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Am 30. November 1989 wurde der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen in Bad Homburg mit einer Sprengladung getötet – einer der letzten Morde der Rote Armee Fraktion. Achtzehn Jahre lang hat die Journalistin und Autorin Carolin Emcke geschwiegen zu dem Terror der RAF und damit auch über das Attentat an ihrem Patenonkel Alfred Herrhausen. In diesem berührenden, so persönlichen wie politischen Text plädiert die Autorin dafür, endlich das eisige Schweigen zwischen Tätern und Opfern des RAF-Terrors zu brechen. Sie plädiert jenseits von juristischer Sühne (oder Gnade) für einen…mehr

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Produktbeschreibung
Am 30. November 1989 wurde der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen in Bad Homburg mit einer Sprengladung getötet – einer der letzten Morde der Rote Armee Fraktion. Achtzehn Jahre lang hat die Journalistin und Autorin Carolin Emcke geschwiegen zu dem Terror der RAF und damit auch über das Attentat an ihrem Patenonkel Alfred Herrhausen. In diesem berührenden, so persönlichen wie politischen Text plädiert die Autorin dafür, endlich das eisige Schweigen zwischen Tätern und Opfern des RAF-Terrors zu brechen. Sie plädiert jenseits von juristischer Sühne (oder Gnade) für einen gesellschaftlichen Dialog, für eine Aufklärung im emphatischen Sinne. Freiheit gegen Aufklärung – nur das könnte, Carolin Emcke zufolge, dabei helfen, die Epoche des deutschen Terrors wirklich zu begreifen. Der Text ist ein moralisches Plädoyer gegen Gewalt, aber auch gegen Rache und Verachtung als gesellschaftliche Antworten darauf.

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  • Produktdetails
  • Verlag: FISCHER E-Books
  • Seitenzahl: 192
  • Erscheinungstermin: 05.10.2009
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783104000268
  • Artikelnr.: 37448930
Autorenporträt
Carolin Emcke

Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie in London, Frankfurt/Main und Harvard. Sie promovierte über den Begriff »kollektiver Identitäten«.
Von 1998 bis 2013 bereiste Carolin Emcke weltweit Krisenregionen und berichtete darüber. 2003/2004 war sie als Visiting Lecturer für Politische Theorie an der Yale University.
Sie ist freie Publizistin und engagiert sich immer wieder mit künstlerischen Projekten und Interventionen, u.a. die Thementage »Krieg erzählen« am Haus der Kulturen der Welt. Seit über zehn Jahren organisiert und moderiert Carolin Emcke die monatliche Diskussionsreihe »Streitraum« an der Schaubühne Berlin. Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus, dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und dem Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei S. Fischer erschienen ›Von den Kriegen. Briefe an Freunde‹, ›Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF‹, ›Wie wir begehren‹, ›Weil es sagbar ist: Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit‹ sowie ›Gegen den Hass‹.

»Emckes Texte halten die Frage lebendig, ob es gleichgültig ist, wenn Menschen übertönt werden und verstummen, während andere beredt ihre Macht ausüben.«
Elisabeth von Thadden, Die Zeit

»Gut also, dass mit dem Friedenspreis […] eine Autorin ausgezeichnet wird, die erfolgreich an der moralischen Aufladung der politischen Auseinandersetzung des öffentlichen Geredes arbeitet.«
Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung

Literaturpreise:

»Das Politische Buch« der Friedrich-Ebert-Stiftung (2005)
Förderpreis des Ernst-Bloch-Preises (2006)
Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie Essay für den Beitrag »Stumme Gewalt«, erschienen im »ZEITmagazin« vom 06.09.2007 (2008)
Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus 2010
Deutscher Reporterpreis 2010 für die beste Reportage
Journalistin des Jahres 2010 (ausgezeichnet vom ›medium magazin‹)
Journalistenpreis für Kinderrechte der Ulrich-Wickert-Stiftung 2012
Johann-Heinrich-Merck-Preis der Deutschen Akademie für Dichtung und Sprache (2014)
Lessing-Preis des Freistaats Sachsen (2015)
Preis der Lichtenberg Poetik-Dozentur (2015)
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2016)

Rezensionen
Besprechung von 30.05.2008
Die Täter sollen sprechen können
„Stumme Gewalt”: Carolin Emcke denkt über die RAF nach und setzt auf ein Forum „Freiheit gegen Aufklärung”
Drei Wochen nachdem die Mauer gefallen war, wurde Alfred Herrhausen ermordet. Carolin Emcke, die ihn seit langem kannte – er war ihr Patenonkel – fuhr zum Haus der Familie nach Bad Homburg. An diesem Tag begann sie zu rauchen. Er scheidet ihr Leben. Es gibt ein Davor und ein Danach und „in der Mitte nur eine Bruchstelle der Bewusstlosigkeit”.
Sie war damals 22 Jahre alt, sie ist Journalistin geworden, hat für den Spiegel geschrieben, aber über ihre Freundschaft zu Herrhausen und die Tage nach dem Attentat hat sie in den knapp zwei Jahrzehnten seither nicht berichtet. Jetzt tut sie es in einem schmalen Buch, das in Form und Gehalt so ungewöhnlich ist wie wenige. Gut sortierende Leser werden eine Weile zögern, bis sie für dieses „Nachdenken über die RAF” den richtigen Platz im Regal gefunden haben. Man wird es kaum zu den Werken der Zeitgeschichte stellen wollen. Emcke bemüht sich nicht, aus allerlei Quellen ein stimmiges Bild zu gewinnen, das Gewesene zu vergegenwärtigen. Meist stellt sie Fragen, manchmal spekuliert sie. Und obwohl ihr Buch eine klare Forderung aufstellt – die Einrichtung eines öffentlichen Forums für das Gespräch zwischen Tätern und Opfern –, stünde „Stumme Gewalt” unglücklich neben politischen Streitschriften und Analysen.
Im Zentrum steht der Zweifel
Verfasst hat sie eine Meditation im philosophischen Sinne, so wie man es von Descartes kennt. Der Zweifel an dem, was gewiss scheint, gehört ebenso dazu wie die streng kontrollierte Sprache. Emcke eröffnet eine plapperfreie Zone. Die wenigen Floskeln politischer Theorie, die sich eingeschlichen haben, stören umso mehr. Hier soll jedes Wort schweres Gewicht tragen. Einzeln stehen die meisten Sätze auf einer Zeile. Das Druckbild verspricht Prosaminiaturen, zwingt den Leser zum geduldigen Nachvollzug. Das passt zur Absicht, die sicheren Häfen des Meinens und Bescheidwissens zu verlassen, eine Route zu suchen jenseits des „ungebrochen Kollektiven”, der unverhohlenen Konfrontation, aber auch abseits „individualistischer Intimität”.
Am Nachmittag, man saß zu mehreren in der Küche, „hatte die RAF angerufen. Das ist nicht richtig. Da war keine Gruppe, die anrief. Da war noch nicht einmal ein Mensch. Es war eine gesichtslose, akzentfreie, männliche Stimme, die mit niemandem sprechen wollte, sondern nur verkünden.” Das Opfer, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, seine Familie, seine Freunde werden zum Objekt degradiert, auf Posten geschoben nach dem Plan der Verbrecher.
Mit der Erfahrung biographischer Enteignung beginnen diese Meditationen. Sie versprechen keine neue Wahrheit über die RAF, begründen vielmehr, warum wir trotz Ermittlungen, Recherchen und Geschichtsschreibung, öffentlicher Debatte und Ausstellungen dem Schweigen weiterhin ausgeliefert sind. Um den Raum des Schweigens zu verlassen, in den Täter und Opfer eingeschlossen sind, schlägt Carolin Emcke ein Gespräch vor. Sie will wissen, was die Täter in Herrhausen sahen, wie sie ihn beobachteten, ob sie bemerkt hatten, dass er ein neues Hüftgelenk besaß, ob ihnen Zweifel gekommen waren. Sie will die Geschichte in ihrem ganzen Umfang, in ihren Details kennen, um sie erzählen zu können. „Sie”, die Terroristen, „sollen gehen dürfen. Frei sein. So frei, wie man sein kann, wenn man Schuld auf sich geladen hat. (. . .) Freiheit gegen Aufklärung. Amnestie für das Ende des Schweigens.”
Es lässt sich einiges einwenden gegen diesen Vorschlag. Der Staat ist verpflichtet, Mord und Terror zu ahnden. Die Täter haben ein Recht auf eine angemessene Strafe, die Allgemeinheit den Anspruch, vor ihnen geschützt zu werden. Der moderne Rechtsstaat beginnt, indem er sich als Instanz der Allgemeinheit, unabhängig von Opfern und Tätern gleichermaßen behauptet, sein Gewaltmonopol nach Regeln durchsetzt.
Carolin Emcke weiß das, und hat starke Gründe auf ihrer Seite. Auch in einem Gerichtsverfahren werden detaillierte Aussagen und Reue hoch bewertet; das Urteil wird gesprochen – Zeichen für die Rückkehr zum Gespräch. Aber die Mörder Herrhausens sind nie gefasst worden. Die Ermittlungen wurden zum Desaster, einem gespenstischen Schurkenstück, von dem Verschwörungstheoretiker lange zehren könnten. Ein psychisch kranker V-Mann des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz machte zunächst detaillierte Aussagen, widerrief dann diese und schließlich seinen Widerruf.
Den Zorn der Opfer auf die Bundesanwaltschaft kann man gut verstehen. Wir wissen nicht, wer Detlev Karsten Rohwedder, wer Alfred Herrhausen oder Gerold von Braunmühl tötete. Die zum Teil hysterischen Reaktionen auf die Gnadengesuche von Christian Klar und Birgit Hogefeld verrieten wenig Interesse an der Wahrheit, auf die gerade die Angehörigen ein Anrecht besitzen. Aber auch die Öffentlichkeit weiß wenig über die zweite und dritte Generation der RAF, muss sich mit halben Geschichten, Legenden und Lücken bescheiden.
Im Namen des Kollektivs
Die bisherigen Aufklärungsversuche haben nicht zum Erfolg geführt. Warum also nicht Freiheit gegen Aufklärung tauschen? Den stärksten Grund zur Skepsis benennt Wolfgang Kraushaar in seinem hellsichtigen Kommentar im selben Buch. Die Terroristen sind nicht zum Reden gemacht, ihre „Identität”, ihr Selbstverständnis verbietet ihnen geradezu die Teilnahme an dem Gespräch, das Emcke fordert. Man muss nur in den Erinnerungen blättern, die Till Meyer von der „Bewegung 2. Juni” verfasst hat. Taktische Kritik wird man da finden, manches Detail, aber keine Bereitschaft, das Revolutionskollektiv zu verlassen, als Individuum andere Individuen zu akzeptieren. Emcke selbst berichtet von einem Besuch bei Peter-Jürgen Boock, der damals log wie später auch. Ihr Gegenbeispiel ist Silke Maier-Witt, die nach ihrer RAF-Karriere in der DDR untertauchte, 1990 verhaftet wurde. Sie wirke heute scheu, offen, transparent, „wie es nur jemand sein kann, die sich rücksichtslos selbstkritisch betrachtet hatte”. Da sie wohl den Mut zum Sprechen besäße, wünschte Emcke manchmal, Maier-Witt hätte Herrhausen ermordet.
Aber wäre vom Gros der Terroristen mehr zu erwarten als Sündenstolz oder Legitimationsrhetorik? Wer würde, nachdem ihnen Straffreiheit zugesichert wurde, ihre Aussagen prüfen, ob diese richtig und vollständig sind? Wer garantiert die sachgerechte Information über V-Männer und ihre Umtriebe? Wären die Motive der Täter im Gespräch besser zu verstehen oder enthalten die halb gestanzten, halb vulgären Erklärungen die ganze platte Wahrheit über die Propaganda der Tat? Welche Form müsste man finden, um den Anklang an Kritik- und Selbstkritik-Rituale, an die Unterwerfung des anderen im Dialog zu vermeiden?
Skepsis bleibt, aber sie ist auch im Inneren dieses Textes stets präsent. Er phantasiert nicht von Versöhnung, Erlösung, Heilung. Er vergegenwärtigt Schmerz und Erniedrigung durch Gewalt, lebt vom gestauten Pathos der Aufklärung, die konsequent nicht ohne einen utopischen Ausblick zu haben ist. Im Blick auf das gewünschte Gespräch erfahren wir, was fehlt. Emcke will bloß Wahrheit. Das ist mehr als die Öffentlichkeit fordert, wenn von der jüngsten Vergangenheit die Rede ist, und es ist mehr, als sie bekommt. JENS BISKY
CAROLIN EMCKE: Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF. Mit Beiträgen von Winfried Hassemer und Wolfgang Kraushaar. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 190 Seiten, 16,90 Euro.
Juni 1989: Alfred Herrhausen begrüßt Raissa Gorbatschowa mit Handkuss. Dahinter Traudl Herrhausen und Gorbatschow. Foto: Ullstein-dpa
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
…mehr
Besprechung von 26.05.2008
Carolin Emcke liest in Frankfurt

Gewalt sagt deutlich, was sie will, ihren Opfern aber verschlägt sie die Sprache, oft auf lange Zeit. Als Alfred Herrhausen im November 1989 von den Terroristen der Rote Armee Fraktion ermordet wurde, war seine Patentochter Carolin Emcke 22 Jahre alt. Jetzt hat die Journalistin und Politikwissenschaftlerin ein Buch veröffentlicht, das sie "Stumme Gewalt" genannt hat. In ihm fordert sie die Aufklärung einiger Aspekte der RAF-Taten, die nie wirklich zur Sprache gekommen seien - sie nennt die mögliche Unterstützung der Terroristen durch den Staatssicherheitsdienst der DDR. Außerdem plädiert Emcke für ein "Forum der Aufklärung", das geständigen Tätern im Tausch für gesichertes Wissen eine Amnestie in Aussicht stellte. Für ihr Buch ist Emcke mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet worden. Heute um 20 Uhr liest sie im Verlagshaus S. Fischer in der Frankfurter Hedderichstraße 114.

balk.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ein ungewöhnliches Buch, befindet Jens Bisky. Carolin Emckes Nachdenken über die RAF erscheint ihm in Form und Gehalt von üblicher Zeitgeschichte weit entfernt. Statt auf Quellenforschung und politisches Theoretisieren stößt Bisky auf Schmerzgegenwärtigung, auf cartesianische Meditationen und spekulative Prosaminiaturen. Dass Emcke keine neue Wahrheit, sondern Detailkenntnis anpeilt und das Schweigen im Gespräch aufzubrechen wünscht, kann Bisky deshalb nachvollziehen, weil der Text, wie er schreibt, die Skepsis dazu gleich mitliefert. Das "Pathos der Aufklärung" mit seiner utopischen Tendenz, das Bisky hier anweht, ist ihm jedoch auch Hinweis auf das, was fehlt: Wahrheit.

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