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32 Jahre lang hat Gerhard Roth an seinen beiden Romanzyklen "Die Archive des Schweigens" und "Orkus" gearbeitet - ein einzigartiger Kosmos der Literatur und des Denkens, der neben klassischen Romanen auch dokumentarische und essayistische Bände umfasst. Der Band "Orkus" ist der Schlussstein dieser monumentalen Arbeit: ein autobiographischer Roman, in dem das Leben des Autors mit dem seiner Figuren auf faszinierende Weise verschmilzt. "Orkus" ist die Essenz eines Schriftstellerlebens: ein Buch über das Wesen des Menschen, die Wahrnehmung der Welt, die Suche nach einer anderen Wirklichkeit. Eine…mehr

Produktbeschreibung
32 Jahre lang hat Gerhard Roth an seinen beiden Romanzyklen "Die Archive des Schweigens" und "Orkus" gearbeitet - ein einzigartiger Kosmos der Literatur und des Denkens, der neben klassischen Romanen auch dokumentarische und essayistische Bände umfasst.
Der Band "Orkus" ist der Schlussstein dieser monumentalen Arbeit: ein autobiographischer Roman, in dem das Leben des Autors mit dem seiner Figuren auf faszinierende Weise verschmilzt. "Orkus" ist die Essenz eines Schriftstellerlebens: ein Buch über das Wesen des Menschen, die Wahrnehmung der Welt, die Suche nach einer anderen Wirklichkeit. Eine lange Reise zu den Toten und der grandiose Versuch, das Leben zu verstehen, ohne es zu zerstören.

Zum Werk von Gerhard Roth gibt Auskunft der Materialienband "Die Zeit, das Schweigen und die Toten", herausgegeben von Jürgen Hosemann.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.18303
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Seitenzahl: 672
  • Erscheinungstermin: 22. Mai 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 125mm
  • Gewicht: 505g
  • ISBN-13: 9783596183036
  • ISBN-10: 3596183030
  • Artikelnr.: 34516477
Autorenporträt
Roth, Gerhard
Gerhard Roth, 1942 in Graz geboren, lebt als freier Schriftsteller in Wien und der Südsteiermark. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, darunter den 1991 abgeschlossenen siebenbändigen Zyklus 'Die Archive des Schweigens'. Anschließend erschienen die Bände des 'Orkus'-Zyklus: die Romane 'Der See', 'Der Plan', 'Der Berg', 'Der Strom' und 'Das Labyrinth', die literarischen Essays über Wien 'Die Stadt' sowie die beiden Erinnerungsbände 'Das Alphabet der Zeit' und 'Orkus'. Zuletzt erschien der Roman 'Grundriss eines Rätsels'. Literaturpreise (Auswahl): Preis der »SWF-Bestenliste«, Alfred-Döblin-Preis Marie-Luise-Kaschnitz-Preis Preis des Österreichischen Buchhandels Bruno-Kreisky-Preis 2003 Großes Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien 2003 Jakob-Wassermann-Preis 2012 Jeanette-Schocken-Preis 2015 Jean-Paul-Preis 2015 Großer Österreichischer Staatspreis 2016 Hoffmann-von-Fallersleben-Preis 2016
Rezensionen
Besprechung von 08.06.2011
In Österreich, unter dem Heldenplatz
„Orkus. Reise zu den Toten“ – Gerhard Roth beendet seinen Romanzyklus „Die Archive des Schweigens“
Vom Stillen Ozean in den Orkus: Nach mehr als dreißig Jahren und knapp 6000 Seiten hat der österreichische Autor Gerhard Roth sein episches Lebenswerk vollendet. „Der Stille Ozean“ eröffnete 1980 den Romanzyklus „Die Archive des Schweigens“, mit „Orkus“ findet nun der zweite, gleichnamige Zyklus seinen Abschluss. 15 Bände erzählen die Geschichte der Republik Österreich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wie sie sich mal selbstbewusst, mal verdruckst in Europa eingerichtet hat, vorsichtig weltoffen während der Jahre Bruno Kreiskys, unverhohlen chauvinistisch seit dem Aufstieg der Rechtspopulisten in den Jahren Waldheims. Ein soziales Panoptikum erfundener, verfremdeter und realer Figuren führen diese Romane vor, die immer wieder bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreichen: Die Gegenwart kann sich von der Vergangenheit nicht lösen.
Wenn Gerhard Roths episches Riesenwerk nun mit einer Reise zu den Toten endet, gibt es an dessen historischer und politischer Perspektive wenig mehr zu deuten. Nichts ist vergangen, aber all jene, die einmal für ein anderes Österreich standen, sind tot – und niemand weit und breit, der heute ihren Platz einnehmen könnte. Roths Orkus setzt sich aus etwas über hundert Kapiteln zusammen, in denen mal eine Geschichte erzählt, mal ein Porträt gezeichnet wird, Figuren aus früheren Romanen wiederkehren oder der Autor selbst sich an sein Leben erinnert. Eine Handlung im traditionellen Sinn entsteht so nicht, vielmehr ein großes unübersichtliches Gebäude, wo hinter jeder Türe ein anderer, oft seltsamer Bewohner haust.
Den Grundriss dieses Gebäudes hat Roth sehr genau geplant. Genau in der Mitte des Buches unternimmt er als Ich-Erzähler eine Reise nach Mauthausen, begleitet von zwei Romanfiguren. Ein Pensionist führt sie durch das frühere Konzentrationslager, erklärt in allen Einzelheiten die Verfahren des Massenmords und hat alle Zahlen parat, die dessen Dimensionen zumindest erahnen lassen. Ein unerträglich mechanischer Vortrag, würde der alte Mann nicht regelmäßig einen Schluck aus einem Flachmann nehmen, bis er am Ende der Führung seine Trunkenheit nicht mehr verbergen kann. Das nationalsozialistische Lager steht im Zentrum von Roths Orkus, Höhepunkt und Ausgangspunkt aller Katastrophen unseres Zeitalters.
Dass Roths Eltern Parteigenossen waren, hat er erst spät erfahren, und es hat ihn wie ein Schock getroffen. Wie Mauthausen im Zentrum von „Orkus“ steht, bildet diese Familiengeschichte einen Fluchtpunkt für Roths Schreiben. Sein Lebenswerk bringt zur Sprache, was andere verschweigen, erinnert an das, was andere vergessen wollen. Die Geschichte des nationalsozialistischen Terrors reicht bis in die Gegenwart, bis in die feinsten Kapillaren der Gesellschaft.
Wer wie Roth versucht, sich auf ihre ganze Komplexität einzulassen, stößt an die Grenzen des traditionellen chronologischen Erzählens. Und so folgen die beiden Zyklen im Großen wie nun „Orkus“ im – verhältnismäßig – Kleinen dem Prinzip einer potentiell unendlichen Beschreibung und nicht dem einer abgeschlossenen Erzählung. Ein langes Kapitel über Adolf Wölfli kann man in diesem Sinne programmatisch lesen. Dessen Psychose produzierte in unablässiger Folge Assoziationen, Abschweifungen und Verweisungen, die sich am Ende zu einem mehr als dreitausendseitigen Werk verknüpften, Autobiographie und imaginäre Enzyklopädie zugleich. Um den Preis der Verstehbarkeit hatte Wölfli unbewusst eine Technik des Beschreibens gefunden, wie sie sich Roth erst einmal erarbeiten musste – dabei mag ihm das Studium von Wölflis opus magnum geholfen haben.
Mit der Kunst psychisch Kranker hat sich Roth schon früh beschäftigt. Regelmäßig besuchte er die Künstler in der niederösterreichischen Nervenheilanstalt Gugging. Wenn er die Nähe des Künstlers zum Psychotiker beschwört, zeigt er überraschende Affinitäten zur Romantik. Dazu passt, dass ihn auch die Figur des Verbrechers fasziniert, der auf andere Weise den gesellschaftlichen Ausschluss verkörpert. Und sicher ist es kein Zufall, dass den Kapiteln über Wölfli und Gugging autobiographische Kapitel korrespondieren, in denen Roth sich mit gnadenloser Genauigkeit an Alkoholexzesse erinnert, die er einige Male um ein Haar nicht überlebt hätte. Auch Wolfgang Bauer war dabei, und der hat sich dann wirklich zu Tode gesoffen.
So exzessiv er getrunken hat, so diszipliniert hat Roth gearbeitet, anders wäre sein Riesenwerk nicht zu bewältigen gewesen. Nach außen erscheint er als fleißiger, penibler Rechercheur, buchhalterisch trocken nicht nur als Protokollant persönlicher Krisen, sondern auch in seinen Erinnerungen an Begegnungen mit Elias Canetti, an seinen Besuch im Wittgensteinhaus oder an die Premiere von Bernhards „Heldenplatz“. In diesen Kapiteln ist er weit entfernt vom künstlerischen Outcast, steht er, bei aller inneren Distanz, mittendrin im Wiener Kulturbetrieb. Und wenn er von Bruno Kreisky in die Privatwohnung eingeladen und dort in vertrauliche Gespräche gezogen wird, rückt er gar in die Nähe des Staatsschriftstellers: eine Rolle, die ihm zumindest für ein paar Stunden offenbar nicht unangenehm war.
Diese Zeiten sind freilich vorbei, wirken von heute aus unendlich fern, sie sind in den Orkus abgesunken, abgeschottet von aller Gegenwart. Das Ende aller Zeiten jedoch ist ohnehin erreicht: „Dante gelesen. Bin Dante. Im Inferno herrscht Reglosigkeit.“ So notiert es ein Bewohner des Orkus kurz vor Schluss, nachdem er sich in verschiedene Identitäten aufgelöst hat: „Ich bin Ascher, ich bin Jenner, ich bin Lindner. Ich bin der Schriftsteller.“
In einer großen, surrealen Vision macht sich diese Kunstfigur, in der sich Fiktion und Realität vermischen, von Florenz aus dorthin auf, wo es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum, biblische und antike Bilder von Anfang, Erlösung und Ende der Welt ziehen vorüber, das angemessene Finale für ein episches Großwerk, rücksichtslos nicht zuletzt den Lesern gegenüber, eigensinnig, ohne Vergleich in der Literatur dieser Generation: „Meer aus Luft, Meer aus Scheiße, Meer der Toten . . . Über den ganzen Erdball . . . Schweigen. Traum, Schlaf. Der Stille Ozean.“
TOBIAS HEYL
GERHARD ROTH: Orkus. Reise zu den Toten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 668 Seiten, Euro 24,95.
Ein Pensionist führt durch das
ehemalige Konzentrationslager,
er hat alle Zahlen parat
Der Schriftsteller Gerhard Roth im „Haus der Künstler“ in der Ortschaft Maria Gugging am Rande des Wienerwaldes, nördlich von Wien. Seit 1981 leben und arbeiten hier psychisch Kranke und geistig Behinderte. Foto: Philipp Horak/Anzenberger
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Ein Roman ist Gerhard Roths "Orkus", letzter Band des gleichnamigen Zyklus, nicht. Eine Autobiografie ist es aber auch nicht, jedenfalls nicht, wenn man darunter die chronologische Nacherzählung eines Lebens versteht. Roth schreibt vielmehr über das, was ihn zum Schreiben antrieb, erzählt Ulrich Greiner in seiner Rezension. Das waren und sind: andere Schriftsteller, das Interesse am Wahnsinn und am Bösen. Roth erzählt von Mordprozessen, von den Bildern psychisch Kranker, dann tauchen plötzlich Figuren aus seinen Romanen auf. Wovon das alles zusammengehalten wird? Von Roths Überzeugung, dass Erfindungen und Einbildungen wirklich sind, erklärt Greiner. Und so ist dieses Buch für ihn vor allem eine Abenteuerreise in die menschliche Seele.

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