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"Patria" heißt Vaterland, Heimat. Aber was ist Heimat? Die beiden Frauen und ihre Familie, um die es in Fernando Aramburus von der Kritik gefeierten und mit den größten spanischen Literaturpreisen ausgezeichneten Roman geht, sehen ihre Heimat mit verschiedenen Augen.
Bittori sitzt am Grab ihres Mannes Txato, der vor über zwanzig Jahren von Terroristen erschossen wurde. Sie erzählt ihm, dass sie beschlossen hat, in das Haus, in dem sie wohnten, zurückzukehren. Denn sie will herausfinden, was damals wirklich geschehen ist, und wieder unter denen leben, die einst schweigend zugesehen hatten,…mehr

Produktbeschreibung
"Patria" heißt Vaterland, Heimat. Aber was ist Heimat? Die beiden Frauen und ihre Familie, um die es in Fernando Aramburus von der Kritik gefeierten und mit den größten spanischen Literaturpreisen ausgezeichneten Roman geht, sehen ihre Heimat mit verschiedenen Augen.

Bittori sitzt am Grab ihres Mannes Txato, der vor über zwanzig Jahren von Terroristen erschossen wurde. Sie erzählt ihm, dass sie beschlossen hat, in das Haus, in dem sie wohnten, zurückzukehren. Denn sie will herausfinden, was damals wirklich geschehen ist, und wieder unter denen leben, die einst schweigend zugesehen hatten, wie ihre Familie ausgegrenzt wurde. Das Auftauchen von Bittori beendet schlagartig die vermeintliche Ruhe im Dorf. Vor allem die Nachbarin Miren, damals ihre beste Freundin, heute Mutter eines Sohnes, der als Terrorist in Haft sitzt, zeigt sich alarmiert. Dass Mirens Sohn etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun hat, ist Bittoris schlimmste Befürchtung. Die beiden Frauen gehen sich aus dem Weg, doch irgendwann lässt sich die lange erwartete Begegnung nicht mehr vermeiden...

Ein Bestseller in Spanien, monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste, ein epochemachender Roman über Schuld und Vergebung, Freundschaft und Liebe, der zeigt, wie Terrorismus den inneren Kern einer Gemeinschaft angreift und wie lange es dauert, bis die Menschen wieder zueinander finden.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 768
  • 2018
  • Ausstattung/Bilder: 768 S. 220 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 152mm x 45mm
  • Gewicht: 885g
  • ISBN-13: 9783498001025
  • ISBN-10: 3498001027
  • Artikelnr.: 49988837
Autorenporträt
Willi Zurbrüggen, geboren 1949 in Borghorst, ist Literaturübersetzer und Schriftsteller. Er absolvierte eine Banklehre und arbeitete bei einer Investmentbank. Nach mehreren Reisen in den Maghreb und den Vorderen Orient sowie einem zweijährigen Aufenthalt in Mexiko und Mittelamerika arbeitet er seit 1980 als freier Literaturübersetzer. Zurbrüggen hat zahlreiche bedeutende Werke aus dem Spanischen ins Deutsche übertragen. Für seine Übersetzungen erhielt er internationale Preise. Willi Zurbrüggen lebt und arbeitet in Heidelberg. 1990: Übersetzerpreis des Spanischen Kulturministeriums in Madrid, 1995: Übersetzerpreis der Spanischen Botschaft in Bonn, 1996: Literaturpreis der Stadt Stuttgart 2005: Stipendium des Deutschen Literaturfonds. 2012 erhielt Willi Zurbrüggen den "Jane Scatcherd-Preis" für seine Lebensarbeit. Er hat mit seinem übersetzerischen Werk einen großen Beitrag zur Wahrnehmung sowohl spanischer als auch lateinamerikanischer Autoren in Deutschland geleistet; Javier Cercas, Antonio Munoz Molina, Luis Sepúlveda, Antonio Skármeta, Manuel Vázquez Montalbán sind darunter die bekanntesten Namen.
Rezensionen
'Patria' ist ein mitreißender, spannender und lebenspraller Gesellschafts- und Familienroman. Deutschlandfunk Kultur
Besprechung von 21.01.2018
Im Land der Schweigenden

Über Fernando Aramburus großen Roman "Patria"

Von Mario Vargas Llosa

Ich habe bestimmt Dutzende von Artikeln und viele Essays über die Eta gelesen; doch nur Fernando Aramburus Roman "Patria" hat mich innerlich - nicht als außenstehender Zeuge, sondern als Mörder und eines von vielen Opfern - die blutigen Jahre des Schreckens erleben lassen, die Spanien durch den Eta-Terror erlitten hat. Der Roman verführt uns, besticht uns durch seine Wortmagie und seine raffinierten Sprünge in Chronologie und Erzählperspektive, so dass wir bald überzeugt sind, es mit keiner geschriebenen Geschichte mehr zu tun zu haben, sondern mit dem Leben selbst, und uns darin bewegen, wie seine Romanfiguren es tun. Lange habe ich kein so überzeugendes und bewegendes, kein so klug komponiertes Buch mehr gelesen; eine Fiktion, die zugleich ein so beredtes Zeugnis über eine historische Wahrheit ablegt, wie es zu ihrer Zeit "The Secret Agent", Joseph Conrads Roman über die Londoner Anarchisten des 19. Jahrhunderts, oder "La Condition humaine", André Malraux' Roman über die chinesische Revolution, getan haben.

Die Handlung spielt in einem namenlosen Dorf in der Nähe von San Sebastián, wo zwei befreundete Familien sich aus politischen Gründen - besser gesagt aus Gründen als Politik sich tarnender Gewalt - entzweien und gegenseitige Zuneigung in Hass umschlägt. Anfangs scheint es so, als machten die Einwohner gemeinsame Sache mit den Kämpfern im Untergrund. Darauf deuten sowohl die Parolen, die Transparente, die Demonstrationen vor dem Rathaus hin, welche die Freilassung der Gefangenen fordern, als auch die Revolutionssteuer, die von den Wohlhabenden an Patxi, den Kneipenwirt und heimlichen Verbindungsmann der Eta, gezahlt wird, oder der Schimpf und Abscheu, der den verhassten "Spaniolen" entgegenschlägt.

Je mehr wir uns jedoch dem inneren Familienkreis nähern und hören, was die Leute flüstern, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, desto deutlicher wird, dass die meisten im Dorf ihre wahren Gefühle verbergen, weil sie Angst haben; eine Angst, die sie wie ihr Schatten begleitet. Nicht grundlos, denn die Bande der von ihrer Mission Überzeugten ist eine fürchterliche Mordmaschine, die bei ihren Repressalien keine Gnade kennt. Der Beweis sind die Leichen, die man immer wieder auf den Straßen findet. Der Txato, zum Beispiel. Ein fleißiger Unternehmer, ein gutmütiger Mensch, der seine Familie über alles liebt und dazu das Kartenspiel mit Freunden und die sonntäglichen Radtouren mit dem Rennradclub. Die Eta fordert immer mehr Geld von ihm, und er bezahlt es, um seine Ruhe zu haben. Die Forderungen werden immer höher, und irgendwann hört er auf zu zahlen. Daraufhin erscheinen im ganzen Dorf Wandschmierereien, in denen er Verräter, Büttel, Feigling und Verbrecher genannt wird. Die Leute grüßen ihn nicht mehr, der widerliche Pfarrer, Don Serapio, empfiehlt ihm, aus dem Dorf wegzuziehen. An einem regnerischen Nachmittag wird er mit vier Schüssen in den Rücken niedergestreckt.

Bittori, seine Witwe, besucht ihn im Lauf der Jahre an seinem Grab und erzählt ihm die neuesten Begebenheiten aus dem Leben ihrer zerstörten Familie und von ihrem Bedürfnis herauszufinden, wer sein Mörder war. Joxe Mari vielleicht, der Sohn ihrer ehemals besten Freundin Miren, dem der arme Txato als Kind das Fahrradfahren beibrachte und immer Süßigkeiten kaufte? Joxe Mari, ein bärenstarker, ungebildeter und ziemlich wilder Bursche ist eine erschütternde Figur, die nicht aus ideologischen Gründen zum Terroristen wird - seine politische Bildung beschränkt sich auf den Glauben, das Baskenland werde von Spanien ausgebeutet und könne seine Unabhängigkeit allein durch den bewaffneten Kampf erreichen -, sondern weil er die Gefahr liebt und Gewalt eine konfuse Faszination auf ihn ausübt. Wir verfolgen seine Ausbildung zum Terroristen aus nächster Nähe im Untergrund in der Bretagne, wie die Theorie ihn anödet, die praktischen Übungen ihn jedoch erregen, wenn es darangeht, Bomben zu bauen, Hinterhalte zu legen und das schnelle Töten zu lernen. Das alles erleben wir mit ihm und in ihm, wenn er seinen ersten Mord begeht, von der Polizei verhaftet und gefoltert wird und während der langen, nicht enden wollenden Jahre im Gefängnis, das er vielleicht nicht mehr lebend verlassen wird.

Die Menschen in "Patria" sind weder namhafte Helden noch große Schurken, sondern ganz normale Leute; einige von ihnen arme Teufel, die unter anderen Umständen von keinerlei Interesse wären. Die Interessanteren von ihnen sind dies nicht, weil sie besondere Tugenden oder Fähigkeiten besitzen, sondern wegen der Grausamkeit, mit der sich physische und moralische Gewalt über sie entlädt, sie in diesem "Land der Schweigenden" zu einem Leben zwingt, in dem heuchlerisches Mundhalten als einzige Option stoisch ertragen wird, ohne sich aufzulehnen, als handelte es sich um ein Erdbeben oder sonst eine unvermeidbare Naturkatastrophe.

Die Beschreibung der Atmosphäre - bedrohlich, bedrückend, nervend, repetitiv -, in der diese Menschen leben, gehört zu dem Gelungensten, was der Roman zu bieten hat. Die Zeit will nicht vergehen, bleibt manchmal stehen. Diese Wirkung wird hervorgerufen durch eine mutige Erzählstruktur, die aus kurzen, nicht chronologisch aufeinanderfolgenden Episoden besteht, die dem temporären Verlauf Gewalt antun, vor- und zurückspringen, auseinanderstreben oder zusammenfinden und damit einen erhellenden Kontrapunkt schaffen, eine Chronologie, in der die Wirkungen oft den Ursachen vorausgehen, Vergangenheit und Zukunft sich vermischen zu einer Gegenwart, in der das, was geschehen ist, mit dem, was noch geschehen wird, verschmilzt. Den Leser verwirren diese Zeitsprünge nicht, im Gegenteil; er ist ganz erfüllt von dieser augenblicklichen Ewigkeit - dem zusätzlichen Element -, in der das Geschehen des Romans stattzufinden scheint.

Geschrieben ist der Roman in einer Sprache, in der Erzähler und Romanfiguren auseinanderstreben oder zueinanderfinden. Ein ebenso subtiler wie komplexer Ansatz, in dem diese Bewegungen ganz unbemerkt vonstatten gehen, subjektiv und objektiv wird verwechselt, wie auch die Welt der Tatsachen mit der der Emotionen und Phantasien, das tatsächliche Geschehen mit den Reaktionen, die es in den Köpfen hervorruft. Auf diese Weise wird der Roman zu einem vollkommen autarken Konstrukt. Es ist das Größte, was ein Autor zuwege bringen kann.

Das Buch mit seiner so unseligen wie bezaubernden Geschichte ist zugleich eine deutliche Stellungnahme, eine klare Verurteilung von Gewalt, von Fanatismus und Ignoranz, die diese Gewalt befördern. Und es ist eine sehr einfühlsame Beschreibung des moralischen Verfalls, den sie in einer Gesellschaft heraufbeschwört, indem sie deren Werte untergräbt, die Menschen brutalisiert und gegeneinander aufbringt, Institutionen und menschliche Beziehungen zerstört. Mit sicherem Gespür jedoch vermeidet das Buch alle ideologischen Einlassungen und zeigt stattdessen in kurzen, stets unwiderstehlichen Episoden, wie sich ein ganzes Gemeinwesen vernünftiger Menschen unmerklich und unwissentlich, ganz unverhohlen, von Zugeständnis zu Zugeständnis, zu Komplizen macht und in einigen Fällen zu weit Schlimmerem.

Wenn "Patria" endet, hat die Eta dem bewaffneten Kampf entsagt und beschlossen, sich nur noch politisch zu betätigen. Ein Fortschritt, klar. Aber ist irgendeine Lösung für das eigentliche Problem, den verdammten Nationalismus, in Sicht? Vielleicht ist das Buch pessimistischer geraten, als der Autor beabsichtigt hat. Auf der letzten Seite begegnen sich die beiden Ex-Freundinnen - Miren, die Mutter des Terroristen, und Bittori, die Ehefrau des Ermordeten - in einer versöhnlichen Umarmung. Das ist die einzige Szene in diesem großartigen Roman, die mir nicht wie das Leben selbst, sondern wie reine Fiktion vorkommt.

Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen

Derechos mundiales de prensa en todas las lenguas reservados a Ediciones EL PAÍS, SL, 2017. © Mario Vargas Llosa, 2017. Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa veröffentlichte zuletzt seinen Roman "Die Enthüllung" (Suhrkamp).

Fernando Aramburu: "Patria". Roman. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt, 760 Seiten, 25 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ralph Hammerthaler sieht die ganze Welt in einem kleinen baskischen Dorf mit Fernando Aramburus, wie er findet, umwerfenden Roman. Die Saga zweier sich durch den Eta-Terror ineinander verstrickender Familien entwickelt der Autor laut Rezensent derart plastisch und facettenreich, dass die vielen Figuren dem Leser wie alte Bekannte erscheinen, deren Weg er mit Sorge begleitet. Wie Aramburu in nüchterner Sprache das Geschehen entfaltet, multiperspektivisch, spannend, ohne sich um Chronologie zu scheren, um alles schließlich auf verblüffende Weise zusammenzuführen, das hat Hammerthaler schwer beeindruckt. Ein paar stilistische Marotten, wie die sich seiner selbst versichernden Fragen des Erzählers, verzeiht er dem Autor da gerne.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 24.01.2018
Das blutige Puzzle
Zwei Familien, unendliche Verstrickungen: Der baskische Autor Fernando Aramburu erzählt
in seinem großen Roman „Patria“ von Opfern und Tätern der Eta
VON RALPH HAMMERTHALER
Im Jahr 2010 wurde der BBC ein Video zugespielt: Drei Männer mit weißen Kapuzen über dem Kopf, Sehschlitze, Baskenmütze, verkündeten einen Waffenstillstand. Drei linke Fäuste fuhren in die Höhe. Dieses Versprechen hatte die Eta schon öfter gegeben, um es kurz darauf zu brechen. Mehr als achthundert Tote, darunter viele Zivilisten, wurden ihr bis dahin zur Last gelegt. Also war die Skepsis groß. Doch schon im Jahr darauf bekräftigte die Organisation, die nach fünfzig Jahren und vernichtenden Schlägen gegen ihre Führung keine Terrororganisation mehr sein wollte, ihren Willen. Im Januar 2011 stellte sie einen „dauerhaften und allgemeinen Waffenstillstand“ in Aussicht, im Oktober 2011 die „definitive Beendigung der bewaffneten Aktivitäten“. Ganz Spanien atmete auf; der Staat verlangte, dass die Waffen abgegeben wurden.
Im Gefängnis hört Joxe Mari von der Nachricht. Vor Wut und Verzweiflung schlägt er mit der Faust gegen die Wand, so heftig, dass die Haut an den Knöcheln aufplatzt. „Die Organisation entsagt dem bewaffneten Kampf, und wir Gefangene sind für sie nur noch nutzloser Ballast.“ Er, der gegen alle Vernunft an seiner Überzeugung festhält, an der Notwendigkeit des mörderischen Konflikts, bricht schluchzend zusammen. Aber erst als ihm seine geliebte Schwester Arantxa ein Foto von sich schickt, im Rollstuhl nach einem Schlaganfall, verzerrtes Lächeln, gelähmte Faust, ist er bereit, von seiner Lebenslüge zu lassen. Ja, es sieht so aus, als erlange er durch den erschütternden Anblick seine beharrlich verleugnete Menschlichkeit zurück.
„Patria“, Vaterland – was für ein umwerfender Roman! Fernando Aramburu, 1959 im baskischen San Sebastián geboren und seit den 1980er-Jahren in Hannover zu Hause, erzählt darin eine doppelte Familiensaga. Die beiden Familien, früher eng befreundet, bleiben auf vertrackte Weise miteinander verstrickt. Die eine bringt einen Eta-Täter hervor, die andere wird für ein Eta-Opfer ausgespäht. Insgesamt zu neunt, wohnen die Protagonisten zunächst alle in einem Dorf in der Provinz Guipúzcoa. Diese neun Figuren entwickelt Fernando Aramburu dermaßen plastisch und facettenreich, dass sie einem wie gute, teils unheimliche Bekannte vorkommen. Der Killer Joxe Mari wird so eindringlich geschildert, dass man seinen Weg, der mit nichts als Sportsgeist und Abenteuerlust beginnt, mit wachsender Sorge und Beklemmung verfolgt.
Das Herzstück des Romans ist die Ermordung des Fuhrunternehmers Txato. Aus verschiedenen Perspektiven wird sie ein ums andere Mal erzählt, ohne dass die Spannung nachlässt. Aber sie beeinflusst auch alles Weitere, die Figuren und ihre Beziehungen untereinander, ihr Verhältnis zur Umgebung. Dadurch erhält man eine Ahnung davon, wie wirksam das Gift war, das die Eta in die baskische Gesellschaft spritzte. Txato ist ein einfacher, rechtschaffener Mann, den jeder zum Freund haben möchte, ehe Parolen und Schmierereien an den Wänden auftauchen, die ihn verhöhnen und als Zielscheibe markieren.
Der Grund dafür liegt in seiner Weigerung, die sogenannte Revolutionssteuer zu entrichten. Er hat auch, und das macht ihn glaubwürdig, einige nicht so gute Charakterzüge, Dickköpfigkeit, Kontrolltick gegenüber seinen Angestellten. Auf dem Weg von seinem Haus zur Garage wird Txato mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Ein feiger Mord, was sonst.
Tochter Nerea hat auf Drängen ihres Vaters den Studienort gewechselt, sie ist von San Sebastián nach Saragossa gegangen. Dort sitzt sie mit Kommilitonen in einer Kneipe, als auf dem Fernseher das Foto von Txato erscheint, darunter das Schriftband „Unternehmer in Guipúzcoa ermordet“. Sie erstarrt inmitten der lärmenden Unterhaltung. Sie kann den Urin nicht halten und pinkelt sich nass. In der Nacht zieht sie einen Studenten zu sich ins Bett und fleht ihn an, sie zu ficken. Dieses Kapitel über Nerea ist so überwältigend, dass einem die Tränen kommen.
Fernando Aramburus Sprache wirkt nüchtern und durchsichtig, fast gläsern. Schaut hin, scheint er zu sagen, so ist es passiert. Wie Teile eines Puzzles setzt er seine Kapitel zusammen, ein jedes kurz und mit einer unaufdringlichen Pointe ausgestattet. Ohne Rücksicht auf Chronologie und höhere Ordnung hat er Hunderte Seiten geschrieben, denen man atemlos folgt. Am Ende erblickt man verblüfft das fertige Puzzle. Raffiniert schweift er von der Er- zur Ich-Perspektive, oft in ein und demselben Satz. Leider aber pflegt er auch ein paar stilistische Marotten. So fällt er sich mit plumpen Fragen immer wieder selbst ins Wort, um dann darauf zu antworten: „Txato hatte ihr nie verraten, dass er im Büro eine Pistole hatte. Überrascht? Kein bisschen.“
Das stört etwas. Oder er reiht Verben und Adjektive aneinander, zwei oder auch drei, als hätte er sich zum angemessenen mot juste, wie Hemingway sagen würde, nicht durchringen können: „wobei sie Frühstücke, Mittagsmahlzeiten und Abendessen von mittelmäßiger/zweifelhafter Qualität in London aufzählt/zur Sprache bringt.“ Auch das stört etwas. Warum? Weil es gekünstelt/gespreizt/überflüssig wirkt.
Im Dorf verfügt die Eta über unzählige Sympathisanten; in der Kneipe steht eine Spendenbüchse auf dem Tresen. Wer nicht auf Demos geht, gilt als verdächtig. Sogar der Pfarrer befürwortet den Kampf. Kämpfer Paxto sagt: „Die Leute da unten tanzen und feiern, stehen vor den Eisdielen Schlange, und unsereiner hält den Arsch hin, um sie zu befreien.“ Und Joxe Mari gibt zur Antwort: „Sei unbesorgt. Wenn wir das Heft in der Hand haben, tanzen sie nach unserer Musik.“
Darin klingt der Sound einer Diktatur an, geschickt gedämpft durch Gesänge der Freiheit. Das ganze Dorf fällt darauf herein. Txato und seine Frau Bittori werden samt Kindern aus der Gemeinschaft gestoßen. Als der sterbende Unternehmer im strömenden Regen auf der Straße liegt, stürzt Bittori nach draußen. Niemand anderes eilt zu Hilfe. Wer die Sanitäter gerufen hat, bleibt unklar. Einer der Nachbarn muss es gewesen sein. Sie stehen versteckt hinter Gardinen.
Beide Familien haben ein weibliches Oberhaupt: Miren und Bittori. Einst waren sie unzertrennlich, und es gab eine Zeit, da sie als Nonnen ins Kloster gehen wollten. Von einem Tag auf den anderen aber bricht Miren den Kontakt ab. Sie hat Schmähungen gegen Txato entdeckt. Als hörige Mutter hält sie zu ihrem längst untergetauchten Sohn Joxe Mari. Obwohl im Grunde unpolitisch, geht sie auf jede Demo für ein freies Baskenland oder für die Amnestie der von Folter bedrohten Gefangenen. Verschärfend kommt hinzu, dass Joxe Mari am Tag von Txatos Ermordung im Dorf gesehen worden ist. Die Ungewissheit, was er tat oder nicht, nagt an jedem Einzelnen. Auf der letzten Seite – der Roman ist behutsam auf Versöhnung umgeschwenkt – lässt Aramburu die beiden alt gewordenen Frauen zusammentreffen und einander umarmen. Diese Geste wirkt unvorbereitet und nach allem, was war, zu groß. Ein langer, durchdringender Blick hätte genügt. In diesem Roman sieht der Leser die Welt – in einem kleinen baskischen Dorf.
Es ist sehr riskant,
die Revolutionssteuer
nicht zu entrichten
Der Sound einer Diktatur
wird geschickt durch
Gesänge der Freiheit überdeckt
Graffiti der Eta in der baskischen Provinz, aufgenommen im März 2010, im Jahr der Ausrufung des Waffenstillstands durch die Eta. Wie gefährlich es war, zur Zielscheibe von Parolen und Drohungen an Hauswänden zu werden, zeigt in Fernando Aramburus Roman das Schicksal des Unternehmers Txato.
Foto: AFP
Fernando Aramburu: Patria. Roman. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018. 768 Seiten, 25 Euro. E-Book 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Diese Geschichte hat das Leben selbst geschrieben. Wir tauchen in sie ein und fiebern mit den Protagonisten mit. Ich habe seit langem kein so überzeugendes und bewegendes Buch mehr gelesen.