Ordnung und Gestalt - Düwel, Jörn; Gutschow, Niels
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Das 20. Jahrhundert begann mit einer vernichtenden Klage gegen die Großstadt: Sie sei grenzenlos und unübersichtlich, chaotisch und ungeordnet. Der Großstädter sei haltlos; er fühle sich ungeborgen und nicht sesshaft - deshalb die allgemein akzeptierte Forderung, die Stadt von Grund auf zu erneuern (»Gesundung des kranken Stadtkörpers«) oder gar aufzulösen. Wohl bedachte Beglückungsstrategien von Stadtplanern und Architekten zielten darauf, die überkommene Stadt durch eine bessere zu ersetzen. Dabei ging es nicht nur um neue Räume, sondern vor allem um andere soziale Ordnungsmuster. Im…mehr

Produktbeschreibung
Das 20. Jahrhundert begann mit einer vernichtenden Klage gegen die Großstadt: Sie sei grenzenlos und unübersichtlich, chaotisch und ungeordnet. Der Großstädter sei haltlos; er fühle sich ungeborgen und nicht sesshaft - deshalb die allgemein akzeptierte Forderung, die Stadt von Grund auf zu erneuern (»Gesundung des kranken Stadtkörpers«) oder gar aufzulösen. Wohl bedachte Beglückungsstrategien von Stadtplanern und Architekten zielten darauf, die überkommene Stadt durch eine bessere zu ersetzen. Dabei ging es nicht nur um neue Räume, sondern vor allem um andere soziale Ordnungsmuster. Im Rückblick ist nicht zu übersehen, dass die Umsetzung dieser Versprechen zum unbedingten Glück immer wieder an den Realitäten scheiterte. Erst im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts setzte sich allmählich die Erkenntnis vom hohen kulturellen und sozialen Wert der bestehenden Stadt durch. Diese widersprüchliche und kontrastreiche Entwicklung der Stadt sowie die Ideengeschichte des Städtebaus werden im Spiegel der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung zwischen 1922 und 1975 entfaltet - von den Anfängen in der Weimarer Republik über ihre Rolle und Funktion in der Zeit des Nationalsozialismus bis zu ihrem Wirken in der Bundesrepublik.
  • Produktdetails
  • Verlag: DOM Publishers / Meuser, Philipp, Prof. Dr.
  • Seitenzahl: 590
  • Erscheinungstermin: Oktober 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 229mm x 151mm x 45mm
  • Gewicht: 1045g
  • ISBN-13: 9783869224909
  • ISBN-10: 3869224908
  • Artikelnr.: 57519153
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.01.2020

In alle politischen Verhältnisse wussten sie sich zu finden
Späte Aufarbeitung: Jörn Düwel und Niels Gutschow sichten die Karrieren und Theorien deutscher Städtebauer im zwanzigsten Jahrhundert

Der Architekt und Landesplaner Stephan Prager, geboren 1875, baute auf dem Höhepunkt seiner Karriere die Landesplanung für die Rheinprovinz auf. Als Jude musste er 1935 seinen Posten aufgeben und 1941 seine Wohnung räumen, 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert. Er überlebte. Nur einen Monat nach der Befreiung des Lagers trat er 1945 seine Stelle als leitender Landesplaner wieder an. Von 1946 bis 1955 war er Präsident der Akademie für Städtebau und Landesplanung. Hochbetagt starb er 1969.

In keiner seiner vielen Ehrungen und in keinem Nachruf gab es je einen Hinweis auf seine Leidenszeit. Auch er selbst erwähnt sie nie. Aus anderen Gründen schwieg die Mehrzahl der Städtebauer, die sich in den Jahren der Herrschaft der Nationalsozialisten vortrefflich mit den Mächtigen arrangiert hatten und ungebrochene Karrieren aufwiesen. Jetzt erst, im Rückblick auf ihre Gründung 1922, arbeitet die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) ihre Geschichte auf.

In ihrem Auftrag und mit Material aus ihren Archivalien wurde das vorliegende Buch geschrieben. Der erste Band umfasst die ersten fünfzig Jahre 1922 bis 1975. Die Autoren sind seit vielen Jahren ausgewiesene Experten der Materie. Jörn Düwel forscht und publiziert über den Städtebau der DDR und der eine Generation ältere Niels Gutschow über den Städtebau in der Zeit des Nationalsozialismus und die ungebrochene Kontinuität der Akteure bis weit in die sechziger Jahre hinein.

Die Gründung als "Freie Akademie des Städtebaus" war ein Ausdruck der sich allmählich konsolidierenden Professionalisierung des Berufsfeldes Städtebau und Stadtplanung. Tatsächlich ist es erschütternd zu lesen, wie umfassend geschwiegen wurde. Denn die Mitglieder der Akademie, sehr viele in einflussreichen Positionen, fügten sich schnell in die neuen politischen Verhältnisse ein.

Ihre fachlichen Überzeugungen mussten sie ja nicht über Bord werfen, weder 1933 noch 1945. Das weisen die Autoren anhand zahlreicher Dokumente und Zitate nach. Bis weit in die sechziger Jahre war der Berufsstand stadtfeindlich in seinen Leitbildern und Ideologien. Die Großstadt war von Übel, das seltsame programmatische Wort "Entstadtlichung" beschrieb die Zielsetzung treffend. Die gewaltsame Eroberung des Ostens wurde - als Chance für Umsiedlungsmaßnahmen von der Stadt in den ländlichen Raum - mit Planungen begleitet.

Das zeittypische Buch "Die gegliederte und aufgelockerte Stadt" (1957) war bereits im Januar 1945 erstmals erschienen. Das Motto des britischen Aufbauplanes für die britisch besetzte Zone war "A desaster - but an opportunity". Eine Bemerkung, die Winston Churchill zugeschrieben wird. Nicht nur die deutschen Architekten und Stadtplaner waren der Überzeugung, dass aus den Trümmern jene neuen Städte auferstehen könnten, die sie sich schon lange erträumt hatten. Tabula rasa mit der alten überkommenen Stadt machte man dann anschließend noch einmal im Zuge der Stadtsanierung. Die Stadt der Gründerzeit war jahrzehntelang das Feindbild.

Das schön gestaltete, detailreiche Buch ist manchmal sperrig zu lesen, aber häufig ist die akribische Recherche erhellend, denn auch Stars wie Ernst May oder Fritz Schumacher, die heute noch als herausragende Architekten und Städtebauer gelten und zu den wenigen zählen, die nicht belastet waren von 1933 bis 1945 übernommenen Ämtern, waren nicht ohne Fehl und Tadel. Alle waren in die Weltanschauung der Zeit verstrickt, alle hatten in einflussreichen Stellungen erheblichen Einfluss auf den Städtebau Westdeutschlands. Sie haben die Städte geprägt, in denen wir heute leben. Sie waren sich sicher, die Elite zu sein, die weiß, was richtig ist.

Die Aufteilung in zehn Kapitel, die sich zeitlich überschneiden, führt zu Redundanzen, ermöglicht es aber auch, die Texte unabhängig voneinander zu lesen. Das Kapitel "Städtebaurecht" thematisiert etwa das langjährige Bestreben nach einem einheitlichen Städtebau- und Landesplanungsrecht. Die Akademie setzte diesbezüglich große Erwartungen in die politische Schlagkraft des nationalsozialistischen Regimes. 1934 schlug die Akademie vor, das Reich könne das Bodenproblem für alle Zukunft lösen, da es die Hoheit über den deutschen Raum und Boden habe. Vergeblich. Es sollte noch dauern, bis mit dem Bundesbaugesetz von 1960 ein einheitliches Städtebaurecht in der Bundesrepublik in Kraft trat.

Ein Schwerpunkt des Bandes liegt auf der immerwährenden Kritik, dass die Bodenfrage nicht gelöst wurde und deswegen die planerische Gestaltungsmacht unzureichend sei. Die Autoren berichten darüber durchgängig mit großer Skepsis. Vergesellschaftung von Boden verbinden sie mit Machtmissbrauch von autoritären Regimen. Sie unterscheiden allerdings nicht zwischen einer staatlichen autoritären "Herrschaft" einerseits und der sozialen Gemeinschaft etwa einer Allmende. Dass diese Debatte heute wieder auflebt, die Erbbaupacht wieder ein geschätztes Instrument von Kommunen ist, mit dem sie Grundstücke in ihrem Besitz halten können, um Grundstücksspekulation zu verhindern, hätte in der Schlussbetrachtung der Autoren erwähnt werden können. Das Städtebauförderungsgesetz von 1971, das gewisse bodenrechtliche Steuerungsinstrumente ermöglicht, kommt nicht vor.

Der durchgängig außerordentlich kritischer Kommentar zur Bodenfrage rührt daher, dass Stadtplaner unter unterschiedlichsten politischen Rahmenbedingungen jeweils den "Geist der Gemeinschaft" beschworen haben, dem ein bestimmtes sozialräumliches Modell entsprach. In diesem Punkt war die Profession immer Diener der Macht. Erst spät geben Städtebauer, Stadtplaner und Raumplaner ihre Selbstherrlichkeit auf. Die Generation, die nach dem Krieg studiert hat, beginnt anders zu denken. Beeinflusst vom gesellschaftlichen Wandel der sechziger Jahre und der breiten Kritik am funktionalistischen Städtebau der Moderne, verändert sich die Sicht auf die Stadt.

Denkmalschutz und Club of Rome, spontanes Bauen und vernakuläre Architektur, Humor versus das Erhabene, Bürgerinitiativen und Partizipation, Semiotik und Stadtsoziologie bilden die Stichworte einer anderen Epoche. Die Stadtsoziologin Erika Spiegel wird 1970 als erste Frau in die Akademie für Städtebau und Landesplanung aufgenommen.

SOPHIE WOLFRUM

Jörn Düwel und Niels

Gutschow: "Ordnung und Gestalt". Geschichte und Theorie des Städtebaus im 20. Jahrhundert. 1922 bis 1975.

Dom Publishers, Berlin 2019. 590 S., geb., 48,- [Euro].

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