Nachkommenschaften - Stifter, Adalbert

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Als "feuilletonistische Abnormität" hat Thomas Mann Adalbert Stifters 1867 entstandene Prosa "Aus dem bairischen Walde" bezeichnet, und das war als großes Kompliment gedacht. Das Spätwerk des österreichischen Schriftstellers hebt sich in seiner zunehmend radikaler werdenden Form von der früheren Prosa ab. Es hat Adalbert Stifter von den Lesern seiner Zeit isoliert, ihn für die Lektüre nachfolgender Generationen aber gewonnen. Als Inbegriff modernen Erzählens, das sich der zeitgenössischen Verpflichtung zum Realismus entzieht, gilt Stifters späte Prosa, die hier in einer klar konturierten…mehr

Produktbeschreibung
Als "feuilletonistische Abnormität" hat Thomas Mann Adalbert Stifters 1867 entstandene Prosa "Aus dem bairischen Walde" bezeichnet, und das war als großes Kompliment gedacht. Das Spätwerk des österreichischen Schriftstellers hebt sich in seiner zunehmend radikaler werdenden Form von der früheren Prosa ab. Es hat Adalbert Stifter von den Lesern seiner Zeit isoliert, ihn für die Lektüre nachfolgender Generationen aber gewonnen. Als Inbegriff modernen Erzählens, das sich der zeitgenössischen Verpflichtung zum Realismus entzieht, gilt Stifters späte Prosa, die hier in einer klar konturierten Auswahl vorliegt. Sie zeigt den Autor als Avantgardisten der Wahrnehmung, als einen, den das, was heute gemeinhin als 'Plot' bezeichnet wird, nicht mehr wirklich interessiert. Texte wie "Nachkommenschaften", "Der Waldbrunnen", "Der Kuss von Sentze", "Der fromme Spruch", "Winterbriefe aus Kirchschlag" und "Mein Leben" sind neu zu entdecken - als eigenwillige literarische Recherche, als große Abenteuer der Schriftlichkeit.
  • Produktdetails
  • Österreichs Eigensinn Bd.1
  • Verlag: Jung Und Jung
  • Seitenzahl: 256
  • Erscheinungstermin: Februar 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 128mm x 35mm
  • Gewicht: 440g
  • ISBN-13: 9783990270011
  • ISBN-10: 399027001X
  • Artikelnr.: 34546189
Autorenporträt
Adalbert Stifter, geboren 1805 in Oberplan (Böhmen), studierte in Wien Rechtswissenschaften. Er war zunächst Privatlehrer, danach freier Schriftsteller und ab 1853 als Konservator für Oberösterreich bestellt. Er starb 1868 in Linz.
Rezensionen
Besprechung von 24.09.2012
Am Anfang dieses Schriftstellerlebens stand ein Sprachverbot

Komödiantische Verzweiflung: Die späten Erzählungen Adalbert Stifters offenbaren überraschend parodistische Töne und faszinierende autobiographische Einblicke.

Das Spätwerk Stifters, das dieser Band der "Bibliothek des österreichischen Eigensinns" präsentiert, gehört zu den rätselhaftesten literarischen Hervorbringungen des neunzehnten Jahrhunderts. Von den Zeitgenossen, deren Leseerwartungen sich zunehmend am Realismus ausrichteten, wurde es verschmäht - zu altersabstrakt erschienen Erzählungen wie "Nachkommenschaften", "Der Kuss von Sentze" und "Der fromme Spruch". So war Stifter immer ein Wiederentdeckter, von der "Nachsommer"-Begeisterung Nietzsches bis zu den Stifter-Exerzitien Peter Handkes und Arnold Stadlers. Wiederentdeckt wurde der späte Stifter auch von der jüngeren Literaturwissenschaft. Der zeremonielle Leerlauf der Sprache faszinierte semiotische Leser, denen die realistische Abbildfunktion literarischer Sprache längst suspekt geworden war.

In komödiantischem Verzweiflungston verflucht der Ich-Erzähler der Novelle "Nachkommenschaften" die Landschaftsmalerei und die Maler, die sich vor Wasserfällen und Ritterburgruinen postieren, um ein Landschaftsbild nach dem anderen zu malen: Kulturinfarkt. Allerdings ist dieser Friedrich Roderer selbst ein Landschaftsmaler, und er rechnet aus, wenn er fortan sein Leben lang - und er entstammt einer sehr zur Langlebigkeit tendierenden Familie - immer weiter Landschaften malt, wie viele große Wagen voller Landschaftsbilder da am Ende zusammenkommen: "Es ist entsetzlich. . ." Dieser manische Ton, rhythmisiert durch Wiederholungen, liest sich wie eine Parodie des Thomas-Bernhard-Stils, nur dass er hundert Jahre früher geschrieben wurde. Man spürt, wie viel Bernhard Stifter zu verdanken hat, auch wenn er diese Spur in den Stifter-Beschimpfungen des Romans "Alte Meister" verwischt hat.

Friedrich Roderer versucht auf einer Leinwand akribisch die Moorlandschaft festzuhalten, die sein Verwandter, der Großgrundbesitzer und Philanthrop Peter Roderer, unterdessen trockenlegt. Am Ende erweist sich Friedrich als echter Roderer. Zur Familientradition gehört es nämlich, sich eines Tages radikal von dem abzuwenden, was man bis dahin mit fanatischer Leidenschaft betrieben hat. So wie Peter Roderer sich einst von der Dichtung abkehrte, als er einsehen musste, dass er Homer wohl doch nicht übertrumpfen würde, so rodet Friedrich Roderer seine Kunst aus, vernichtet all seine Gemälde und heiratet zum "Doppelrodererwohl" die Tochter Peter Roderers. Es ist eine Parodie auf die Kunstreligion des neunzehnten Jahrhunderts, der Stifter selbst in vielen seiner Werke zugearbeitet hat. Sehr überraschend, wie selbstironisch der oft gravitätisch ernste Autor hier auftritt.

Die Geschichten spielen in Adelskreisen, und meist haben sie eine komödienhafte, ihre Konstruiertheit geradezu ausstellende Handlung: Hochzeiten mit Hindernissen. Zentral ist der Familienkult, der vom Biedermeierlichen ins Bizarre hinübergespielt wird. Es geht um die Erzeugung von existentieller Wiederholung und Gleichförmigkeit mittels Verwandtenehe. Zusammengeschmolzene Geschlechter zeugen sich fort in Unnatur. An dieser auch formalen "Unnatur" störte sich zuletzt auch Stifters Verleger Heckenast. Er beklagte die Steifheit und Gezwungenheit; die Dialoge seien alle "wie auf Schrauben gestellt". Tatsächlich dürfte es kaum ein anderes Werk der Vormoderne geben, das in der Rücknahme explizierender Beschreibung zugunsten formelhafter Benennung so weit geht wie "Der fromme Spruch". Die Geschwister Gerlint und Dietwin treffen sich, um der Spruchweisheit, die Ehen würden im Himmel geschlossen, ein wenig nachzuhelfen und die Vereinigung der nächsten Generation voranzutreiben. Auch deren Vertreter heißen Gerlint und Dietwin, woraus sich merkwürdig spiegelbildliche Satzgebilde ergeben. Die Reden der Figuren bestehen aus unermüdlich replizierten Grußformeln und anderen Sprechritualen, die alles Unvorhersehbare tilgen. Man spricht, um möglichst wenig zu sagen und sich immer aufs Neue des Einverständnisses zu versichern: Leben und Reden als Tautologie. Daraus ergibt sich eine stark formalisierte, artifizielle, wie unter Ordnungszwang stehende Prosa, die wie eine sanfte Parodie des befriedeten Wunschlebens wirkt, das Stifter im "Nachsommer" entfaltet hat. Befremdlich ragt eine einzige gewaltsame Erinnerung aus der geglätteten Erzähloberfläche: wie Gerlint einst Dietwin zu Boden warf und ihren Kopf ins Gras drückte, bis sie sich nicht mehr regte. Worauf Dietwin aufsprang, ein Messer vom Gartentisch nahm und auf Gerlint einstach. Ansonsten werden Rosen gezüchtet oder, im "Kuss von Sentze", Moose anhand der wissenschaftlichen Literatur klassifiziert.

Gelegentlich schlägt Liebe durch, so in der pädagogischen Novelle "Der Waldbrunnen", wo ein alter Mann fassungslos zum ersten Mal im Leben Zuneigung um seiner selbst willen erfährt - ausgerechnet von einem verwilderten Waisenkind. Momente der wahren Empfindung, wie in den großen Novellen der "Studien" gibt es auch in der autobiographischen Erzählung "Aus dem bayrischen Walde", der Beschreibung einer Naturkatastrophe, eines ungeheuren dreitägigen Schneefalls. Es beginnt mit differenzierter Landschaftsbeschreibung; dann aber wird alle Differenzierung ins weiße wirbelnde Nichts zurückgenommen. Die Stimmung des Erzählers kippt von Faszination in Entsetzen. Er wird den Schnee nicht mehr los; auch wenn er die Augen schließt, hat er das Flirren innen auf den Lidern. Als es endlich aufhört zu schneien, ist draußen alles so zugeschüttet, dass das landschaftliche Orientierungswissen, das zuvor behäbig ausgebreitet wurde, hinfällig ist. Thomas Mann nahm sich diese Erzählung zum Vorbild für das Schnee-Kapitel des "Zauberbergs". Sie zeigt mit ihrem Einbruch des Erhabenen, wie sehr die harmonisierten Kunstwelten Stifters Schutzvorrichtungen gegenüber Gefährdungen, Schrecknissen und Verstörungen sind, die sich sonst in seinen Texten eher als bedrohliche Unterströmung geltend machen.

In dem nur achtseitigen Versuch einer Autobiographie behauptet Stifter, sein Leben sei so einfach gewesen "wie ein Halm wächst". Und liefert gleich konträr dazu seine erste Erinnerung: ein Gefühl des Entsetzens. Klirren, Schmerz, blutige Hände - offenbar hat er eine Scheibe zerschlagen, denn die Großmutter sagt: "Mit einem Knaben, der die Fenster zerschlägt, redet man nicht." Am Anfang dieses Schriftstellerlebens: ein Sprachverbot. Und die Erinnerungskonstruktion reicht noch weiter zurück ins Vorsprachliche, in frühkindliche oder gar pränatale Zustände: Gefühlsinseln, die "feen- und sagenhaft in dem Schleiermeere der Vergangenheit liegen, wie Urerinnerungen eines Volkes". Am Ende dieses faszinierenden Textes findet der Junge zur Sprache. Auf dem Fensterbrett sitzend, liest er Bücher, beobachtet die Straße und bringt die Welt in Form und Formulierung: "Da geht ein Mann nach Schwarzbach, da fährt ein Mann nach Schwarzbach, da geht ein Hund nach Schwarzbach, da geht eine Gans nach Schwarzbach... Ich mache Schwarzbach."

WOLFGANG SCHNEIDER

Adalbert Stifter: "Nachkommenschaften". Späte Erzählungen.

Hrsg. v. Karl Wagner. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2012. 367 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Stifters hier versammelte späte Erzählungen eröffnen Wolfgang Schneider ein Konvolut der Rätselhaftigkeit. Schneider merkt nicht nur, wie viel Thomas Bernhard diesem Stifter zu verdanken hat, den komödiantischen Verzweiflungston, das rhythmisch Repetitive, er versteht auch, wie schwer es der Autor seinem Verleger gemacht haben muss, indem er die realistische Abbildfunktion kurzerhand über Bord warf und gesellschaftliche wie kunstreligiöse Unmöglichkeiten parodistisch formelhaft ausstellte. Hier nachzulesen in Texten wie dem titelgebenden oder "Der fromme Spruch". Leben und Reden als Tautologie, Ordnungszwangprosa, wie es Schneider fasst. Und dann merkt er doch auch, zu welchem Zweck: Als Schutzwall des Autors und seiner Gestalten gegen das Schreckliche und Verstörende.

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