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A RIVETING, GROUNDBREAKING ACCOUNT OF HOW THE WAR ON CRIME HAS
TORN APART INNER-CITY COMMUNITIES
Forty years in, the tough on crime turn in American politics has spurred a prison boom of historic proportions that disproportionately affects Black communities. It has also torn at the lives of those on the outside. As arrest quotas and high tech surveillance criminalize entire blocks, a climate of fear and suspicion pervades daily life, not only for young men entangled in the legal system, but for their family members and working neighbors.
Alice Goffman spent six years in one
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Produktbeschreibung
A RIVETING, GROUNDBREAKING ACCOUNT OF HOW THE WAR ON CRIME HAS
TORN APART INNER-CITY COMMUNITIES

Forty years in, the tough on crime turn in American politics has spurred a prison boom of historic proportions that disproportionately affects Black communities. It has also torn at the lives of those on the outside. As arrest quotas and high tech surveillance criminalize entire blocks, a climate of fear and suspicion pervades daily life, not only for young men entangled in the legal system, but for their family members and working neighbors.
Alice Goffman spent six years in one Philadelphia neighborhood, documenting the routine stops, searches, raids, and beatings that young men navigate as they come of age. In the course of her research, she became roommates with Mike and Chuck, two friends trying to make ends meet between low wage jobs and the drug trade. Like many in the neighborhood, Mike and Chuck were caught up in a cycle of court cases, probation sentences, and low level warrants, with no clear way out. We observe their girlfriends and mothers enduring raids and interrogations, "clean" residents struggling to go to school and work every day as the cops chase down neighbors in the streets, and others eking out a living by providing clean urine, fake documents, and off the books medical care. This fugitive world is the hidden counterpoint to mass incarceration, the grim underside of our nation's social experiment in punishing Black men and their families. While recognizing the drug trade's damage, On The Run reveals a justice system gone awry: it is an exemplary work of scholarship highlighting the failures of the War on Crime, and a compassionate chronicle of the families caught in the midst of it.

"A remarkable feat of reporting . . . The level of detail in this book and Goffman's ability to understand her subjects' motivations are astonishing-and riveting."-The New York Times Book Review



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  • Produktdetails
  • Verlag: Picador
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: 07.04.2015
  • Englisch
  • ISBN-13: 9781250065674
  • Artikelnr.: 42508478
Autorenporträt
Alice Goffman wurde 1982 in Philadelphia geboren und ist "Assistant Professor of Sociology" an der University of Wisconsin-Madison. Sie lebt in Madison.
Rezensionen
Besprechung von 28.05.2014
American Hustlers
Weiße Callgirls, schwarze Dealer: Ausgerechnet die Bücher von zwei Soziologieprofessoren
erweisen sich als die zurzeit beste Belletristik über das Leben in den USA
VON PETER RICHTER
Wenn man die Rezensionen liest, kann kein Zweifel mehr sein. Die am dringlichsten erwartete, am euphorischsten gefeierte Neuerscheinung auf dem amerikanischen Buchmarkt in diesem Jahr heißt „On the Run“, und die Eröffnungsszene geht so: Chuck, Mike, Alex und Alice hängen gegen Mitternacht noch ein bisschen draußen rum, drei schwarze Männer und eine junge weiße Frau. Wir sind im nicht so guten Teil von Philadelphia. Man trennt sich. Alice geht mit Mike. Dessen Telefon klingelt. Er schreit: „Where you at? Where you at?“ Sie rennen los. Alex liegt in einer Blutlache. Er kann nicht sagen, was passiert ist, seine Zähne fehlen, jemand hat sie ihm ausgeschlagen. Er kann Alice, die ihn ins Krankenhaus bringen will, nur mit letzter Kraft zu verstehen geben, dass er da auf keinen Fall hinwill. Die junge weiße Frau lässt nicht locker: Notaufnahme! Er wird nicht hingehen, sagt Mike: In den Krankenhäusern warten die Cops, und Alex war auf Bewährung; er hätte nicht hier sein dürfen, nicht hier und nicht um diese Uhrzeit, Alex würde lieber verbluteten, als wieder in den Knast zu gehen.
  Eines der besten Bücher, die im letzten Herbst auf den Bestsellertischen der amerikanischen Buchhändler lagen, „Floating City“ hieß es, ging wiederum folgendermaßen los: Eine Vernissage in Downtown Manhattan, Sudhir fühlt sich fremd, er ist nur hier, weil Evalina zu den ausgestellten Künstlern gehört, und Evalina ist die Cousine von Shine, und Shine ist der Dealer aus Harlem, der nach dem Ende der Crack-Epidemie auf Kokain umgestiegen ist und Sudhir nun zuschauen lässt, wie er sich einen neuen, weißeren Markt erschließt. Shine ist ebenfalls da. Nicht gerechnet hatte Sudhir hingegen mit Analisa, die ihm damals, in Harvard, gezeigt hat, wie man sich bei einer Weinverkostung nicht blamiert, Analisa, die reiche Göre vom Gramcery Park, von der sich an diesem Abend herausstellen wird, dass sie nebenher einen Escort-Service betreibt und dringend Kokain braucht, um eines ihrer Mädchen bei der Stange zu halten. Sudhir sieht mit einem gewissen Unbehagen, wie seine beiden Bekanntschaften hier nun miteinander ins Plaudern kommen. Er möchte ihre kriminellen Karrieren eigentlich nicht noch weiter vorantreiben. Er sieht schon die Schlagzeile: „Upscale Drug Ring Linked To Columbia Professor“.
  Dass diese Bücher anheben wie klassische amerikanische Krimis oder Thriller, das ist das eine. Das Neue und besonders Erregende ist aber die Figur des Erzählers: Das ermittelnde Auge gehört hier keinem Detektiv oder Kommissar oder Reporter, sondern Soziologieprofessoren an renommierten Hochschulen. Sudhir Venkatesh, von dem „Floating City“ stammt, eine Besichtigung der Untergrund-Ökonomien von New York, lehrt tatsächlich an der Columbia University. Alice Goffman, die „On the Run“ geschrieben hat, eine Studie über die Auswirkungen des amerikanischen Strafverfolgungssystem auf junge Schwarze in Philadelphia, hat eine Professur an der University of Wisconsin in Madison. Ausgebildet wurden beide aber in Chicago, und das sagt in diesem Fall alles. Die Chicago School of Sociology ist nun zwar eher ein Begriff vom Beginn des vorigen Jahrhunderts. Aber das, wofür sie stand – ausgedehnte Feldstudien in depravierten Milieus, teilnehmende Beobachtung, die große, detailreiche Erzählung –, scheint alle Bemühungen, das Fach durch den großflächigen Einsatz von Mathematik irgendwie naturwissenschaftlicher wirken zu lassen, gut überlebt zu haben: Die Lust an der Narration treibt geradezu belletristische Blüten in dieser New Chicago School.
  Sudhir Venkatesh, der ohnehin schreibt, als lese er privat lieber Chandler als Durkheimer, thematisiert das auch dauernd: Wie er als Inder in die Ghettos von Chicago geht, dort mit den Gangs lebt, darüber nicht nur eine wissenschaftliche Arbeit verfasst, sondern auch einen Bestseller („Gang Leader for a Day. A Rogue Sociologist Takes To The Streets) und einen Film, und wie er mit diesen Referenzen dann nach New York kommt, wo die akademischen Gegner die Macht haben, Soziologen, die „Studien mit zu kleinen n’s“, also mit zu wenig Leuten in der Erhebungsgruppe, nicht ernst zu nehmen pflegten.
  Venkatesh würde aber nicht beschlossen haben, sich wie ein Philip Marlowe mit Doktorhut durch sein eigenes Buch zu kämpfen, wenn er sich von so etwas entmutigen ließe. Seine Frage ist einfach auch zu spannend: die Frage, was eigentlich mit den Dealern und Prostituierten vom Times Square geworden ist, nachdem der Times Square unter Bürgermeister Giuliani rabiat von dem Schmuddelimage bereinigt worden ist, das noch ganze Filme wie „Taxi Driver“ trug. Wie die nun weiterwirtschaften. Wie die Schwarzarbeiter und Illegalen auf die Gentrifizierung reagieren. Wie überhaupt der ganze Schattenbereich der Ökonomie in dieser Stadt funktioniert, der „underbelly of New York“. Und Sudhir Venkatesh ist der Mann, der solchen Fragestellungen schon Erkenntnisse abgewonnen hat, wie die, dass der Durchschnittsverdienst in Drogengangs bei erschütternden 3,30 Dollar in der Stunde liegt.
  So sieht man ihn also mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch die Milieus von New York stromern, die Sorge um die „tenure“ an der Uni im Nacken, das amerikanische Äquivalent zur Verbeamtung, und vor sich das Problem, genügend auskunftsfreudige Escort-Girls zu finden, um den akademischen Anforderungen genüge zu tun. Der Leser erfährt auch deutlich mehr über die Eheprobleme des Autors, als er das bei Büchern von Soziologieprofessoren gewohnt ist. Aber diese Mitteilsamkeit hat auch einen methodischen Sinn. Es geht hier immerhin die ganze Zeit um Geld, um Status und um Sex. Die Stimme, die einen da mit in die Puffs von New York nimmt, muss irgendwie klarmachen, dass sie nicht einem herkunftslosen Eunuchen gehört, sondern einem heterosexuellen Mann, der nicht weiß ist, aber auch nicht schwarz. „How do you identify?“ ist ja immer die zentrale Frage in den USA, auch in der akademischen Literatur.
  Eine andere Eigenart amerikanischer Wissenschaftsprosa ist das fortlaufende Kommentieren des eigenen Tuns, das Begründen und Ankündigen dessen, was man gleich auszuführen gedenkt; es gibt Fälle, in denen bestehen die Bücher am Ende aus kaum noch etwas anderem. Venkatesh hat sich nun gleich ganz dafür entschieden, die wissenschaftlichen Ergebnisse direkt an die Universität durchzureichen, seinem Lesepublikum erzählt er dafür von seinen Begegnungen auf dem Weg dahin. Das ist einerseits schade, denn ein bisschen mehr Theorie, Schlüsse, am Ende auch Zahlen hätten sicher nicht geschadet. So aber sitzen wir um so ausführlicher bei Shine, dem schwarzen Dealer, auf der Couch, die wie bei so vielen in Harlem immer noch den Schutzüberzug aus Plastik trägt, mit der sie im Möbelladen stand, und lernen, wie man in dieser Branche mit Mitarbeitern umgeht, die sich selbständig machen wollen.
  Wir sind dabei, wenn die reichen Söhne von der Upper East Side nach einer Party in den Central Park kotzen und währenddessen ihren Freundinnen von Geschäftsideen erzählen. Wir erfahren, wie diese Freundinnen wiederum Freundinnen von ihnen an einsame Herren in Hotelzimmern vermitteln. Und wir sitzen in dem Wohnungsbordell, wo alternde Prostituierte wie Angela gegen den Kundenschwund an ihrem Ende des Geschäftsmodells ankämpfen: „Männer wollen ein junges, dunkles Ding für ihre Phantasie, die wollen nicht ihre Nanny.“ Wir schauen zu, wie sie es im Internet probiert, und lesen in den Kommentarspalten mit ihr gemeinsam die höhnischen Kommentare zu ihrem Latina-Englisch: „Kommst du grad von Drogen runter oder hast du es nicht bis zur dritten Klasse geschafft?“ Danach, aus dem Off, hören wir den Autor in illusionslosem Humphrey-Bogart-Tonfall sagen: „Der Kapitalismus hat alles in eine Ware verwandelt – aber er hat nicht garantiert, dass es auch Käufer geben würde.“
  New York näselt, brüllt, flucht und zischt hier in allen seinen Dialekten und Stimmlagen, und irgendwann sind es nicht mehr einfach nur Fallstudien, sondern gute alte Bekannte, die da plötzlich verschwinden, weil sie sich auf gefährliche Geschäfte eingelassen haben oder von Freiern halb tot geprügelt auf verlassenen Grundstücken aufgefunden werden. Man hat dann fast das Bedürfnis, den Autor ein wenig trösten zu wollen dafür, dass er die Welt, die er beschreibt, auch durch das Beschreiben nicht ändern kann.
  Aus der soziologischen Theorie spielen hier vor allem Pierre Bourdieus Schlagworte von den „feinen Unterschieden“ und dem „kulturellen Kapital“ eine Rolle: „Was brauchte jemand wie Carla, um an reiche, weiße Freier zu kommen? Sie würde lernen müssen, weiß zu reden, sich weiß zu benehmen, vielleicht sogar auf ,weißere‘ Weise Sex zu haben.“
  Natürlich hat Sudhir Venkatesh auch eine These und ein Anliegen. Sein Anliegen ist der Protest gegen den Determinismus, mit dem den armen, schwarzen Schichten in Innenstädten der USA ein quasi genetisches Unterklassenschicksal attestiert wird, und sein Protest gilt auch der Tatsache, dass die soziale Mobilität seit zwanzig Jahren faktisch eingefroren ist. Seine These wiederum ist diejenige, dass die ökonomische Zähigkeit, Widerstandskraft und Kreativität bei denen, die auf der Unterseite dieser Gesellschaft herumwirtschaften, sogar eher am größten ist – weil sie als Entrepreneure ihrer selbst ungleich größere Hindernisse überwinden müssen als jeder Unternehmer mit Wohnsitz auf der Park Avenue.
  Bei Alice Goffman ist die Sache einfacher und direkter und daher auch schneller erzählt: Ihr Buch „On the Run“ ist ihre Arbeit, ihre Dissertation. Dass man auch das problemlos als Roman lesen kann, liegt auch an ihrer wissenschaftlichen Methode, denn die besteht aus absoluter Immersion: Goffman schildert das permanente Leben auf der Flucht direkt aus seiner Mitte, sie flieht mit, wo immer ein Polizeiauto in den schwarzen Vierteln von Philadelphia um die Ecke biegt. Ihre These und ihr Anliegen ist entsprechend schlichter und simpler als bei Venkatesh. Die These: Der Strafverfolgungsdruck hat junge schwarze Männer wie ihre Freunde Chuck und Mike noch nie davon abhalten können, ihre kleinen Drogengeschäftchen zu drehen, er wird sie nie davon abhalten, er hat einzig und allein das Leben in der Community zur Hölle gemacht, und er sorgt für sinnlos überfüllte Gefängnisse. Goffmans Anliegen: Schluss damit.
  In einer „methodischen Anmerkung“, die sich auch wiederum als literarisches Erzählstück eigenen Rechts erweist, schildert sie, wie sie, die Tochter des berühmten Soziologen Erving Goffman, überhaupt dazu kam. Wie sie sich für einen Kurs in Feldforschung bei der Mensa ihrer eigenen Universität verdingte, wo das Personal durchgängig schwarz ist und eine kluge, alte Chefin ein System entwickeln musste, um den Analphabetismus ihrer Leute zu kaschieren: Das Beschriften von Sandwich-Verpackungen, das Finden der richtigen Stechkarte, alles wird da zum Problem, und das Genöle der weißen Studenten auf der anderen Seite des Tresens ist von hier aus sehr, sehr nebensächlich.
  Allein diese Beschreibung des initialen Seitenwechsels ist großartige, genaue Literatur. Und dann erst einmal der Weg zurück: Die Panik, in Universitätsstädtchen wie Princeton plötzlich wieder allein unter Weißen zu sein, deren Codes und Gerede sie nicht mehr versteht, die sie ängstigen, vor allem die Männer, und die auch sonderbar riechen. Denn Goffman hatte lernen müssen, lernen wollen, schwarz zu reden, sich schwarz zu benehmen, vielleicht sogar auf „schwärzere“ Weise Sex zu haben.
  Das Problem, dass sie am Ende trotzdem weiß ist, eine steile akademische Karriere hat und ein hochgelobtes Buch, während Mike im Knast ist und Chuck erschossen: Das ist nun einmal selbst bei einer derart radikalen Parteinahme für das eigene Material nicht aufzulösen. Aber das gilt für Venkatesh auch und für jeden, der mit Sozialreportagen Journalistenpreise abräumt.
  Ob an den soziologischen Fakultäten der Glaube an die Macht der großen Zahl durch die Wucht solcher Erzählungen wirklich ins Wanken gerät, muss man erst einmal abwarten. Aber für alle, die zur Zeit nach großen amerikanischen Romanen suchen und zwischen all den Familienerinnerungen weißer Mittelklasseautoren so recht keinen finden, ist diese neue Chicagoer Schule auf jeden Fall ein Segen.
Nicht Reporter, nicht Kommissare
erzählen hier die wahren
Thriller über depravierte Milieus
Die soziale Mobilität
ist seit zwanzig Jahren
faktisch eingefroren
Wer nach großen amerikanischen
Romanen sucht, wird bei
den Wissenschaftlern fündig
Lauter Brutalität, lauter überfüllte Gefängnisse – und lauter Hoffnungen: Ein Wandgemälde
am Gebäude eines „Rehab Center“ für Drogenabhängige in Philadelphia. 
Foto: Corbis
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Besprechung von 28.03.2015
Kein Erbarmen im Land der Unfreien

Wer im System steckt, entkommt ihm nicht: Alice Goffman erzählt in ihrem preisgekrönten Bericht "On The Run" vom Leben der armen Nordamerikaner in einer Welt des dauernden Kriegszustandes.

Die Unruhen in Ferguson im Sommer und Herbst 2014 haben einer verblüfften Weltöffentlichkeit ein verdrängtes Faktum ins Gedächtnis zurückgerufen: Unabhängig davon, ob die Vereinigten Staaten von einem schwarzen Präsidenten regiert werden oder nicht, in den Gettos amerikanischer Großstädte hat sich längst eine Parallelgesellschaft armer, marginalisierter und entrechteter Minderheiten gebildet, unter denen die Schwarzen einen traurigen Spitzenrang einnehmen.

Dieser städtischen Minderheit armer Schwarzer hat die junge Soziologin und Ethnologin Alice Goffman eine umfangreiche, preisgekrönte Studie gewidmet, die Anfang nächster Woche auf Deutsch erscheint. "On the Run" ist weniger eine theoriegeleitete soziologische Arbeit als das Ergebnis einer sehr persönlichen, über sechs Jahre währenden teilnehmenden Beobachtung im kulturanthropologischen Sinn, mit all ihren Stärken und Schwächen: Goffman, Tochter des Soziologen Erving Goffman, hatte während nahezu ihrer gesamten Studienzeit an den Eliteuniversitäten von Pennsylvania und Princeton in einem schwarzen Getto Philadelphias Seite an Seite mit Gangs, Cracksüchtigen, Arbeitslosen und jugendlichen Verbrechern, aber eben auch mit Männern und Frauen, die sich von der Subkultur aus Drogen, Verbrechen und zahllosen Gefängnisaufenthalten bemerkenswert frei gemacht hatten, verbracht.

Als weiße Frau, als Jüdin, als Angehörige der akademischen Elite lebte sie als fremde Beobachterin inmitten einer anfangs vollkommen unverständlichen Welt, wie einst Bronislaw Malinowski unter den Trobriandinsulanern. Im Gegensatz zum Vater aller Feldforschung sympathisierte sie allerdings in bedenklichem Ausmaß mit den Gegenständen ihrer Forschung. Zwar blieb sie sich ihrer Fremdheit bewusst und entwickelte Strategien, sich als eine Art asexueller Buddy unter den Gangmitgliedern zu etablieren und sich dort beobachtend und protokollierend zu bewegen, aber in einer ebenso faszinierenden wie verstörenden Episode berichtet Goffman, wie sie sich nach der Ermordung eines Freundes aufmachte, gemeinsam mit einem der Schwarzen den gleichfalls schwarzen Täter zu suchen, um den Tod des Kameraden zu rächen. Sie war zum Rachemord bereit.

Spätestens hier verschwimmen die Grenzen zwischen teilnehmender Beobachtung und dem exotischen Abenteuer in einer tribalen Dschungelgesellschaft doch arg. Dennoch bleibt diese Geschichte eine Ausnahme. Ganz überwiegend, wenn auch nicht frei von Redundanzen, schildert Goffman mit Sympathie und Anteilnahme, aber zugleich mit analytischer Präzision das Leben junger schwarzer Männer im Getto - ein Leben in beständiger Flucht vor der Polizei. Denn hier täuscht der Untertitel der holprigen und fehlerhaften deutschen Übersetzung. Es geht nicht um die Kriminalisierung der Armen in den Vereinigten Staaten generell, zumal Latinos und Asiaten ebenso wenig vorkommen wie arme Weiße, es geht um die Strategien schwarzer Kleinverbrecher, sich der Polizei zu entziehen, indem sie auf Verwandte und Freunde zurückgreifen. Tatsächlich besteht das Leben dieser jungen Männer - junge Frauen kommen hier nur als minderjährige Mütter, als Sexualobjekte oder als treulose Verräterinnen vor - fast ausschließlich darin, sich dem polizeilichen Zugriff zu entziehen. Ansonsten bestimmen Drogenkriminalität und Gewalt ihr Leben, wenn sie nicht die Zeit mit Würfeln oder Videospielen totschlagen. Eine Zukunft jenseits dieser Leere kennen sie nicht.

Umgekehrt beschreibt Goffman eindringlich die latente Gewalt, die von einem Polizeisystem ausgeht, das in einem kiffenden weißen Studenten an einer Eliteuniversität den künftigen Anwalt, Unternehmer und Politiker wahrnimmt, im kiffenden schwarzen Jugendlichen aber den Schwerverbrecher von übermorgen. Schwarze werden auf offener Straße zusammengeschlagen, Wohnungen von Zugriffskommandos verschiedener Polizeidienststellen verwüstet. Selbst Goffman gerät einmal in die Mühlen des Apparats und wird grob misshandelt. Über allem aber schweben die Polizeihubschrauber und beobachten eine abgeschlossene Welt. Dieses System, das als Krieg gegen Drogen und Kriminalität daherkommt und sich in der weißen Mittelklasse vieler Anhänger erfreut, kennt kein Erbarmen selbst gegenüber Kleindelikten, sondern setzt, indem es rücksichtslos gegen alle Verdächtigen aus den Unterklassen vorgeht, einen kaum zu unterbrechenden Kreislauf von Verbrechen, Verfolgung und Haft in Gang, der durch die alles beherrschende Armut nicht besser wird.

Niemandem kommt es dabei in den Sinn, die sozialen und kulturellen Ursachen von Gewaltverbrechen zu benennen, geschweige denn, diese tödliche Spirale zu unterbrechen, weil es die Politik Wählerstimmen und die Polizei und Gefängnisverwaltung Jobs kosten würde. Wer aber einmal im System ist, dem wird jedes Entkommen verstellt. Gleichwohl ergeht sich Goffman nicht in mitleidigem Gutmenschentum. Sie weist auf Erfolgsgeschichten inmitten des Chaos hin, Menschen, denen es gelingt, sich konsequent von jeglicher Kleinkriminalität fernzuhalten. Worin aber liegen die Unterschiede zwischen diesem resistenten Personenkreis und jenen, die im Sumpf der Kriminalität und Unterdrückung untergehen?

Darauf gibt Goffman keine Antwort und kann sie auch nicht geben, denn ihre Methode gibt das nicht her. Ihrer Art der teilnehmenden Beobachtung mangelt es an einem übergeordneten Standpunkt. Selbst ihr Methodenkapitel bleibt überwiegend dem Narrativen verhaftet. Alles, was analytisch über die unmittelbare Lebenswelt der zentralen Protagonisten hinausgeht, wird allenfalls angedeutet.

Ein weiteres Problem der Studie hängt ebenfalls mit der gewählten Methode zusammen. Man hat den Eindruck, die Autorin erliege dem reizvollen Charme einer Welt im dauernden Kriegszustand. Die inhärente Gewaltkultur des Gettos wird nicht kritisiert, sondern hingenommen, womit zugleich das Fremde an den Gangmitgliedern betont wird. Gleichzeitig wird sie verabsolutiert. Die schwarzen Jugendlichen werden zu Exoten im eigenen Land, welche die Welt der Weißen nicht mehr verstehen können und wollen und die deswegen im Umkehrschluss von den Weißen gar nicht verstanden werden können. Und die Beobachterin sieht staunend zu.

MICHAEL HOCHGESCHWENDER

Alice Goffman: "On the Run". Die Kriminalisierung der Armen in Amerika. Aus dem Amerikanischen von Noemi von Alemann, Gabriele Gockel und Thomas Wollermann. Antje Kunstmann Verlag, München 2015. 320 S., geb., 19,95 [Euro].

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