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Die Achtundsechziger polarisieren noch immer. Heinz Bude hat mit Männern und Frauen gesprochen, die damals dabei waren. Gemeinsam ist ihnen der Aufbruch aus der Kindheit zwischen Ruinen in eine Welt des befreiten Lebens. Aber Adorno gab ihnen auf den Weg, dass es einem umso schwerer wird, sich in der Gesellschaft nützlich zu machen, je mehr man von der Gesellschaft versteht. Mit einer trostlosen Vergangenheit im Rücken wollten sie die Gesellschaft verändern, um ein eigenes Leben zu finden. 50 Jahre nach der Revolte ist es an der Zeit zu verstehen, wie viel Privates seinerzeit das Politische…mehr

Produktbeschreibung
Die Achtundsechziger polarisieren noch immer. Heinz Bude hat mit Männern und Frauen gesprochen, die damals dabei waren. Gemeinsam ist ihnen der Aufbruch aus der Kindheit zwischen Ruinen in eine Welt des befreiten Lebens. Aber Adorno gab ihnen auf den Weg, dass es einem umso schwerer wird, sich in der Gesellschaft nützlich zu machen, je mehr man von der Gesellschaft versteht. Mit einer trostlosen Vergangenheit im Rücken wollten sie die Gesellschaft verändern, um ein eigenes Leben zu finden. 50 Jahre nach der Revolte ist es an der Zeit zu verstehen, wie viel Privates seinerzeit das Politische bewegte: Heinz Bude, einer der besten Kenner der deutschen Gesellschaft, zieht Bilanz.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: .505/25915, 505/25915
  • Seitenzahl: 124
  • Erscheinungstermin: 29. Januar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 128mm x 17mm
  • Gewicht: 242g
  • ISBN-13: 9783446259157
  • ISBN-10: 3446259155
  • Artikelnr.: 49464657
Autorenporträt
Bude, Heinz
Heinz Bude, geboren 1954, studierte Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit 2000 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel. 1997-2015 leitete er den Bereich "Die Gesellschaft der Bundesrepublik" am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er lebt in Berlin. Im Carl Hanser Verlag erschienen zuletzt: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen (2016) und Adorno für Ruinenkinder. Einge Geschichte von 1968 (2018). Weitere Informationen: http://heinzbude.de
Rezensionen
Besprechung von 27.02.2018
Sie haben sich durchgesetzt
In seinem Essay „Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968“ nimmt der Soziologe
Heinz Bude der Revolte das Aggressive und Giftige. Er betont das Freundliche, Gelingende
VON STEPHAN SPEICHER
Was verbindet man mit 1968? Sexualpolitische Experimente und Befreiung der Lust, den „Dadaismus von Rudi Dutschke“, linke Buchläden und antiautoritäre Pädagogik, Haschrebellen, die Wiederentdeckung von Lukács, Benjamin, Korsch und natürlich die Frankfurter Schule, Bob Dylan, Uschi Obermeier, die Roten Zellen in Betrieben, die RAF. Aber, so fragt Heinz Bude, der diese Vorschläge in seinem Buch „Adorno für Ruinenkinder“ macht, „verbinden auch die 68er ihre Lebenserfahrung damit?“
Nun, das müssen sie wohl. Das Assoziationsangebot Budes ist ja derart groß, irgendetwas wird da passen. Aber der Leser, der Budes Zusammenstellung (hier nur in Auswahl) liest, merkt, dass die Momente, die das persönliche Lebensgefühl ausmachen, stärker gewichtet sind als klassische politische Themen. Diese Gewichtung prägt sein neues Buch. Das Material hat Bude einem früheren Erfolg entnommen, dem „Altern einer Generation“, seiner Habilitationsschrift, die 1995 bei Suhrkamp erschien. Damals hatte er mit verschiedenen 68ern gesprochen, in langen Interviews, die exakt mit allen Unvollkommenheiten transkribiert waren, eingeschossen die Überlegungen des Autors. Das neue Buch nennt er einen „Remix“, es ist schmaler, schmissiger als das alte.
Doch wie im alten Buch treten neben gut fassbaren Persönlichkeiten, hier Peter Märthesheimer, der unter anderem das Drehbuch für Fassinders „Die Ehe der Maria Braun“ geschrieben hat, und Peter Gente, Gründer des Merve-Verlags, auch Figuren unter Pseudonym auf, und zwar ohne dass der Autor seine Leser darauf hinwiese. Als Klaus Bregenz wird ein C4-Professor der Soziologie aus Osnabrück eingeführt. Den gibt es so wenig wie Camilla Blisse, eine wichtige feministische Theoretikerin. Ist das richtig? Interviews, die im Schutz von Pseudonymen geführt werden, entziehen sich der Quellenkritik. Wir müssen dem Autor glauben, das ist es nicht, was Wissenschaft ausmacht.
Und dann geht es eben um sehr individuelle Erfahrungen. Ein Künstler (Drehbuchautor und Rundfunkredakteur) spricht, eine Journalistin, ein Professor der Soziologie, eine Theoretikerin des Feminismus, ein Verleger: Leute mit ungewöhnlichen, auch erfolgreichen Lebensgängen. Dürfen sie pseudonymisiert werden, ist das zulässig, wo es um Erfahrungen geht, die sich, anders als die von Bandarbeitern in der Autorindustrie zum Beispiel nicht etwa statistisch auswerten lassen? Schieben wir die methodischen Bedenken beiseite, so bleibt die Auswahl der bloß fünf Zeugen, an denen die ganze Gedankenführung hängt, ein entscheidender Faktor. Die Vaterfrage – Bude spricht vom Familienroman der Bundesrepublik – stellt sich hier ganz einfach dar. Dreimal kehrten die Väter nicht aus dem Krieg zurück und werden auch nicht weiter vermisst, zweimal sind sie unbedeutend, unbeteiligt. Bude hält das für repräsentativ. In der „Erlebnisschichtung“ der Kinder kamen die Väter, wenn sie den Krieg überlebt hatten, geschlagen zurück, und kriegten „nichts richtig hin“.
Doch für viele Familien waren die heimkehrenden Väter ein ernstes Problem. Die Söhne wurden in eine ödipale Situation hineingedrängt, und dass die Väter sich bald als ziemlich tüchtig erwiesen, machte die Sache nicht leichter. Hans Ulrich Wehler hat über den unbedingten Leistungswillen gesprochen, den die militärisch geschlagenen Männer nun auf zivilen Feldern zeigten. Das machte sie nicht liebenswürdiger, aber waren es unfähige Hanseln? Peter Gente erklärte 1995 die ödipale Rebellion für nichtig, dabei konnte er wohl kaum für seine Generation sprechen.
Wenn Bude das Väterproblem von seinen Gewährsleuten abräumen lässt, so nimmt er 1968 auch das aggressive, fast giftige Moment, das – auf beiden Seiten – im Generationenkonflikt hochkochte. Das eben macht Budes „Geschichte von 1968“ aus: das Freundliche, Gelingende. Der Soziologieprofessor Klaus Bregenz hat sein selbstgestecktes wissenschaftliches Ziel nicht ganz erreicht, da ist eine Spur von Bitterkeit, die Bude aber gegenüber der früheren Publikation charakteristisch abgemildert hat. Im Wesentlichen repräsentieren die fünf Menschen den Erfolg der 68er. Sie haben sich durchgesetzt und als markante Ichs behauptet. Diejenigen, die sich in jahreslange Marx-Exegesen vertieften oder verbohrten, die in die K-Gruppen gingen, sich den Moskauer Truppen anschlossen (in den Studentenparlamenten über Jahre noch gut vertreten), „in der Produktion“ Kontakt mit der Arbeiterklasse aufnehmen wollten, der RAF zuneigten und vor allem diejenigen, die nach hochfliegenden Träumen sich im Schul- oder Verwaltungsdienst wiederfanden, ernüchtert oder zuletzt doch einverstanden, aber sicherlich nicht ohne gesellschaftliche Wirkung – sie alle fehlen hier.
Es mag schon sein, dass die Studentenbewegung stärker ein kulturelles, auch theoretisches Phänomen war als ein politisches. Adorno eröffnete eine Möglichkeit, jenseits der zeremoniösen Abendländerei zu sprechen und doch nicht einem öden Positivismus zu verfallen; eine Anleitung zur Revolutionierung der Verhältnisse bot er nicht. Vorlesungen zum Begriff der Entfremdung wurden wohl tatsächlich besser besucht als solche über Trotzkis Technik der Revolution. „1968 hörte man am Radio und sah man beim Tanzen. 1968 hieß vor allem Politik der ersten Person, was besagte, dass man das persönliche Unglück als gesellschaftliches Unrecht bezeichnen und erfahren durfte.“
Der emanzipatorische Gedanke war vielleicht wirklich stärker als der egalitäre, was im Übrigen auch nicht gegen Marx ginge. Aber ob es wirklich so war, ob der traditionell sozialistische Zweig nicht doch unterschätzt wird, ob es nicht womöglich eine große Zahl von 68ern gibt, die ihr Engagement als gescheitert betrachten, das ist Bude gleich, Quantifizierung interessiert ihn nicht. Er sieht auf die emanzipatorische Erbschaft, das, was seine Lebensfarbe bis jetzt bewahrt hat, was zunächst die Grünen aufgenommen haben und in schwächerer Dosierung dann auch die anderen. Budes 1968 ist ein Teil der harmonischen Entwicklung der Bundesrepublik, bunt und munter, eher amüsant als dramatisch, just so, wie der Autor selbst sich zu zeigen liebt.
Adorno eröffnete die Möglichkeit,
jenseits der zeremoniösen
Abendländerei zu sprechen
Heinz Bude: Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968. Hanser-Verlag, München 2018. 127 Seiten, 17 Euro. E-Book 12,99 Euro.
„Sehen so die Lebensmodelle aus, die die 68er ihren Enkeln übergeben können?“, fragt Heinz Bude am Ende seines Rückblicks auf turbulente Jahre der alten Bundesrepublik. – Berlin, 1968: Rudi Dutschke kommt vom Einkauf.
Foto: Thomas Hesterberg / Süddeutsche Zeitung Photo
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Besprechung von 03.03.2018
Gut leben vom Dagegensein
Heinz Bude blickt auf das Jahr der Revolte zurück

Heinz Budes Buch "Adorno für Ruinenkinder" trägt den Untertitel "Eine Geschichte von 1968". Das ist eine sehr verkürzte, fast irreführende Wiedergabe seines Inhalts. Der Essay enthält nämlich die Lebensgeschichten von fünf Personen, die sich im weitesten Sinne als Achtundsechziger verstanden haben. Die Gespräche, auf die sein Buch aufbaut, hat Bude allerdings bereits Mitte bis Ende der achtziger Jahre geführt, damals als Material für seine 1995 erschienene Studie "Das Altern einer Generation".

Der Leser nimmt daran teil, wie Bude dreißig Jahre später versucht, sich an Gespräche zu erinnern, die sich um Erinnerungen drehten - an Krieg und Flucht, an die abwesenden oder toten Väter, an Kindheit und Jugend in den Fünfzigern, an die sechziger Jahre und das magische Jahr der Revolte. Diese doppelte Rückschau wird dadurch verkompliziert, dass Bude die Reflexionen seiner Gesprächspartner mit eigenen Erinnerungen an und Reflexionen über sein persönliches Erleben von 1968 ergänzt. Sein mimetischer Erzählstil verzichtet dabei auf eine eindeutige Kennzeichnung des jeweiligen Sprechers - Perspektiven, Zitate, direkte und indirekte Rede werden virtuos gemischt, so dass sich zwar ein eigener Sound einstellt - Bude nennt seinen Text ironisch einen Remix -, passagenweise aber auch ein Verlust an Übersicht.

Budes Zurückhaltung gegenüber seinen Gesprächspartnern verweist auf seine Überzeugung, in den Selbstzeugnissen ausreichend Stoff zu finden, um die Bedeutung dieser Generation zu ermessen. Er wolle dazu deren "Erlebnisschichtung von der Kriegskindheit über die Rebellion gegen das Ganze und die Adaption ans Unveränderliche" verfolgen, um im "möglichst präzisen Spekulieren das Leben dieser Älteren zu erfassen". Fachhistoriker mögen einwenden, dass Bude das Spekulieren übertreibt und dabei den Nachweis der Repräsentanz seiner fünf Beispielachtundsechziger naturgemäß schuldig bleiben muss.

Der West-Berliner Verlagsgründer Peter Gente etwa, die Feministin Adelheid Guttmann oder der Adorno-Schüler und spätere Soziologie-Professor Klaus Bregenz sind in ihrer intellektuellen Beredsamkeit für Bude aber fast schon so etwas wie Idealtypen von Achtundsechzigern. Ihr Abstraktionsniveau der eigenen Lebensgeschichte gegenüber kann mühelos mit Budes Erwartung mithalten, dass 1968 eine Veranstaltung enthusiastischer Sinnsucher war, die mit Marx und Adorno im Kopf ein Leben finden wollten, das man aushalten konnte.

Man muss über Wissen zur Geschichte der Bundesrepublik verfügen, um die Präzision beurteilen zu können, mit der Bude die Bändigung seiner Spekulationslust einlöst. Nur dann kann man die Stärke des Buches einschätzen: Budes Fähigkeit, in seinen emphatischen Porträts diese Erlebnisschichtungen zur präzisen Gestalt einer vaterlosen Generation zu verdichten, die tatsächlich das Privileg hatte, Geschichte schreiben zu können. Budes Achtundsechziger waren alle Leser, aus denen Autoren wurden. Sie hatten bei Adorno zwar gehört, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe. Aber zu was zwang dieser Satz? Jedenfalls nicht zur Ablehnung einer intellektuellen Karriere. Manche zwang er in den Untergrund, weil sie sich mit den angeblich so falschen Verhältnissen nicht abfinden konnten.

Für die anderen, die wie Budes Gesprächspartner gelernt hatten, dass Philosophie am Ende zu gar nichts zwingt, eröffneten sich nach 1968 neue Wege, das richtige Denken, das Nicht-einverstanden-Sein mit der Gesellschaft zum Beruf zu machen. Es gab nicht nur die Gesellschaft, sondern auch deren "kritische" Beschreibung. Man fand Gleichgesinnte, organisierte sich in Kollektiven, Verlagen und neuen Zeitschriften, bei Film, Radio und Fernsehen. Dass man vom Dagegensein gut leben konnte, war auch eine Errungenschaft von 1968, vielleicht sogar die wichtigste.

Jedenfalls stellt Bude anerkennend fest, alle seine fünf Achtundsechziger hätten es doch zu etwas gebracht. Ihre Mütter wären bestimmt stolz auf sie gewesen. Was will man mehr? Budes Fazit klang ihm vielleicht sogar selbst zu generös, jedenfalls schiebt er diesem Lob noch die Frage nach, was von der Idee der Befreiung und der Sehnsucht nach Welt bleibt. Dass Bude da eigentlich nicht mehr viel einfällt, liegt sicher auch am Material seines Buches. Diese Selbstzeugnisse sind für ein heutiges Buch eigentlich zu alt. Zwischen den Zeilen spürt man die Idylle der Bundesrepublik. Die Frage, was heute von 1968 bleibt, kann man damit abschließend nicht beantworten.

GERALD WAGNER

Heinz Bude: "Adorno für Ruinenkinder".

Eine Geschichte von 1968.

Hanser Verlag, München 2018. 128 S., geb., 17,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Für den Rezensenten Gerald Wagner gelangt Heinz Bude mit seinem Buch nicht zu einer befriedigenden Beantwortung der Frage, was heute von 1968 bleibt. Dafür sind die im Buch präsentierten Selbstzeugnisse, die der Autor bereits Mitte, Ende der Achtziger sammelte, einfach zu alt, meint er. Ein weiteres Problem des Buches liegt für den Rezensenten in seiner Strukturierung. Dass Bude versucht, sich an die Gespräche mit Peter Gente, Klaus Bregenz oder Adelheid Guttmann zu erinnern, die ihrerseits um die Erinnerung (an '68) bemüht sind, scheint Wagner dann doch der Rückschau zu viel. Zumal der Autor laut Rezensent nicht kennzeichnet, wer gerade spricht. Zwar entstehe so ein eigener Sound, der Leser verliere aber die Übersicht, meint Wagner. Budes Fähigkeit, das Spekulative in der Erinnerung an '68 zur präzisen Gestalt einer Generation zu verdichten, kann laut Wagner nur einschätzen, wer über ein gewisses Maß an Wissen zur Geschichte der Bundesrepublik verfügt.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Es ist das klügste Buch zu 1968." Arno Widmann, Perlentaucher; 20.03.18

"So hat Heinz Bude einen elegant-pointillistischen Langessay unter dem Titel "Adorno für Ruinenkinder" vorgelegt: eine konzise, der eigenen biografischen Verortung des 1954 geborenen Autors durchaus bewusste Erzählung." Micha Brumlik, die tageszeitung, 08.03.18