Urbanität und Dichte im Städtebau des 20. Jahrhunderts - Sonne, Wolfgang
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ln der Geschichtsschreibung über den Städtebau im 20. Jahrhundert dominieren funktionalistische beziehungsweise avantgardistische Modelle der Stadtauflösung. Der vorliegende Titel stellt dagegen Projekte vor, die das Ideal einer dichten und urbanen Stadt zum Ziel hatten. Anhand von Plänen, Anlagen und Theorien von dichten und urbanen Städten des 20. Jahrhunderts werden Beispiele des Städtebaus analysiert und hervorgehoben, die bislang eher als Randphänomene bewertet wurden - Konzepte, die sich im Wesentlichen durch Funktionsmischung, soziale Offenheit, öffentliche Räume, städtische Architektur…mehr

Produktbeschreibung
ln der Geschichtsschreibung über den Städtebau im 20. Jahrhundert dominieren funktionalistische beziehungsweise avantgardistische Modelle der Stadtauflösung. Der vorliegende Titel stellt dagegen Projekte vor, die das Ideal einer dichten und urbanen Stadt zum Ziel hatten. Anhand von Plänen, Anlagen und Theorien von dichten und urbanen Städten des 20. Jahrhunderts werden Beispiele des Städtebaus analysiert und hervorgehoben, die bislang eher als Randphänomene bewertet wurden - Konzepte, die sich im Wesentlichen durch Funktionsmischung, soziale Offenheit, öffentliche Räume, städtische Architektur und Stadtkultur auszeichnen. Aus dieser Neubewertung ergibt sich auch für aktuelle Planungen die Möglichkeit, anders auf historische Beispiele zurückzugreifen und andere, den heutigen Bestrebungen nach Urbanität und Dichte besser entsprechende Beispiele als 'best practice'-Modelle zur Verfügung zu haben.
  • Produktdetails
  • Verlag: Dom Publishers
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 360
  • 2014
  • Ausstattung/Bilder: 360 S. m. 350 Abb. 30.
  • Deutsch
  • Abmessung: 310mm x 258mm x 45mm
  • Gewicht: 2495g
  • ISBN-13: 9783869223216
  • ISBN-10: 3869223219
  • Artikelnr.: 40134194
Autorenporträt
Wolfgang Sonne, Professor für Geschichte und Theorie der Architektur an der Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen an der TU Dortmund, zweiter Direktor des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst. Forschungsgebiete: Architektur und Städtebau des 19. und 20. Jahrhunderts.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Robert Kaltenbrunner sieht dieses Buch von Wolfgang Sonne über "Urbanität und Dichte" zu den grundsätzlichen Fragen des Städtebaus vordringen und steigt mit Schwung in die Expertendiskussion ein, ohne dass man ihm dabei in die Einzelheiten folgen kann. Deutlich wird, dass Sonne die Stadtentwicklung am Thema der Verdichtung entlang schildert und dass es um Großsiedlungen und Stadterneuerung in den siebziger Jahren geht, um die IBA und Hochhausbau. Klar wird auch, dass Kaltenbrunner mit Sonnes Darstellung nicht einverstanden ist und dem Autor eine Lesart des Städtebaus vorwirft, die "soziale, politische und ökonomische Kontexte" nur am Rande behandele.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 01.10.2014
Der Widerstand gegen die Brutalmoderne
Es ging auch anders: Wolfgang Sonne untersucht die weniger bekannten Traditionalisten im Städtebau des 20. Jahrhunderts
Wir befinden uns im 20. Jahrhundert. Die ganze Welt ist von den Modernisten besetzt. Die ganze Welt? Nein! Einige von unbeugsamen Traditionalisten bevölkerte Städte hören nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Mal sind es Einzelkämpfer, mal Architektenbünde und zuweilen auch ganze Stadtverwaltungen, die aus der Fortschrittskarawane ausbrechen und die Zukunft in der Bestandswahrung suchen. Weil diese Dissidenten in den großen Baugeschichten und Heiligenlegenden der Moderne oft nur am Rande auftauchen, hat ihnen der Dortmunder Architekturhistoriker Wolfgang Sonne eine umfangreiche Monografie gewidmet.
  Der Autor wendet sich darin gegen eine deterministische Geschichtsschreibung, die die revolutionären Sprünge im modernen Städtebau aus technischen, politischen und sozialen Sachzwängen ableitet. Die Planer der Stadtauflösung und Siedlungsbewegung möchte Sonne persönlich zur Verantwortung ziehen; stets hätten sie die Vorbilder einer anderen, traditionsgeleiteten Moderne gekannt und doch nur die geschichtsfernsten und erneuerungssüchtigsten Entwürfe gewählt.
  Damit weckt der reichhaltig bebilderte Wälzer „Urbanität und Dichte“ sofort das Interesse eines innovationsskeptischen Publikums, dem schon Boris Groys das Recht auf nachmoderne Ermüdung zubilligte, nachdem es ein Jahrhundert lang von den Avantgardetruppen durch die Eiswüsten der Abstraktionen gehetzt worden war und nun erst einmal ausruhen möchte. Doch weil Ruhe seit Isaac Newton keinen vorgängigen Seinszustand, sondern nur einen Sonderfall von Bewegung darstellt, konstruiert der Autor sehr eigenwillige Brücken über den Fluss der Zeit, um das Gesuchte auch ausfindig zu machen. Als ersten Fixpunkt entfaltet er kenntnisreich die Begriffsgeschichte von „Urbanität“. Diese Leitidee der antiken Sittenlehre stand als Gegenpol zur bäuerlichen „Rustizität“ zunächst für Bildung, Witz und furchtlosen Bürgersinn als republikanische Tugend. In späteren höfischen Gesellschaften schrumpfte sie zur bloßen Höflichkeit und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts sozialpsychologisch als kultureller Lebensmodus erstmals mit städtebaulichen Raum- und Formfragen verknüpft.
  Weniger ergiebig dagegen sind Sonnes Ausführungen zu seinem zweiten Leitbegriff der „Dichte“, den er zwar gegen die baulich-quantitativen Missverständnisse der Moderne verteidigt, aber nicht überzeugend in seinen zivilisatorischen Energien als soziale Produktivkraft und Reizklima für Lernprozesse erfasst. Und die Geschichte als dritten Topos reduziert er auf vier Zeitmuster, die er zudem kunsthistorisch instrumentalisiert: als klassizistische Kontinuität, traditionalistische Entwicklung, historistische Wiederholung und modernistischen Bruch. Einen ernsthaften Beitrag zur Geschichtstheorie kann der Autor mit solchen Prêt-à-porter-
Begriffen sicherlich nicht leisten. Aber er präpariert überzeugend den Geschichtsverdruss der großen Stadthistoriker nach 1945 heraus – Saarinen, Egli, Korn, Gutkind, Giedion etc. –, deren Tendenzschriften keine Lehrbücher und Bildungsquellen waren, sondern monumentale Grabsteine für eine totgesagte Zivilisationsform.
  Freilich hat auch Sonne sein Buch im Sinne einer histoire engagée als Kampfschrift verfasst, um es den Kolonialisten der Säuberungsaktionen und Städteschlachtungen im 20. Jahrhundert heimzuzahlen. Mit großer Leidenschaft trägt er aus hundert Jahren europäischer und amerikanischer Baugeschichte unzählige Exempel für Hausformen und Raumtypen zusammen, die auf die Fliehkräfte der Expansion, Funktionstrennung und Zersiedelung mit klar konturierten Reformblöcken, Korridorstraßen, Platzgruppen und sogar stadtverträglich gezähmten Wolkenkratzern reagierten.
  In Berlin, München und Hamburg laborierten Frühmodernisten nach 1900 an einer uniformen Stadtästhetik für die demokratische Massengesellschaft. Doch nach dem Ersten Weltkrieg wurden aus ihren mächtigen Häusergruppen immer kolossalere Superblöcke. Sie definierten anfangs zwar weiterhin die Grenze zwischen öffentlichem Straßenraum und halbprivaten Wohnhöfen, also zwischen gesellschaftlichen und individuellen Nutzungsansprüchen, litten aber zunehmend an der Elefantiasis der Kollektivbewirtschaftung. Dabei übersieht der Autor, dass die flugzeugträgerartigen Riesenblöcke des „Roten Wien“ oder die Gemeindesiedlungen von Amsterdam, London und Helsinki nur camouflierte, entmischte Siedlungsbauten sind, die den Stadtersatz der Megastrukturen nach 1960 andeuten. Mit Sonnes Urbanitätsidealen ist das kaum vereinbar.
  Hier zeigt sich die grundlegende Schwäche von Sonnes morphologischem Ansatz, der Formen, Fassaden und Raumfolgen untersucht, aber die Typologie und Leistungsform der Stadtbausteine nicht in ihren sozialen und ökonomischen Kräfteverhältnissen erfasst. Fragen nach Vertragsverhältnissen und Verfügungsrechten, nach Grundeigentum und Kapitalkonzentration fehlen durchweg. Dies zu bemängeln heißt nicht, Welterklärungsansprüche an eine architekturästhetische Abhandlung zu stellen. Aber wer den modernen Urbanismus mit solcher Verve attackiert, sollte schon auf der Höhe seines Gegners sein, der diese uralten städtischen Beziehungsgefüge programmatisch ausgerottet hat.
  Zudem spielt bei Sonnes beeindruckenden Funden – der futuristische Hochhaus-Boulevard von Villeurbanne oder das prächtige Stadttor der Kungsgatan in Stockholm – eine professionelle Deformation der Architektenzunft mit. Mit ihrer Vorliebe für große Maßstäbe, bündige Ensembles und starke Auftraggeber messen die Entwerfer der monumentalen Massengliederung und schönen Bildwirkung mehr Wert bei als informellen, unordentlichen Haus- und Stadtgeflechten, die ihre Vitalität der Selbstverantwortung und Mündigkeit der Bewohner verdanken.
  Überdeutlich wird diese Machtlogik bei Sonnes Ausflügen in die angelsächsische Welt der „Civic Art“ und „City Beautiful“, wo bei der Gestaltung von öffentlichen Platzbauten und Versammlungsorten die Suche nach „kommunaler Schönheit“ politisch-erzieherischen Zwecken mit Law-and-Order-Rhetorik dient. Da ist der Weg zu den Kommissarbefehlen der Brutalmoderne, die den Leuten in die intimsten Vitalfunktionen hineinregierte, angedeutet. Dem Autor ist beizupflichten, dass Mussolinis Chefplaner Piacentini mit seinen Stadtplätzen in Bozen, Genua und Rom ebenso großartige Architektur gemacht hat wie Ulbrichts Chefplaner Henselmann in der Berliner Stalinallee. Aber dass sich in diese Quartiere echtes städtisches Leben verirrt, lässt sich nicht behaupten.
  Richtig zur Sache kommt Sonne in seinen Kernkapiteln über Wiederaufbau nach 1945 und Stadtreparatur nach 1960, als erst die Kriegs- und danach die Modernisierungsschäden behoben wurden. Ausgehend von den Leitkonzepten der gegliederten, aufgelockerten, autogerechten und organischen Stadtlandschaften beschreibt er den entgegengesetzten Weg Münchens, wo die Stadtbauräte Meitinger und Leitenstorfer das alte Stadtgefüge rehabilitierten. Und dass Münster zu den wenigen Städten nördlich des Main zählt, die beim Neuaufbau in Grund- und Aufriss ihre differenzierte Gestalt wiedergewannen, erklärt Sonne zutreffend mit dem Widerstand der Bürgerschaft gegen Umlegungen zugunsten überlieferter Eigentumsstrukturen.
  In Frankreich nobilitierte der einstige Moderne-Pionier Auguste Perret die zerbombte Hafenstadt Le Havre zu einem rational-klassizistischen Gesamtkunstwerk für 60 000 Einwohner, das mittlerweile zum Weltkulturerbe gehört. Und bei der sympathischen Flickschusterei der Stadtreparaturen von Berlin bis Barcelona, wo der Autor leider alle Avantgardeprojekte übersieht, schrumpft schließlich auch der Größenmaßstab der Eingriffe auf stadtverträgliche Dimensionen. So haben am Ende des 20. Jahrhunderts reformerische Widerständler und modernistische Besatzer vielerorts doch noch Frieden geschlossen.
MICHAEL MÖNNINGER
In München rehabilitierten die
Stadtbauräte Meitinger und
Leitenstorfer das alte Stadtgefüge
  
  
       
Wolfgang Sonne: Urbanität und Dichte im Städtebau des
20. Jahrhunderts. DOM Publishers, Berlin 2014. 360 Seiten, 350 Abb., 98 Euro.
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