kennen, aus den eingekürzten Jugendbuchausgaben oder Fernsehverfilmungen: Dann stürzt man sich auf dieses unerwartet lange Buch wie Huck und Tom auf jeden neuen Tag am Mississippi.

Revolutionär an Mark Twains Geschichten war, so erklärt es Andreas Nohl in seinem sehr genauen Nachwort, wie hier Alltagssprache und Slang in die Literatur einfuhren: ein Windstoß Leben, der die europäischen Konventionen in Unordnung brachte, denen man in den amerikanischen Salons des 19. Jahrhunderts noch nacheiferte. Für Toms Geschichten gibt es noch einen Erzähler, der dem genialischen Chaoten beim Zaunstreichen und Schuleschwänzen zuschaut. Huck ergreift dann neun Jahre später selbst das Wort, und das geht oft schief: weil Huck, der Halbwaise, ungefähr siebeneinhalb Minuten in der Schule war und deshalb "Pallerment" oder "Predigtination" buchstabiert. Im nächsten Augenblick aber redet er schon davon, dass jemand ein Lachen hat, "bei dem man sich fühlt, als würde man Brot mit Sand essen". Und das ist nur eine von vielen Wunderformeln; in Toms Abenteuern tauchen bei einem Schulfest "ganze Schneewehen von jungen Mädchen" auf, da muss man ein bisschen weinen, weil es so schön ist.

Zwischendurch ist Huck nicht mehr Hauptdarsteller seiner Lebenserzählung, sondern zwei fahrende Schwindler, die sich König und Herzog nennen: Überhaupt wirken beide Bücher so, als seien sie erst beim Schreiben konzipiert worden, aus dem Moment und dem nächsten guten Einfall heraus, denn so sehr eiert die Handlung hin und her, es geht alles in allem schon recht modern zu für eine Geschichte, die noch vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg spielt.

Revolutionär war aber auch, wie Huckleberry Finn im entflohenen Sklaven Jim erst einen Menschen und dann seinen besten Freund erkennt, auch wenn er ihn nach wie vor "Nigger" nennt; Nohl hat den Ausdruck in seiner Übersetzung nicht getilgt, um Twain nicht nachträglich klüger aussehen zu lassen, als er war. Das Buch ist oft emanzipierter als sein Autor, der Jims Einfalt offenbar komisch fand, der sich im wahren Leben aber dennoch für die Rechte der chinesischen Eisenbahnsklaven starkmachte, gegen die Kolonialkriege seines Landes auf Kuba und den Philippinen protestierte und viktorianische Tugend verachtete: Attacken gegen jede Stehkragensonntagsschulheiligkeit finden sich in beiden Teilen zuhauf.

"Wir waren immer nackt, Tag und Nacht", sagt Huck irgendwann, da sind die beiden, der Halbwaise und der Sklave, irgendwo auf dem Mississippi unterwegs: Cairo, die Hafenstadt in Illinois, wo den flüchtigen Jim die Freiheit erwartetet hätte, haben sie längst verpasst, jetzt treiben sie auf ihrem demolierten Floß durch die neue Welt.

Und während tausend Meilen weiter östlich die New Yorker Maler der "Hudson River School" in ihre amerikanische Panoramen noch die Alpen der alten Welt hineinstellen, lässt Mark Twain seine Helden mitten durch die amerikanische Gegenwart fahren: hier ein Städtchen voller Verwandter zweiten Grades und ihrer Kinder, dort eine Familienfehde unter reichen Bauern. Hier rottet sich ein Lynchmob zusammen, dort wird geteert und gefedert. Quacksalber kreuzen ihren Weg, Friedensrichter, Dörfer ohne Wiederkehr: eine dokumentarische Kamerafahrt durch ein Land neuer Extremitäten. Und bald bekommt man das Gefühl, dass von hier aus, aus dieser unbeschrifteten Landschaft, eine Linie führt zu Cormac McCarthys brutalen Idyllen, über Robert Olmsteads Herzblutgeschichten zu John Irvings Kleinstadtlieben und direkt hinein in die tapferen Kinderwelten von Stephen King. Unterwegs streift man dann noch Holden Caulfield, Hucks Verwandten zweiten Grades aus der großen Stadt.

Aber braucht man solche Referenzen? Am besten liest man vorbehaltlos. Und wundert sich, warum Tom, den Huck zurückgelassen hatte, plötzlich wieder auftaucht, als Mastermind für die erneute Flucht von Jim, der gefangen wurde und seinem Schicksal entgegenzittert. Tom will aber nicht einfach den Schlüssel für Jims Gefängnis stehlen, das wäre zu einfach: Es muss eine Flucht sein, wie sie im Buche steht. Also baut er einen Plot drum herum, montiert aus dem Grafen von Monte Christo und dem Mann mit der eisernen Maske: Strickleitern, geheime Warnungen, ein Tagebuch aus Blut. Kritiker haben das als unnötige Leidensgeschichte verworfen, billige Witze auf Kosten des armen Jim. Eigentlich lacht man aber nur über Tom.

Und nicht nur das: Plötzlich wandern die drei Helden ja in fremder Leute Bücher ein. Plötzlich erzählt Mark Twain hier nicht mehr nur von seinen Helden, sondern von anderen Helden, die Leserherzen erobert haben. Sein Roman nimmt diese Romane in sich auf. Wird zum Arsenal ewiger Bilder aus Kindheit, Abenteuer und Fernweh. Zum Epos.

TOBIAS RÜTHER

Mark Twain: "Tom Sawyer & Huckleberry Finn". Herausgegeben und übersetzt von Andreas Nohl. Hanser, 711 S., 34,90 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 21.04.2010

Der Mann, der keine Könige mochte
Vor 100 Jahren starb der Dampfschifflotse, Wanderdrucker und erste wahrhaft amerikanische Schriftsteller Mark Twain
Im Alter von dreißig Jahren hatte Samuel Langhorne Clemens schon einiges hinter sich. Aus einem kleinen Dorf am Mississippi stammend, musste er nach dem Tod seines Vaters frühzeitig als Botenjunge und Gehilfe eines Schmieds zum Unterhalt der Familie beitragen, wurde Lehrling in einer Druckerei, brannte mit achtzehn durch, hielt es nirgends lange aus, ging als Drucker, Reporter und Zeitungsmann in den Osten der USA, dann weit in den Westen, der eben erst anfing, der Wilde zu werden, zunächst nach Iowa, dann in die neuen Goldgräberstädte Nevadas und Kaliforniens. Zwischendrin lagen einige Jahre, die er als Lotse auf den Schaufelraddampfern des Mississippi verbrachte, ein Job, der wichtiger und angesehener war als der des Kapitäns, denn beim Lotsen lag die Verantwortung, das Schiff sicher über die wandernden Untiefen des immer launischen Stroms zu führen. Vor kurzem erst hatte er sich ein Pseudonym zugelegt, Mark Twain, und damit der Welt verkündet, dass er sich ihr nunmehr vor allem als Autor zu präsentieren gedachte.
Jetzt, im Jahr 1866, erhielt er eine Gelegenheit, die sich als der Wendepunkt seiner Karriere erweisen sollte: Der „Sacramento Union”, eine kalifornische Zeitung, entsandte ihn auf der soeben eingerichteten Dampfschifflinie quer über den Pazifischen Ozean als Korrespondenten nach Hawaii. (Erst jetzt ist das Journal dieser Reise auf Deutsch beim Mare-Verlag erschienen.) Druckmaschinen und Dampfschiffe: Diese zwei eminenten Vehikel des Fortschritts, diese Beschleuniger des Reisens und Publizierens faszinierten Mark Twain bis an sein Lebensende. Zweiundzwanzigmal wird er zuletzt den Atlantik per Dampfer überquert haben; und noch in reifen Jahren ruinierte er sich vollkommen mit der Investition für eine Druckmaschine, die beim Probelauf auseinanderflog.
In Hawaii liefen die Dinge anders als in den Prairien, wo die Eingeborenen unter die Räder der westwärts vordringenden Planwagen gerieten. Hier hatte es ein einheimischer Häuptling, Kamehameha der Große, geschafft, unter Zuhilfenahme europäischer Feuerwaffen einen zentral regierten Staat zu errichten. Mark Twain berichtet von den hawaianischen Mädchen, die kühn den Strand von Honolulu entlangreiten und nackt in der Brandung baden, ein so gewöhnlicher Anblick, dass nicht einmal mehr die prüden Weißen herschauen.
Doch was ihn wirklich in den Bann schlägt, ist die Tatsache, dass sich dieses Land als Monarchie europäischen Zuschnitts organisiert hat. „Ich hatte noch nie zuvor einen König gesehen.” Den Kronprinzen trifft er sogar persönlich. „Er hatte ein recht freundliches Gesicht und die beste Nase im ganzen Königreich, ob weiß oder braun. Ein prachtvoller Zinken, auf den er stolz sein kann. Er hat allerdings e i n e n großen Fehler – er ist ein Gewohnheitstrinker (. . . ) Wenn ich eine Predigt schreiben könnte, ihn zu bekehren, würde ich dies mit Freuden tun.”
So fasst Mark Twain in einer Geste des Spotts zwei Berufsstände zusammen, zu denen er sein ganzes Leben hindurch ein schwieriges Verhältnis hatte: Monarchen und Geistliche. Das segensreiche Wirken der Missionare auf Hawaii kommentiert er: "Wie entsetzlich, wenn man bedenkt, das Abertausende auf dieser schönen Insel in ihr Grab sanken, ohne zu ahnen, dass es eine Hölle gibt!" Das geschieht nun nicht mehr, die christlichen Kirchen haben festen Fuß gefasst und verleiden den Hawaianern so nach und nach alles, was ihnen Spaß macht.
Seine eigene Bekehrung zum Besseren sollte ihn gleichwohl schon bald ereilen. Hals über Kopf verliebt er sich in eine zehn Jahre jüngere Frau, von der er vorerst nichts als ein Porträt auf einem Porzellan-Medaillon zu sehen bekommt: Olivia Langdon, von ihm zärtlich „Livy” genannt. Sie heiraten 1870. Seine Briefe an sie sind erfüllt von einem romantischen Überschwang, über den zu lästern er in seinen veröffentlichten Werken wohl schwerlich unterlassen hätte, wäre er ihm bei einem Anderen begegnet.
Twain ist damals schon ein renommierter Vortragskünstler, mit seinen Reportagen aus Hawaii hat er den Durchbruch geschafft; in dieser Zeit vor der Erfindung der bild- und tontragenden Massenmedien füllt er die größten Theatersäle. Aber Manieren hat er immer noch keine. Seiner Frau zuliebe bringt er jedoch die größten Opfer. Er schwört ihr, nicht mehr zu fluchen, er sitzt nunmehr anständig auf einem Sessel und fläzt sich nicht mehr nach westlicher Art formlos hinein, er hört auf, Whiskey zu trinken. Nur um Eines fleht er sie an: Sie möge ihm weiterhin das m ä ß i g e Rauchen gestatten.
„Nein, liebe Livy, ich werde das Rauchen ebenso behandeln wie den Zeigefinger meiner linken Hand: Wenn Du mich ernsthaft darum bitten würdest, diesen Finger abzuhacken, & ich wüsste, dass Du es wirklich ernst meinst, & glaubte, dass dieser Finger meinem Wohlergehen auf irgendeine geheimnisvolle Art und Weise im Weg stünde, & wenn es mir klar wäre, dass Du nicht vollkommen zufrieden & glücklich sein könntest, solange er an meiner Hand bliebe, dann gebe ich Dir mein Wort, dass ich ihn abschneiden würde.”
Das heißt: Bitte bitte mich nicht! Livy hatte dann doch ein Einsehen. Für sich und seine wachsende Familie baut er ein großes luxuriöses Haus in Hartford, Connecticut, und mausert sich zum respektierten Bürger der neuenglischen Gesellschaft. Aber noch einmal kehrt er Mitte der 1870er-Jahre an den Ort seines Ursprungs zurück, an den großen Mississippi. Dort findet er die Inspiration für die drei Werke, die seinen dauernden Ruhm begründen sollten: „Life on the Mississippi”, „The Adventures of Tom Sawyer”, „The Adventures of Huckleberry Finn”.
Die Biografie des Stroms fällt für ihn zwei deutlich getrennte Hälften auseinander, eine vorgeschichtliche und eine geschichtliche. Die Vorgeschichte setzt ein im 17. Jahrhundert, als die Europäer, genauer die Franzosen, erstmals den Mississippi befahren und das ganze Gebiet für den Sonnenkönig in Besitz nehmen, ein Anspruch, den Twain für hochfahrend und lächerlich erklärt. Er zieht es vor, statt von Ludwig XIV. von Ludwig dem Fauligen zu sprechen, oder auch vom Sultan von Versailles.
Die Geschichte des Mississippi im engeren Sinn beginnt für ihn erst, als amerikanische Siedler, die die Appalachen überqueren, das Land wahrhaft erschließen und sich fest niederlassen. Denn hier waren es nicht anmaßende Emissäre, sondern die Nation selbst, die sich in Bewegung setzte. Der Hohn, den Mark Twain ziemlich einförmig über die Volksvertreter ausgießt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie tief er an das amerikanische Volk und dessen demokratische Gesinnung glaubte.
Als Twain seine Bücher in den Siebziger- und Achtzigerjahren schreibt, liegt auch diese Zeit der Landnahme schon weit zurück; aber wiederum nicht so weit, dass sie sich für ihn nicht auf wehmütige Weise mit seinen eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen verbände. Die beiden Bücher über Tom Sawyer und Huck Finn gehören eng zusammen, sie werden auch stets im selben Atemzug genannt, und zwar meist so, als wäre das zweite eine Art Anhängsel des ersten. Dabei verhält es sich umgekehrt: Tom Sawyer darf als eine Vorübung und Einleitung gelten. Tom ist zwar ein notorischer Frechdachs, aber letzten Endes doch ein braver Bürgerssohn, eine Art Michel von Lönneberga der Neuen Welt. Ihm steht ein stramm auktorialer Erzähler zur Seite, der schon durch seine manierliche Darstellung dafür sorgt, dass die Dinge nicht aus dem Ruder laufen.
Dagegen erhebt im zweiten Buch der Landstreicher Huck seine unordentliche Stimme. Erstzmals spricht Amerika selbst, ohne des europäisch geschulten Mundstücks zu bedürfen. Und es geht nicht mehr um Jungestreiche, sondern um wirklich wichtige Dinge: Wird es Hucks Begleiter, dem geflohenen schwarzen Sklaven Jim, gelingen, seine Freiheit zu erkämpfen, oder fällt er seinen Verfolgern in die Hände? Huck leidet Gewissensqualen, weil er die ungeheuerliche Sünde begeht, einen Nigger zu stehlen, der doch Eigentum der Witwe Douglas ist. Schließlich entscheidet er sich, er wolle in Gottesnamen zur Hölle fahren - aber Jim lässt er nicht im Stich. So fahren sie weiter versteckt und bei Nacht den großen Strom hinab und leben von der Hand in den Mund. Dabei, sinniert Jim, wäre er doch eigentlich ein reicher Mann; denn er brächte auf dem Markt leicht seine achthundert Dollar ein.
Tom Sawyer macht seinen Übersetzern wenig Mühe, keine größere jedenfalls als den Lehrern in der Sonntagsschule; aber was Huckleberry Finn zu berichten hat, das stellt eine echte Herausforderung dar. Eine Zeitlang lassen sich Huck und Jim von zwei Schwindlern begleiten, die ihr hinterwäldlerisches Publikum beeindrucken, indem sie zum sichersten Mittel überhaupt greifen: Sie behaupten, königlichen Geblütes zu sein! Erst gibt der eine sich als Herzog zu erkennen, was der andere sogleich zu übertrumpfen versucht. Im Original liest sich die Szene so:
„,Bilgewater, kin I trust you?’ says the old man, still sort of sobbing.
,To the bitter death!’ He took the old man by the hand and squeezed it, and says, ,That secret of your being: speak!’
,Bilgewater, I am the late Dauphin!’”
Hier lässt Mark Twain seiner Geringschätzung für die monarchischen Traditionen Europas ebenso wie für den schafsmäßigen Respekt, den seine Landsleute diesen erweisen, freien humoristischen Lauf. Andreas Nohl, der rechtzeitig zu Twains hundertstem Todestag eine Neuübersetzung bei Hanser vorlegt, macht daraus: „,Bilgewater, kann ich Ihnen vertrauen?’, sagte der alte Mann immer noch schluchzend. ,Bis zum bitteren Tod!’ Er nahm die Hand des alten Mannes, drückte sie und sagte: ,Das Geheimnis Ihres Daseins – sprechen Sie!’,Bilgewater, ich bin der ehemalige Delphin!’”
Das ist korrekt und solide, möglicherweise etwas harthörig gegen die feinen Tonkontraste. Originell ist jedoch die Erfindung des „Delphins”, mit dem sich Nohl ein summarisches Äquivalent für die Fehlleistungen der zwei Halunken beim Griff ins hohe Register ausgedacht hat. Der Diogenes-Verlag hat, ebenfalls pünktlich zum Jubiläum, die alte Übersetzung von Lore Krüger wieder zu Ehren gebracht (sie allerdings leider mit den betulichen Bleistift-Zeichnungen von Tatjana Hauptmann illustriert). Dort liest man: „,Bilgewater, kann ich dir trauen?’, fragte der Alte und schluchzte immer noch. ,Bis in den bittren Tod!’ Er nahm den Alten bei der Hand, drückte sie und sagte: ,Das Geheimnis deines Seins: Sprich!’,Bilgewater, ich bin der verstorbene Dauphin!’” Der verstorbene Dauphin, das ist es! Es nimmt der Frechheit der Akteure und der Leichtgläubigkeit der Zuschauer genau jenes Maß, das Twain im Sinn hatte.
Mark Twain schrieb nach dem Huckleberry Finn noch ein Vierteljahrhundert lang viele Bücher, aber dessen Rang dürfte er nicht wieder erreicht haben. Der Manesse-Verlag hat einen vergessenen Roman ausgegraben, den „Knallkopf Wilson” – „Pudd’nhead Wilson”; doch obwohl man natürlich auch hier immer wieder an der Klaue den Löwen erkennt (der sich inzwischen zum an Locken und Brauen stark bebuschten Salonlöwen entwickelt hatte), muss man es dennoch für ein selbstgerechtes Werklein erklären, das die Gleichheit aller Menschen einschließlich der Schwarzen durch einen hochgradig unwahrscheinlichen Verwechslungs-Plot moralisierend zu erweisen sucht.
Das Beste daran sind die Maximen aus Knallkopf Wilsons Hauskalender, von denen die einzelnen Kapitel eingeleitet werden. „Der auffälligste Unterschied zwischen einer Katze und einer Lüge”, heißt es da, „ist, dass eine Katze nur neun Leben hat.” Oder: „Warum freuen wir uns bei einer Geburt und trauern bei einem Begräbnis? Weil wir nicht die Personen sind, um die es geht.”
Den allseits beliebten Humoristen wollte Twain immer weniger geben; der Sarkasmus, seinem Witz immer nah, gewinnt an Schärfe. Noch immer war er berühmt, umworben und prinzipiell sehr wohlhabend; aber er wirtschaftete schlecht, kam aus den Schulden nicht heraus, fühlte sich durch die Vortragsreisen zunehmend ausgelaugt und musste zudem viel privates Unglück tragen. Von den drei Töchtern, die das Kleinkindalter überlebt hatten, starb eine an Hirnhautentzündung, eine andere, die ihm liebste, bei einem epileptischen Anfall in der Badewanne; die dritte ging, zu seinem Schmerz, ihre eigenen Wege. Endlich starb auch noch die geliebte Livy.
Doch wandte er sich in seinen letzten Lebensjahren noch einmal anderen Zielen zu. Nachdrücklicher als zuvor bezog er Stellung zu zeitgenössischen Geschehnissen, zum brutalen Krieg der Engländer gegen die Buren in Südafrika, zur misslingenden amerikanischen Kolonialpolitik auf den Philippinen. Man braucht das Wort „Philippinen” bei Twain nur gegen das andere, „Vietnam”, zu ersetzen, um zu erkennen, dass dieselben Fehler immer wieder gemacht werden wollen. Und vor allem fand er denjenigen, den er vielleicht immer schon gesucht und der sich ihm bis dahin hartnäckig entzogen hatte, den einen großen Feind, den zu hassen sich wahrhaft lohnte. Es war natürlich ein König: Leopold II. von Belgien.
Das heute wenig bekannte „Selbstgespräch König Leopolds” führt den Monarchen vor, wie er in seinen privaten Gemächern mit höchstem Unwillen durch die Pamphlete blättert, die ihm gelten. Leopold hatte in Zentralafrika, mit Duldung und Billigung aller Mächte einschließlich der Vereinigten Staaten, sein Privatreich gegründet, den „Kongo-Freistaat”, in dem ihm schlechterdings alles bis hinab zu den Nahrungsmitteln seiner Untertanen gehörte. Seine Kongo-Gesellschaft plünderte das Land mit grenzenloser Gier, Schätzungen sprachen von zehn bis fünfzehn Millionen Toten durch Exekutionen, Erschöpfung, Hunger und Kannibaliusmus. Dies alles erfährt man aus Mark Twains Text, jedoch stets so, dass es dem König selbst in den Mund gelegt wird. „Und selbst wenn es zuträfe: Es ist doch Verleumdung, wenn man es gegen einen K ö n i g äußert!” Dazu fasst er das schwere Kruzifix, das er um den Hals trägt, und „küsst es hastig”.
An diesem späten Punkt seines Lebens fängt Mark Twain noch einmal etwas ganz Neues an. Twain ist wohl der Erste überhaupt, der zu Hybrid- und Montageformen greift, um das dokumentarische Material des noch jungen finsteren Jahrhunderts zu dramatisieren. Seiner Spur wird ein rundes Jahrzehnt später Karl Kraus folgen (der Mark Twain sonst durchaus nicht schätzte), als er auf den Ersten Weltkrieg mit dem Monsterwerk „Die Letzten Tage der Menschheit” reagiert. Twains Ein-Personen-Dramolett endet mit der Frage: Darf man einen König hängen? Seine Antwort, wenig überraschend: Aber ja!
Am 21. April 1910 ist Mark Twain im Alter von 74 Jahren gestorben.
BURKHARD MÜLLER
MARK TWAIN: Post aus Hawaii. Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Alexander Pechmann. Mare Verlag, Hamburg 2010. 355 Seiten, 24 Euro.
MARK TWAIN: Sommerwogen. Eine Liebe in Briefen. Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Alexander Pechmann. Aufbau Verlag, Berlin 2010, 303 Seiten, 16,95 Euro.
MARK TWAIN: Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Andreas Nohl. Hanser Verlag, München 2010. 711 Seiten, 34,90 Euro.
MARK TWAIN: Tom Sawyers Abenteuer / Huckleberry Finns Abenteuer. Aus dem Englischen übersetzt von Lore Krüger. Mit Bildern von Tatjana Hauptmann. Diogenes Verlag, Zürich 2010. 2 Bände, zus. 798 Seiten, 29,90 Euro.
MARK TWAIN: Knallkopf Wilson. Eine Geschichte. Aus dem Englischen übersetzt von Reinhild Böhnke. Mit einem Nachwort von Manfred Pfister. Manesse Verlag, Zürich 2010. 318 Seiten, 19,95 Euro.
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