Verbrechensopfer, Gesetz und Gerechtigkeit - Hassemer, Winfried; Reemtsma, Jan Ph.
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Lange Zeit stand der Täter im Vordergrund aller kriminalpolitischen und strafrechtlichen Bemühungen um eine angemessene Antwort auf Verbrechen und ihre Folgen. Das Opfer kam argumentativ nicht vor. Es handelte sich im wesentlichen um eine Zweierbeziehung zwischen Täter und Strafrecht. Es ging darum, dem Täter gerecht zu werden, und im Komplex von Schuld und Strafe galt der Täter vielen als das eigentliche Opfer, nämlich als Opfer staatlicher Vergeltungsmaßnahmen. Das Verbrechensopfer selbst hingegen, dessen Anspruch auf Gerechtigkeit der Staat im Namen des Gewaltverbots gleichsam "enteignet"…mehr

Produktbeschreibung
Lange Zeit stand der Täter im Vordergrund aller kriminalpolitischen und strafrechtlichen Bemühungen um eine angemessene Antwort auf Verbrechen und ihre Folgen. Das Opfer kam argumentativ nicht vor. Es handelte sich im wesentlichen um eine Zweierbeziehung zwischen Täter und Strafrecht. Es ging darum, dem Täter gerecht zu werden, und im Komplex von Schuld und Strafe galt der Täter vielen als das eigentliche Opfer, nämlich als Opfer staatlicher Vergeltungsmaßnahmen. Das Verbrechensopfer selbst hingegen, dessen Anspruch auf Gerechtigkeit der Staat im Namen des Gewaltverbots gleichsam "enteignet" und in die eigene Hand nimmt, trat an den Rand des Blickfelds. Heute ist das anders geworden. Nicht Freiheit vor staatlichen Übergriffen, sondern Sicherheit vor Kriminalität beherrscht die Diskussion, und ein opferorientiertes Strafrecht gewinnt zunehmend an Boden. Der Staat ist in unserer Wahrnehmung heute eher Schutzmann als Kerkermeister. Dieser Wandel wirft zahlreiche Probleme auf, denen Winfried Hassemer und Jan Philipp Reemtsma in ihrem Buch nachgehen. Sie lassen sich auf eine einzige Frage zuspitzen: Ist die Täterorientierung des Strafrechts ein unverzichtbares Kennzeichen des Rechtsstaats und ein Gebot unserer Verfassung? In ihrer differenzierten Analyse, die juristische und rechtspraktische Aspekte ebenso einbezieht wie moralphilosophische und kulturhistorische, gewinnt ein Programm Konturen, das den Ansprüchen von Verbrechensopfern auf Einbeziehung in die Aufmerksamkeit von Strafrecht und Kriminalpolitik stärker als bislang Rechnung trägt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 1. Auflage
  • Seitenzahl: 190
  • Erscheinungstermin: 24. September 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 128mm x 21mm
  • Gewicht: 340g
  • ISBN-13: 9783406495656
  • ISBN-10: 3406495656
  • Artikelnr.: 10870104
Autorenporträt
Jan Philipp Reemtsma, geboren 1952 in Bonn, ist unter Geisteswissenschaftlern und Intellektuellen ein fester Begriff. Er lebt und lehrt in Hamburg, ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung und der Arno-Schmidt-Stiftung. Er ist Mitherausgeber der Werke Arno Schmidts und Autor zahlreicher Bücher. 1997 erhielt er den Lessing-Preis der Freien Hansestadt Hamburg, im Jahr 2015 den Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig.

Winfried Hassemer, geboren 1940, ist emeritierter Professor für Rechtstheorie, Rechtssoziologie, Strafrecht und Strafverfahrensrecht an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Von 1991 bis 1996 war er Hessischer Datenschutzbeauftragter. 1996 wurde Hassemer zum Richter des Bundesverfassungsgerichts berufen. Von 2002 bis 2008 war er Vorsitzender des Zweiten Senats und Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts. Winfried Hassemer wurde vielfach ausgezeichnet mit Ehrendoktorwürden internationaler Universitäten. Winfried Hassemer verstarb im Januar 2014.
Rezensionen
Besprechung von 02.04.2003
Das Recht und der Stärkere
Wer schützt das Opfer eines Verbrechens?
Ein prominenter Geisteswissenschaftler und ein ebenso namhafter Strafrechtler schreiben zusammen an einem Buch. Der eine spricht in seiner Eigenschaft als Opfer eines Gewaltverbrechens, der andere, der das hohe Amt des Bundesverfassungsrichters bekleidet, rückt die Betroffenenrede seines Koautors in den Rahmen des Rechts ein. Das heißt konkret, dass in einem Kapitel Reemtsma bis zur griechischen Tragödie ausholt und im nächsten Hassemer einen Überblick über die rechtliche Stellung des Opfers gibt. In diesem Rhythmus verfährt das bemerkenswert unausgegorene Buch und gewährt so einen Einblick in das Ringen zweier Liberaler um die Frage, wie das Recht künftig mit Verbrechensopfern umgehen soll. Dass sie um etwas ringen wird deutlicher als das, worum sie ringen. Denn das Recht, darin stimmen die beiden Autoren überein, pflegt bereits einen durchaus klugen Umgang mit den Opfern. Rache hat das Recht im Gewaltmonopol absorbiert. Einer emotionalen Aufladung des Verfahrens sowie einer erneuten Verletzung des Opfers im Gerichtssaal beugt es dadurch vor, dass es den Verletzten nicht anders als andere Zeugen auch behandelt. Besondere Mitwirkungsrechte am Verfahren stehen ihm nur in sehr engen Grenzen zu.
Aber genau daran, dass der Verletzte seiner prozessualen Stellung nach neutralisiert und nicht mit einer eigenen Gestaltungsmacht im Strafverfahren ausgestattet ist, reiben sich die Autoren. Sie fordern einen besseren Opferschutz, wissend, dass sie damit ihren ärgsten Gegnern das Wort reden könnten, den Strafverschärfern, die Kapital schlagen aus der gegenwärtig populären Solidarisierung mit dem Typus des Opfers. Das Bundesjustizministerium, dem der Zusammenhang von Opferkonjunktur und Sicherheitsbedürfnis zweifellos nicht entgangen ist, hat eine Reform zum Opferschutz ausgearbeitet, die, wenn sie in Kraft treten sollte, jedenfalls zu Ungunsten des Beschuldigten und seiner Grundrechte ausfällt und auch sonst nichts Gutes für die bürgerliche Freiheit verheißt. An solchen Erosionen der Rechtsstaatlichkeit ist den beiden liberal gesonnenen Autoren nun gerade nicht gelegen. Jenseits aller kriminalpolitisch ausbeutbaren Opferhysterie stellen sie diejenigen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung, die tatsächlich Opfer eines Verbrechens geworden sind und kommen zu dem Schluss, dass das bestehende Verfahren im Großen und Ganzen eben schon alles biete, was das Opfer will. Reemtsma zufolge will es keine Rache, sondern Normverdeutlichung, und die bekommt es im Prozess auch. Soweit es auf materielle Entschädigung für das ihm zugefügte Leid aus ist, hat das geltende Recht ebenfalls eine Möglichkeit dafür vorgesehen. Man muss sie nur nutzen. (Vom Problem überzogener Schmerzensgeldforderungen ist keine Rede). Und für alle darüber hinausgehenden Hilfestellungen kann das Recht immerhin die Rahmenbedingungen liefern. (Welche das sind, bleibt vage.)
Wenn die Dinge so günstig liegen, warum haben die Autoren dann nicht einfach eine Lobeshymne auf das geltende Recht geschrieben? Offenbar, weil sie doch mehr oder sogar Verschiedenes wollen. Während der Jurist strikt auf dem Boden des Gesetzes argumentiert, scheint der Nicht-Jurist Gerechtigkeit für das Opfer zu verlangen. Statt hier einen Widerstreit zwischen Opfer- und Juristenperspektive offen auszutragen, zeugen davon in dem Buch unter einer Vielzahl rechtsstaatlich gedeckter Konsenssätze bloß noch einige nicht bereinigte Widersprüchlichkeiten. Gegen sein anfängliches Ansinnen, wie es in einer einfühlsamen Passage über die Verletzlichkeit und Einsamkeit des Opfers vor Gericht zum Ausdruck kommt, betont Reemtsma, dass das Gericht keine therapeutische Anstalt sei. Doch warum eigentlich nicht? Warum sollte die Inszenierung der Tat auf der Bühne des Gerichts nicht genau diese heilende Funktion übernehmen? Nur weil es keinen entsprechenden Paragrafen dafür gibt? Als bestünde die Aufgabe der Juristen vor allem darin, Überforderungen des Rechts abzuwehren, stutzt das Buch die bislang ungehörten Kämpfe des Opfers gegen das erbarmungslose Recht um Anerkennung seiner Wunden von vornherein auf juristische und kriminalpolitisch korrekte Kategorien zurecht. Es hätte ohne solche Maßregelungen ein spannungsgeladenes Buch werden können.
CORNELIA
VISMANN
WINFRIED HASSEMER, JAN PHILIPP REEMTSMA: Verbrechensopfer. Gesetz und Gerechtigkeit. C.H. Beck Verlag, München 2002. 230 Seiten, 22,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 08.10.2002
Versichern und alles Weitere der Versicherung überlassen
Winfried Hassemer und Jan Philipp Reemtsma heilen die Kriminalitätsopfer vom Strafrecht / Von Milos Vec

In der postmodernen Gesellschaft scheinen alle Lebensentscheidungen des Individuums reversibel, und es trifft sie selbst. Durch Recht und Versicherungen werden wir vor Gefahren geschützt, Konzepte wie die Daseinsvorsorge sollen von staatlicher Seite die Unwägbarkeiten der modernen Industriegesellschaft auffangen. Risiken bleiben dennoch. Die Erfahrung, Verbrechensopfer geworden zu sein, gehört zu jenen Einbrüchen in die private Lebenswelt, die alles ändern können. Wie weit die Bemühungen des Staates zur Prävention und Repression gehen dürfen, ist höchst umstritten. Klar ist, daß eine konsequente Opferorientierung vieles im System ändern würde. Winfried Hassemer und Jan Philipp Reemtsma weisen auf die Gefahren hin, die dem Rechtsstaat drohen, wenn dieser sich mit den Interessen des Opfers zu sehr identifiziert.

Hassemer und Reemtsma sind ein kompetentes Paar: Hassemer als Bundesverfassungsrichter und Strafrechtler, Reemtsma als Literaturwissenschaftler, Wissenschaftsmanager und nicht zuletzt auch als Entführungsopfer, das seine Erfahrungen öffentlich und offensiv verarbeitet hat. Ihr rechtspolitisches Mißtrauen gegen die Opfer-Renaissance überfällt den Leser nicht sofort, sondern eröffnet sich erst nach abgewogenen Passagen über die Funktion von Strafrecht und Strafprozeß. Deutlich wird dabei, welchen guten Grund es hatte, daß sich das moderne Strafrecht als Täterstrafrecht formierte und welche randständige Rolle dem Opfer dabei zugewiesen wurde.

Der moderne Staat konstituierte sich, indem er sein Gewaltmonopol gegenüber streitenden und gewaltbereiten Parteien durchsetzte. Statt privater Rache sollte der Täter ein Gerichtsverfahren gewärtigen, an dessen Ende er mit einer Geld-, Freiheits-, Leibes- oder Lebensstrafe belegt wurde. Historisch waren dabei zwei Motive dominant, die Hassemer und Reemtsma in gebotener Klarheit darlegen: Einerseits erfolgte die Verstaatlichung des Konflikts, um den öffentlichen Frieden zu gewährleisten, andererseits versuchte man wiederum, die staatliche Gewaltausübung gegenüber dem Täter oder Tatverdächtigen in diesem Prozeß zu domestizieren. Pikanterweise geriet das Opfer dabei aus dem Blickfeld.

Die Begriffe, mit denen die Auswirkungen dieser großräumigen Verschiebung im Strafrecht und in der Kriminologie beschrieben werden, klingen denn auch wenig human: Von einer "Neutralisierung" oder "Marginalisierung" des Opfers ist da zu lesen oder seiner "Enteignung". Der Staat nimmt dem Geschädigten die private Schädigung aus der Hand und interpretiert sie zu seiner eigenen, öffentlichen Sache um. Das Verbrechensopfer wird in einer Doppelrolle als Opferzeuge funktionalisiert: Es soll aussagen, damit der Staat die Wahrheit ermitteln kann. Mehr nicht. Das hat in Theorie und Praxis bisweilen harte Folgen für die Betroffenen. Schon in der Einleitung formulieren die Autoren eine der Paradoxien des Strafverfahrens: Das Opfer wird von den staatlichen Instanzen zur wahrheitsgemäßen und vollständigen Aussage gezwungen, notfalls durch Auferlegung von Kosten, Ordnungsgeld und Ordnungshaft. Der Verdächtige hingegen darf schweigen.

Ist das gerecht? Spürt hier nicht das Opfer eine Härte, die dem Täter erspart bleibt, weil alle rechtsstaatlichen Sicherungen auf ihn abgestimmt sind? Tatsächlich gibt es Unbilligkeiten im Verfahren, die zu überdenken sind. Doch Hassemer und Reemtsma machen deutlich, daß die vielfältigen Bedrückungen, die das Verbrechensopfer empfindet, zunächst aus der Tat stammen, nicht aus der Einschaltung staatlicher Instanzen. Das Opfer fühlt sich schuldig, weil es Opfer geworden ist. Es rätselt über den Sinn jenes Schicksalsschlags und will ihm eine Deutung unterlegen, die eine Verbindung zu seinem bisherigen Lebensentwurf herstellen könnte. Oft zerbricht es daran.

In der einfühlsamen Analyse der Sozialpsychologie des Opfers hat das Buch seine stärksten Passagen. Vor allem Reemtsma schildert hier diverse Opfer-Täter-Konstellationen in ihrer individuellen und gesellschaftlichen Bedeutung. Deutlich wird dabei eine Vielfalt, die eigentlich vor Pauschalisierungen schützen sollte. Einerseits nimmt im Strafrecht die Zahl der Tatbestände zu, bei denen kein individualisierbares Opfer, sondern nur ein abstraktes Rechtsgut geschützt wird, etwa die Volksgesundheit oder die Umwelt. Andererseits spielt sich Gewaltkriminalität, auf die der moderne Opferdiskurs im Kern abzielt, oft im sozialen Nahraum ab. Auf Familienkonflikte paßt so manche plakative Forderung nicht, die die aktuelle Diskussion für selbstverständlich nimmt.

Sehr gewinnbringend ist daher Reemtsmas Horizonterweiterung über Rechtswissenschaft und Kriminologie hinaus. Denn auch in der Literatur haben Opferberichte und Opfermemoiren Konjunktur: Opfererzählungen werden moralisch positiv konnotiert. Das ist neu, zumal aus historischer und kulturvergleichender Perspektive. Denn viele Gesellschaften neigen dazu, das Verbrechensopfer zu tabuisieren. Sie halten Distanz zu ihm.

Zur eigenen Scham des Opfers, zum Gefühl der Hilflosigkeit und des Makels kommt somit noch die Kälte der Umwelt hinzu. Reemtsma rechtfertigt diese Ablehnung nicht, aber er benennt plausible Gründe für sie: Menschen identifizieren sich ungern mit anderen, die Leid und Schmerz erfahren haben. Sie setzen sich ungern damit auseinander, was ihnen selbst an Übeln widerfahren könnte. Das Verbrechensopfer wiederum hat eine Beschädigung erfahren, die es bisweilen sozial unverträglich macht. Außerdem, so glaubt mancher, war mit einem Menschen, der Opfer geworden ist, schon vorher irgend etwas nicht in Ordnung. Er trägt womöglich eine Mitschuld: Das Opfer ist niemals rein.

Reemtsma wertet es zu Recht als einen Akt der Humanität, wenn Gesellschaften diese Haltung zu überwinden suchen. Doch wie weit soll der Staat gehen, wenn er diese zivilisatorische Anstrengung in rechtsförmigen Verfahren ergänzen will? Die empirische Viktimologie, also die Lehre vom Verbrechensopfer, nimmt der Frage bereits viel von ihrer theoretischen Schärfe. Denn sie belehrt uns darüber, daß Opfer nicht primär den Wunsch nach Rache und Vergeltung verspüren, sondern zumeist materielle Kompensation ihres Schadens wollen. Haben sie diese erhalten, kehrt im Grundsatz Befriedung ein. Verbrechensopfer sind in ihren Erwartungen an den Staat rationaler und nüchterner, als man erwarten könnte.

Welche aktuellen rechtspolitischen Forderungen mit der derzeitigen Opfer-Renaissance einhergehen, verschweigen Hassemer und Reemtsma allerdings dem Leser. Sie geben sich als Mahner, und sie überzeugen insofern, als sie auf die kritische Grundtendenz hinweisen. Wie auch in anderen Bereichen des Rechts besteht tatsächlich die Gefahr, daß Freiheitsgarantien zugunsten von Sicherheitsversprechen aufgegeben werden. Die Modetrends lauten dabei Privatisierung von Staatsaufgaben, Effektivierung der sozialen Kontrolle, Präventionsorientierung und dergleichen mehr. Auf all diesen Feldern hat sich unser Bild des Staates hin zu einem Freiheitsgewährleister verschoben und dabei den Verfall eines rechtsstaatlichen Strafrechts begünstigt. Auch hinter den vermeintlichen Opferinteressen könnte sich auch ein zunehmend repressives Strafrecht verbergen, das nach Legitimationen für weitere Eingriffsbefugnisse sucht. So sehen es eine Reihe von kritischen Kriminologen, und sie fürchten eine Instrumentalisierung des Opfers: Nicht im tatsächlichen Interesse des Opfers sei die Umgestaltung des Prozesses gewünscht, sondern sie fungiere nur als Deckmantel für opferfremde Interessen.

Die Schwäche dieses Buches besteht darin, all jene Details auszublenden, an denen dieser Verdacht erhärtet werden könnte. Weder thematisiert es die Forderungen nach einem Opferanwalt oder gar einer Opferrente, noch liest man Präzises über die derzeit diskutierten Mitgestaltungsrechte des Opfers im Strafprozeß. Wie ist es ferner mit der Geldstrafe, sollte sie nicht besser dem Opfer statt dem Staat zukommen? Bis zu welchem Grad sollen immaterielle Schäden ökonomisiert werden? Wie sehr darf man den Opferzeugen der Unmittelbarkeit des Strafverfahrens entziehen? Jetzt schon sind fallweise Videovernehmungen erlaubt, die ihn von der mündlichen Verhandlung befreien. Doch darf er zu seinem Schutz notfalls ganz anonym bleiben wie nach neuerer österreichischer Rechtslage? Dort besteht die Möglichkeit, daß allenfalls die Polizei, nicht jedoch Gericht und Staatsanwaltschaft die Personaldaten des Opferzeugen besitzen.

Natürlich kann man das Opfer vorschieben, um die gegenüber dem Verdächtigen aufgebauten rechtsstaatlichen Sicherungen auszuhöhlen. Doch steht deswegen gleich der ganze Opferdiskurs unter Generalverdacht? Hassemers und Reemtsmas Buch ist bei der Klärung dieser Fragen wenig hilfreich, da es sich nicht gerne auf Konkretes einläßt und seine Antworten nur rechtsphilosophisch formuliert. Das versprochene Reformmodell, das Täterorientierung, Opferorientierung und Rechtsstaat in Einklang bringen sollte, sucht man erst recht vergebens.

Hilfreich dafür wäre eine Auseinandersetzung mit den empirischen Studien zur Situation der Verbrechensopfer gewesen. Hier wie auch bei der Auswertung der Erfahrung ausländischer Rechtsordnungen könnte man sehen, ob und wie sich Konflikte in vernünftiger Pragmatik auflösen ließen, ohne daß die Rechte des Beschuldigten geschmälert würden und wo das Menetekel vom Grundsatzkonflikt mit der Rechtsstaatlichkeit wirklich angemessen ist: Dem Opfer wäre etwa schon geholfen, wenn man die Opferbetreuung im Gerichtsverfahren verbesserte.

So aber drängt sich der Verdacht auf, daß sowohl die Fürsprecher der Opfer-Renaissance als auch deren Gegner über die Köpfe der Betroffenen hinweg argumentieren. Vielmehr findet hier ein symbolischer Kampf um die beste Kriminalpolitik statt, bei der Schlagworte von Rechtsstaatlichkeit, verletzter Menschenwürde des Opfers und kriminalpolitischer Effektivität gegeneinander ausgespielt werden, obwohl es auch in kleiner Münze verhandelt werden könnte. Und womöglich ist das Recht nicht einmal der ideale Adressat, wenn es darum geht, individuelle Erfahrungen von Verletzlichkeit zu heilen.

Winfried Hassemer, Jan Philipp Reemtsma: "Verbrechensopfer". Gesetz und Gerechtigkeit. Verlag C. H. Beck, München 2002. 232 S., geb., 22,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Es hätte ein spannendes Buch werden können, beklagt sich Cornelia Vismann. Mit den beiden Autoren sei das nötige Potential gegeben: der eine schreibt aus der Perspektive des Verbrechensopfer, der andere kommentiert den rechtlichen Rahmen. Das Dilemma der Autoren umreißt Vismann wie folgt: Reemtsma und Hassemer seien sich der derzeitigen Konjunktur von Opfermitleid und verstärktem Sicherheitsbedürfnis durchaus im Klaren und wollten nicht einer Strafverschärfung das Wort reden. Denn im Grunde seien sie sich darin einig, dass das geltende Gesetz einen relativ guten Opferschutz biete. Wenn aber die Rechtslage so gut sei, fragt Vismann, warum stimmten Reemtsma und Hassemer dann nicht einfach ein Loblied an? Weil es doch offensichtlich einen Widerspruch zwischen Opfer- und Juristenperspektive gebe, den offen auszutragen sich die beiden scheuen würden, kritisiert Vismann. Insofern wäre es vielleicht produktiver gewesen, meint Vismann, darüber zu diskutieren, warum denn ein Gericht keine therapeutische Anstalt sein könne, statt die Ängste und Forderungen der Opfer von vornherein auf "kriminalpolitisch korrekte Kategorien" zurechtzustutzen.

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