Der Architekt und Stadtplaner Rudolf Hillebrecht - Dorn, Ralf
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Rudolf Hillebrecht (1910-1999) gilt als der bedeutendste Stadtplaner der Nachkriegszeit. Als Stadtbaurat leitete er von 1948 bis 1975 den Wiederaufbau von Hannover. Seine moderne Aufbauplanung wurde als das "Wunder von Hannover" (Der Spiegel, 1959) überregional bekannt.
Das Buch setzt sich mit Leben und Werk Rudolf Hillebrechts kritisch auseinander. Dargestellt werden seine Studienzeit in der Weimarer Republik, seine frühe Tätigkeit im Büro des Hamburger Architekten Konstanty Gutschow in der Zeit des Nationalsozialismus sowie sein Wirken in Hannover und in der Bundesrepublik. Studienreisen…mehr

Produktbeschreibung
Rudolf Hillebrecht (1910-1999) gilt als der bedeutendste Stadtplaner der Nachkriegszeit. Als Stadtbaurat leitete er von 1948 bis 1975 den Wiederaufbau von Hannover. Seine moderne Aufbauplanung wurde als das "Wunder von Hannover" (Der Spiegel, 1959) überregional bekannt.

Das Buch setzt sich mit Leben und Werk Rudolf Hillebrechts kritisch auseinander. Dargestellt werden seine Studienzeit in der Weimarer Republik, seine frühe Tätigkeit im Büro des Hamburger Architekten Konstanty Gutschow in der Zeit des Nationalsozialismus sowie sein Wirken in Hannover und in der Bundesrepublik. Studienreisen und internationale Kontakte führten Hillebrecht nach England, Schweden, Holland und Frankreich sowie in die USA und in die Sowjetunion. Eine umfängliche Gremien- und Gutachtertätigkeit vernetzte ihn in ganz Deutschland und international. Ralf Dorn zeichnet das facettenreiche Bild einer einflussreichen Persönlichkeit, die die Geschichte der Stadtplanung in Deutschland mit allen ihren Licht- undSchattenseiten maßgeblich prägte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Mann (Gebr.), Berlin
  • Seitenzahl: 496
  • Erscheinungstermin: 1. November 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 279mm x 255mm x 36mm
  • Gewicht: 2240g
  • ISBN-13: 9783786127895
  • ISBN-10: 3786127891
  • Artikelnr.: 48369914
Autorenporträt
Ralf Dorn studierte Informatik und Kunstgeschichte. Nach Stationen in Berlin, Trier, Darmstadt und Cottbus lehrt er Architekturgeschichte in Mainz. Forschungsschwerpunkte: Mittelalterliche und moderne Architektur sowie Stadtbaugeschichte und Denkmalpflege.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.04.2018

Die totale Automobilmachung

Ein visionärer Stadtbaurat muss die Zukunft im Auge haben: Ralf Dorn zeigt, wie Rudolf Hillebrecht Hannover zur verkehrsgerechten Stadt umformte.

Keine Kunst ist der Politik so existentiell verbunden wie die des Architekten. Ohne sich der lebensweltlichen Realität anzupassen, bleibt er eine Randfigur. Umgekehrt gilt auch: Nach jeder Änderung der gesellschaftlichen Großwetterlage ist immer einer schuldig - der Erbauer von Gehäusen, die unter gewandelten Rahmenbedingungen wie aus der Zeit gefallen scheinen. In diesem Sinn ist Rudolf Hillebrecht wohl schuldig. Gilt er doch als Archetyp jenes Machers, der mit atemberaubender Nonchalance die autogerechte Stadt kreiert hat.

Von deren Hybris will heute niemand mehr etwas wissen. Umso wichtiger ist es, sich mit den Zeitumständen vertraut zu machen. Das leistet die gewichtige Studie des Kunsthistorikers Ralf Dorn, die erstmals ein differenziertes Bild des Stadtplaners Hillebrecht zeichnet. Dorn widmet sich einer schillernden Figur, die das zerstörte Nachkriegs-Hannover mit Willenskraft und Rücksichtslosigkeit, aber auch mit viel Diplomatie und rhetorischem Geschick zum Vorbild des deutschen Wiederaufbaus gestaltete.

Am 1. August 1948, kurz nach der Währungsreform, wurde Rudolf Hillebrecht in Hannover einstimmig zum Stadtbaurat gewählt. Kaum im Amt, warf der Achtunddreißigjährige die Planungen zur Revitalisierung über den Haufen und forcierte ganz andere. Der Herausforderung, seine Geburtsstadt von Grund auf neu und "zukunftsweisend" zu gestalten, begegnete Hillebrecht mit missionarischem Eifer. Er gründete einen Arbeitskreis, in dem Architekten nach Feierabend ehrenamtlich am neuen Innenstadtplan mitarbeiten mussten, und präsentierte flugs seine Idee, eine Verkehrsschneise um Alt- und Innenstadt zu schlagen, zugleich um die Kernstadt ein Tangentensystem zu errichten: das heutige Schnellwegsystem.

Was ihn als Autofan dabei vor allem umtrieb, war die wachsende individuelle Motorisierung. Deswegen bildete das Verkehrskonzept gleichsam das Rückgrat seines Urbanismus. Hillebrecht lobte die weitsichtigen Planungen eines achtzig Meter breiten Stadtrings in Köln aus dem Jahr 1920. Seine eigenen, anlässlich der Gestaltung des ähnlich ausgedehnten Elbufers in Hamburg gesammelten Erfahrungen und Vorstellungen, vergaß er zu erwähnen. Ohnehin wurde über die Zeit des Nationalsozialismus nicht gesprochen. Zwar hatte Hillebrecht ein Entnazifizierungsverfahren durchlaufen: "Als Bauorganisator - und nicht als Nazi - konnte ich im Krieg Besonderes leisten", gab er den Alliierten zu Protokoll. Aber er führte jene Konzepte, die in Speers Wiederaufbaustab, dem er einst angehörte, entwickelt wurden, in Hannover fort.

Vormals wichtige Stadtplaner machte er zu seinen einflussreichsten Beratern. An erster Stelle Konstanty Gutschow, der ihn auch dabei unterstützte, die Bauausstellung Constructa ins Leben zu rufen. Unter dem Motto "Deutschland will leben - Deutschland muß bauen" zeigte sie 1951 die Aufbauleistung deutscher Städte, wobei sie den Vorbildcharakter der niedersächsischen Landeshauptstadt gebührend unterstrich. Auch der Auschwitz-Architekt Hans Stosberg kam unter Hillebrecht zu neuen Ehren, indem er das Planungsamt der Stadt übernahm. Komplettiert wurde das Team schließlich durch den Bremer Wilhelm Wortmann, der den Flächennutzungsplan für Hannover entwickelte.

Der von Hillebrecht verkörperte und von vielen Fachleuten und Politikern mitgetragene Stadtumbau wurde alsbald zum futuristischen Modell der Urbanistik erhoben. In seiner Titelgeschichte "Das Wunder von Hannover" schwärmte "Der Spiegel" 1959 "von autobahnähnlichen, kreuzungsfreien Straßen, über die der Fern- und Durchgangsverkehr ohne Geschwindigkeitsbegrenzung surrt". Unter Hillebrechts Ägide bauten die bekanntesten Architekten in Hannover: Walter Henn schuf die VGH-Zentrale am Schiffgraben, Friedrich Wilhelm Kraemer entwarf am Maschsee das NDR-Funkhaus, Walter Gropius konzipierte für den Unternehmer Stichweh ein Haus in Herrenhausen.

Doch die Euphorie wich schnell der Ernüchterung: Bereits als Hillebrecht 1975 in Ruhestand ging, begann seine Vision dunkle Schatten zu werfen. Er hat es, wie viele seiner Zeitgenossen, an pointierter und pauschaler Kritik an der Architektur des neunzehnten Jahrhunderts nicht mangeln lassen. Verständnis und Erhaltungswille für die Zeugnisse der Siedlungsentwicklung und der Industriegeschichte lagen ihm fern. So erhielt Johannes Göderitz, einer der drei Hauptideologen der "gegliederten und aufgelockerten Stadt", 1955 von ihm den Auftrag für die Sanierungsplanung von Linden. In der Studie sollte alles abgerissen und durch sieben- bis zehngeschossige Zeilen und Punkthäuser ersetzt werden. Man darf dankbar sein, dass sie nie verwirklicht wurde.

Hillebrecht formte Hannover als aufstrebenden Wirtschaftsstandort und wachsende Landeshauptstadt nach seinen Prinzipien: aufgelockert, mit guter Infrastruktur und klarer Gliederung. Den "sanften Dirigismus", den er sich bei seinem Vorgehen später selbst attestierte, haben Zeitgenossen allerdings auch anders in Erinnerung. So betrieb er eine rigorose Abrisspolitik gegenüber eklektizistischen Bauten des neunzehnten Jahrhunderts, selbst das Friederikenschlösschen des Hofbaumeisters Georg Ludwig Laves wurde geschleift. Doch als er merkte, dass vielen Bürgern die neue Stadt zu kalt und gesichtslos wurde, ließ er in der Altstadt Fachwerkhäuser zu einer Traditionsinsel aufbauen, um den mittelalterlichen Kern wieder erlebbar zu machen. Auf seine Art gehört Hillebrecht zu den visionären Stadtbauräten, vergleichbar Fritz Schumacher im Hamburg der zwanziger Jahre oder Martin Wagner im Vorkriegs-Berlin.

Gebaut allerdings hat er, im Gegensatz zu diesen, nichts. Dennoch, oder gerade deshalb, konnte er als Berater, als konzeptioneller Denker, als politischer Entscheider Wirkung entfalten. Ein Vierteljahrhundert lang - eine heute unvorstellbar lange Zeit - hat er Hannovers Städtebau geprägt; mit der Rückendeckung des Stadtrates, den er stets zu gewinnen wusste. Dorns Befund ist ambivalent. Vor allem als strategisch versierten Technokraten schildert er den weitblickenden Planer, versucht aber auch, auf den Menschen und sein Umfeld gebührend einzugehen. Wenn man Rudolf Hillebrecht gerecht werden will, muss man sich jedenfalls etwas Grundsätzliches ins Gedächtnis rufen: Planer können sich nicht nicht mit der Zukunft befassen.

ROBERT KALTENBRUNNER

Ralf Dorn: "Der Architekt und Stadtplaner Rudolf Hillebrecht". Kontinuitäten und Brüche in der deutschen Planungsgeschichte im 20. Jahrhundert.

Gebr. Mann Verlag, Berlin 2017. 544 S., Abb., geb., 89,- [Euro].

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