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Textprobe:
Kapitel 3.3, Großstadt und Angst:
Die Aufzeichnungen Maltes beginnen mit der Beschreibung der Stadt Paris. Die Großstadt bietet sich Malte in erster Linie als Erkenntnismittel dar und birgt für ihn ein neues Leben voll neuer Bedeutungen. Die Großstadt erscheint ihm zunächst in ihrer Negativität und stößt ihn ab. Er beginnt mit den Gedanken über Leben und Tod in Paris. Damit fällt ein hartes Urteil über Paris:
„So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher
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Produktbeschreibung
Textprobe:
Kapitel 3.3, Großstadt und Angst:
Die Aufzeichnungen Maltes beginnen mit der Beschreibung der Stadt Paris. Die Großstadt bietet sich Malte in erster Linie als Erkenntnismittel dar und birgt für ihn ein neues Leben voll neuer Bedeutungen. Die Großstadt erscheint ihm zunächst in ihrer Negativität und stößt ihn ab. Er beginnt mit den Gedanken über Leben und Tod in Paris. Damit fällt ein hartes Urteil über Paris:
„So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest.“
Maltes Wahrnehmung und Erfahrung der Großstadt kann man in drei Sinnen einteilen nämlich, sehen, riechen und hören. Zunächst lernt Malte sehen. Er zählt erstmal auf, was er sieht. Es sind Hospitäler, Kranke und Sterbende, schwankende und umsinkende Menschen, Arme und schwangere Frauen. Er zweifelt ernsthaft, ob die modernen Krankenhäuser heilen oder den Weg zum Tode führen. Damit wird die Stadt als Stadt der Kranken und des Todes evoziert: „Dieses ausgezeichnete Hôtel ist sehr alt, schon zu König Chlodwigs Zeiten starb man darin in einigen Betten. Jetzt wird in 559 Betten gestorben. Natürlich fabrikmäßig.“ Malte besucht ein Krankenhaus Salpêtrère. Dort wird er von einem Arzt diagnostiziert. „Der Artz hat mich nicht verstanden. Nichts. Es war ja auch schwer zu erzählen. Man wollte einen Versuch machen mit dem Elektrisieren.“ Die elektrotherapeutische Behandlung erhöht die Angst. „Eine Maschine ratterte los.“ Malte sieht kein anderer Ausweg mehr, als seine Ängste medizinisch behandeln zu lassen und begibt sich in die Salpêtrère. Die moderne Welt, mit den zusammenhängenden Ideen der Wissenschaft und des technischen Fortschritts, wird in Frage gestellt:
„Ist es möglich, daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht, wie die Salonmöbel in den Sommerferien?
Ja, es ist möglich.“
Diese rhetorischen Fragen sind besonders in der Großstadt relevant.
Für Malte sind die Krankenhäuser der Großstadt nicht der Ort der Genesung, sondern der Todesgewißheit. Die Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod hängt mit der Großstadtproblematik unverkennbar zusammen. Die Menschen sterben in der Massengesellschaft einen Tod, dessen Anonymität für die Stadt typisch ist. Der anonyme Tod und das „fabrikmäßige“ Massensterben in den großstädtischen Hospitälern sind als Zeichen für das meist „einsame, entindividualisierte Dasein der Menschen in der Vermaßung der Kapitale zu interpretieren.“ Der Tod, der mitten in der Stadt unverhofft steht, stellt die Ursache der Angst dar. Selbst die neueste Technologie kann den Tod aus der Welt nicht beseitigen. In seinem Brief an Clara Rilke am 31.8.1902 gesteht Rilke:
„Vielleicht auch Paris, das wirklich eine große Stadt ist, ist mir sehr, sehr fremd. Mich ängstigen die vielen Hospitäler, die hier überall sind. Ich verstehe, warum sie bei Verlaine, bei Baudelaire und Malarmè immerfort vorkommen. Man sieht Kranke, die hingehen oder hinfahren, in allen Straßen. Man sieht sie an den Fenstern des Hôtel Dieu in ihren seltsamen Trachten, den traurigen blassen Ordenstrachten der Krankheit. Man fühlt auf einmal, daß es in dieser weiten Stadt Heere von Kranken gibt, Armeen von Sterbenden, Völker von Toten.“
Der Literaturkritiker Pfleister verbindet diese autobiographische Briefstelle mit dem Roman:
„Rilke hat seine eigenen Gefühle, Gedanken, Probleme und vor allem seine Ängste bei der Bewältigung der französischen Kapitale in die Figur des Romanhelden projiziert. All Schattenseiten der Großstadtrealität werden gezeichnet, die Kranken, Armen und Bettler, ferner die Hospitäler, verfallenen Häuser, fauligen Gerüche und der störende Straßenlärm.“
Malte sieht sogar die Häuser, die nicht mehr da waren und die Häuser, die abgebrochen sind:
„Wird man es glauben, daß es solche Häuser giebt? Nein, man wird sagen, ich fälsche. Man weiß es. Häuser? Aber, um genau zu sein, es waren Häuser, die nicht mehr da waren. Häuser, die man abgebrochen hatte von oben bis unten“
Im weiteren Verlauf des Sehens sieht Malte einen Mann, der blind war. Dies wird durch die rhetorische Frage eingeleitet:
„Habe ich schon gesagt, daß er blind war? Nein? Also er war blind. Er war blind und schrie. Ich fälsche, wenn ich das sage, ich unterschlage den Wagen, den er schob, ich tue, als hätte ich nicht bemerkt, daß er Blumenkohl ausrief [...] Ich habe einen alten Mann gesehen, der blind war und schrie. Das habe ich gesehen. Gesehen.“
Der Kern dieser Wahrnehmung liegt in Maltes Deutungen der inneren und äußeren Wirklichkeiten, weil er nur die dunkle Seite der Menschen erlebt. Typisch ist die Figur des blinden Blumenkohlverkäufers, der Maltes neues Sehen verkörpert. Diese Figur stellt eine Allegorie von Maltes eigener Lage dar. Seine Blindheit entspricht etwa „Maltes Mangel an Einsicht und der Schrei könnte eine Metapher für die in äußerster Not geschriebenen Aufzeichnungen“ sein.
Maltes bisherige Erlebnisse und Wahrnehmungen in Paris führen zur Entfremdung von seiner Umgebung. Diese Entfremdung von seiner Umgebung ist Zeichen seiner existentiellen Angst und Orientierungslosigkeit:
„Paris präsentiert sich dem Romanhelden als moderne Millionnenstadt mit hektischem Getriebe und einem Anpassungszwang an allgemeinverbin- dliche Normen, vor allem als Terrain, in dem das Leben mit fabrikmäßiger Routine abläuft. An mehreren Stellen des Malte Romans schildert Rilke die Menschenmassen und die Verkehrsdichte der französischen Kapitale, in deren Gewirr vor Straßen und Gassen, die Gefahr des Verirrens und Verlaufens groß ist. Der durch die Großstadt flanierende Malte entdeckt Beispielweise immer neue und unbekannte Straßen. Die Größe und Unübersichtlichkeit der Stadt läßt ihn die Orientierung scließlich vollkommen verlieren.“
Malte beginnt in einer Gasse von Paris Angst zu riechen: „Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst.“ Die Wahrnehmung der Großstadt wird durch das Riechen gekennzeichnet. Das Jodoform als typischen Geruch des Krankenhauses fügt sich in Maltes Einbildung. Der Geruch von Pommes frites, der wahrscheinlich aus dem Großküchen dieser Krankenhäuser stammt, wird metaphorisch dargestellt. Die Angst in der Stadt ist untrennbar von der Alltäglichkeit des Daseins, wie Atemholen. Nach Sieß wird Paris von der subjektiven Perspektive von Malte dargestellt:
„In Malte Laurids Brige kommt Paris als Name, kommen die Name von Pariser Straßen, Plätzen, Gebäuden häufig vor[...] Paris wird in dem Text des Ich-Malte nicht als Stadt, als relativ Autonomes evoziert/projiziert, sondern nur in einzelnen Aspekten. Dieses Paris wird aus der Innenperspektive, von dem geschriebenen Ich her, gesehen- erlaufen (Ich bin aus gewesen), erschaut (Ich habe gesehen); nach einem Plan erschlossen, aber auch errochen (Die Gasse began von allen Seiten zu reichen).“
Die technologische Entwicklung der Großstadt wie die Straßenbahnen, die Automobile und die Lärmen werden erwähnt:
„Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube. Automobile gehen über mich hin. Eine Tür fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern. Die Elektrische rennt ganz erregt heran, darüber fort, fort über alles.“
Die technische Modernität der Großstadt von Paris der Jahrhundertwende gilt für Malte als eine tödliche Bedrohung. Dazu sagt Sokel:
„From the beginning of his notebooks, Malte’s view of modern city has been entirely negative. He sees modernity as decline, disintegration and an apocalyptic reduction of the human to the mechanical.”
Im Gegensatz zu den Geräuschen der Großstadt werden die Geräusche des Landlebens als vertraute Wahrnehmungsobjekte benannt. Anstatt der Geräusche der technischen Modernität findet Malte bei dem bellenden Hund und der Hahn Ruhe. Der bellende Hund gibt ihm ein Gefühl der Erleichterung, er erinnert an sein ländliches Leben seiner Kindheit in Ulsgaard und das Krahen des Hahnes erweckt die Illusion, dass man auf dem Land sei und nicht mehr in der Stadt:
„Leute laufen, überholen sich. Ein Hund bellt. Was für eine Erleichterung: ein Hund. Gegen Morgen kräht sogar ein Hahn, und das ist Wohltun ohne Grenzen. Dann schlafe ich plötzlich ein.“
Auch erlebt Malte in Paris eine Außenwelt und Innenwelt. Die Beziehungslosigkeit und die Leere evozieren die Angst, in der alle Aktivitäten Maltes wieder hinauslaufen. Er fühlt sich fremd: „Ich bin ja noch gar nicht in dieser Welt eingewöhnt gewesen, die mir gut scheint.“ Paris ist als eine Kunststadt bekannt, aber nicht für Malte. Für ihn ist die Stadt grausam, tödlich und ängstlich. Steiner kommentiert über die Malte Figur:
„Immer wieder spricht er von der Angst, die ihn in den Großstädten befällt, Angst vor einer plötzlich hereinbrechenden Katastrophe. Er fühlt einen kommenden Untergang in den Städten. Die Stadt und ihrer Bewohner stehen für ihn die Dinge. Die Dinge sind an das Gesetzt der Schwere gebunden, so sind die gleichsam geschützt vor der Gefahr, fortgeschleudert zu werden in den Weltraum, sie leben in dem großen Zusammenhang, der sie festhält.“
Für Malte, evozieren das Sehen, das Riechen und das Hören in ihm immer mehr Ängste. Die Empfindung der Angst hat sich bei Malte aber nicht erst im Zusammenhang mit seiner Großstadterfahrung ausgebildet, sondern die Angst ist durch seine Kindheitsereignisse schon vorbereitet. Die Angst in der Großstadt ist nur die Fortsetzung seiner Kindheitserlebnisse.
In der Jahrhundertwende war Paris als eine Kunststadt bekannt. Die Stadt galt als Metropole der Kunst Europas und das Leben in Paris wurde von den Schriftstellern und Künstlern oft in deren Kunst stilisiert. Gerade für Schriftsteller scheint Paris dabei eine besonders fruchtbare Inspirationsquelle darzustellen. Man denke Beispielweise an Balzac, Victor Hugo oder an Charles Baudelaire, die die Stadt zum literarischen Thema avanciert haben. Rilkes erster Paris-Aufenthalt wird von einer Schaffenskrise gekennzeichnet. In gewissem Sinne gilt dies auch für Malte, denn er kam auch nach Paris um Dichter zu werden. Die Stadt als Raum des Leidens gilt als ein dominantes Motiv in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts.
  • Produktdetails
  • Verlag: disserta Verlag
  • Seitenzahl: 72
  • Erscheinungstermin: 01.07.2015
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783959350839
  • Artikelnr.: 43724654
Autorenporträt
Chiinngaihkim Guite, geboren und aufgewachsen in Manipur (Indien), hat seit 2006 Germanistik am Department of Germanic and Romance, Universität Delhi, studiert und dadurch als Literaturwissenschaftlerin und Tutorin gearbeitet. Mit ihrem Mann lebt sie in Delhi. 2015 wurde im Diplomica Verlag ihr erstes Buch "Das Motiv der Angst in Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" veröffentlicht. Seither schreibt sie ihre Doktorarbeit.