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Kurz vor dem Militärputsch im September 1980: Drei Geschwister verbringen eine Ferienwoche im alten Haus ihrer Großmutter Fatma am Marmarameer. Nilgün liest Turgenjew und träumt von einer Revolution in der Türkei, ihr Bruder Metin von einer Zukunft in den USA. Faruk, der Älteste, ist über die Trauer um seine geschiedene Frau zum Trinker geworden. Vor dem Hintergrund einer explosiven politischen Lage schildert der Nobelpreisträger Orhan Pamuk in diesem Frühwerk eine verlorene Jugend, die nach ihrem Platz in der Welt sucht und ihn nicht findet. Ein melancholischer, stimmungsvoller Roman, in dem…mehr

Produktbeschreibung
Kurz vor dem Militärputsch im September 1980: Drei Geschwister verbringen eine Ferienwoche im alten Haus ihrer Großmutter Fatma am Marmarameer. Nilgün liest Turgenjew und träumt von einer Revolution in der Türkei, ihr Bruder Metin von einer Zukunft in den USA. Faruk, der Älteste, ist über die Trauer um seine geschiedene Frau zum Trinker geworden. Vor dem Hintergrund einer explosiven politischen Lage schildert der Nobelpreisträger Orhan Pamuk in diesem Frühwerk eine verlorene Jugend, die nach ihrem Platz in der Welt sucht und ihn nicht findet. Ein melancholischer, stimmungsvoller Roman, in dem Pamuk verschiedensten Personen eine ganz eigene Stimme verleiht.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/23400
  • 2. Auflage
  • Seitenzahl: 368
  • Erscheinungstermin: 7. September 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 150mm x 35mm
  • Gewicht: 615g
  • ISBN-13: 9783446234000
  • ISBN-10: 3446234004
  • Artikelnr.: 26365794
Autorenporträt
Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren, studierte Architektur und Journalismus. Für seine Werke erhielt er u. a. 2003 den Impac-Preis, 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2006 den Nobelpreis für Literatur. Auf Deutsch erschienen zuletzt Der Koffer meines Vaters (2010), Cevdet und seine Söhne (Roman, 2011), Der naive und der sentimentalische Romancier (2012), der Katalog Die Unschuld der Dinge. Das Museum der Unschuld in Istanbul (2012), Diese Fremdheit in mir (Roman, 2016), Die rothaarige Frau (Roman, 2017) und Istanbul (Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt, 2018).
Rezensionen
Besprechung von 13.10.2009
Das war es doch
Aber wie steht es mit dem Leben? Orhan Pamuks früher Roman „Das stille Haus” Von Christoph Bartmann
Man findet beinahe jede Sorte von Ideologen in Orhan Pamuks frühem Roman „Das stille Haus”, Nationalisten, Kommunisten, Atheisten und „Idealisten”, nur den einen, vor dem sich inzwischen die halbe Welt fürchtet, gibt es noch nicht, den Islamisten. Sommer 1980 am Marmarameer, die örtliche jeunesse dorée fährt Wasserski und hört „amerikanische Unterhaltungsmusik”, deutsche Touristen grillen in der Sonne und ein paar ernste junge Männer, die „Idealisten”, fragen sich, ob sie nun Muslime oder Türken sind, oder eventuell Beides. Sommer 1980 in der Türkei, wenige Monate zuvor hat der Generalstab die Parteien ermahnt, die staatliche Ordnung wieder herzustellen und vor der „vernichtenden Faust der Türkischen Streitkräfte” gewarnt. Am 12. September 1980 folgt dann der Militärputsch von General Kenan Evren mit Kriegsrecht, Verbot aller Parteien und Gewerkschaften und mit Säuberungsaktionen überall dort, wo Kommunisten vermutet werden. Die türkische Welt von 1980, so scheint es, organisiert sich noch nach dem Rechts-Links-Schema, aber die Frage der jungen „Idealisten” deutet schon auf eine neue Kampflinie, die zwischen „Türken” und „Muslimen” oder zwischen Laizisten und Religiösen (auch in ein und derselben Person), und eines machte Pamuks Roman schon 1983, als er in Istanbul erstmals erschien, deutlich, dass nämlich der einzig wirksame Ort der Radikalisierung die „Religion” ist.
Immerfort geht es in diesem höchst lesenswerten Frühwerk um Politik und Ideologie, aber der Roman spielt in einem stillen Haus. Von draußen dringen die Geräusche der Welt herein, aber drinnen herrscht Grabesruhe. Pamuk wäre nicht Pamuk, wenn er einen Roman über türkische Politik anhand ihrer Protagonisten und Schauplätze geschrieben hätte. Was er über Politik und Gesellschaft zu sagen hat, spielt im stillen Haus im Städtchen Gebze am Marmarameer. Es wird viel geschlafen und geruht in diesem Haus, und natürlich hat dieses Ruhebedürfnis – wie bei den russischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts – etwas zu tun mit Verdrängung, mit dem Nicht-Wahrhaben-Wollen einer Realität. Und natürlich bringt diese Art der Verleugnung die schrecklichen Tatsachen umso zuverlässiger ans Licht. Kein stilles Haus ohne „Leichen im Keller”, man hat es geahnt, und wenn man etwas gegen Pamuks Handlungsführung einwenden kann, dann allenfalls die Vorhersehbarkeit, mit der hier etwas Verborgenes entborgen wird und hinter einem vermeintlichen Idyll die psychoanalytische Familienszene eröffnet wird.
In diesem Roman ist bereits alles da, was Pamuk als Romancier auszeichnet. „Das stille Haus” ist kein Jugendwerk, es zeigt den Autor im Vollbesitz seiner Möglichkeiten, oder um es noch positiver zu sagen: Hier erzählt Pamuk knapper, konzentrierter und kunstloser als in späteren Romanen, in denen manchmal die Freude an der Schläue der eigenen postmodernen Konstruktion den Autor ablenkt. Hier geht es vergleichsweise unornamental und unkompliziert zu, wenngleich auch hier das Erzähl- oder Stimm-Recht an eine Mehrzahl von Figuren delegiert ist. Das sind vor allem die drei Geschwister Faruk, Nilgün und Metin samt ihrer neunzigjährigen und bettlägerigen Großmutter Fatma sowie der „Zwerg” Recep, ein, wie sich heraus stellt, unehelicher Sohn von Fatmas Ehemann Selahattin, des weiteren Hasan, ein junger „Idealist” aus einfachem Hause, der Nilgün liebt, die sozialistischen Idealen anhängt und deshalb ins Visier seiner Gesinnungsfreunde gerät. Was wir vor uns haben, ist der Mikrokosmos kultureller und ideologischer Praktiken in der Türkei um 1980 – und früher, denn durch Fatma, die Alte, spricht die Vergangenheit, nämlich die laizistische, atheistische, radikalwestliche Tendenz ihres verstorbenen Mannes Selahattin.
Aus Bewunderung für Darwin hatte er sich einst den Familiennamen Darvinoglu zugelegt. Nachdem man ihn wegen politischer Unzuverlässigkeit von Istanbul ans Marmarameer verbannt hatte, war Selahattin ganz in seinem Projekt einer achtundvierzigbändigen Enzyklopädie aufgegangen. Als Diderot des Morgenlands wollte Selahattin eines Tages nach Istanbul zurück kehren, im stolzen Bewusstsein, das mit seinem Buch „ohnehin alles, was im Orient an grundlegenden Gedanken gesagt werden muss, auf einen Schlag gesagt sein” würde. „Die Enzyklopädie: Naturwissenschaften, alle Wissenschaften, Wissenschaft und Gott, der Westen und die Renaissance, Tag und Nacht, Feuer und Wasser, der Orient und die Zeit, Tod und Leben: Leben: Leben!” Schließlich hat die Enzyklopädie ihren Autor aufgefressen und vom Leben abgeschnitten, er ist dem Alkohol verfallen und gestorben, und Faruk, der Historiker, sein Enkel, hat seine Süchte geerbt, den Alkoholismus und die Sehnsucht nach dem Buch, das alles enthält. Nun aber ist es nicht mehr die Große Enzyklopädie zur Umerziehung der türkischen Nation, sondern die Geschichte der Stadt Gebze am Marmarameer im sechzehnten Jahrhundert, ein Buch „ohne Anfang und ohne Ende. Die einzige Leitlinie des Buchs sollte sein, alle Geschehnisse, die sich in jenem Jahrhundert zugetragen hatten, zu präsentieren, ohne sie irgendwie nach ihrer Bedeutung zu klassifizieren. Fleischpreise, Streitereien unter Händlern” und so fort. Wie sein Großvater will Faruk das totale Buch schreiben, anders als dessen Enzyklopädie soll es ein neutrales Werk werden, aber auch in ihm schwingt der Größenwahn mit, in Darwins Fußspuren die Geschichte der Welt umzuschreiben. Man sieht, die Darvinoglus oder einige ihrer männlichen Repräsentanten sind radikale Modernisten.
Aber da gibt es auch noch Metin, der Nilgüns Liebe zum Sozialismus und zu Turgenjew genauso verachtet wie Faruks alkoholisierten Bücherwahn, der von Amerika und vom großen Geld träumt und sich einstweilen mit seinen Freunden am Strand vergnügt. Und da ist Nilgün selbst, die das linke Tageblatt „Cumhuriyet” liest und sich damit bei Hasan, dem Verehrer, und seinen militanten Freunden, den Ruf einhandelt, eine Kommunistin zu sein. Faruk ist verrückt, könnte man leicht vereinfachend sagen, Metin ist ein oberflächlicher Idiot, aber Nilgün ist, wie manche Figuren Tschechows oder wie Tschechow selbst, ein Mensch. Nilgün, von der weder Enzyklopädien noch andere totale Bücher oder sonstige Großprojekte überliefert sind, verkörpert in diesem ideologisch übercodierten Familien- und Gesellschafts-Terrain den Menschen, den Humanismus oder wenn man so will, den Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Am wenigsten von allen Figuren des Romans lebt Nilgün im Zustand der Verblendung, und eben dies qualifiziert sie zum Opfer. Hasan und die „Idealisten”, denen dieser imponieren will, haben sich das gutbürgerliche Mädchen mit den sozialistischen Ansichten zum Ziel erkoren, und Hasan wird ihr, halb aus verschmähter Liebe, halb aus idealistischem Geltungsdrang, eine „Lektion” erteilen.
Pamuk hält sich zurück mit Parteinahmen und Bewertungen, aber er verbirgt dabei eine Auffassung keineswegs: dass die von ihm vorgeführten Formen der Ideologie, die politischen ebenso wie die literarischen (die Enzyklopädie, das totale Buch) die Welt zwar verändern oder erklären mögen, sie aber dennoch verfehlen. Die Welt ist nämlich in der Stille. Nicht unbedingt in einem scheinbar stillen, aber in Wahrheit schreiend lauten Haus, sondern in der Stille einfacher Ereignisse. Bei seiner Arbeit am totalen Buch stößt Faruk auf eine Passage aus den Reiseerzählungen des Evliya Celebi. Dort liest er: „Wir schlugen unser Zelt an einem Fluss auf, kauften Hirten ein fettes Lamm ab und grillten und aßen es ohne Sorge und Arg ... Das war es doch”. Und dann heißt es: „Alle Genüsse waren so einfach wie die Welt um einen herum. Die Welt war ein konkreter Ort, wo es sich leben ließ, vielleicht mal etwas ausgelassener oder in süßer Melancholie, aber doch insgesamt in Ruhe; und sie war nicht dazu da, dass man sie kritisierte und veränderte oder sich ihrer in wütendem Streit bemächtigte.” Kann man es schöner sagen? Nein, das war es doch und das ist es.
Orhan Pamuk
Das stille Haus
Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Carl Hanser Verlag, München 2009. 368 Seiten, 24, 90 Euro.
Orhan Pamuk Foto: Isolde Ohlbaum
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 31.10.2009
Nur die Mauern hören zu

Das Kuddelmuddel als Quintessenz der Geschichte: In seinem frühen Roman "Das stille Haus" frönt Orhan Pamuk der Melancholie und hat Weltliteratur im Sinn.

Von Wolfgang Schneider

Es ist "an diesem Haus etwas Fürchterliches" - ein alter, efeuumrankter Kasten direkt am Marmarameer, mit verrotteten Fenstern und Holzwänden, von denen die Farbe geblättert ist. Sehr rüstig ist dagegen die neunzigjährige Fatma, die allein darin wohnt, mit ihrem Diener, dem Zwerg Recep. Die Geschichte beginnt, als im Sommer 1980 die drei Enkelkinder zu Besuch kommen: die zartbeinige Nilgün mit ihren sozialistischen Sympathien, der Abiturient Metin und der Historiker Faruk.

Ein armer Verwandter ist auch mit von der Partie: Hasan, "Sohn des Losverkäufers". In der Lotterie des Lebens bleibt ihm nur die Niete. Damit will er sich nicht abfinden und terrorisiert die Umgebung als randständiges Mitglied einer rechten Jugendbande. Er sorgt dafür, dass der Roman eine unselige Handlung bekommt. Politische Motive sind dabei nur vordergründig. In Wahrheit ist es ein Totschlag aus hoffnungsloser Liebe.

Orhan Pamuk hat seinen zweiten Roman, 1983 erschienen und ein wichtiger Schritt in der erstaunlichen Karriere des renommiertesten türkischen Gegenwartsautors, als großes Konzert der Stimmen angelegt. Der monadologische Monolog ist die Form des Buches. Von Kapitel zu Kapitel wechselt das erzählende Ich - lauter eingekapselte Seelen und gerade deshalb überfließend vor Mitteilungsdrang. Jede der genannten Figuren darf ihr unerlöstes Innenleben nach außen stülpen, außer der unnahbar-faszinierenden Nilgün, der die Rolle des Opfers bleibt.

Ein Autor, der ein Jahrhundert in den Griff bekommen will, erzählt am besten von Großeltern und Enkeln; die Zwischengeneration kann knapp abgehandelt werden. Genauso geschieht es hier. Die Darstellung der krisenhaften Gegenwart - der Militärputsch des 12. September 1980 steht nahe bevor - wird verbunden mit Rückblicken auf die Epoche der jungtürkischen Reformbewegung nach 1900 und den kemalistischen Aufbruch zu Beginn der zwanziger Jahre. Der politische Hintergrund wird allerdings nur knapp skizziert; an die Stelle der Zeitschilderung tritt die Allegorie: Die Tragikomödie des Modernisierungsdefizits wird verkörpert von Großvater Selahattin Darvinoglu, der etwas von einem türkischen Settembrini hat - Thomas Manns komisch beflissenem Aufklärer aus dem "Zauberberg", Verfechter des Fortschritts und der großen Gesundheit, den das unberechenbare Leben unter die Lungenkranken verschlagen hat. Settembrini laboriert an seiner prinzipiell unvollendbaren "Enzyklopädie der Leiden"; Selahattin will mit Hilfe eines gleichermaßen uferlosen enzyklopädischen Projekts den rückständigen Orient in die Moderne katapultieren.

Wie "Das Uhrenstellinstitut" von Ahmed Hamdi Tanpinar, einem weiteren Vorbild Pamuks, ist "Das stille Haus" auf der Selahattin-Linie eine satirische Darstellung des Fortschrittsprojekts der Türkei. Als Arzt scheitert Selahattin. Über den Unverstand der Menge gerät er in Rage, beschimpft seine Patienten, die nach altem Herkommen Wunden mit Tabak oder Kuhmist behandeln, und brüskiert ihr duldendes Gottvertrauen mit atheistischer Polemik. Bald bleibt die Praxis leer, und er kann sich ganz aufs Gelehrtendasein zurückziehen. Die Brillanten aus Fatmas Aussteuer müssen zu Geld gemacht werden, um die Familie zu ernähren. Auch sonst bleibt - wie bei Settembrini - vieles in Selahattins Existenz widersprüchlich: Von der moralinsauren Gattin aus dem Ehebett vertrieben, quartiert er im Gartenhaus eine Zweitfrau ein und zeugt mit ihr mehrere Kinder. Eines wutentbrannten Tages geht die fürchterliche Fatma hinüber und schlägt die kleinen "Bastarde" zu Krüppeln. Einer von ihnen ist Recep, ihr späterer, ganz ergebener Diener.

Es ist eine bittere Ironie, dass Selahattin nicht selbst im Familienroman zur Sprache kommen darf, sondern dass all seine aufklärerischen Reden eingelagert sind in die übelwollende Erinnerungssuada seiner Frau im Haus am Meer. Dafür gibt es zunächst eine natürliche Begründung: Er kann nicht für sich selbst sprechen, weil er seit vier Jahrzehnten tot ist. Wer so nachhaltig dem Raki verfällt, wird nicht neunzig Jahre alt. Und so wird alles, was wir über ihn erfahren, zur Karikatur verzerrt. Allerdings ist Großmutters Monolog psychologisch die größte Schwachstelle des Romans. Es erscheint außerordentlich unplausibel, dass die Alte in ihrem orthodox-osmanischen Moralismus den Katalog von Selahattins aufklärerischen Ideen auch nur in denunziatorischer Form wiedergeben können soll. Fatma lässt ihren gelehrten Gatten auf der inneren Bühne dozieren, als wäre seinerzeit das verstockte "Nein, ich höre dir nicht zu" nur vergiftete Ehe-Rhetorik gewesen. Als hätte sie in Wahrheit jeden seiner verabscheuten Sätzen geflissentlich protokolliert, als wäre keines seiner Argumente, vor denen sie doch immer die frommen Ohren zu verriegeln behauptete, ohne Echo geblieben. Es wäre ein Doppelspiel von potenzierter Bösartigkeit: die Ignorantin als ingeniöse Verschweigerin. Aber es ist wohl nur die unstimmige Konzeption einer Figur.

Überhaupt ist die Form des inneren Monologs, so sprachmächtig sich das Buch über weite Strecken liest und sosehr man die souveräne Komposition bewundert, nicht immer ganz sicher gehandhabt. Bisweilen ergeben sich Frequenzstörungen, etwa wenn Wahrnehmungen geschildert werden, die nur von der Warte eines objektiven Erzähler plausibel wären: "ich war ganz allein, und mit meiner vor Schreck erstickten Stimme rief ich wieder und wieder hinunter und schlug hilflos mit meinem Stock, aber niemand schien mich zu hören . . ." Aber auch wenn "Das stille Haus" kein ganz perfektes Meisterwerk ist - es liest sich spannender und faszinierender als Pamuks jüngster Roman "Das Museum der Unschuld", diese doch sehr längliche Liebesgeschichte.

Die Selahattin-Gestalt zeigt, welche Spannung zwischen Tradition und Moderne in der Türkei besteht und welche Leiden der Verspätung von den Intellektuellen auszuhalten sind. Für ihn bleibt nur Komödie der Wiederholung und das Elend der Epigonalität. Ein Leben lang fertigt er Exzerpte aus den Büchern des Westens an: "Die Kerle dort drüben haben schon alles entdeckt, und was Neues lässt sich nicht mehr sagen . . . Nichts Neues unter der Sonne! Sogar das ist nicht neu, Fatma, sondern stammt auch von denen."

Auch die meisten anderen Figuren des Romans kennen den Überdruss an den türkischen Zuständen und kranken selbst an der Lethargie, die alles erfasst zu haben scheint. Metin gibt sich mit seinen Kumpels adoleszenten Vergnügen hin. Nächtliche Autorennen und rasante Boote verbürgen den Rausch des Risikos und der Geschwindigkeit, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eigene Existenz stagniert. Metin träumt davon, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, um dort als Physiker zu Ruhm zu kommen. Aber das Geld wird nur für Amerika reichen, wenn Großmutter das Haus am Meer verkauft - keine Chance.

Furchtbare Frauen und frustrierte Männer: Der Pessimismus dieses Romans ist erstaunlich. Die türkische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts wurde lange entweder von sozialrealistisch-marxistischen Tendenzen oder von patriotischem Optimismus dominiert - eine Poetik der Menschheitsbeglückung blieb so oder so verpflichtend. Der junge Orhan Pamuk dagegen frönt der Melancholie und hat Weltliteratur im Sinn. Der Historiker Faruk, in manchem sein Sprachrohr, ist durchdrungen von der großen Vergeblichkeit. Wie sein Großvater ist er dem Alkohol verfallen. Zwar verbringt er seine trübseligen Tage weiterhin in Archiven, aber die Theoriekrise seines Faches hat ihn voll erwischt. Er sammelt bloß noch Geschichten; vage träumt er von einem Buch über das Städtchen Gebze im sechzehnten Jahrhundert, das auf alle historischen Linien verzichten würde: "Fleischpreise, Streitereien unter Händlern, Entführungen von Mädchen, Aufstände, Kriege, Ehegeschichten und Verbrechen würden in dem Buch zusammenhanglos aneinandergereiht . . ." Das Kuddelmuddel als Quintessenz der Geschichte. Aber Faruks Hirn wird dieses Buch wohl nicht mehr hergeben: "Ich stellte mir meinen Kopf wie eine Walnuss vor, in der es vor Maden nur so wimmelt." Schreiben wird ein anderer, der einmal kurz durchs Bild läuft: Da ist in einem halben Satz von einem Jugendfreund namens Orhan die Rede; der arbeite "an einem Roman".

Orhan Pamuk: "Das stille Haus". Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Hanser Verlag, München 2009. 368 S., geb., 24,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Mit "Das stille Haus" von Orhan Pamuk hat man keineswegs ein "Jugendwerk" sondern schon einen mit allen Vorzügen seiner späteren Bücher ausgestatteten Roman vor sich, versichert Christoph Bartmann. Hinter der Grabesstille des Hauses, in dem drei Geschwister mit ihrer Großmutter leben, verbirgt sich natürlich Verdrängtes, erklärt der Rezensent. Wenn er irgendetwas bekritteln würde - was er aber nachdrücklich nicht tut - dann, dass das "Verborgene" vielleicht ein bisschen zu vorhersehbar ans Licht gebracht wird. Es ist ein politischer Roman, die Protagonisten stehen sich als Nationalisten, Atheisten, Kommunisten oder "Idealisten" gegenüber, erklärt der Rezensent. Begeistert stellt er fest, dass der Autor in diesem Frühwerk an Knappheit, Schmucklosigkeit und Konzentration sogar seine späteren Romane übertrifft, und er scheint es durchaus zu begrüßen, dass Pamuk in der vergleichsweise unkomplizierten Konstruktion seine Vorliebe für postmoderne Konstruktionen etwas in Zaum hält. Genauso angenehm berührt es Bartmann, dass der Autor nicht Partei ergreift, sondern in seinem Roman lediglich deutlich macht, dass Ideologien "die Welt zwar verändern oder erklären mögen", sie aber niemals ganz erreichen.

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"Nobelpreisträger Orhan Pamuk erzählt ergreifend die Geschichte einer Istanbuler Familie." Sophia Willems, Westdeutsche Zeitung, 03.09.09 "Eine erschreckende, keineswegs unrealistische Familiensaga, in der sich die Geschichte des Landes zu bündeln scheint." Sibylle Thelen, Stuttgarter Nachrichten, 02.09.09 "Ein kompositorisches Meisterwerk" Andreas Tobler, Berner Zeitung, 10.09.09 "In seinem frühen Roman 'Das stille Haus' frönt Orhan Pamuk der Melancholie und hat Weltliteratur im Sinn. (...) Furchtbare Frauen und frustrierte Männer: Der Pessimismus dieses Romans ist erstaunlich." Wolfgang Schneider, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.09