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Der Kalte Krieg ist seit über zwanzig Jahren vorbei, doch das postsowjetische Russland sucht noch immer nach einer neuen Identität. Während man im Westen nach wie vor von der Gorbatschow-Zeit schwärmt, will man sie in Russland am liebsten vergessen. Inzwischen gilt Stalin dort vielen, auch unter den Jüngeren, wieder als großer Staatsmann, wie überhaupt die sozialistische Vergangenheit immer öfter nostalgisch verklärt wird. Für Swetlana Alexijewitsch leben die Russen gleichsam in einer Zeit des "secondhand", der gebrauchten Ideen und Worte. Wie ein vielstimmiger Chor erzählen die Menschen in…mehr

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Produktbeschreibung
Der Kalte Krieg ist seit über zwanzig Jahren vorbei, doch das postsowjetische Russland sucht noch immer nach einer neuen Identität. Während man im Westen nach wie vor von der Gorbatschow-Zeit schwärmt, will man sie in Russland am liebsten vergessen. Inzwischen gilt Stalin dort vielen, auch unter den Jüngeren, wieder als großer Staatsmann, wie überhaupt die sozialistische Vergangenheit immer öfter nostalgisch verklärt wird. Für Swetlana Alexijewitsch leben die Russen gleichsam in einer Zeit des "secondhand", der gebrauchten Ideen und Worte. Wie ein vielstimmiger Chor erzählen die Menschen in ihrem neuen Buch von der radikalen gesellschaftlichen Umwälzung in den zurückliegenden Jahren.

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, D, L ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser Berlin
  • Seitenzahl: 592
  • Erscheinungstermin: 26.08.2013
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783446244122
  • Artikelnr.: 39365102
Autorenporträt

Swetlana Alexijewitsch, geboren am 31.Mai 1948 in Iwano-Frankowsk (damals Stanislaw) in der Ukraine, ist die Gewinnerin des Literaturnobelpreises 2015.


Kurz nach Swetlana Alexijewitschs Geburt, nachdem ihr Vater seine Zeit in der Armee beendet hatte, verließ die Familie die Ukraine, und zog in eine ländliche Region Weißrusslands, der Heimat ihres Vaters, wo ihre Eltern fortan als Lehrer arbeiteten. Mit siebzehn Jahren begann ihr Einstieg in die Arbeitswelt als Erzieherin und Lehrerin, um sich so für ein Journalistik-Studium an der Universität in Minsk zu qualifizieren. Dieses schloss sie 1972 erfolgreich ab.
In den folgenden Jahren arbeitete sie für verschiedene Zeitungen und verfasste ihr erstes Buch, das sie 1976 fertigstellte. Allerdings verzichtete sie nach anfänglichen Problemen mit der Regierung bezüglich des Inhalts auf eine Veröffentlichung, da das Werk ihren Ansprüchen nicht genügte.
1983 beendete Swetlana Alexijewitsch die Arbeit an ihrem ersten "dokumentarischen Roman in Stimmen" Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, bei dem sie Interviews und Zeugenberichte auf einzigartige Weise literarisch aufarbeitete. Die Veröffentlichung wurde abermals durch die Regierung behindert und Alexijewitsch verlor ihre Anstellung. Das Buch konnte zwei Jahre später allerdings doch erscheinen (1987 in Deutschland). Die Strapazen sollten sich letztendlich auszahlen: Das Werk über die Erlebnisse weiblicher Soldaten während und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von Lesern und Kritikern gleichermaßen gelobt, eine Verfilmung und eine Fassung für das Theater folgten.
Auch ihre weiteren Bücher, (u.a. Die letzten Zeugen (1985, dt. 1989), Zinkjungen (1989, dt 1992), Im Banne des Todes (1993, dt. 1994), Tschernobyl (1997, dt. 2006), stellten Alexijewitsch wiederholt vor Probleme mit der Regierung, dies ging so weit, dass ihre Werke seit Amtsantritt des weißrussischen Präsidenten Lukaschenko im Jahr 1994 nicht mehr verlegt werden dürfen.
Unter anderem aus diesem Grund verließ sie Weißrussland und verbrachte mehrere Jahre in Paris, Stockholm und Berlin, kehrte im Jahr 2011 trotz der anhaltenden Anfeindungen in ihrer Heimat nach Minsk zurück, wo sie seither lebt.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.08.2013

Küchendissidenten, besiegt vom Kapitalismus

Meisterwerke der Zeitgeschichte: Die Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch schildert in einer atemberaubenden Dokumentation das Leben auf den Trümmern des Sozialismus.

Was für Erinnerungen?", fragt Swetlana Alexijewitschs letzte Gesprächspartnerin, eine sogenannte Normalbürgerin. Die Postbotin hatte ihr eine Botschaft überbracht. "Die Partei hat dichtgemacht." Nun sei alles, auch das Imperium, die Sowjetunion, verloren. Die Frau an der Gartenpforte wundert sich. "Aber was habe ich verloren? Ich lebe genau wie früher ..." Armselig, seit Jahrzehnten nur mit dem Allernötigsten versorgt, egal, wer das Sagen hat, jetzt ist es gerade Putin. Sozialismus, Kapitalismus, alles gleich. Nur Warten auf den Frühling lohnt - eine Hoffnung, die sich zuverlässig erfüllt.

Swetlana Alexijewitsch ist eine berühmte Schriftstellerin, nur für ihre Heimat Weißrussland gilt das nicht. Ihre Bücher, in dreißig Sprachen übersetzt, werden dort, in der letzten Enklave sowjetischer Diktatur, beschwiegen, zumindest offiziell. Ihr neues Buch über das russische Leben seit 1991, das sich gängigen Genres nicht zuordnen lässt und dessen Kapitel ohne exakte Zeitangaben auskommen, ist eine einzigartige, vielstimmige literarische Chronik des Sowjetmenschen und seiner Wiedergänger. Entfernt erinnert es an Walter Kempowskis "Echolot", weil auch sie Menschenstimmen sammelt, die historische Zäsuren erlebten.

Nur schafft sie daraus einen dokumentarischen Roman, dessen schöne, klare Sprache den Leser gefangennimmt für eine eigenwillige Zeitreise, die immer wieder zur Höllenfahrt in den Abgrund allgegenwärtigen Terrors gerät. Dieser Terror zieht sich durch das ganze Buch, ist nicht nur an bekannten Zeitmarken wie 1937 oder 1941 festzumachen. Als die Sowjetunion zerbricht, fällt er als schockierend brutaler Bürgerkrieg noch in entferntesten Gegenden des Riesenreiches über die Menschen her - wovon die andere Welt kaum Kenntnis nahm.

Swetlana Alexijewitsch hat exemplarische Lebensgeschichten und Bekenntnisse zusammengefügt zu einem atemberaubenden, oft kaum erträglichen Menschenpanorama, das, grell ausgeleuchtet, einen bestürzend genauen Einblick in den Alltag dieses Zusammenbruchs einer riesigen Zwangsgemeinschaft gewährt. In ihren Gesprächen mit Zeitgenossen, Dissidenten, Studenten, Künstlern, Ingenieuren, Arbeitslosen und neuen Geschäftsleuten, mit Tätern und Opfern, ehemaligen GULag-Häftlingen und Henkern, Soldaten, Funktionären und immer wieder jenen, die noch jeden Strohhalm der Hoffnung auf bessere Zeiten ergriffen, gibt es nur den einen gemeinsamen Bezugspunkt: die Sowjetunion als Lebensverhängnis.

Alexijewitsch versammelt Individuen, die zuweilen wie Gestalten der großen russischen Literatur anmuten; Mitglieder einer geschlossenen Gesellschaft, deren Erosion keine Utopie vom neuen, besseren Menschen aufhalten konnte, sosehr man sie auch immer wieder beschwor und jeden Zweifler grausam verfolgte. Nur selten liest man zwischen den Porträts knappe Kommentare der Menschensammlerin, dann teilt sie dem Leser etwa mit, dass das Gespräch an dieser Stelle eigentlich zu Ende war, sie aber gebeten wurde, zu bleiben und zuzuhören. Wohl auch, weil keiner vor ihr so fragen und zuhören konnte. Oder sie unterbricht eine Suada über den ordinären Kapitalismus postsowjetischer Prägung, die ihr Gegenüber mit Grausamkeiten der Stalin-Zeit würzt und diese "Trotz alledem eine große Zeit!" nennt. Dann sagt sie, dass sie das nie verstehen werde, und bringt selbstgerechte Uneinsichtige aus der Fassung.

Ihre Protagonisten sind irrwitzigen, chaotischen Verhältnissen ausgeliefert, kommen seit Jahrzehnten ohne verlässliche Rechtsnormen aus, sind gezwungen, den vom Staatsterror vergifteten, angstbesetzten Alltag zu meistern, der den meisten nicht einmal bescheidensten Wohlstand garantieren konnte und kann. Sie vertraue den Menschen zu sehr, sei zu naiv, sagt ihr immer mal wieder einer ihrer Gesprächspartner, dem ein zynisches Korsett erlaubt, jede Reflexion über erlittenes Leid, vergebliche Lebensträume, Schuld und Sühne zu unterdrücken. Aber dieses Menschenvertrauen hat ihr Türen geöffnet, die anderen verschlossen blieben. Es wird viel geweint in diesem Buch, wenn alles, was aus Scham, Angst oder Verzweiflung beschwiegen wurde, endlich von der Seele geredet ist.

Von Grausamkeiten, im Krieg und im Lager, wird berichtet, die zu überleben man sich kaum vorzustellen vermag. Das Sowjetreich als eine gewalttätige Irrenanstalt, der zu entkommen man sich in winzigen Wohnküchen traf: zur psychotherapeutischen Sitzung, mit großer Literatur, sarkastischem Witz und viel Melancholie zelebriert. Eine Küchengesellschaft als imaginierte Wirklichkeit, die UdSSR ausgesperrt. "Die meisten waren Küchendissidenten", schreibt Alexijewitsch. Doch die Küchenillusion zerstob, als der Kapitalismus anbrach, als man spürte, dass eigene Ideen fehlten und das wenige, wovon man bis dahin wenigstens schlecht lebte, zum Überleben nicht mehr reichte.

Viele, denen dieser entsetzliche Staat alles war, so dass sie kein eigenes Leben mehr spürten und ersehnten, gingen unter in der neuen Zeit, die Gorbatschow mit der Perestroika einläutete. Alexijewitsch führt ihn uns als Vision vor, als verhassten Feind, als Hoffnung für alle, die nach einem anderen Leben dürsteten und es mit ihm wagen wollten. Sie spricht mit einem anonymen Kreml-Insider, dessen ungewöhnliche Analyse aus dem Inneren der Macht zu den Höhepunkten dieses Buches gehört. War Gorbatschow den einen Lichtgestalt, so verabscheuten ihn die Generäle - was auf Gegenseitigkeit beruhte.

Die Sowjetunion, sagt der Insider, sei so, wie Stalin sie schuf, von unten unzerstörbar gewesen. Doch sie wurde von oben zerstört. Die Amerikaner drohten mit "Krieg der Sterne". "Aber unser Befehlshaber redete plötzlich wie ein buddhistischer Mönch." Normale Leute fürchteten ihn nicht, hatten Tränen in den Augen, wenn sie ihn sahen, und waren oft froh, endlich von einem Mann regiert zu werden, für den man sich nicht schämen musste vor der Welt. Es scheint, als sei das alles vergessen. Aber Erinnerung geht eigene Wege. Sie seien, sagen viele, damals nur zu schnell wieder nach Hause gegangen: "Den freien Atem jener Tage werde ich nie vergessen."

REGINA MÖNCH

Swetlana Alexijewitsch: "Secondhand-Zeit". Leben auf den Trümmern des Sozialismus.

Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Verlag, Berlin 2013. 576 S., geb., 27,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Einem verwundeten Volk ist Cornelia Geißler hier begegnet, einer Gesellschaft mit Verletzungen und Narben. Swetlana Alexijewitsch hat Stimmen gesammelt, die vom Leben in der sowjetischen Trümmerlandschaft berichten, es sind Unglückliche, Verfolgte, Verarmte, aber auch Aufsteiger und Glücksritter. Viele Schilderungen haben die Rezensentin einfach erschüttert, auch wenn sie sich nicht immer einen Reim auf diese Menschen machen kann, die so viel Unglück durchgestanden haben, einem aber nicht immer näher kommen: Wie etwa der Mann, der 1937 verhaftet und gefoltert wurde und überglücklich war, als er sein Parteibuch zurückbekam. Oder die Frau, die ihr heutiges Leben mit dem in der Sowjetunion vergleicht: "Damals war unser Leben schlecht ... aber jetzt ist es voller Angst."

© Perlentaucher Medien GmbH
"Über den Zusammenbruch der Sowjetunion sprechen alle, aber was das Auseinanderbrechen eines Imperiums, einer Lebensform, in der Generationen groß geworden waren, in Wahrheit bedeutet, das vermag nur eine Schriftstellerin wie Swetlana Alexijewitsch zu beschreiben. Sie leiht ihre Stimme denen, die in der Zeit der nachsowjetischen Wirren unter die Räder gekommen sind: Heraus kommt ein Chor, wie man ihn aus der Antike kennt - aber die Szenen spielen jetzt, im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert." Karl Schlögel

"Ein wichtiges Buch, das uns daran erinnert, dass Geschichte eine Sammlung menschlicher Schicksale ist." Verena Hartges, NDR Info, 02.09.13

"Die Geschichten, die Alexijewitsch in diesem Buch zusammengestellt hat, sind in ihrer Skurrilität und Drastik ohne Beispiel. Es finden sich Meisterwerke, in denen existenzielle Abgründe zum Vorschein kommen, während andere an Protokolle des Wahnsinns grenzen. Immer wieder erzeugen die erzählenden Protagonisten Bilder, deren Wucht sich niemand entziehen kann." Sonja Margolina, Die Welt, 12.10.13