Wandlungsprozesse in Westdeutschland - Herbert, Ulrich (Hrsg.)
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Die Frage, wie innerhalb einer Generation aus dem Nachfolgestaat der Hitlerdiktatur eine liberale Gesellschaft werden konnte, ist Gegenstand dieses Sammelbandes. Den Zeitgenossen erschienen die materiellen Veränderungen zwischen 1945 und den 60er Jahren als die bedeutsamsten: wirtschaftlicher Wiederaufbau, wachsender Wohlstand, soziale Absicherung. Demgegenüber wurde die Frage der gesellschaftlichen Nachfolge zunächst gar nicht als Problem wahrgenommen. In der Distanz erscheinen das Ausmaß des gesellschaftlichen Wandels ebenso wie die Veränderungen in den Lebensweisen, Normen und kulturellen…mehr

Produktbeschreibung
Die Frage, wie innerhalb einer Generation aus dem Nachfolgestaat der Hitlerdiktatur eine liberale Gesellschaft werden konnte, ist Gegenstand dieses Sammelbandes. Den Zeitgenossen erschienen die materiellen Veränderungen zwischen 1945 und den 60er Jahren als die bedeutsamsten: wirtschaftlicher Wiederaufbau, wachsender Wohlstand, soziale Absicherung. Demgegenüber wurde die Frage der gesellschaftlichen Nachfolge zunächst gar nicht als Problem wahrgenommen. In der Distanz erscheinen das Ausmaß des gesellschaftlichen Wandels ebenso wie die Veränderungen in den Lebensweisen, Normen und kulturellen Orientierungen erstaunlich und erklärungsbedürftig.
Die Liberalisierung von Staat und Gesellschaft in den 60er Jahren erweist sich nicht allein als Reaktion auf die Hinterlassenschaften der NS-Zeit, sondern als Ausdruck eines längerfristigen Anpassungsprozesses an die Bedingungen der Industriegesellschaft und gibt Hinweise auf die Tektonik des 20. Jahrhunderts jenseits politischer Einschnitte.
  • Produktdetails
  • Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts Bd.
  • Verlag: Wallstein
  • 2. Auflage
  • Seitenzahl: 448
  • Erscheinungstermin: September 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 232mm x 153mm x 46mm
  • Gewicht: 915g
  • ISBN-13: 9783892446095
  • ISBN-10: 3892446091
  • Artikelnr.: 10660827
Autorenporträt
Ulrich Herbert, geb. 1951, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Er hat zahlreiche Publikationen insbesondere zur Geschichte der Fremdarbeiter und der Zeit des Nationalsozialismus vorgelegt. 1996 erschien die vielbeachtete Biographie Best. 1999 erhielt er den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Rezensionen
Besprechung von 22.04.2003
Vom Aufbruch der Fünfundvierziger
Gesellschaftliche Wandlungsprozesse in der Bundesrepublik bis Ende der siebziger Jahre

Ulrich Herbert (Herausgeber): Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945-1980. Wallstein Verlag, Göttingen 2002. 587 Seiten, 40,- [Euro].

Die Achtundsechziger waren nicht die Vorkämpfer von Emanzipation, sondern Epigonen jener Generation, die den Ausbau der Bundesrepublik zu einem westlichen liberalen Gemeinwesen maßgeblich geleistet hat. Die "Fünfundvierziger", die Angehörigen der Flakhelfer-Generation, geboren um 1930, begegnen dem Leser dieses anregenden Buchs als die "vermutlich prägendste und einflußreichste Alterskohorte des 20. Jahrhunderts". Sie waren die eigentlichen Protagonisten des Aufbruchs, in dessen Verlauf dann auch die Studentenrevolte möglich wurde. Wandel der Lebensweisen, gesellschaftlichen Normen und politischen Einstellungen, Abbau hierarchischer Strukturen und autoritären Verhaltens, zunehmende Pluralität der Lebensentwürfe stehen im Zentrum des Aufsatzbandes.

Katastrophenerfahrung und Orientierungsverlust in der Epoche der Weltkriege erzeugten 1945 das Bedürfnis nach Wiederherstellung von Ordnung. Das trug zur wertkonservativen Atmosphäre in der frühen Nachkriegszeit bei. Es kam hinzu, daß nach 1945 mit dem Nationalsozialismus nur die Rassenpolitik und der Judenmord assoziiert wurden, nicht aber die Virulenz des Regimes in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens, so daß sich die kollektive Integration der Deutschen in das nationalsozialistische System überspielen ließ. Beides zusammen, die Verwobenheit von NS-Staat und Gesellschaft sowie das Streben nach Stabilität und Ordnung in der Nachkriegszeit, wirft die Frage auf, wie die Verwandlung der Bundesrepublik in eine offene, pluralistische und westlich-liberale Gesellschaft erklärt werden kann. Das "atemverschlagende Ausmaß" der "Fundamentalliberalisierung" erschließe sich erst dann, wenn man nicht allein auf Wirtschaft und Wohlstand schaue, sondern zugleich auch auf die nachwirkende Orientierung am Wertesystem des Nationalsozialismus.

Ulrich Herbert bezeichnet einleitend die Epoche um 1900 als formative Phase von kulturellen Mustern, die bis in die sechziger Jahre wirksam blieben. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Übergang in die Hochmoderne ein solches Tempo angenommen, daß sich in weniger als einer Generationenspanne die Lebensweisen des bald überwiegenden Teils der Bevölkerung wandelten. Verstädterung und Arbeitsmigration, Technisierung und Verwissenschaftlichung, Bürokratisierung und Rationalisierung erzeugten haltsuchende Orientierung am Überkommenen, vor allem an Familie, Ehre, Vaterland und Sittlichkeit. Das BGB des Jahres 1900 formte dies mit staatlicher Autorität zu einem Kodex aus und ermöglichte darüber auch, daß die entstehende moderne Industriegesellschaft in das Moral- und Wertesystem der traditionellen Eliten eingebunden wurde.

Die widerspruchsvolle Konstellation überdauerte den Ersten Weltkrieg. In den zwanziger und dreißiger Jahren weckten technische Moderne und wissenschaftlicher Fortschritt Begeisterung, aber die kulturellen Ausprägungen wurden entschieden bekämpft. Trotz Versuchen zu Reform im Erziehungs- und Bildungswesen und in der demokratischen Öffentlichkeit blieb das Althergebrachte vorherrschend, und der Nationalsozialismus bildete dann "das Extrem der normativen Reorientierung an einem Idealbild der Vergangenheit" bei gleichzeitiger massiver Nutzung der technischen Moderne. Der Zweite Weltkrieg deckte die Haltlosigkeit der nationalsozialistischen Leitbilder auf, indem er die Vorstellungen von Norm und Sitte auflöste, Familien zerriß und Heimatbindungen zerstörte. Die konservative Besinnung in der Adenauerzeit auf Wert- und Moralvorstellungen aus dem Kaiserreich, auf traditionelle Rollenbilder, humanistische Bildung und Religion erklärt sich daraus, aber sie hatte etwas Verlegenes und Vorläufiges an sich, da sie von den Nachwirkungen der nationalsozialistischen Ideologie durchsäuert war. Nachdem die Bundestagswahl von 1957 den Nachweis politischer Stabilität erbracht hatte, schob sich das Bedürfnis nach Aufbruch und Neuordnung rasch in den Vordergrund. "Liberalisierung" bezeichnet hier die Öffnung der Gesellschaft durch kritische Relativierung der Ordnungsmuster von gestern.

Die Aufsätze veranschaulichen das prägnant. Nicolas Berg zeigt anhand der Übersetzung englischer Bücher über den Judenmord, wieviel Wert in der jungen Bundesrepublik darauf gelegt wurde, Hitler und die SS als Täter, die deutsche Bevölkerung hingegen als Leidende erscheinen zu lassen. Patrick Wagner und Bernhard Brunner beschreiben die Nachkriegskarrieren von Beamten aus dem Polizeidienst und erklären den Aufbau von Netzwerken bis ins Bundeskriminalamt. Im Kontrast dazu bildeten sich in den fünfziger Jahren die Ansätze zu Veränderungen heraus, wie sie ein Jahrzehnt später sichtbar wurden. Christina von Hodenberg schildert hier die Entwicklung der Massenmedien zu einer "kritischen Öffentlichkeit", die keineswegs nur durch die "Spiegel"-Krise des Jahres 1962 entstand. Sibylle Buske erläutert den Einstellungswandel gegenüber der Unehelichkeit, der ebenso wie der - von Cornelia Brink untersuchte - Umgang mit Zwangseinweisungen in die Psychiatrie neben traditionellen Haltungen auch solche aus der Zeit des "Dritten Reiches" überwinden mußte. Demgegenüber gibt das Ende der Schulzucht - wie Torsten Gass-Bolm darlegt - eher den Blick auf die wilhelminische Epoche frei.

Die Langzeitperspektive aller Beiträge macht den Reiz des Buches aus. Auf die gegenwärtige Debatte über die Nachkriegsentwicklung wird es anregend wirken. Insbesondere zwei Gesichtspunkte bedürfen der Diskussion. Das ist einmal der Blickwinkel, der die Entwicklung allein im deutschen Kontext erfaßt. Die feindselige Abgrenzung der Deutschen gegen die Außenwelt, die in der Zeit der Weltkriege dominierend war, und die Öffnung nach außen, ja auch die Aufschließung durch Einflüsse, die von außen, von Westen hereinkamen, verbleiben hier ganz im Hintergrund.

Zum andern wirft der Begriff "Liberalisierung" Fragen auf. Betrachtet man Liberalisierung als offenen Prozeß, führt er in eine Zukunft ohne Ende. Was hier mit guten Gründen so bezeichnet wird, ist jedoch an eine konkrete Zeit gebunden, die vom Jahrhundertbeginn und zumal von der Zwischenkriegszeit bis zu den siebziger Jahren reicht. Der Begriff ist geeignet, die Herauslösung kultureller Normen aus dem Korsett der Jahrhundertwende und aus der Integration in den NS-Staat zu bezeichnen. Aber das war ein sektorales Geschehen und vollzog sich nicht endlos.

Das Resultat der Wandlungsprozesse in der Nachkriegszeit scheint heute der Triumph des Individuums über die Gesellschaft zu sein. Wir haben davon profitiert, gewiß. Aber der Wunsch nach individueller Bedürfnisbefriedigung wurde spätestens nach dem Ende der Reformära, in den achtziger Jahren, zu einem Wert an sich. Theorie und Praxis des extremen Liberalismus der freien Marktwirtschaft oder des Postmodernismus repräsentieren diese Entwicklung. Sind die mit dem Verständnis des Buchs von "Liberalisierung" noch zu erfassen?

ANSELM DOERING-MANTEUFFEL

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Der Rezensent Axel Schildt ist voll des Lobes über die "durchweg soliden Beiträge" dieses Bandes, der die noch verborgenen Aspekte der Bonner Republik beleuchtet. Gerade der Herausgeber Ulrich Herbert habe mit seinen Arbeiten über die "tiefe Verankerung des Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft" einen "gewichtigen Anteil" an der immer "intensiver" werdenden Forschung zur Nachkriegszeit. In diesem Band werden laut Schildt wichtige Themen angesprochen: "die Legende einer im Gegensatz zur Gestapo ‚sauberen’ Kriminalpolizei", die "Strategien der Abwehr und der Legitimation" in der Beschäftigung mit dem Holocaust und der "Versuch einer zweiten Historisierung", nämlich der Beschäftigung mit der Holocaust-Auseinandersetzung. Darüber hinaus, so Schildt, widmen sich zwei Fallstudien den Umordnungsprozessen politischer Art, wie dem "Postulat der Demokratisierung" und dem "Weg in die kritische Öffentlichkeit", den die "schreibende Zunft" eingeschlagen habe. "Sehr wichtig" erscheint dem Rezensenten auch die Beschäftigung mit der Frage, inwieweit "grundlegende Einstellungen" zu Norm, Moral, Sexualität und Kriminalität aus der Zeit des Dritten Reiches erhalten geblieben sind. Und bis zum Schluss zeigt sich der Rezensent angetan: "Alles in allem: eine eindrucksvolle Zwischenbilanz zur Erforschung unserer Republik."

© Perlentaucher Medien GmbH
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